Regiedebüt "Quartett"Hoffman gegen Hoffman
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Der Dämon seines Lebens ist besiegt

Ronald Hoffman wurde ein renommierter Wirtschaftswissenschaftler, gehörte in den siebziger Jahren zum Beraterkreis des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon. »Als einziger Demokrat!« Und er war es auch, der 1973 seinen jüngeren Bruder, der auf Jamaika gerade mit Steve McQueen Papillon drehte, anrief: »Hier in Washington ist ganz schön was los.« Kurz darauf wurde der Watergate-Skandal öffentlich. Ronald rief Dustin auch später an, als er gerade ein Manuskript der beiden Journalisten gelesen hatte, die Watergate aufgedeckt hatten – es kursierte in Washington: »Daraus musst du einen Film machen!« Robert Redford hatte sich schon die Rechte gesichert, aber Hoffman bekam die zweite Hauptrolle.

Dustin Hoffman, der in seiner Familie »Dusty« genannt wurde, wollte eigentlich Pianist werden. Er studierte Musik, bis er merkte, dass er nicht gut genug war, und wechselte auf eine Schauspielschule in Pasadena, »das Spielen fiel mir leicht«. Dort lernte er den jungen Schauspieler Gene Hackman kennen. »Gene wurde nach wenigen Monaten rausgeschmissen, die Lehrer sagten ihm, er habe kein Talent.« Hackman zog nach New York; als Hoffman fertig war mit der Ausbildung, zog er hinterher. Er wohnte abwechselnd bei seinem Freund Gene und bei einem anderen jungen Schauspieler, der wie sie kaum Rollen bekam und der wie sie immer pleite war: Robert Duvall.

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Zu nervös für einen Termin mit Samuel Beckett

Das ging fast zehn Jahre so. »Alle zwei Jahre musste ich meine Familie in Los Angeles besuchen, furchtbar. Ständig redete jemand auf mich ein: Such dir eine ordentliche Arbeit, Dusty! Sieh es doch ein: Du bist Kellner, kein Schauspieler!« Um den Gesprächen zu entkommen, besuchte er die Nachbarn, die Gottsegens, wie die Hoffmans eine jüdische Familie mit europäischen Wurzeln. Eines Tages traf er dort auf die kleine Lisa, die mit ihrer Großmutter Ballett übte. Hoffman setzte sich ans Klavier und begleitete sie. Erst Jahre später erfuhr er von dem Dialog zwischen Großmutter und Enkelin, der stattfand, als er wieder aus der Tür war. »Dusty ist ein süßer Junge«, sagte die Großmutter. »Ja«, antwortete die Enkelin. »Und ich werde ihn eines Tages heiraten.« Genau so sollte es kommen: Als Dustin Hoffmans erste Ehe Ende der siebziger Jahre zerbrach, kam er mit der Nachbarstochter Lisa Gottsegen zusammen. Seit 1980 ist er mit ihr verheiratet.

Zwei Oscars hat Dustin Hoffman gewonnen (für das Scheidungsdrama Kramer gegen Kramer und für Rain Man), siebenmal war er nominiert. Die Liste seiner Filme, die Klassiker wurden, ist lang. Ebenso lang und in Hollywood ebenso legendär ist die Liste der Rollen, die er abgesagt hat: Blade Runner, Unheimliche Begegnung der dritten Art, die Rolle, die Ben Kingsley in Schindlers Liste spielte. Zu einem Termin, den er mit Samuel Beckett in Paris hatte, ging er nicht hin, weil er zu nervös war. Es ging um das Theaterstück Warten auf Godot.

Welche Absage bereut er am meisten? »Ich hätte Ingmar Bergman nicht absagen sollen. Er wollte mit mir The Touch drehen. Aber meine erste Frau war schwanger und wollte New York nicht verlassen, da konnte Bergman noch so sehr von den europäischen Krankenhäusern schwärmen.« Die Rolle spielte dann Elliott Gould.

Bestimmt, sehr genau, aber diskussionsbereit

»Und Fellini! Wie konnte ich ihm nur absagen?« Der italienische Regisseur drehte nie mit Originalton, er ließ seine Filme im Nachhinein von den Schauspielern synchronisieren, ein Stilmittel, das Hoffman nicht akzeptieren wollte. »Ich habe ihm gesagt, dass ich die Kosten für den direkten Ton selbst zahlen würde, aber Fellini hat das abgelehnt. Heute ist mir klar, dass ich sogar mit ihm hätte drehen sollen, wenn er mir die Hände auf dem Rücken gefesselt hätte.« Am Ende übernahm Marcello Mastroianni die Rolle in Fellinis Stadt der Frauen.

Verpasste Chancen, aber nun hat er eine genutzt. Wie ist der Regisseur Dustin Hoffman?

Besuch bei den Dreharbeiten von Quartett, auf dem Land außerhalb Londons, in Buckinghamshire. Das Altersheim im Film heißt in Wirklichkeit Hedsor House, ein prächtiges Anwesen, das an Wochenenden für Hochzeiten vermietet wird. In den Drehpausen erzählen die Schauspieler über den Regisseur Dustin Hoffman: Sehr bestimmt und sehr genau sei er, aber nie unfreundlich und durchaus diskussionsbereit. Eine Szene lässt Hoffman einige Male wiederholen, weil er nicht zufrieden ist. Bis er hinter der Kamera hervorspringt und sie den Schauspielern selbst vorspielt. Als die Szene fertig gedreht ist, zieht er sich schnell zurück. Die Dreharbeiten sind anstrengend für ihn, den alten Debütanten. Es gibt eine lange Mittagspause, während der die Crewmitglieder flüstern und auf Zehenspitzen durchs Haus gehen. Sie wollen Dustin Hoffman nicht beim Mittagsschlaf stören.

Jetzt kommt Quartett in die Kinos. Diesen Dämon in seinem Leben hat er also besiegt. Das Drehbuch hat ihm gleich gefallen. Als er die letzte Szene gelesen hatte, kamen ihm die Tränen. »Warum weinst du?«, hat ihn seine Frau gefragt. »Du musst es selber lesen«, hat er ihr geantwortet. Quartett endet mit einem keineswegs perfekten und gerade deshalb mitreißenden Auftritt der alternden Opernsänger, die noch einmal ihr Publikum verzaubern.

»Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, wie wichtig für uns die Dinge sind, die wir gerne tun«, hat Dustin Hoffman an diesem Vormittag in London gesagt. »Und dass es nicht nur darum geht, was am Ende dabei herauskommt.«

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Leserkommentare
  1. 1. witzig

    Dusty als Regisseur ?
    Das kann doch nur ein Treppenwitz der Geschichte sein!
    Bei allem Respekt, aber welcher Logik folgt der Filmbetrieb. So wie ein guter Fussballspieler nur sehr selten ein guter Trainer sein kann, darf man von einem begnadeten Schaupsiel kaum jemals höhere Weihen auf dem Regiestuhl erwarten.
    Dass er nun bis zu seinem 75. mit seinem Vorhaben auf sich warten ließ, nenne ich eine kluge Entscheidung :-)

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    Es gibt sehr wohl einige Schauspieler, die bei hervorragenden Filmen Regie geführt haben. Spontan fällt mir z.B. Clint Eastwood, George Clooney und (als Schauspieler eher Durchschnitt) Ben Affleck ein.

    und zu den Fußballern: Was ist mit Pep Guardiola? Jupp Heynckes, Roberto Mancini, Berti Vogts, der Franz, Rudi Völler - es gibt auch Gegenbeispiele, natürlich, aber hätten die es nach Ihrer Logik nicht versucht, hätten wir eine Jahrhundertmannschaft Barcelonas und mindestens jeweils einmal Deutschland als Welt- und Europameister weniger.

    • bivi
    • 06. Januar 2013 23:11 Uhr

    Haben Sie den Film schon gesehen?
    Ansonsten ist, was Sie anführen kein Urteil sondern ein Vorurteil, völlig substanzlos.
    Mit keinem Wort gehen Sie auf den Film ein.
    Also - immer schön der Reihe nach: erst informieren, dann urteilen!!

  2. Es gibt sehr wohl einige Schauspieler, die bei hervorragenden Filmen Regie geführt haben. Spontan fällt mir z.B. Clint Eastwood, George Clooney und (als Schauspieler eher Durchschnitt) Ben Affleck ein.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "witzig"
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    würde mir auch noch spontan einfallen. Hinzu kommen sicherlich noch viele Arbeiten nicht so bekannter Schauspieler auf dem Gebiet der Regie, z.B. aus den Serien Deep Space Nine, TNG oder den X-Files.

    Laurence Olivier, Kenneth Branagh und Robert Redford, et al..

  3. und zu den Fußballern: Was ist mit Pep Guardiola? Jupp Heynckes, Roberto Mancini, Berti Vogts, der Franz, Rudi Völler - es gibt auch Gegenbeispiele, natürlich, aber hätten die es nach Ihrer Logik nicht versucht, hätten wir eine Jahrhundertmannschaft Barcelonas und mindestens jeweils einmal Deutschland als Welt- und Europameister weniger.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "witzig"
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    Weder Rudi, noch Franz haben eine A-Lizenz.

  4. würde mir auch noch spontan einfallen. Hinzu kommen sicherlich noch viele Arbeiten nicht so bekannter Schauspieler auf dem Gebiet der Regie, z.B. aus den Serien Deep Space Nine, TNG oder den X-Files.

    Antwort auf "Stimmt so nicht"
  5. Laurence Olivier, Kenneth Branagh und Robert Redford, et al..

    Antwort auf "Stimmt so nicht"
  6. Weder Rudi, noch Franz haben eine A-Lizenz.

    Antwort auf "Worth a try"
    • bivi
    • 06. Januar 2013 23:11 Uhr

    Haben Sie den Film schon gesehen?
    Ansonsten ist, was Sie anführen kein Urteil sondern ein Vorurteil, völlig substanzlos.
    Mit keinem Wort gehen Sie auf den Film ein.
    Also - immer schön der Reihe nach: erst informieren, dann urteilen!!

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "witzig"
    • rabin
    • 26. Januar 2013 21:48 Uhr

    Nein, das kann einem nicht gefallen! Es ist ein Film über SängerInnen. Im Altersheim, nicht neu ( la bacio di tosca), aber marktgerecht- bei über 22 Mio Senioneren. Wenn die im Kino ( über 90%) über Gedächtnisausfall lachen, wehren sie sicher ihre eigenen Ängste ab.

    Ach so, die Musik. Grausam, wie sie für den Film verstümmelt wird, das Brindisi aus der Traviata auf 10 sec. eingekürzt.
    So bewegend es ist, der nunmehr 76jährigen Damen G.Jones zuzuhören, so unangemessen ist, das im Mittelpunkt des Film stehenden Quartetts aus dem Rigoletto für vier Höchstkönnern singen zu lassen. Pavarotti,Sutherland,Milnes und Tourengeau singen perfekt. Damit ist der ganze Witz weg. Vier alte wagen sich auf die Bühne und singen mit ihren Rest-Stimmen dieses Werk.

    Nein musikalisch ist dieser Film kaum geniessbar.

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