BotanikLetzte Blüte

Russische Biologen erwecken Pflanzen zu neuem Leben, die über 30.000 Jahre alt sind. von Mareike Aden

Blüte der Eiszeitpflanze "Silene stenophylla"

Blüte der Eiszeitpflanze "Silene stenophylla"  |  © Svetlana Yashina / PNAS

Wer die wohl älteste Pflanze der Welt sehen will, der muss aus der russischen Hauptstadt Moskau 120 Kilometer nach Süden fahren, in die Kleinstadt Puschtschino. Und dann muss er sich auf eine Enttäuschung gefasst machen – zumindest nun im Winter. Unspektakulär, fast unansehnlich ragt das um diese Jahreszeit blütenlose Leimkraut Silene Stenophylla aus seinen rotorangefarbenen Plastikkübeln. Unter Neonlicht steht es in einer kleinen Kammer im vierten Stock des düster anmutenden Instituts für Zellbiophysik. »Eine Kältekammer kann das Institut sich nicht leisten«, sagt die 73 Jahre alte Biologin Swetlana Jaschina entschuldigend und zeigt auf die mobile Klimaanlage in der Zimmerecke, die stattdessen für eine konstante Raumtemperatur sorgen soll.

Laut Jaschina und ihren Wissenschaftskollegen aus Puschtschino ist das Leimkraut ein lebendes Relikt aus der Eiszeit – sie haben es herangezogen aus dem unreifen Fruchtgewebe von Samen, die über 30.000 Jahre alt sind. Bisher hielt eine Dattelpalme den Altersrekord. Sie wuchs aus einem 2.000 Jahre alten Kern heran, der in einer altertümlichen Festung in Israel entdeckt worden war.

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Swetlana Jaschinas Gesicht hat schon zu strahlen begonnen, bevor sie die Tür geöffnet hat zu dem kleinen Raum, in dem die Pflanzen stehen. »Sie sind wie meine Kinder. Das ist der Höhepunkt meiner wissenschaftlichen Karriere.« Nur ein paar Minuten erlaubt sie Besuchern, sich bei den Pflanzen aufzuhalten, denn vor Kurzem haben Kameramänner des russischen Staatsfernsehens eine Infektion eingeschleppt. Ein paar Pflanzen gingen ein. »Zum Glück haben wir längst genug Ableger«, sagt Jaschina.

Die prähistorischen Samen stammen aus Nestern, die arktische Erdhörnchen in der Eiszeit anlegten und die vom Permafrost konserviert wurden. Die Erdhörnchen lebten zu jener Zeit gemeinsam mit Mammuts, Riesenhirschen oder Wollnashörnern, aber im Vergleich zu den großen Eiszeit-Säugetieren bekamen sie bisher wenig Aufmerksamkeit von der Wissenschaftswelt. Wohl zu Unrecht, denn die kleinen Erdhörnchen wurden – wenn auch unfreiwillig – zu Chronisten der eiszeitlichen Pflanzenwelt. Um zu überleben, horteten die Tiere alles, was ihnen in die Krallen kam: Blätter, Samen, Früchte oder Kleintierkadaver. Ihre Nester bauten sie nahe am Permafrost, um die Vorräte im arktischen Sommer kühl zu halten. Viele prall gefüllte Nester blieben zurück, wurden von Ablagerungen verschlossen. Im Dauerfrost konnte kein Wasser in die Vorratskammern eindringen.

In der Gegenwart, rund 30.000 Jahre später, sind diese Nester im Nordosten Sibiriens die liebste Beute des 67 Jahre alten Wissenschaftlers Stanislaw Gubin, eines Kollegen von Swetlana Jaschina. Viel wertvoller sind sie, findet er, als die Mammutknochen, auf die er immer wieder stößt während seiner alljährlichen wochenlangen Expeditionen in die arktischen Regionen Russlands. Der ewige Frost zieht ihn seit über 35 Jahren in die Wildnis Jakutiens. Selbst den Zusammenbruch der Sowjetunion vor über 20 Jahren bekam Gubin nur am Rande mit. Auch da studierte er in der Arktis wieder Permafrostschichten und spürte den Nestern der Erdhörnchen nach – meist mithilfe von Einheimischen, in Motorbooten und Barken. Gubin träumte davon, etwas aus den gefrorenen Nestern zum Leben zu erwecken: eine ausgestorbene Mäuseart vielleicht oder, für den Anfang, eine Pflanze.

Über 15 Jahre hat Swetlana Jaschina versucht, den von Gubin mitgebrachten Pflanzensamen Leben einzuhauchen. Manch vielversprechender Versuch scheiterte, zum Beispiel weil es beim Umzug des Instituts in ein anderes Gebäude keine passende, kühle Lagerstätte gab für gerade entstehende Keimlinge. Über 70 Nester hat Gubin in den vergangenen Jahrzehnten in ihrem gefrorenen Zustand von minus sieben Grad mitgebracht. Erst 30 von ihnen sind untersucht, denn meist lagern in ihnen Hunderttausende von Samen. Ein Nest, das Gubin vor rund zehn Jahren aus der Region Duvanny Jar vom Ufer des Flusses Kolyma mitbrachte, war voll mit dunklen Leimkrautsamen.

Dieses Nest stellte sich als Gubins wertvollster Fund heraus. Denn es gelang den Wissenschaftskollegen aus Puschtschino, das Leimkraut zum Blühen zu bringen und es Samen produzieren zu lassen. Sie identifizierten die Pflanze als Silene stenophylla, die zur Gattung der Nelkengewächse gehört. Die wiederbelebte Pflanze ähnelt einer Art, die noch heute in der Tundra blüht. Aber die weißen Blütenblätter der urtümlichen Pflanzen sind länger und schmaler und haben weniger tiefe Furchen als die heutigen Verwandten. Außerdem bildete die wiederbelebte Pflanze zunächst nur weibliche Blüten, während zeitgenössische Pflanzen zweigeschlechtliche Blüten haben.

Leserkommentare
    • elvis99
    • 13. Januar 2013 23:35 Uhr

    mehr Gefahren in solchen Experimenten als Nutzen. Was ist, wenn durch die "wiederbelebung" einer Pflanze etwas losgetreten wird, was die Wissenschaft nicht mehr beherrscht?
    Unfälle, bei denen aus angeblich 100% sicheren Laboren Keime, Pflanzen und Tiere rausgeschmuggelt werden / durch Katastrophen entkommen gibt es genug. Wer mit dem Feuer spielt, wird sich verbrennen ..

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    Wenn unsere Vorfahren schon so gehandelt hätten würden wir heute noch in Afrika auf den Bäumen sitzen.

    • postit
    • 13. Januar 2013 23:52 Uhr

    werden wir bald alle von frisch geschlüpften Mammuts totgetrampelt...

    Schöne neue Welt!
    postit

    Auch vor 30.000 Jahren gab es Menschen und wenn unsere (wesentlich primitiveren) Vorfahren nicht von denen Ausgerottet wurden, warum sollte uns das passieren ?

    Die Meisten Tierarten von damals sind ausgestorben weil der Mensch maßgeblich zu ihrer vernichtung beigetragen hat...

    Einzig das Argument mit den Krankheitserregern kann ich (teilweise) gelten lassen. Aber auch hier gibt es zu bedenken: Unsere Medizin ist heute sehr viel leistungsstärker als vor 30.000 Jahren... Würde heute die Pest ausbrechen würde schon ein Breitbandantibiotika reichen um sie zu bekämpfen...

    auf "Gefahren" hinzuweisen.
    Auf der Kehrseite:
    Was sagten wir, stammten die Samen nicht aus einem Hörnchen-Nest sondern, aus Diesem?

  1. wenn ich google maps glauben kann, liegt das ein paar Dutzend Kilometer südlich von Moskau im Moskovskaya Oblast. Aber den Fotos nach, die ich dort verorten kann (google streetview war noch nicht da) sieht es dort fast so verlassen aus wie in der Zone in Tschernobyl

  2. Wenn unsere Vorfahren schon so gehandelt hätten würden wir heute noch in Afrika auf den Bäumen sitzen.

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    Antwort auf "Ich sehe irgendwie.."
    • postit
    • 13. Januar 2013 23:52 Uhr

    werden wir bald alle von frisch geschlüpften Mammuts totgetrampelt...

    Schöne neue Welt!
    postit

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ich sehe irgendwie.."
  3. Vor allem aber auch inspirierend, wie diese Wissenschaftler trotz der vielen Rückschläge, dem Geldmangel, den lachhaften Räumlichkeiten und Umständen und nun auch noch dem Gegenwind der selbstgefälligen westlichen Wissenschaftler so etwas leisten konnten.

    Wir bekommen ja nur die Ergebnisse präsentiert, sehen aber nicht wie es die letzten 15+ Jahre war, ständig bei -15°C in gefrorenem Boden zu wühlen um dann in seinem durch Geldmangel schlecht temperierten Institut die letzten Ergebnisse zerstört zu sehen. Da steckt unendlicher Einsatz trotz aller Widrigkeiten drin. Meinen Glückwunsch und Bewunderung!

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  4. Glückwunsch, liebe Wissenschaftler!

    Zu Kommentar 1: Bleiben Sie besser zuhause, man weiss nie, was da draussen auf einen wartet, es könnte sehr gefährlich sein :-)

    aj

    Eine Leserempfehlung
  5. Auch vor 30.000 Jahren gab es Menschen und wenn unsere (wesentlich primitiveren) Vorfahren nicht von denen Ausgerottet wurden, warum sollte uns das passieren ?

    Die Meisten Tierarten von damals sind ausgestorben weil der Mensch maßgeblich zu ihrer vernichtung beigetragen hat...

    Einzig das Argument mit den Krankheitserregern kann ich (teilweise) gelten lassen. Aber auch hier gibt es zu bedenken: Unsere Medizin ist heute sehr viel leistungsstärker als vor 30.000 Jahren... Würde heute die Pest ausbrechen würde schon ein Breitbandantibiotika reichen um sie zu bekämpfen...

    Antwort auf "Ich sehe irgendwie.."
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    Das ist in sofern bedenklich, als dass wiederbelebte Pflanzen andere Pflanzen verdrängen könnten und so ein Chaos in der Natur verursachen könnten.
    Oder die Pflanze ist giftig für Tiere und lässt die Tiere dahinraffen oder oder..
    Es verhält sich halt ähnlich zu Pflanzen oder Tieren, die aus anderen Regionen kommen. Man kann das immer schwer einschätzen.
    Dennoch natürlich ein toller wissenschaftlicher Erfolg.

  6. Bei der Benennung einer Spezies wird der Gattungsname groß, der Speciesname klein geschrieben; also: "Silene stenophylla"
    Wie so oft sind hier Fachleute am Werk.

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    • NaDann
    • 14. Januar 2013 10:18 Uhr

    nicht, dass diese auch noch in kursiv dargestellt werden müssen. Der Pedanterie wegen

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  • Schlagworte Eiszeit | Pflanze | Russland | Biologie | Botanik | Sibirien
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