FamilienpolitikWarum nutzt kaum jemand die Pflegeauszeit?

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Es klang wie eine kluge Antwort auf ein großes Problem: Seit Anfang 2012 können Beschäftigte für zwei Jahre ihre Arbeitszeit auf fünfzehn Stunden pro Woche reduzieren, um Angehörige zu pflegen. Familienministerin Kristina Schröder hat das Modell der sogenannten Familienpflegezeit entwickelt, weil es immer mehr Menschen gibt, für die Pflege und Beruf genauso schwer zu vereinbaren sind wie Kindererziehung und Beruf. Gleichzeitig ist die Angst vor schlechter Pflege groß. Eine Umfrage der Deutschen Hospiz-Stiftung ergab, dass jeder Zweite lieber tot wäre als ein Pflegefall. Das Familienministerium beruft sich auf eine Umfrage, wonach 76 Prozent der Berufstätigen ihre schwachen Angehörigen selbst pflegen wollen. Trotzdem zeigt sich nun, dass nur wenige Berufstätige das Angebot der Familienpflegezeit nutzen – zumindest haben weniger als zweihundert Unternehmen bisher die staatlichen Hilfsangebote wahrgenommen. Das ist so gut wie nichts, gemessen an 1,6 Millionen Menschen, die zu Hause gepflegt werden.

In kaum einem Industrieland werden so viele pflegebedürftige Menschen privat betreut wie in Deutschland. Gleichzeitig arbeiten hierzulande immer mehr ältere Frauen. Sie sind es typischerweise, die sich um ihre Eltern oder ihren Partner kümmern. Und sie wollen – trotz der Zusatzbelastung – nicht ihren Job aufgeben. Am mangelnden Bedarf kann es also nicht liegen, dass sich die Familienpflegezeit nicht durchsetzt. Woran dann?

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Vermutlich erklärt sich die geringe Resonanz daraus, dass die staatliche Unterstützung zu wenigen Arbeitgebern tatsächlich hilft. Die Pflegezeit ist so konzipiert, dass die Arbeitnehmer zunächst zwei Jahre lang fünfzehn Stunden pro Woche arbeiten, ihr Unternehmen aber das Gehalt aufstockt, beispielsweise auf 75 Prozent. Nach Ablauf der zwei Jahre sollen die Beschäftigten dann so lange für ein reduziertes Gehalt arbeiten, bis der Vorschuss abgegolten ist. Der Arbeitgeber gewährt sozusagen ein Gehalts-Darlehen. Der Staat hilft dabei, indem er zinslose Kredite zur Verfügung stellt.

Doch dieses Angebot scheint in der Praxis andere, organisatorische Nachteile nicht aufzuwiegen. Die Arbeitszeitverkürzung für Pflegende bedeutet für Unternehmen zusätzlichen Aufwand, sie müssen Arbeit anders verteilen und manchmal sogar neue Mitarbeiter einstellen. Das ist mühsam. Solange es keinen Rechtsanspruch auf Pflegezeit gibt, werden viele Betriebe den Aufwand scheuen, oft aus verständlichen Gründen.

Gerade Großunternehmen haben außerdem längst interessante eigene Modelle für die Vereinbarkeit von Pflege und Job; sie bieten auf den Einzelfall zugeschnittene Arbeitszeitmodelle und Heimarbeit an, oft auch für mehr als zwei Jahre. Vor allem amerikanische Unternehmen ermöglichen viel. In den Vereinigten Staaten werden Kinderpflege und Altenpflege seit Langem in einem Atemzug genannt, childcare und eldercare gehören zusammen. Auf Dauer werden deutsche Unternehmen nachziehen müssen, um Fachkräfte zu halten. Das Geheimnis liegt eher in der Flexibilität als im Geld.

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Leserkommentare
    • IQ130
    • 13. Januar 2013 10:21 Uhr

    "...jeder zweite lieber tot wäre als ein Pflegefall..."

    Wer wurde da befragt? Pflegefälle? Die Menschen bleiben immer Mama, Opa, Bruder... und lieben ihr Leben und die Beziehungen zu den Verwandten und Freunden. Deswegen wird die tatsächliche Quote weitaus geringer sein.

    Wir werden bald erleben, dass viel mehr Menschen ihren Partner, ihre Eltern... selbst pflegen, da man oft selbst nicht sehr viel verdient (Hartz..). Da spart man lieber 3000 Euro.

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    Wieso lieben Mama, Opa und Bruder ihr Leben und die Beziehungen zu den Verwandten? Wieso werden wir bald erleben, dass viel mehr Menschen Arbeitslos sein werden?

    • malox
    • 13. Januar 2013 11:28 Uhr

    Wenn ich das richtig verstanden habe, setzt das Gesetz auf eine langfristige Planung: ein paar Jahre reduzierte Arbeitszeit und erhöhtes Gehalt.
    Dass das Problem auf seiten des Arbeitgebers liegt, kann ich mir gut vorstellen, denn hierfür muss die entsprechende Firma bereit sein, mit dem Arbeitnehmer langfristig zu planen.

    In Zeiten von Zeitarbeit, befristeten Verträgen, Projektmitarbeiten, Stellenwechseln: Welche Betriebe mögen da so ein lang angedachtes "Risiko" auf sich nehmen?

    Der fest verwurzelte Arbeitnehmer, der garantiert mehrere Jahre (und damit planbar!) im selben Job ist, gehört der Vergangenheit an.

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  1. Wieso lieben Mama, Opa und Bruder ihr Leben und die Beziehungen zu den Verwandten? Wieso werden wir bald erleben, dass viel mehr Menschen Arbeitslos sein werden?

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    Antwort auf "umfrage"
  2. Das Problem liegt nicht beim Arbeitgeber sondern beim Alter!

    Gerade wieder haben wir den Fall das die Mutter einer Beschäftigten mit 87 Jahren zum Pflegefall wird. Die Tochter ist 62 Jahre Alt. Hier Passt die Förderung des Staates nicht. Wir haben insgesamt 5 Fälle demnächst 6 von Mitareiterinnen die Ihre Eltern oder einen Elternteil Pflegen alle sind über 60! Welch wunder bei gestiegenem Lebensalter? Als Chef bleib da nur einen Teuren Heimarbeitsplatz unsubventioniert einzurichten. Wenn die Politik wirklich wollte es gebe möglichkeiten hier Zinsgünstige Krediete Anzubringen. Aber nicht mit Arbeitszeitdarhlen durch das Unternehmen.

    2 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 13. Januar 2013 13:12 Uhr

    Vielleicht gibts noch genug, die selber pflegen können. Auf dem Land, wo die Männer allein arbeiten, fitte Frührentner sind und die Frauen der Tradition folgend, pflegen können und vor allem die Kraft dazu haben.

    Dazu kommen noch die Großfamilien, wo man sich Pflege teilen und die Eltern der Baby Boomer müssten doch noch jung sein und Fit oder?.

    Wenn diese alt werden und die jetzt Pflegenden keine Kraft mehr haben, dann wird der Bedarf steigen und zwar quasi "über Nacht". Also sollte man das Modell beobachten, nicht am Aktuellen messen und es nicht zum Spielball parteipolitischer Propaganda machen.

  3. Es wäre mal interessant zu erfahren, woher die Autorin ihre "fundierten" Kenntnisse über die USA bezogen hat. "Childcare" und "eldercare" sind Vokabeln, mehr nicht. Vor allen Dingen verbirgt sich dahinter nicht, dass sich der Staat in diese Dinge reinhängt.

    "Auf Dauer werden deutsche Unternehmen nachziehen müssen, um Fachkräfte zu halten."

    Weil die Fachkräfte ansonsten alle in die USA ziehen? Kappes!

    "Das Geheimnis liegt eher in der Flexibilität als im Geld."

    Aha, und was will uns die Autorin damit sagen?

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  4. Ich selber pflege seit Jahren eine Angehörige und würde dieses auf Kreditbasis stehende und zeitlich begrenzte Angebot niemals in Anspruch nehmen.
    Die Pflegeversicherung deckt mit ihrem Teilkasko- Charakter nicht alles ab, die Angehörigen müssen den Rest erbringen. Das Gesetz verspricht hier Erleichterung. Doch wenn nach zwei Jahren immer noch Pflegebedarf besteht, schnappt die Falle zu: Ich muss wieder voll arbeiten und habe zusätzlich die Pflegeleistung zu erbringen, was ich nicht schaffe. Der Pflegebedarf darf also nach zwei Jahren nicht mehr bestehen.
    Daraus folge: Würde ich das Angebot des Staates annehmen, würde ich mit dem Tod des Angehörigen spekulieren.
    Über diese Brücke gehe ich nicht.

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  • Schlagworte Pflege | Bundesfamilienministerium | Familie
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