Tina Lindemann ist vorsichtig: »Irgendwelche Drogenerfahrungen gemacht?«, fragt die 40-jährige Therapeutin. Es wäre nicht das erste Mal, erzählt sie, dass sie die Körperenergie in Fluss bringt, diese sich etwa im Kopf staut, und nur noch schwer von dort wegzukriegen ist. »Schon mal LSD genommen?« Das abzuklären sei wichtig, bevor die sogenannte Orgontherapie losgeht. Dabei kann es zu spastischen Zuckungen kommen, wenn sich Blockaden entladen, die der Theorie zufolge durch aufgestaute Triebe und Gefühle entstehen. Mitunter geht es da laut und wild zu. In der Ecke des Therapieraumes in Wien-Hietzing liegt ein Schlagpolster, wie man ihn aus Boxhallen kennt. Wenn alles gut geht, soll der Patient aber mit frischer Energie aufgeladen werden, wie eine Batterie.

Orgon, eine Wortkreation aus Orgasmus und Organismus, ist die omnipräsente Lebensenergie, wie sie der Wiener Psychoanalytiker Wilhelm Reich einst definierte. Mitte Jänner kommt eine Filmbiografie in die Kinos, in der Klaus Maria Brandauer den merkwürdigen Vordenker verkörpert. Der Fall Wilhelm Reich beschäftigt sich mit den letzten zehn Jahren des Mannes, der mit zunehmendem Alter immer wirrer und manischer wurde, an Ufos glaubte, sich im Exil mit den US-Behörden anlegte und sein Leben in einer Gefängniszelle beendete. Regisseur Antonin Svoboda zeigt jedoch nur einen charismatischen und seriösen Visionär, dem die Welt übel mitgespielt hat, weil er eine pulsierende Urkraft entdeckt und damit das Weltbild der Wissenschaft auf den Kopf gestellt habe, worauf die kranke Gesellschaft allerdings noch nicht vorbereitet gewesen sei. Damit spricht er jenem esoterisch angehauchten Kreis von Reichianern aus der Seele, die heute noch den Lehren ihres Gurus folgen.

Das Leben des Energievaters selbst gleicht einem wilden Parforceritt. Wilhelm Reich, geboren am 24. März 1897, wuchs auf einem Landgut in Galizien auf. Mit zwölf Jahren verriet er dem Vater am Mittagstisch, dass seine Mutter ein Verhältnis mit dem Hauslehrer hatte. Daraufhin nahm diese Gift, und der Vater verstarb darüber. Als Soldat erlebte er die Gräuel des Ersten Weltkrieges an der Isonzo-Front. Sein Bruder finanzierte ihm ein Medizinstudium in Wien. Schon bald ließ ihn Sigmund Freud als Psychoanalytiker arbeiten. Bis 1930 leitete er das Seminar für Psychoanalytische Therapie.

Der brillante Egomane trampelte über alles hinweg. Seine Geliebte starb an einer Abtreibung. Für den sterbenden Bruder hatte er keine Zeit. Zum Bruch mit Freud kam es, als Reich dessen Libidotheorie erweiterte und forderte, Sexualität solle frei ausgelebt werden: Allein der genitale Charakter, der sich dem unkontrollierten Zucken des Orgasmus hingebe, sei frei von Blockaden. 1928 schrieb Freud: »Wir haben hier einen Dr. Reich, einen braven aber impetuösen jungen passionierten Steckenpferdreiter, der jetzt im genitalen Orgasmus das Gegengift jeder Neurose verehrt.«

Auch die Begeisterung für die Nazis sah Reich im falschen Umgang mit Sexualität begründet. »Die moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit macht ängstlich, scheu, autoritätsfürchtig, gehorsam«, schreibt Reich in Die Massenpsychologie des Faschismus . Die sexuelle Befreiung verstand er demnach als revolutionären Kulturkampf. In sexualpolitischen Beratungsstellen betreute er Arbeiter und einfache Menschen. Freud verbannte den Radikalinski, der 1930 nach Berlin ging. Selbst den Kommunisten, bei denen sich Reich engagierte, wurde seine Agitation bald zur Last.

Die Ehe mit Annie Reich hielt bis 1932. Ein Jahr später verbrannten die Nazis auch seine Bücher. In einem Skidress als Tourist getarnt, flüchtete er nach Österreich, von dort nach Oslo, wo er begann, seine Lebens- und Liebesenergie biologisch zu verorten. Er verkabelte Liebespaare und bezog den Körper in seine Charakteranalyse mit ein. Durch Atem- und Drucktechniken brachte er seine Patienten dazu, wie Schlosshunde zu heulen. Mit dem Orgon-Akkumulator, einer mit Metall ausgekleideten Holzkiste zum Konzentrieren der Lebensenergie, begann er mit der Behandlung von Krankheiten, sogar von Krebs.