Frauenpolitik : Her mit den Müttern!
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 Wir sollten Mütterquoten schlicht ausprobieren

Das Armutsrisiko von Haushalten mit einem Alleinerziehenden ist fast fünfmal so hoch wie das von Haushalten mit zwei Erwachsenen ohne Kinder. Selbst im Vergleich zu Singlehaushalten sind Alleinerziehende, die mehrheitlich Frauen sind, doppelt so oft von Armut betroffen.

Die Ursachen für die finanzielle Schieflage von Müttern sind auch in einer Arbeitswelt zu suchen, die bis heute eine lebenslange und lückenlose Vollbeschäftigung vorsieht. Forschungsergebnisse belegen, dass eine längere Abwesenheit nach der Geburt eines Kindes die Karrierechancen von Frauen nachhaltig behindert. Deshalb raten Experten, die Elternzeit kurz zu halten. Die Lücken im Erwerbsleben, die Frau von der Leyens Lebenslauf aufweist, weil sie sieben Kinder auf die Welt gebracht hat, wären in der privaten Wirtschaft oder Wissenschaft untragbar. Warum eigentlich?

Und schließlich gibt es auch noch die Ungerechtigkeit, die sich vererbt. Ich erinnere mich an einen Vortrag eines namhaften amerikanischen Demografen. Der berichtete von einer Studie, die zeigt, dass Väter beim Erben die Familie bevorteilen, in der sie am Ende ihres Lebens gelebt haben, Mütter hingegen immer ihre biologischen Kinder. Unzählige Untersuchungen weisen zudem nach, dass sich soziale Benachteiligungen über Generationen vererben. In Zeiten sinkender Heiratszahlen und hoher Scheidungs- und Trennungsraten erhält der Mütterstatus vielleicht eine neue Bedeutung. Denn abgesehen von diesen Ungerechtigkeiten sind es vor allem Mütter, die Tag für Tag den Generationenvertrag leben. Sie kennen die Probleme und Nöte ihrer Kinder besser als andere Erwachsene und können Position für die Generation beziehen, die (noch) kein politisches Wahlrecht hat. Möglicherweise würden die greisen Länder Europas nicht eine so beschämend hohe Jugendarbeitslosigkeit dulden, von der heute Millionen junger Menschen betroffen sind, wenn Mütter mehr politischen und wirtschaftlichen Einfluss hätten.

Brauchen wir also eine Mütterquote in der Politik und auch anderswo? Dafür spricht, dass Quoten funktionieren, dass sie die Präsenz von Frauen mit Kindern in der Politik und in anderen einflussreichen Bereichen der Gesellschaft verstärken würden. Für eine Quote spricht auch, dass sich kinderlose Frauen nicht unbedingt als Förderinnen von Müttern eignen.

Es gibt aber auch Probleme mit der Mütterquote. Als Mutter wird man nicht geboren, Mutter wird man. Deshalb ist nicht klar, wer wann berechtigt ist. Warum nicht alleinerziehende Väter? Und was ist mit Müttern, deren Kinder bereits ausgezogen sind? Haben Mütter mit einem Kind, das tagsüber von einer Kinderfrau betreut wird, das gleiche Recht wie Mütter, die sich selbst jahrelang um ihre fünf Kinder gekümmert haben?

Wir sollten Mütterquoten schlicht ausprobieren. In kleinen, begrenzten Feldversuchen könnten wir testen, ob Parteien oder Betriebe, die eine Mütterquote in einem Landkreis oder in einzelnen Abteilungen beschließen, besser fahren als solche ohne. Wir könnten versuchen, die Wissenschaft zu gewinnen, um diese Experimente objektiv auszuwerten. Wenn es nützt, sollten wir die Mütterquote behalten; wenn nicht, können wir sie wieder verwerfen. Einen Versuch sollte es uns wert sein.

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Kommentare

137 Kommentare Seite 1 von 17 Kommentieren

"Anerkennung"

Die "Anerkennung" (was immer das sein soll) fremder Menschen im Beruf ist wichtiger als die "Anerkennung" durch das eigene Kind? Klingt nicht gesund.
Da kann man nur wünschen, dass der Sohn nicht eines Tages genauso über seinen Vater argumentiert - an einem Zeitpunkt, an dem - umgekehrt - dieser ihn brauchen würde. Oder, dass der Sohn Wege geht, die dem Vater so gar nicht gefallen. Die ihm so gar keine "Anerkennung" bei den Kollegen bescheren würden.
Falls es denn so kommen sollte (was sehr wahrscheinlich ist), möge der Vater sich an seine Argumentation erinnern . an dem Tag, an dem er von seinem Sohn "abgehängt" wird.
Wie ein kluger Berliner mal sagte: "Wo man hinspuckt, muss man auflecken."
Oder - optimistischer: "Carpe Diem".