Albanien pflegt noch immer das alte Gewohnheitsrecht der Blutrache: Verübt ein Mann einen Mord, dann kann die Familie seines Opfers zur Vergeltung einen beliebigen männlichen Verwandten des Täters töten. Ein Junge, der das Pech hat, der Sohn oder Bruder eines Mörders zu sein, muss sich Tag und Nacht verstecken, muss auf den Besuch einer Schule ebenso verzichten wie auf die Freuden eines normalen Alltags. Auch heute leben zahllose albanische Männer und Kinder als Gefangene in ihren eigenen Häusern. – Heißt das aber, dass alle Albaner moralisch im Unrecht sind, so wie sie ihre Gesellschaft eingerichtet haben? Ist ihre Tradition der Blutrache eine Form des Bösen? Sind ihre Werte denen des Westens unterlegen?

Die meisten Menschen glauben, dass die Wissenschaft solche Fragen nicht beantworten kann. Wie sollten wir auch beweisen, dass ein Leben besser oder richtiger ist als ein anderes? Welche Definition von »gut« müsste gelten? Zwar untersuchen heute Naturwissenschaftler die Evolution der Moral, doch zielen ihre Forschungen lediglich auf eine Beschreibung menschlichen Denkens und Verhaltens. Niemand erwartet von den Neurobiologen, dass sie uns sagen, wie wir denken und handeln sollten. Kontroversen über moralische Werte sind Kontroversen, zu denen die Wissenschaft offiziell keine Meinung hat.

Ich halte das für grundfalsch. Und ich möchte dafür plädieren, dass ethische Fragen – nach dem Sinn, der Moral und der Bestimmung menschlichen Lebens – in Wirklichkeit Fragen nach dem Wohlergehen bewusstseinsfähiger Geschöpfe sind. Werte lassen sich deshalb auf Tatsachen gründen, die einem wissenschaftlichen Verständnis zugänglich sind: unserem Wissen über die Ursachen positiver und negativer Gefühle, über die Auswirkungen bestimmter Gesetze auf die sozialen Beziehungen, über die Neurophysiologie von Glück und Leid. Der große Vorzug dieser Tatsachen ist ihr transkultureller Charakter. Es ist wie mit den Fakten über die körperliche und geistige Gesundheit von Menschen: Krebs ist im Hochland von Neuguinea ebenso Krebs wie in New York City, Cholera ist Cholera, und Schizophrenie ist Schizophrenie. Dasselbe gilt meiner Ansicht nach auch für eine menschliche Regung wie Mitleid und vor allem für unser Wohlergehen.

Es gibt wissenschaftlich richtige und falsche Antworten auf die Fragen nach der Moral. Um dieser Sichtweise zur Geltung zu verhelfen, müssen wir nur mit einigen uralten Meinungen über den Status von moralischen Wahrheiten aufräumen. Religiöse Menschen glauben, dass die Moral von Gott selbst in die Struktur der Wirklichkeit eingebaut wurde. Atheisten dagegen glauben, dass sich unsere Vorstellungen von Gut und Böse infolge unserer kulturellen Entwicklung herausgebildet haben. In der ersten Lesart ist unsere Moral ganz von Gott abhängig, in der zweiten von kulturellen Vorurteilen und philosophischen Irrtümern. Ich denke, dass sich beide Parteien irren.

Mein Glaube an die Wissenschaft, die eine gültige Moral formulieren kann, beruht auf einer einfachen Prämisse: Das menschliche Wohlergehen hängt von den Ereignissen in der Welt ebenso wie von den Zuständen des menschlichen Gehirns ab. Ein genaueres Verständnis dessen, was Wohlergehen ist, kann uns dazu befähigen, die verschiedenen Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens klarer zu bewerten, sie in besser oder schlechter, mehr oder weniger ethisch zu unterscheiden. Zweifellos könnten uns solche Einsichten dabei helfen, die Qualität des menschlichen Daseins zu verbessern – und das ist der Punkt, an dem die akademische Diskussion zu Ende ist und politische Entscheidungen anstehen, die das Leben von Millionen Menschen beeinflussen.

Ich möchte keineswegs suggerieren, dass wir garantiert jede moralische Kontroverse mit wissenschaftlichen Mitteln beilegen können. Es wird immer Meinungsverschiedenheiten geben – aber die Meinungen müssen sich zunehmend an Tatsachen messen lassen. Unsere Unfähigkeit, eine Frage zu beantworten, sagt ja noch nichts darüber, ob es auf die Frage eine Antwort gibt. Genauso wenig spricht der Umstand, dass wir vielleicht nie in der Lage sein werden, bestimmte moralische Dilemmata aufzulösen, für die gleiche Gültigkeit aller konkurrierenden Einstellungen, die man zu ihnen haben kann. Meiner Erfahrung nach führt es zu erheblicher Konfusion in moralischen Fragen, dass das bloße Fehlen von Antworten mit der grundsätzlichen Unmöglichkeit einer Antwort verwechselt wird.

Ein konkretes Beispiel. Es gibt derzeit 21 amerikanische Bundesstaaten, die in ihren Schulen immer noch körperliche Züchtigung erlauben. Wir sprechen davon, dass es tatsächlich rechtens ist, wenn ein Lehrer ein Kind mit einem Holzlineal schlägt, ihm Prellungen und sogar Platzwunden zufügt. Tausende Kinder erleiden jedes Jahr eine solche gewaltsame Behandlung, meist im Süden der USA. Die Rechtfertigung ist natürlich religiös: Der Schöpfer des Universums habe uns ermahnt, die Rute zu benutzen und das Kind zu züchtigen, wenn wir es nicht verziehen wollen (Sprüche Salomos 13,24; 20,30 und 23,13–14). Im Namen Gottes setzen wir also unsere Töchter und Söhne Schmerzen, Angst und Demütigung aus. Wenn uns das kindliche Wohlergehen wirklich am Herzen liegt, müssen wir uns fragen, ob wir gut beraten sind, unsere Moral aus der Bibel abzuleiten. Besteht auch nur der geringste Zweifel daran, dass es auf diese Frage eine Antwort gibt? Besteht auch nur der geringste Zweifel daran, dass es eine Rolle spielt, ob wir die richtige Antwort finden? Tatsächlich besagt die gesamte wissenschaftliche Forschung, dass Körperstrafen ein verheerender Brauch sind, der Gewalt und soziale Pathologien verursacht – und perverserweise sogar eine gesteigerte soziale Akzeptanz neuer Körperstrafen.