Arabische UmbrücheDer nächste Herrscher wackelt

In Jordanien demonstrieren Zehntausende. Der König verspricht Reformen. Doch der Glaube an ihn schwindet. von 

Protest gegen das Regime des jordanischen Königs, Amman Oktober 2012

Protest gegen das Regime des jordanischen Königs, Amman Oktober 2012  |  © Khalil Mazaarawi/AFP/GettyImages

Es ist ein wolkenverhangener Tag in der jordanischen Hauptstadt Amman. Zwei Männer verbringen einen großen Teil dieses Tages damit, mit Journalisten zu sprechen. Beide sehen sich als Vorreiter des Arabischen Frühlings in ihrem Land. Der eine glaubt an die Macht der Straße, der andere bevorzugt parlamentarisches Engagement. Der eine ist ein moderater Islamist, 23 Jahre alt, arm und wütend. Der andere präsentiert sich als säkularer Muslim, 50 Jahre alt, reich und optimistisch. Der eine führt den Reporter durch das heruntergekommene Stadtviertel, in dem er lebt, und sagt: »Bisher haben wir nur Reformen verlangt. Aber wenn das Regime nicht bald Ernst macht, habe ich kein Problem damit, nach seinem Sturz zu rufen.« Der andere empfängt die Journalisten in seiner großzügigen Residenz und erklärt: »Der Arabische Frühling in Jordanien ist anders. Reform ist ein Prozess.«

Der eine Mann heißt Ahmed*, der andere Abdullah. Ahmed ist Student der Ingenieurwissenschaften und macht demnächst seinen Abschluss. Abdullah ist gelernter Soldat – und seit 13 Jahren König von Jordanien. Irgendwo zwischen ihren beiden Visionen, zwischen womöglich unkontrollierbarem Volksaufstand und Reformen in kleinen Schritten, wird sich in den kommenden Monaten die Zukunft Jordaniens entscheiden.

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Jordanien ist ein kleiner, fragiler Staat, vor 90 Jahren herausgeschnitten aus der Erbmasse des Osmanischen Reiches, um die Dynastie der Haschemiten abzufinden. Jordanien könnte genauso gut zu je einem Drittel zu Syrien, dem Irak und Saudi-Arabien gehören, über die Hälfte der Jordanier sind Palästinenser. Doch der regierenden Haschemiten-Dynastie ist es entgegen aller Erwartung gelungen, unter den Jordaniern ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln. »Gott, Vaterland, König«, lautete der Konsens stiftende Dreiklang. Der Monarch lieferte Stabilität, relative Freiheit sowie mit freigiebigen Zahlungen den meisten ein erträgliches Auskommen und manchen auch mehr als das. Die Bürger hielten sich im Gegenzug aus der Politik heraus.

Dieser Deal steht jetzt erstmals zur Diskussion. Eine ernst zu nehmende oppositionelle Bewegung geht auf die Straße. Seit über einem Jahr gibt es Demonstrationen, bislang verliefen sie meistens friedlich. Doch angesichts der Dynamik, die der Arabische Frühling seit zwei Jahren entfaltet, stellt sich die Frage: Wird Jordanien das nächste arabische Land, in dem die Bevölkerung sich erhebt?

König Abdullah hat bisher mit der bewährten Taktik der haschemitischen Dynastie reagiert: Konsens herstellen. Anstatt die Proteste zu unterdrücken, versucht er lieber, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen: Ihre Majestät gibt den obersten Revolutionär. Am 23. Januar, so hat er es angeordnet, wird ein neues Parlament gewählt. Er hat versprochen, dass die Abgeordneten Premierminister und Regierung selbst bestimmen sollen. Er sagt, er wünsche sich echte Parteien. Er schwört, dass jeder Jordanier uneingeschränkt seine Meinung vertreten dürfe. Allerdings sagt er auch: »Das Ausmaß des Wandels ist proportional zum Ausmaß der Beteiligung. Jene, die sich Wandel wünschen, sollten danach streben, ihn im Parlament zu erreichen.«

»Die Leute werden das nicht mehr mitmachen«

Es sind beruhigende Worte aus dem Mund des Monarchen. Noch gibt es viele, die ihm glauben wollen. Aber es gibt eben auch Ahmed und viele andere, die finden, dass der König genug Zeit hatte, Reformen umzusetzen. »Das Vertrauen ist weg«, sagt Ahmed.

Man sieht es dem Studenten nicht an, wenn man ihn durch sein Viertel laufen sieht, etwas pummelig, den grünen Wollpullover in die Jeans gestopft, dazu die langen Wimpern und die sanfte Stimme, aber er war einer der ersten Redner, der den König öffentlich attackierte: Im April 2011 zieh er ihn auf einer Demonstration der »Unfähigkeit«. Ein Tabubruch. Zur Strafe wurde ihm das Universitätsstipendium entzogen, und er wurde für ein Semester suspendiert.

Es ist Gebetszeit. Die Männer strömen zur Moschee in Ahmeds Viertel. Fast jede Woche findet hier eine Kundgebung statt, Ahmed gehört zu den Organisatoren. Mittlerweile ist er offiziell matlub, »gewollt« – von den Sicherheitsbehörden wegen »Unterminierung des Regimes« ausgeschrieben. Ahmed hat allerdings nicht das Gefühl, dass der Geheimdienst ihn besonders intensiv sucht. Ein typisch jordanischer Ansatz: einschüchtern, nicht gleich zuschlagen. Das Regime lässt die Dinge gern im Vagen.

Leserkommentare
  1. für das heilige Israel.

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    vielleicht reine Spekulation sein, aber hat die Situation in Jordanien vielleicht auch damit zu tun?

    http://www.youtube.com/wa...

    und vielleicht auch damit?

    http://www.spiegel.de/pol...

    Aber vielleicht irre ich mich und es folgt anderen Gesetzmäßigkeiten. Jordanien ist für viele Leute interessant und eine andere Regierung dort käme diesen Leuten entgegen.

  2. vielleicht reine Spekulation sein, aber hat die Situation in Jordanien vielleicht auch damit zu tun?

    http://www.youtube.com/wa...

    und vielleicht auch damit?

    http://www.spiegel.de/pol...

    Aber vielleicht irre ich mich und es folgt anderen Gesetzmäßigkeiten. Jordanien ist für viele Leute interessant und eine andere Regierung dort käme diesen Leuten entgegen.

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    Antwort auf "Schlimm"
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    Der von Ihnen angeführte Youtube Link enthält falsche und gefährliche Informationen. Der Kommentator spricht davon, dass ein Präventivschlag auf Iran "gerechtfertigt" wäre, wenn damit das Atomprogramm gestoppt würde.

    Ganz davon abgesehen, dass nicht sicher ist, dass es sich bie dem Atomprogramm um ein militärisches handelt, ist ein Präventivschlag keinesfalls völkerrechtlich gerechtfertigt. Es würde sich tatsächlich noch nicht einmal um einen solchen handeln, da der Iran keine Vorbereitungen zu einem Angriff auf Israel ziegt. Ein Verteidigungsschlag ist grundsätzlich nur im tatsächlichen Angriffsfall gerechtfertigt. Deshalb wurden die Attacken auf Syrien und den Irak damals auch (richtigerweise) von der UN verurteilt.

    • Skjelm
    • 13. Januar 2013 21:42 Uhr

    Was genau ist des Königs Schuld?

    So könnte man meinen...
    ...wenn man sich Joradniens Entwickelung auf allen Bereichen im Gegensatz zu anderen arabischen Staaten betrachtet, würde Jordanien nicht einmal auffallen wenn es in Westeuropa liegen würde, nur das der Islam Staatsreligion ist, Feindseligkeiten in Jordanien im religösen und ethnischen jedoch gleich Null sind.

    Ich seh noch nicht einmal einen Unterschied, politischer Ebene, wenn ich Uk und Jordanien vergleiche.

    Bevölkerung in Europa wird auch immer ärmer und jene die noch einigermassen festen Boden unter ihren Füssen haben werden einem Aderlass unterzogen.

    Strom und Wasserkosten sind und werden auch nicht billiger.
    Korruption in Jordanien, das schneidet der "Westen" nicht besset ab. Dazu noch der Lobbyismus.

    Aber ein Artikel über des Königs Einfluss, politisch motivierte hohe Geldzuflüsse von aussen in Jordaniens freier Marktwirtschaft, die die wirtschaftliche Dominanz der Herrschersdynastie unterstützen wäre evtl. interessant.

    Wenn wir das haben, wäre ein Blick auf Deutschland toll. ;o

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    • Shoal
    • 14. Januar 2013 9:34 Uhr

    Sie sehen auf politischer Ebene keinen Unterschied zwischen dem Vereinigten Königreich und Jordanien?
    Nun, in Jordanien bestimmt der König (bisland, er will es ja nun anscheinend ändern) Premier und Regierung (und werden nach belieben, in letzter Zeit alle paar Monate), das ist in Großbritannien meines Wissens nach noch anders. Das Parlament hat faktisch nichts zu sagen, König Abdullah II. regiert so wie es ihm passt.
    Das sei jetzt nur ein Punkt. Dass es viele weitere gibt (wie zum Beispiel die wahllose Inhaftierung von Anderesdenkenden und "politischen Aufrührern"), ist Tatsache.

    Und es gibt sehr wohl massenhaft Feindseligkeiten zwischen religiösen und ethnischen Gruppen. Es gibt seit Jahrzenten ein Problem zwischen Palästinensern und Jordaniern, in den Flüchtlingslagern entstehen Parallelgesellschaften. Palästinenser gelten weithin als Bürger zweiter Klasse (wie übrigens auch Ägypter, welche jene Arbeiten verrichten für die sich Jordanier zu fein sind).
    Es stimmt zwar, dass Christen und Muslime in Jordanien zum größten Teil friedlich nebeneinander koexistieren, aber andere Religionen, insbesondere das Judentum, werden nicht akzeptiert.

    Es stimmt schon, der Westen ist nicht viel besser was Themen wie Korruption und Schere zwischen Arm und Reich angeht. Aber man muss sich die Bedeutung des Wegfalls von Subventionen für Wasser und Gas mal vor Augen führen: Was würden sie machen wenn sich die Preise in diesem Bereich auf einmal verdoppeln würden?

  3. ...nicht endlich aufhört den Islamismus zu unterstützen, brauchen wir und nicht zu wundern, wenn der Djihad an unsere Tür klopft. Was ich erstaunlich finde ist: seit Beginn der Aufstände habe ich immer wieder in Postings darauf hingewiesen, dass diese "Rebellen" eigentlich Terroristen sind, und eine Gefahr auch für die westliche Welt. Wurde aber oft nicht veröffentlicht.

    5 Leserempfehlungen
  4. klammern sich verzweifelt an jede Option. Würde Russland seine Monopolstellung derart kriminell und verbrecherisch verteidigen wie etwa mit ständigen Aggressionskriegen oder weltweiten Hinrichtungskampagnen und Drohnenkriegen hätten die USA schon längst mit einem Nuklearkrieg gedroht. Es ist an der Zeit sich von den Aggressoren USA, dem Saudiclan und den Al Thanis zu distanzieren. Deren Interessen sind ein verzweifelter Versuch sich an die Macht zu klammern und mit Waffengewalt, Kriegsverbrechen und Drohnenmorden an ihren gestohlenen Reichtum. Wer sich der Folter, hinterhältige Bombardements auf Wohnhäuser, Entführung und Landraub hat dabei weder Demokratie, Menschenrechte, Freiheit oder sonstige gute Absichten.

  5. Der von Ihnen angeführte Youtube Link enthält falsche und gefährliche Informationen. Der Kommentator spricht davon, dass ein Präventivschlag auf Iran "gerechtfertigt" wäre, wenn damit das Atomprogramm gestoppt würde.

    Ganz davon abgesehen, dass nicht sicher ist, dass es sich bie dem Atomprogramm um ein militärisches handelt, ist ein Präventivschlag keinesfalls völkerrechtlich gerechtfertigt. Es würde sich tatsächlich noch nicht einmal um einen solchen handeln, da der Iran keine Vorbereitungen zu einem Angriff auf Israel ziegt. Ein Verteidigungsschlag ist grundsätzlich nur im tatsächlichen Angriffsfall gerechtfertigt. Deshalb wurden die Attacken auf Syrien und den Irak damals auch (richtigerweise) von der UN verurteilt.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Das mag...."
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    die Rechtfertigung eines Irankrieges, sondern um die Sache mit den Überflugsrechten. Zwischen dem Israel und dem Iran liegen Syrien, Jordanien, der Irak und eventuell Saudi-Arabien. Die Saudis und die Iraker machen sicherlich keine Probleme, nur mit Syrien und Jordanien gibt es Probleme. Syrien versinkt in einem Bürgerkrieg, in den auch ausländische Mächte involviert sind und in Jordanien regt sich plötzlich Widerstand gegen den König und die Regierung. Das Ganze ist doch irgendwie interessant, besonders wenn man das Video betrachtet und mit der aktuelle Situation vergleicht. Sicherlich mag einiges daran Spekulation sein, aber es gibt halt gewisse Zufälle. Darum geht es mir. Natürlich ist ein Angriff auf den Iran nicht gerechtfertigt.

  6. die Rechtfertigung eines Irankrieges, sondern um die Sache mit den Überflugsrechten. Zwischen dem Israel und dem Iran liegen Syrien, Jordanien, der Irak und eventuell Saudi-Arabien. Die Saudis und die Iraker machen sicherlich keine Probleme, nur mit Syrien und Jordanien gibt es Probleme. Syrien versinkt in einem Bürgerkrieg, in den auch ausländische Mächte involviert sind und in Jordanien regt sich plötzlich Widerstand gegen den König und die Regierung. Das Ganze ist doch irgendwie interessant, besonders wenn man das Video betrachtet und mit der aktuelle Situation vergleicht. Sicherlich mag einiges daran Spekulation sein, aber es gibt halt gewisse Zufälle. Darum geht es mir. Natürlich ist ein Angriff auf den Iran nicht gerechtfertigt.

    Antwort auf "Sehr fehlerhafter Link"
    • Narses
    • 14. Januar 2013 9:22 Uhr

    Zunächst Libyen und Tunesien, dann Ägypten und nun ein arabisch-frühlingshafter kleiner "Bürgerkrieg" freiheitsliebender Rebellen in Syrien gegen einen menschenfressenden Diktator.

    Schön und gut.

    Und nun vielleicht Jordanien.

    Bleiben noch Marokko und Algerien (wo es ja auch schon gebrodelt hat) und ein paar weitere Staaten im Süden.

    Und das alles für Freiheit Demokratie (???) und,...natürlich, Menschenrechte.

    Ich prophezeie, dass in 2-3 Jahren die ganze Region brennt.

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  • Schlagworte Jordanien | Reform | Parlamentswahl | Opposition
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