Es ist ein wolkenverhangener Tag in der jordanischen Hauptstadt Amman. Zwei Männer verbringen einen großen Teil dieses Tages damit, mit Journalisten zu sprechen. Beide sehen sich als Vorreiter des Arabischen Frühlings in ihrem Land. Der eine glaubt an die Macht der Straße, der andere bevorzugt parlamentarisches Engagement. Der eine ist ein moderater Islamist, 23 Jahre alt, arm und wütend. Der andere präsentiert sich als säkularer Muslim, 50 Jahre alt, reich und optimistisch. Der eine führt den Reporter durch das heruntergekommene Stadtviertel, in dem er lebt, und sagt: »Bisher haben wir nur Reformen verlangt. Aber wenn das Regime nicht bald Ernst macht, habe ich kein Problem damit, nach seinem Sturz zu rufen.« Der andere empfängt die Journalisten in seiner großzügigen Residenz und erklärt: »Der Arabische Frühling in Jordanien ist anders. Reform ist ein Prozess.«

Der eine Mann heißt Ahmed*, der andere Abdullah. Ahmed ist Student der Ingenieurwissenschaften und macht demnächst seinen Abschluss. Abdullah ist gelernter Soldat – und seit 13 Jahren König von Jordanien. Irgendwo zwischen ihren beiden Visionen, zwischen womöglich unkontrollierbarem Volksaufstand und Reformen in kleinen Schritten, wird sich in den kommenden Monaten die Zukunft Jordaniens entscheiden.

Jordanien ist ein kleiner, fragiler Staat, vor 90 Jahren herausgeschnitten aus der Erbmasse des Osmanischen Reiches, um die Dynastie der Haschemiten abzufinden. Jordanien könnte genauso gut zu je einem Drittel zu Syrien, dem Irak und Saudi-Arabien gehören, über die Hälfte der Jordanier sind Palästinenser. Doch der regierenden Haschemiten-Dynastie ist es entgegen aller Erwartung gelungen, unter den Jordaniern ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln. »Gott, Vaterland, König«, lautete der Konsens stiftende Dreiklang. Der Monarch lieferte Stabilität, relative Freiheit sowie mit freigiebigen Zahlungen den meisten ein erträgliches Auskommen und manchen auch mehr als das. Die Bürger hielten sich im Gegenzug aus der Politik heraus.

Dieser Deal steht jetzt erstmals zur Diskussion. Eine ernst zu nehmende oppositionelle Bewegung geht auf die Straße. Seit über einem Jahr gibt es Demonstrationen, bislang verliefen sie meistens friedlich. Doch angesichts der Dynamik, die der Arabische Frühling seit zwei Jahren entfaltet, stellt sich die Frage: Wird Jordanien das nächste arabische Land, in dem die Bevölkerung sich erhebt?

König Abdullah hat bisher mit der bewährten Taktik der haschemitischen Dynastie reagiert: Konsens herstellen. Anstatt die Proteste zu unterdrücken, versucht er lieber, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen: Ihre Majestät gibt den obersten Revolutionär. Am 23. Januar, so hat er es angeordnet, wird ein neues Parlament gewählt. Er hat versprochen, dass die Abgeordneten Premierminister und Regierung selbst bestimmen sollen. Er sagt, er wünsche sich echte Parteien. Er schwört, dass jeder Jordanier uneingeschränkt seine Meinung vertreten dürfe. Allerdings sagt er auch: »Das Ausmaß des Wandels ist proportional zum Ausmaß der Beteiligung. Jene, die sich Wandel wünschen, sollten danach streben, ihn im Parlament zu erreichen.«

»Die Leute werden das nicht mehr mitmachen«

Es sind beruhigende Worte aus dem Mund des Monarchen. Noch gibt es viele, die ihm glauben wollen. Aber es gibt eben auch Ahmed und viele andere, die finden, dass der König genug Zeit hatte, Reformen umzusetzen. »Das Vertrauen ist weg«, sagt Ahmed.

Man sieht es dem Studenten nicht an, wenn man ihn durch sein Viertel laufen sieht, etwas pummelig, den grünen Wollpullover in die Jeans gestopft, dazu die langen Wimpern und die sanfte Stimme, aber er war einer der ersten Redner, der den König öffentlich attackierte: Im April 2011 zieh er ihn auf einer Demonstration der »Unfähigkeit«. Ein Tabubruch. Zur Strafe wurde ihm das Universitätsstipendium entzogen, und er wurde für ein Semester suspendiert.

Es ist Gebetszeit. Die Männer strömen zur Moschee in Ahmeds Viertel. Fast jede Woche findet hier eine Kundgebung statt, Ahmed gehört zu den Organisatoren. Mittlerweile ist er offiziell matlub, »gewollt« – von den Sicherheitsbehörden wegen »Unterminierung des Regimes« ausgeschrieben. Ahmed hat allerdings nicht das Gefühl, dass der Geheimdienst ihn besonders intensiv sucht. Ein typisch jordanischer Ansatz: einschüchtern, nicht gleich zuschlagen. Das Regime lässt die Dinge gern im Vagen.