Jüdisches Wien Die neue Gemeinde

Wie die Juden in Wien nach schlimmen Nachkriegsjahrzehnten wieder zu selbstbewussten Bürgern der Stadt wurden. Auszüge aus einem neuen Buch von Joachim Riedl

Das Gedächtnis der einst glanzvollen jüdischen Gemeinde von Wien, das umfangreiche Archiv, das die NS-Epoche überdauert hatte, wird in Jerusalem verwahrt. Es war in den ersten Jahren nach der Schoah in den damals noch jungen Staat Israel überführt worden. Alle Bestrebungen, die Bestände rückzuführen, scheiterten. Erst unlängst entschied ein israelisches Gericht, die künftige Heimat für das historische Vermächtnis des Wiener Judentums liege im zionistischen Staat. Ein Spruch, der wie ein fernes Echo der ersten Nachkriegsjahre klingt.

In der Stunde der Befreiung war das einst blühende jüdische Leben in Wien ausgelöscht. Jenes Segment, das einst die Metropole maßgeblich geprägt hatte, war vollkommen verschwunden. Die Generalabsolution, welche sich die Wiener in der Folge viele Jahrzehnte lang erteilten, kam einer damnatio memoriae gleich: Wo es keine Täter gibt, gab es auch keine Tat.

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Die Statistiken, wie viele Menschen dem Terror hatten entgehen können, sind widersprüchlich. Nur eine Handvoll Juden erlebte in Wien die Befreiung. Eine angloamerikanische Commission for Palestine, die 1946 Österreich bereiste, spricht von 4.500 österreichischen Juden, die sich im ganzen Land aufgehalten haben sollen, davon seien allerdings lediglich »1.730 Glaubensjuden«.

Die Gemeindefunktionäre, auf welche die Mitglieder der Kommission trafen, erschienen den Emissären »schrill und mitleiderregend, selbstanklagend und gebrochen«. »Die jüdische Gemeinde von Wien«, urteilte der Abschlussbericht, »wird nicht wieder erblühen.« In New York meldete die Jewish Telegraphic Agency zwei Jahre später: »Für Juden gibt es kein Leben in Österreich, keine Zukunft.« Offen war der Begriff »Liquidationsgemeinde« in Verwendung: eine Gemeinde, die nach Meinung sowohl der Juden in Wien als auch jener in aller Welt aufgelöst werden sollte, nachdem der letzte Holocaust-Überlebende das Land verlassen hatte.

Zwangsläufig fühlte sich die kleine jüdische Gemeinde in Wien der Gunst oder Missgunst der Bevölkerung ausgeliefert. Schon ihre bloße Anwesenheit löste immer wieder gehässige Reflexe aus. Die Masse der Flüchtlinge hatte das Land längst wieder verlassen, die überschaubare Gruppe, die zurückgeblieben war, bildete eine marginale Größe.

Als dann Leopold Figl am 15. Mai 1955 »Österreich ist frei!« vom Balkon des Schlosses Belvedere rufen konnte, schwante der kleinen Kultusgemeinde, dass sie mit den Alliierten ihre letzte Schutzmacht verloren hatte. Nun werde Österreich darangehen, »die gesamte Besatzungshypothek abzubauen«, wurde befürchtet. Tatsächlich stellten die Volksgerichte zur Ahndung von NS-Verbrechen unverzüglich ihre Tätigkeit ein, eine Generalamnestie tilgte jeden Makel einer Nazi-Vergangenheit.

Die kleine jüdische Gemeinde in Wien konnte bei dieser Entsorgung der Vergangenheit nur hilflos zusehen. Juden verfügten über keine Stimme in diesem eigenwilligen Selbstreinigungsprozess, schon allein deshalb nicht, da sie »infolge ihrer so geringen Zahl weder einen politischen noch einen wirtschaftlichen, noch einen kulturellen Faktor« darstellten, wie die Gemeinde-Funktionäre erkennen mussten: »Die Juden in Österreich sind den politischen Parteien unbequem, da ja durch ihr bloßes Vorhandensein das von allen Parteien angestrebte gute Verhältnis zu den ehemaligen oder auch unverbesserlichen Nationalsozialisten gestört wird.«

Und so taten sie, was Juden stets in Zeiten eines allzu trügerischen Friedens getan hatten: Sie zogen sich aus der Öffentlichkeit zurück, rückten zusammen, bildeten hermetische Zirkel. Sie blieben unter ihresgleichen, häufig orientierte sich das soziale Zusammengehörigkeitsgefühl an der gemeinsamen Herkunft aus einer bestimmten osteuropäischen Region. Am liebsten wären die Juden in ihrem Wiener Mentalitätsghetto unsichtbar gewesen. Je weniger sie in Erscheinung traten, desto geringer war die Gefahr, in Schwierigkeiten zu geraten. Die Infrastruktur der Kultusgemeinde beschränkte sich auf ein Minimum, ihre Funktionäre gingen allen Konflikten aus dem Weg und hofften, ein möglichst kleinlautes Verhalten werde die schlummernde Bestie des Antisemitismus nicht reizen.

Die meisten Überlebenden befanden sich in den ersten drei, vier Jahrzehnten nach der Schoah ohnehin nur auf Abruf in Wien, verschoben täglich die Entscheidung, ob sie gehen oder bleiben sollten, auf den nächsten Tag, den nächsten Monat, das nächste Jahr. So wurden sie ansässig, aber nicht heimisch, bauten sich neue Existenzen auf, gründeten Familien, ohne dadurch ein Zugehörigkeitsgefühl zu dem Ort, an dem sie lebten, zu entwickeln.

In dieser Atmosphäre mussten sich die Juden, gleichgültig, ob fromm, lediglich oberflächlich religiös oder gänzlich gottesfern, gleichgültig, auf welchem sozialen Status sie sich befanden, erstmals wieder als homogene Gruppe empfinden. Ihre Identität war über alle Unterschiede hinweg von der Schoah geprägt. Sie gehörten einer Schicksalsgemeinschaft an, selbst jene, die sonst keinerlei Zugehörigkeitsgefühl zu jüdischen Traditionen besaßen. Jüdische Herkunft hatte einen vollkommen neuen Bedeutungszusammenhang erhalten. Aus diesem Bindungszwang gab es kein Entrinnen. Es war eine neue und dauerhafte jüdische Identität, die über alle anderen darübergestülpt wurde.

Leser-Kommentare
  1. Der dankenswerten Aufbereitung der jüngeren Geschichte der Wiener (Kultus)gemeinde wären kleine Korrekturen und Anregungen für weitere Untersuchungen anzufügen:

    Der "Dammbruch", den Joachim Riedl ins Jahr der Waldheim-Affaire verlegt, hat m. E. ca. 20 Jahre früher stattgefunden. Im Zusammenhang mit dem unverfrorenen Auftreten deutschnationaler und demonstrativ antisemitscher Studenten im Gefolge des WU Professors Borodajkewicz kam es in Wien zu heftigen politischen Auseinandersetzungen, bei denen sogar ein Demonstrant erschlagen wurde. Wenn auch in der Folge die Republik um Schadensbegrenzung bemüht war, lässt sich Riedls auf das Jahr 1986 bezogene Formulierung "von einer Welle antisemitischer Ausschreitungen, wie sie seit den ersten Nachkriegsjahren nicht mehr registriert worden" war, schwer nachvollziehen.

    Ein - zumindest für mich persönlich - interessanter Aspekt jüdischen Lebens in Wien ist die Rolle, die jüdische Rückwanderer nach Wien in der kommunistischen Partei Österreichs gespielt haben. Meines Wissens nach gab es damals auch in der Kultusgemeinde eine kommunistische Fraktion. Wäre das kein lohnenswertes Forschungsbebiet?

  2. zwangsläufig welche ist.

    Deutschland (und wahrscheinlich auch Österreich?) haben sich mit dem Washingtoner Abkommen zur Restitution ziemlich über den Tisch ziehen lassen: Die Museen tragen die Beweislast, d.h. sie müssen beweisen, daß ein Kunstwerk NICHT als Folge der NS-Unterdrückung veräußert wurde.

    Sinnvollerweise gilt normalerweise das Prinzip, daß ein Verbrechen bewiesen werden muß, nicht, daß es kein Verbrechen war. Aber unsere Regierungen waren so idiotisch, hier einer Umkehrung dieses Rechtsprinzips zuzustimmen.

    Das hat nun die Folge, daß ein Wertgegenstand, der irgendwann in den fraglichen Jahren von einem jüdischen Besitzer veräußert wurde (und sei er professioneller Kunsthändler), quasi automatisch als Raubkunst gilt, weil das Gegenteil faktisch nicht zu beweisen ist. Den Museen droht ein Aderlaß.

    So erklären sich die “zähen Verhandlungen”. Die Museen sträuben sich dagegen, ihre Sammlungen auf diese Weise zwangsprivatisieren zu lassen, haben aber wohl geringe Erfolgschancen, wenn beim W.Abkommen nicht schleunigst nachgebessert wird. Leider scheint es da aber keinen Impuls zu geben – sei es aus Desintresse am Thema oder Einschüchterung durch das Schlagwort “Raubkunst”.

    Für die “Beutekunst”, die umgekehrt den Museen im 2.WK abhanden kam und heute in Rußland oder Polen lagert, scheinen sich unsere Volksvertreter dagegen nicht zuständig zu fühlen. Jedenfalls legen sie da nicht denselben Eifer an den Tag, mit dem sie Kunst aus den öffentlichen Museen herschenken.

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