Chinesische KunstDer Herr der Blau-Weiß-Ware

Das Stuttgarter Auktionshaus Nagel gehört zu den weltweit wichtigsten Adressen für chinesische Kunst. Dieses Wunder verdankt sich dem Experten Michael Trautmann. von Annegret Erhard

Mehr als 21 Millionen Euro, so viel wie nie zuvor, setzte das Stuttgarter Auktionshaus Nagel in seiner letzten Asiatika-Auktion um. Damit gehört es im europäischen Ranking zu den Führern in einem starken Markt. Die Sammler und Händler aus Peking und Shanghai, aus Hongkong und Taiwan sind wohlhabend, sie beobachten den internationalen Markt, kaufen inzwischen kenntnisreich und selektiv – und haben ab Anfang der nuller Jahre ausgerechnet das Auktionshaus Nagel in Stuttgart als maßgebliche Bezugsquelle entdeckt.

Eine hochkomplexe Geschäftsbeziehung hat sich entwickelt, die Michael Trautmann nun schon seit Jahren mit Verve steuert. Er ist der Ansprechpartner, der Experte. Fast zufällig war der 1966 in Nürtingen Geborene in diese ihm so gelegene Position geschlüpft. Er kam 1989 als BWL-Student zu Nagel, um ein Praktikum im Marketing zu absolvieren, doch er durchlief viel lieber alle Abteilungen, lernte Grundlegendes zu Porzellan, Teppichen und alten Meistern, assistierte bei der Katalogisierung. Das mit dem BWL-Studium erledigte sich rasch, er hatte Feuer gefangen, obwohl er, wie er sagt, zu diesem Zeitpunkt keinerlei Ahnung von Kunst, geschweige denn Asiatika gehabt habe.

Anzeige

Die langen Jahre des Lernens begannen genau genommen 1991 mit der Auflösung einer alten Stuttgarter Asiatika-Sammlung und der rasch gewonnenen Erkenntnis, dass neben dem erlernbaren historischen und kulturellen Wissen, neben dem Studium des jeweils spezifischen Handwerks und Materials vor allem Gefühl und Auge für Qualität die wichtigsten Instrumente des Experten sind. Zehn bis fünfzehn Jahre braucht es, so Trautmann, um sich praktisch zu schulen. Bis heute ergreife er jede Gelegenheit, zu den Vorbesichtigungen der großen Auktionen in London, New York und Hongkong zu fahren, besuche weltweit die öffentlich zugänglichen Sammlungen.

Mitte der neunziger Jahre spielte China bei Nagel noch keine größere Rolle, versteigert wurden japanische Objekte. Bald kam mehr und mehr chinesisches Kunsthandwerk hinzu, die japanische Sparte wurde zunehmend bedeutungslos. Anfangs waren die chinesischen Kunden alles andere als vertraut mit den westlichen Gepflogenheiten – während der Vorbesichtigungen wanderten sie ungeniert durch das Haus, vesperten, wo sich ein leerer Schreibtisch fand, und machten nicht immer den Eindruck, dass sie sich durch einen Zuschlag zum Kauf verpflichtet fühlten. Dies stellte das gediegene schwäbische Haus vor bis dahin unbekannte Probleme, denn sobald der Hammer fällt, ist der Auktionator zur Zahlung an den Einlieferer verpflichtet. Beide Seiten lernten: Wer beispielsweise in substanziellem Umfang mitbieten will, muss nun zuvor eine entsprechende Summe deponieren.

Internationales Aufsehen erregte 2000 die erfolgreiche Versteigerung der Fracht der im Jahr zuvor gehobenen Tek Sing, einer 1822 auf der Fahrt von China nach Java gesunkenen Dschunke, die 350.000 Gebrauchsporzellane geladen hatte. Mit Schrecken erinnert Trautmann sich der kaum zu bewältigenden Massen; die Vorbesichtigung fand in einer nachgebauten Dschunke im Stuttgarter Bahnhof statt, das Experiment machte Nagel bekannt und zum Asiatika-Spezialisten. Medial gesehen. Das fachliche Renommee musste nun freilich mit einer regelmäßigen Offerte wirklich guter Stücke erarbeitet werden.

Trautmanns Talent, das Wohlwollen von alteingesessenen Händlern wie Philip Constantinidi von Eskenazi in London und Spezialisten wie Julian Thompson von Sotheby’s in Hongkong zu gewinnen, war dabei ebenso hilfreich wie seine Wissbegierde, die ihn immer wieder auch zu Klaus J. Brandt, dem ehemaligen Leiter der Ostasienabteilung des Stuttgarter Linden-Museums, führte.

2004 gelang es Trautmann, erstmals in Peking eine Vorbesichtigung zu einer Stuttgarter Auktion zu organisieren, es kamen 6500 Besucher, das chinesische Staatsfernsehen berichtete. Seitdem zeigt er regelmäßig Highlights seiner Versteigerungen in Peking und/oder Shanghai. Er habe bald erkannt, wie wichtig Vertrauen und Diskretion sind, um in China als zuverlässiger Geschäftspartner anerkannt zu werden, sagt Trautmann. Das ist nun freilich nicht so originell, Asiaten unterscheiden sich hier nicht sonderlich vom Rest der Welt; eine besondere Rolle spielt aber, wie man dieses Vertrauen und den Respekt chinesischer Kunden erringen kann. Heute ist Trautmann ihr Scout, der begehrtes Kulturgut aus europäischen Sammlungen aufspürt, gewissenhaft prüft und verfügbar macht. Sie müssen am Ende die Rivalen aus dem Feld schlagen. Hier komme, wie Trautmann sagt, ein ausgesprochen chinesischer Aspekt hinzu, der wesentlichen Anteil am Zustandekommen überraschender Preissteigerungen hat: Bei einer Niederlage droht nämlich schwer zu tilgender Gesichtsverlust. Eine schöne Basis für grimmige Bietgefechte.

Einer riesigen Zahl von bisweilen unvorstellbar potenten Kunden – Trautmanns Kundenstamm ist inzwischen auf mehr als sechstausend angewachsen – steht ein immer kleiner werdendes Kontingent an ernst zu nehmenden alten Sammlungen in Europa gegenüber, und die Quellen etwa in Hongkong sprudeln nur bedingt. Schnelligkeit und präzise Preisvorstellungen sind dementsprechend die Grundausstattung für eine erfolgreiche Akquise. Unerlässlich ist die Kennerschaft. Da passt, dass Michael Trautmann insbesondere die chinesischen Gelehrtenobjekte der Ming- und frühen Qing-Zeit ans Herz gewachsen sind, und es passt der stolz vorgetragene Hinweis, dass er mit Experten des Palastmuseums in Peking in Verbindung stehe, die er jederzeit befragen dürfe, dass er mit Sinologen und Kunsthistorikern die Objekte und deren Einordnung diskutiere. Er habe sich »inzwischen die Standards in Chinesisch angeeignet, das Entschlüsseln von Aufschriften und Marken macht ohnehin keine Probleme mehr«. Die eifrigen Kollegen der großen Häuser in London, Paris und New York vielleicht schon eher.

Besorgt äußert er sich zu den restriktiver werdenden Einfuhrkontrollen der chinesischen Behörden, die mittlerweile mit einer Steuer von 22 bis 25 Prozent einhergehen. »Es bleibt abzuwarten, wie sich das chinesische Kaufverhalten im kommenden Jahr dadurch entwickeln wird«, sagt Trautmann, doch der Bedarf sei immer noch riesig und der Ausblick sehr positiv – »solange entsprechender Nachschub vorhanden ist«.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Serie Killerspiel-Debatte
    • Schlagworte Kunst | Kunsthandel | Kunstmarkt | China
    Service