LiebeskolumneSoll er ihr sagen, dass er die blauen Pillen nehmen will?

von Wolfgang Schmidbauer

Die Frage: Tom und Marion sind beide in den Sechzigern und schon lange verheiratet. Vor allem Tom ist stolz darauf, dass sie immer noch jede Woche Sex haben. Auch Marion ist damit sehr zufrieden. Früher gab es manchmal Streit, weil Marion Toms erotische Avancen zu viel waren: »Ich komme nie dazu, die Initiative zu ergreifen, du bist schon immer vor mir da!«

Liebeskolumne
Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer

Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer  |  © Neophoto/Photocase

Jetzt scheint alles gut zu passen – bis Tom bemerkt, dass er manchmal keine Erektion bekommt. Marion behauptet, dass sie das überhaupt nicht stört. Tom tröstet das nicht im Geringsten. Er fürchtet, seine Potenz ganz zu verlieren, und plant, sich ein Medikament verschreiben zu lassen. Er will es Marion aber nicht sagen. Es ist ihm peinlich, sie wissen zu lassen, dass er solche Mittel braucht.

Anzeige

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Tom sollte mit Marion reden und gemeinsam mit ihr nach Lösungen suchen. Toms Fantasie passt zu seinem aktionistischen Selbstmissverständnis: Solange alles klappt, ist alles gut. Die Erektion taucht irgendwann im Leben des Mannes auf und verschwindet irgendwann wieder. Meist kommt sie nach dem ersten Verschwinden auch wieder, aber die Angst vor diesem Verschwinden ist problematisch, weil sie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung enthält.

Je unbekümmerter ein Mann Entstehen oder Verschwinden der Erektion geschehen lässt, desto länger wird sie ihn begleiten. Es ist wirksamer und ökonomischer, wenn Tom den Glauben an sich und seine Erektion durch Marion stützen lässt, nicht hinter ihrem Rücken durch eine Pille.

Die Liebeskolumne

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch Kassandras Schleier. Das Drama der hochbegabten Frau ist bei Orell Füssli erschienen.

Haben Sie auch eine "große Frage der Liebe"? Schicken Sie eine Mail an liebeskolumne@zeit.de

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Bei Tom sind es nicht Freude, Zufriedenheit, Glueck - er ist "stolz darauf, dass sie immer noch jede Woche Sex haben." Auweia.

    2 Leserempfehlungen
  2. Wenn Mann und Frau ein Paar sind und schon sehr lange zusammen, dann sollte doch im idealen Fall eine Kommunikation möglich sein.

    Er: Hey Schatz, ich krieg keinen mehr hoch und ich find das voll blöd. Ich würde nämlich gerne einen hochkriegen wollen, weil ich mich dann als Mann einfach besser fühle und ich mich dir gegenüber nicht so minderwertig. Ich will dich befriedigen mit meinem Schwanz und der will nicht mehr so recht... ich möchte diese blaue Pille nehmen, um meine männliche Potenz zu substituieren, was hältst du davon?

    Sie: Häh?!? Ok. So wie ich das sehe, legst du ungeheuren Wert auf deine Potenz. Du glaubst ganz offensichtlich, ich könne deine Männlichkeit nur über einen erigierten Schwanz erkennen.... meine Güte... hättest du mal lieber die vielen Jahre das Holz gehackt und mir ein Feuer gemacht, an dem ich mich räkeln und vor dem du mir meine Füße massieren kannst..

  3. Er: Räusper. Hallo?!?!? Ich dachte, ich soll dich hier begatten, ich war doch so gedacht, als Gatte, meine ich.

    Sie: Ficken find' ich genial. Das hatten wir doch auch schon richtig oft und richtig gut und überall da, wo wir uns richtig gut fanden. Es hat mich dir nahe gebracht, ich fühlte mich dir verbunden und mit dir vereint. Und wir werden es immer wieder haben. Neu. Ähnlich. Anders. Wir verändern uns und damit auch unsere kleine geile Sexualität.

    Er: Schwanz?

    Sie: Tsss... :-)

    Er: Peeeenis?

    Sie: Hhhhhh....

    Er: Schmoll....

    Sie: Fffff....

    Er: .... ( keine real gedachten Gedanken, doch seine Vorstellungen scheifen ab,erheben sich und verlieren sich dorthin, wo er selbst keine einfache Heimat mehr findet. Da nämlich wird er erwachsen)

  4. Ich verstehe nicht, warum Tom seiner Frau nicht vertraut, dass es für sie kein Problem ist. Denkt er, sie wolle ihn nur besänftigen und im Grunde ist es doch ein Problem? Krasse Unterstellung, vor allem noch so langer Zeit.

    Wenn Tom fürchtet seine Potenz zu verlieren, wäre es da nicht sinnvolle zu einem Arzt zu gehen statt das Problem zu vertuschen?

    Es gibt ja auch Sex jenseits von Erektionen und Orgasmen und der kann ebenso wundervoll sein. Das scheint wohl recht wenig verbreitetes Wissen zu sein. Wäre es nicht spannend nach all den Jahren noch eine neue Ebene der Sexualität zu entdecken und das beste aus der Situation zu machen?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Liebeskolumne
  • Schlagworte Wolfgang Schmidbauer | Glaube | Medikament
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service