Die Frage: Tom und Marion sind beide in den Sechzigern und schon lange verheiratet. Vor allem Tom ist stolz darauf, dass sie immer noch jede Woche Sex haben. Auch Marion ist damit sehr zufrieden. Früher gab es manchmal Streit, weil Marion Toms erotische Avancen zu viel waren: »Ich komme nie dazu, die Initiative zu ergreifen, du bist schon immer vor mir da!«

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Jetzt scheint alles gut zu passen – bis Tom bemerkt, dass er manchmal keine Erektion bekommt. Marion behauptet, dass sie das überhaupt nicht stört. Tom tröstet das nicht im Geringsten. Er fürchtet, seine Potenz ganz zu verlieren, und plant, sich ein Medikament verschreiben zu lassen. Er will es Marion aber nicht sagen. Es ist ihm peinlich, sie wissen zu lassen, dass er solche Mittel braucht.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Tom sollte mit Marion reden und gemeinsam mit ihr nach Lösungen suchen. Toms Fantasie passt zu seinem aktionistischen Selbstmissverständnis: Solange alles klappt, ist alles gut. Die Erektion taucht irgendwann im Leben des Mannes auf und verschwindet irgendwann wieder. Meist kommt sie nach dem ersten Verschwinden auch wieder, aber die Angst vor diesem Verschwinden ist problematisch, weil sie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung enthält.

Je unbekümmerter ein Mann Entstehen oder Verschwinden der Erektion geschehen lässt, desto länger wird sie ihn begleiten. Es ist wirksamer und ökonomischer, wenn Tom den Glauben an sich und seine Erektion durch Marion stützen lässt, nicht hinter ihrem Rücken durch eine Pille.