SüdfrankreichAus reinem Interesse

Wie muss gute Seife duften? Eine Reise in die sauberste Ecke der Provence von Annette Zerpner

Die berühmte Savon de Marseille wird in Salon de Provence hergestellt.

Die berühmte Savon de Marseille wird in Salon de Provence hergestellt.   |  © Shadowgate/Flickr

Der hinterste Hof der Festung Emperi eignet sich gut, um einmal über die Nase nachzudenken: Wir wandern zwischen den Beeten des sorgfältig angelegten »Kräutergartens des Nostradamus« umher, zerreiben Lavendelblüten, Eisenkraut und Rosmarinstängel mit den Fingern. Und versuchen uns vorzustellen, wie die Außenwelt beim Riechen molekülweise in den Körper strömt.

Im südfranzösischen Salon-de-Provence lässt man sich gerne von der Nase herumführen. Das Örtchen zwischen Avignon und Marseille ist nicht nur für Kräuter bekannt, hier gibt es auch Blumen, Gemüse – und Seife. Vor allem die Savon de Marseille hat einen geradezu mythischen Ruf. Den wollen wir ergründen. Die Festung Emperi ist ein guter Startpunkt, um sich einen Überblick zu verschaffen. Über die heimischen Kräuter, deren Wirkung schon der Astrologe und Apotheker Michel de Nostredame im 16. Jahrhundert pries – und über die Landschaft: im Westen die Steinsteppe Crau, im Norden die Collines, eine sanfte Hügelkette, die am Horizont zu schroffen Gebirgen anwächst.

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Steinstufen führen von der Burg hinunter in den Ort, vorbei am 400 Jahre alten Uhrenturm, der in einem Fensterchen auch die Mondphasen anzeigt. Ihm gegenüber, auf der anderen Straßenseite, säumen Café-Bars die Place Crousillat. In ihrer Mitte plätschert die pilzförmige, überwucherte fontaine moussue, der »Moosbrunnen«. In der Gegend westlich des mittelalterlichen Stadtkerns herrscht reger Betrieb, Büroangestellte eilen ihrer Wege, auf der Place Morgan ist Wochenmarkt. Dass in diesem Banken- und Geschäftsviertel auffallend viele Straßen »Boulevard« heißen, ist kein Zufall. Im späten 19. Jahrhundert ließen reiche Seifenhändler hier ihre Villen errichten – Häuser mit verschnörkelten, schmiedeeisernen Gittern an Balkonen, die von mythologischen Figuren gestemmt werden. Beim Blick hinter die halb geöffneten Fensterläden eines Hauses ertönt empörtes Fauchen: Einem dicken Tigerkater ist das deutlich zu viel Interesse an seiner Morgentoilette. Wenige Schritte weiter döst eine schwarze Katze auf einem Gartenweg; vor dem nahe gelegenen Friseurladen widmet sich eine weiße der Fellpflege. Katzen brauchen keine Seife, sie lecken sich einfach sauber.

Ein hoher Schornstein weist den Weg zur Savonnerie Marius Fabre – einem der beiden verbliebenen Familienbetriebe in Salon-de-Provence. Bei einer Führung über das Firmengelände erwachen wir aus unseren Seifenträumen: Der Geruch in den Werkstätten ist stumpf und ein bisschen medizinisch. Ein Junge bringt es auf den Punkt: »Hier stinkt’s«, flüstert er seinem Vater zu. Den ersten Raum dürfen Touristen nur besichtigen, wenn die Siedekessel darin gerade nicht in Betrieb sind. Zwar wacht an der Wand eine Statue der »unbefleckten Jungfrau Maria«, der Schutzpatronin der Seifensieder, über das Geschehen. Aber die ist nicht für unvorsichtige Besucher zuständig. Zehn Tage lang köcheln Pflanzenöl und Soda in den Kesseln, bei 120 Grad und unter ständigem Rühren. Zwischendurch wird der Brei immer wieder mit Salz- und Süßwasser gespült, um Unreinheiten zu beseitigen. Erstaunlich, dass auch Seife gewaschen werden muss.

Eine auffallend adrette Dame mit hochgestecktem Haar gesellt sich zu uns, Marie-Hélène Bousquet-Fabre, die Enkelin des Firmengründers. Viele Details über die Seifenproduktion will sie nicht verraten: »Das ist ein über 100 Jahre altes Familiengeheimnis.« Lieber plaudert sie ein wenig über die Geschichte der Seife. Sie erzählt, dass das älteste bekannte Rezept einer seifenähnlichen Paste schon 4500 Jahre alt ist und aus Mesopotamien stammt: Die Sumerer notierten es in Keilschrift auf einer Tontafel. Die Römer rieben sich nur mit Bimsstein ab, die alten Gallier stellten Waschstücke aus Ziegenfett, Asche und Kalk her. Die heutige Seife mit Pflanzenöl verbreitete sich von Italien aus. Im 17. Jahrhundert brachten Seifenmacher aus Venedig ihr Handwerk nach Marseille und ließen sich dort nieder. »Im Jahr 1688 verfasste der Sonnenkönig Ludwig XIV. dann ein Edikt für den neuen Berufsstand«, sagt Madame Bousquet-Fabre, »und schrieb vor, was in die echte Savon de Marseille gehört.« 72 Prozent reines Pflanzenöl – Olivenöl in die grüne Seife, Palmöl in die weiße – und keinerlei tierische Fette. »Daran halten wir uns bis heute und verzichten komplett auf Erdölderivate, Farb- und Konservierungsstoffe.«

Wir gelangen nun in den sogenannten Legeraum, auf dessen Boden flache, rechteckige Tröge stehen. In diese Behälter wird die Seife gekippt, wenn sie nach dem Kochen auf 70 Grad abgekühlt ist; anschließend lässt man sie bei geöffneten Fenstern im Mistral trocken. Mit einer Art Pizzaschneider an einem Besenstiel werden danach große Barren abgeteilt, konfektioniert und per Holzhammer von Hand gestempelt. Im hauseigenen Museum sind etliche Stempel mit Prägemotiven zu sehen – ein Katzenkopf, die heilige Familie, Anker, Bienen, Tannen, Babys oder Giraffen. Hier erfahren wir auch, dass Seife jahrhundertelang bei der Körperpflege kaum eine Rolle spielte. Wer gut riechen wollte, verwendete Öl, parfümierten Puder oder gab einfach Kräuter ins Badewasser. Die Seife hingegen diente vor allem zur Reinigung von Textilien oder als Heilmittel, etwa zur Wunddesinfektion.

Auch heute noch ist nicht jede Savon de Marseille ein reines Schönheitsprodukt. Die flüssige schwarze, die in Kanistern verkauft wird, lässt sich zum Beispiel als Hundeshampoo verwenden, als Poolreiniger und zur Bekämpfung von Ameisen. Eine tolle Allzweckwaffe. Dennoch ist es irritierend, dass diese Seife nicht duftet. Waschen ohne Duft, das ist doch wie Essen ohne Geschmack: Satt wird man schon – mehr aber auch nicht. Etwas unzufrieden treten wir aus der Fabrik.

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