Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Seit ich in diesem verdammten Knochenjob unterwegs bin, heißt es: Der ist ein Vielschreiber. Das kommt dann immer so ein bisschen abfällig rüber. Die Leute, die das sagen, verfassen im Jahr zwei uferlos dahinsimmernde Weltschmerztexte, 20.000 Zeichen, um deren Bearbeitung sich die Redakteure nicht gerade prügeln, dazu vielleicht noch, im Spätsommer, eine Glosse, die man als homöopathisches Mittel gegen Einschlafstörungen verwenden kann.

Ich bin kein Vielschreiber. Ich bin einfach nur fleißig. Auf diese Weise entstehen automatisch viele Texte. Ich schreibe gern, okay, am Morgen, am Abend und in der Nacht, macht mir das zum Vorwurf, wenn ihr wollt. Es fällt mir auch nicht allzu schwer. Vielleicht habe ich Talent. Kann ja sein. Ich schreibe fünf Stunden, und fertig. Ihr schreibt fünf Tage lang, am Ende taugt der Text immer noch nicht viel. Oder ihr schreibt fünf Wochen lang, kriegt in der Zeit zwei Nervenzusammenbrüche und eine Rooibuschtee-Allergie, am Ende steht da tatsächlich ein schöner Text mit persönlichem Touch. Glückwunsch. Ihr habt eure Beeinträchtigung überwunden. Jetzt braucht ihr erst mal eine Kur. Aber riskiert in eurer Rekonvaleszenz bloß keine Lippe gegen Leute, die ihren Job im Griff haben.

Nun erzähle ich euch mal was über einen Vielschreiber. Der Holländer Arnon Grünberg verfasst gute Romane, vielleicht nicht so innovativ wie Haruki Murakami oder J. M. Coetzee, vielleicht nicht so existenziell wie David Vann oder Richard Yates, aber gut und übersetzt in zwanzig Sprachen. Man kann das am Strand lesen, aber es ist kein dummes Zeug, es geht um was.

Grünberg ist 41, mit 23 hat er den ersten Roman geschrieben, seitdem zwölf weitere. Er ist außerdem ein sehr produktiver Journalist und war zweimal als Kriegsreporter im Irak. Es gibt ein Buch mit seinen Reisereportagen und mehrere Bücher mit seinen Essays, einen Gedichtband von Grünberg und eine Novelle. Er verfasst aber auch Drehbücher und Theaterstücke, und zwar in großer Zahl, wie ich einem Grünberg-Porträt entnehme, das sein Freund Daniel Kehlmann verfasst hat. Natürlich ist Grünberg auch als Blogger aktiv. Das ist aber alles noch gar nichts.

Grünberg schreibt Kolumnen für die holländische Zeitung de Volkskrant. Sie stehen auf der ersten Seite. Täglich. Er schreibt seit zwei Jahren täglich eine Kolumne. Während des Frühstücks vermutlich. Ob sie gut ist, kann ich nicht beurteilen, mein Holländisch gibt das nicht her. Aber was Schlechtes habe ich eigentlich nie von Grünberg gelesen, äußerstenfalls war es obere Mittelklasse.

Vor einiger Zeit wollte Grünberg ausprobieren, ob er als unbekannter Nobody noch mal von vorn anfangen könnte, ob seine Bücher auch Erfolge werden, wenn ein anderer Name auf dem Titel steht. Er hat angefangen, als »Marek van der Jagt« weitere Romane und weitere Essaybände zu veröffentlichen, davon gibt es schon vier. Sie waren erfolgreich. Obwohl sein Pseudonym erst nach einer ganzen Weile enttarnt wurde.

Grünberg ist etwa vierzehnmal so produktiv wie ich, das habe ich ausgerechnet. Und? Mache ich ihn runter, weil er mehr draufhat? Nein, ich habe einen Riesenrespekt vor diesem Typen. Vermutlich hat er mehr Talent oder ist fleißiger. Und falls jetzt irgendein Fliegenbeinzähler glaubt, er hätte mich bei was ertappt: Es gibt durchaus bekannte Nobodys, zum Beispiel den Nobody aus dem Film Mein Name ist Nobody, die Fortsetzung heißt Nobody ist der Größte. Oh ja, ich mache mir über jedes Wort Gedanken, dafür habe ich immer genug Zeit.