Weltumsegler Mike HornDes Schöpfers härtester Hund

Der Abenteurer Mike Horn bricht Reiserekorde und kämpft für die Natur. Eben ist er von einer vierjährigen Weltumsegelung zurückgekehrt. von Susann Sitzler

Mike Horn (2.v.l.) und Mitglieder seiner Crew im Oktober 2008 während der Pangaea-Expedition, die von Argentinien über die Antarktis zur Südinsel Neuseelands führte.

Mike Horn (2.v.l.) und Mitglieder seiner Crew im Oktober 2008 während der Pangaea-Expedition, die von Argentinien über die Antarktis zur Südinsel Neuseelands führte.  |  © Martin Bureau/AFP/Getty Images

Mike Horn pfeift aus dem letzten Loch. »Wenn das Leben einfach ist, dann sind eure Ziele nicht groß genug«, krächzt er, dann bricht die Stimme endgültig. »Ich hatte letzte Woche einen kleinen Malariaschub«, hustet er noch zur Erklärung. Das Publikum murmelt verständnisvoll. Mike Horn ist ein ganz harter Hund, das ist spätestens an dieser Stelle jedem der 150 Anwesenden klar. Wir befinden uns im Jachtclub von Monaco. Hier hat Horns Freund Fürst Albert vor gut vier Jahren das Schiff getauft, mit dem Horn gerade alle Kontinente umsegelt hat. Sogar eine Erkältung irgendwie bedeutsam wirken zu lassen, das ist eins der vielen Talente des 46-jährigen Südafrikaners.

Mike Horn hat extreme Dinge getan: Mit einem Hydrospeed, einer Art Körpersurfbrett, schwamm er den gesamten Amazonas hinunter. Er marschierte zwei Jahre lang allein den nördlichen Polarkreis entlang. Im Himalaya bestieg er zwei Achttausender ohne Sauerstoffflasche.

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»Warum tun Sie das?«, fragt der Moderator Horn auf der Pressekonferenz zum Abschluss seiner jüngsten Expedition. Für einen kurzen Moment trägt die Stimme wieder: »Ich bin nicht dafür gemacht, zu Hause zu bleiben.«

Vor Publikum ist Mike Horn ein begnadeter Prediger. Er trägt Ermutigungsfloskeln so vor, dass sie nicht wie Kalendersprüche klingen, sondern wie eigenhändig erlegte Lebensweisheiten: »Vergeudet eure Zeit nicht, indem ihr von den falschen Leuten lernt.« Oder: »Ich wollte nie, dass mein Leben leichter wird. Ich wollte immer, dass ich stärker werde.« Damit erreicht er Menschen, die ihr Leben im Anzug und auf Meetings verbringen. Daimler und andere Konzerne unterstützen den sonnengegerbten Abenteurer. Ihre Vertreter sind nach Monaco gekommen, um ihm die Hand zu schütteln.

YEP New Zealand (May 2009) - dolphins from Pangaea Mike Horn on Vimeo.

Dabei erscheint die jüngste Weltumseglung auf einer eigens dafür gebauten, 35 Meter langen Expeditionsjacht, verglichen mit den früheren Touren, geradezu gemütlich. Mit an Bord waren stets sechs bis acht »young explorers«. Das sind Jugendliche aus allen Teilen der Welt, die Horn für je drei Wochen anheuerte, nachdem sie ein anstrengendes Auswahlcamp durchlaufen hatten.

Die Pangaea-Expedition, benannt nach dem Urkontinent, begann 2008 in Argentinien und führte über die Antarktis zum Fjordland der Südinsel Neuseelands, zu den indonesischen Inselgruppen, nach Indien und zum Gelben Fluss im Altai-Gebirge. Von dort über Sibirien zum Nordpol, zu den Inuit im kanadischen Nunavut, in die Naturreservate der USA. Schließlich ins Amazonasbecken und nach Ostafrika. Dabei säuberten die Jugendlichen entlegene Buchten von angeschwemmtem Plastikmüll, installierten Toiletten in Armenschulen und erhoben Messdaten für Forschungsprojekte. »Die Zukunft liegt in den Händen der jungen Generation«, quetscht Horn heraus, und die Zuschauer klatschen. In einigen Gesichtern glitzern am Ende der Ansprache Tränen.

Später, im Gespräch auf seinem Boot, ist Mike Horns Mottomaschine ausgeschaltet. Mit fiebrigen Augen kauert er auf einer gerundeten Eckbank im Wohnbereich der Pangaea. Mitarbeiter und Gratulanten wuseln um ihn herum, halten aber respektvollen Abstand. Er möchte erklären, welcher Sinn hinter all den Strapazen liegt: »Nicht jeder will dorthin, wo ich hingehe. Aber alle müssen wissen, wie die Erde aussieht, damit der Wunsch entsteht, sie zu schützen. Ich biete meine Augen der Welt.«

Manchmal scheinen sich die Gedanken schneller zu formen, als der gemütliche südafrikanische Akzent sie auszudrücken vermag. Dann verfällt Horn in Stichworte: »Mein Kopf ist mein Haus. Sauber halten. Wie Hausputz. Ich will keinen Müll in meinem Haus. Zweifel raus.« Wenn auch das zu umständlich ist, macht er Comicgeräusche: »Ich glaube, dass ein Schöpfer die Welt gemacht hat. Das kann nicht einfach alles so bumm-tschak-tschak-tschak.« Ausgerechnet dann versteht man ihn am besten.

Innere Ruhe findet Mike Horn, wenn er nach stundenlangen Gewaltmärschen durch Eiswüsten oder Dschungelsümpfe am Ende seiner Kräfte ankommt. Diese Ruhe ist vielleicht sein wahres Ziel. Die Arbeit mit den Jugendlichen war anstrengend für ihn. Er musste sein Tempo drosseln und so viel erklären. »In der Natur ist Wissen die stärkste Waffe.« Er springt auf und stellt eine Pirsch dar: »Wir laufen am Nordpol über eine Eisfläche. Schaut euch das Eis an. Betrachtet die Kristalle. Der Wind kommt aus jener Richtung. Seht ihr diese Eisbärenspur? Es ist die Spur eines Weibchens. Seid vorsichtig. Weibchen sind immer gefährlich.«

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Er sei schon als Kind extrem unruhig gewesen, sagt Horn. Er trieb Leichtathletik, spielte Rugby und hätte gerne als Sportler Karriere gemacht. Aber wegen der Apartheid durfte Südafrika nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen. Also studierte er und wurde Geschäftsmann; auch das fiel ihm offenbar leicht. »Dann wachte ich eines Morgens auf und war zu Tode gelangweilt.«

Mit 24 verschenkte er seinen Besitz und kaufte sich ein Flugticket in die Schweiz. Die war eines der wenigen Länder, die Südafrika nicht boykottierten. Dort lernte er Skifahren und Riverrafting und schlug sich als Adventure-Guide durch. Dabei lernte er die neuseeländische Rucksacktouristin Cathy kennen. Sie blieb bei ihm und wurde seine Frau.

1993 kam die erste Tochter zur Welt, ein Jahr später die zweite. Im selben Jahr bretterte Mike Horn aus 4800 Meter Höhe den Montblanc-Gletscher hinunter. Wenig später stürzte er sich in Costa Rica einen 22 Meter hohen Wasserfall hinab, um einen Weltrekord zu brechen. Wie gefiel es seiner Frau, mit zwei Kleinkindern in der Schweiz zu sitzen, während ihr Mann durch die Wildnis trieb und sie seinen Aufenthaltsort nur mittels GPS nachverfolgen konnte? Mike Horn hebt die Schultern. »Sie unterstützt mich. Sie organisiert die Projekte.«

2007 wanderte die Familie zusammen zum Nordpol, und die Töchter gelten seither als die jüngsten Menschen, die jemals auf Skiern dorthin gelangten. Nach seiner Rückkehr mit der Pangaea dankt Horn ihnen öffentlich dafür, »dass ich so lange mit anderen Jugendlichen weg sein durfte«. Zurück an Land, gehöre seine Zeit nun wieder ausschließlich seiner Familie. Doch die Vorhersehbarkeit der Menschen langweilt ihn. Sobald es zu Hause alltäglich wird, bricht er wieder auf. Das sei meist nach etwa vier Wochen der Fall.

Auf der Pressekonferenz in Monaco fragt ihn der Moderator scherzhaft, ob er Lust hätte, den Mars zu sehen. Im Moment seien ihm die vier Jahre Hinreise noch etwas zu lang, antwortet Mike Horn. Aber das könne sich ändern. Dann sei er gern dabei. Er hat die Frage ernst genommen. Die Welt ist ihm nicht genug.

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Leserkommentare
  1. ich bin tatsächlich zwiegespalten. Soll ich diesen "Irren" jetzt bewundern oder ihn für völlig verwirrt halten?

    Bewundernswert, wie er bis an seine Grenzen geht ( wird ihm als 80 jähriger wohl schwerer fallen ) und andererseits, was mag ihn wirklich antreiben ( so ganz tief innen drin )

    Und sich von einem erzählen zu lassen, wie toll und schön die Welt ist ... ob sich da was ändert. Und andererseits millionen mal besser als alles, was auf der politischen Bühne so rumrennt und "die Welt retten" will.

    Alos doch den Hut ziehen ????

  2. Vielleicht liegt manchmal der größte Nutzen in der Eroberung des Nutzlosen

    • evalena
    • 17. Januar 2013 23:16 Uhr

    ..man muss das gar nicht irre oder supergeil finden. Für den größten Teil der Menschheit wär es nicht machbar. Aber hier macht einer definitiv das, was er sich rausgesucht hat , allein deshalb ist er ein Held. Du kannst aber auch ein Held sein, wenn du daheim auf deiner Scholle sitzenbleibst und Radieschen und Karotten ziehst und das zufällig genau das ist, was du mit deinem Leben machen willst.
    Mir fällt jedenfalls dazu der erste Satz in "David Copperfield" von Ch. Dickens ein: "Ob ich der Held meines eigenen Lebens sein werde oder ob jemand anders diese Stelle einnehmen wird, sollen diese Seiten zeigen..."

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