Uni-KarriereDie Idealistenfalle

Wer nach der Promotion an der Uni bleibt, muss mit Unsicherheit und wenig Geld leben. von 

Wäre Benjamin Lahusen kein Idealist, dann würde er dieses Leben nicht führen. Dann würde er vielleicht in einem besseren Viertel wohnen, am Wochenende nicht mehr arbeiten und mehr Zeit mit seinem Sohn verbringen. Lahusen aber ist Idealist und hat sich dafür entschieden, sein Leben der Wissenschaft zu widmen. Deshalb fährt er zu Archiven in Frankreich, Tschechien, Litauen und Polen und untersucht, wie sich die gesellschaftlichen Umbrüche am Ende des Zweiten Weltkrieges in Zivilprozessen widerspiegeln. Anhand der Gerichtsakten aus dieser Zeit erforscht er die Mentalität der Menschen, ihr Bewusstsein für Recht und Unrecht.

Lahusen ist Jurist, er hat sich auf Rechtsgeschichte spezialisiert. Vor 13 Jahren begann er Jura zu studieren, machte das erste und das zweite Staatsexamen, promovierte und habilitiert nun an der Uni Rostock, zu der er an zwei bis drei Tagen in der Woche von Berlin aus pendelt. Dort hat der 33-Jährige nur eine halbe Doktorandenstelle – und das, obwohl er habilitiert. Doch mehr Zeit für die Lehre könnte Lahusen ohnehin nicht aufbringen, denn er will forschen und publizieren. Nur so erhöht er seine Chance, einmal fest an einer Universität unterzukommen.

Anzeige

Für die Uni Rostock bereitet Lahusen Vorlesungen vor, konzipiert und kontrolliert Klausuren und berät Studenten, zu 20 Stunden in der Woche ist er vertraglich verpflichtet. Der Professor, für den er arbeitet, hält sich auch an diese Grenze und beansprucht ihn nicht darüber hinaus. 30 Stunden forscht Lahusen zusätzlich für sich. Das macht rund 50 Stunden Arbeit jede Woche, auch am Wochenende setzt er sich an den Schreibtisch. Arbeit und Privates, Rechtsgeschichte und Freizeit verschmelzen in seinem Leben miteinander. Aber trotz der vielen Arbeit, trotz der langen Ausbildung und eines Aufenthalts an der Columbia University, einer amerikanischen Elite-Hochschule, erhält er nur 1243 Euro netto im Monat. Juristen in seinem Alter, die in einer Kanzlei arbeiten, verdienen etwa viermal so viel. Lahusen kann nicht glauben, wie wenig Doktoranden und Wissenschaftler, die nach ihrer Promotion an der Uni bleiben (»Postdocs«), im Land der Dichter und Denker gefördert werden. »Das Gehalt, das ich an der Uni erhalte, reicht kaum zum Leben«, sagt er. Unerhört finde er das.

Lahusen lebt mit seiner Frau, einer freischaffenden Designerin, in einer Neuköllner Genossenschaftswohnung. Er hat ein altes Auto, und wenn es kaputtgeht, dann will er sich auch kein neues kaufen. Sein Leben ist eher studentisch geprägt. »Man kann nur heillos idealistisch sein, sonst würde das nicht funktionieren«, sagt er. Das Geld zum Forschen hat er selbst bei der Daimler-Benz-Stiftung eingeworben: 40.000 Euro erhält er innerhalb von zwei Jahren plus einem Jahr Elternzeit. Das Stipendium wird von der Uni verwaltet. Lahusen darf es nur zweckgebunden verwenden, zum Beispiel für Recherchereisen, Büromaterial oder um Hilfswissenschaftler zu beschäftigen. »Die Uni tut so, als ginge sie meine Forschung nichts an, dabei kümmere ich mich um Drittmittel, mit denen sich die Hochschule schmücken kann. Ich forsche für die Uni, schreibe meine Habilitation dort.« Dennoch – Lahusen ist dankbar für die Stelle, die er hat, und zufrieden mit dem Leben, das er führt. Für seine halbe Stelle, sagt Lahusen, arbeite er tatsächlich auch nur 20 Stunden für die Lehre. »Den eigenen Idealen zu dienen ist ja auch eine schöne Sache«, sagt er.

Er ist nicht der Einzige, der bereit ist, auf ein hohes Gehalt zu verzichten, damit er tun kann, was ihn interessiert. Und nicht nur bei ihm scheint auf diesen Idealismus auch gebaut zu werden. Eine Studie der Universität Jena von 2011 ergab, dass dort 87 Prozent aller Postdocs in befristeten Verträgen angestellt sind. Frauen hatten im Gegensatz zu Männern noch kürzere Verträge und arbeiteten häufiger in Teilzeit. Postdocs können weder ihre Karriere noch ihre Aufstiegsmöglichkeiten an der Hochschule planen. 85 Prozent gaben an, trotzdem in der Wissenschaft bleiben zu wollen. Mehr als die Hälfte der Befragten fühlten sich allerdings auch nicht für eine Tätigkeit außerhalb des akademischen Bereichs qualifiziert.

Zu der schwierigen finanziellen Lage der Nachwuchswissenschaftler kommt demnach die Unsicherheit, die durch Teilzeitverträge begründet wird, die oft nur auf ein bis zwei Jahre angelegt sind. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz erlaubt Hochschulen seit mehr als fünf Jahren, Wissenschaftler sechs Jahre vor und sechs Jahre nach ihrer Promotion befristet anzustellen, Mediziner sogar neun Jahre. Auf diese Weise können Hochschulen Wissenschaftler einfach wieder loswerden – selbst wenn diese mitten in der Forschungphase stecken.

Leserkommentare
  1. schon als ich damals studierte (bereich chemie) fing es an,das Assistenten Postdoc-Stellen unfreiwillig annahmen,weil es sehr lange dauerte,bis sie eine Stelle fanden,oftmals bedingt durch eine geringe Mobilität.

    Auch heute noch kenne ich viele Postdocs,die in Instituten seit Jahren arbeiten,und in online-Jobportalen nach neuen Herausforderungen suchen.

    Diesen Leuten jetzt höhere Gehälter anzudingen wäre Verschwednung ersten Ranges.

    Sinn des Postdocs war früher einmal,im Ausland nochmal ein Jahr andere Luft zu schnuppern.
    Heute klebt man an seiner alten Uni Jahrelang.
    Und dafür jetzt noch mehr Geld zahlen?

    Sinnvoller wäre,die Postdoc-Stellen zeitlich zu begrenzen,so daß die Absolventen zügig mobil werden und in Arbeit vermittelt werden.

    Und wenn die oben zitierte "JObwelt" für diese Kandidaten eben nichts ist,das ist wohl das Sozialamt zuständig,nicht aber die Universität.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • 7x7-7
    • 03. April 2013 22:22 Uhr

    Ich kann Sie beruhigen – mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz sind nun neben dem Rest der Welt auch fast alle aktiven Wissenschaftler in Deutschland mit Verfallsdatum versehen. Wahrscheinlich haben Sie aber keine Ahnung von Wissenschaft und davon wie man Wissen schafft. Sonst wüssten Sie nämlich, dass die Erschaffung von neuem Wissen mitunter und je nach Profession auch mal viele Jahre dauern kann.

    Ich wünsche Ihnen trotzdem eine
    Gute Nacht .

    Wenn oftmals wissenschaftliche Mitarbeiter an ihrer Forschungseinrichtung "kleben", so kann man das keineswegs ausschließlich mangelnder Flexibilität und Mobilität zuschreiben, sondern leider nur allzuoft einer verfehlten Personalpolitik, bei der die Interessen und das Entwicklungspotential der Wissenschaftler zu wenig Berücksichtigung finden. Dann wird nur allzuleicht aus dem Karriereweg eine Sackgasse. Da Wissenschaftler oft hoch spezialisiert sind und hohe Ansprüche an ihre Tätigkeit stellen, ist es kein Wunder, dass Leute da oft lange nach einer passenden Alternative suchen.

    Zur Bezahlung: Obwohl die Vergütung wissenschaftlicher Mitarbeiter in Deutschland besser ist als anderswo, bin ich der Meinung, sie ist im Vergleich zu geringer qualifizierten Akademikern zu niedrig und daher eher ein Mobilitätshindernis als mobilitätsfördernd. Wer mehr in der Tasche und auf dem Konto hat, geht auch leichter das Risiko ein, woanders sein Glück zu versuchen. Und jetzt ist es ja auch noch so, dass man beim Wechsel der Forschungseinrichtung fast regulär mit Gehaltseinbußen rechnen muss...kein Wunder, dass die Leute da an ihrer Einrichtung kleben.

  2. Zusätzlich wurde die Situation durch befristete Verträge erschwert. Wer will bei diesen Bedingungen noch an dee Uni bleiben?

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ein Studiekollege von mir hatte vom Studienabschluss über Promotion (4 Jahre), Postdoc1 (1Jahr), Postdoc2 (3,5 Jahre im Ausland), Nachwuchsgruppenleiter (6 Jahre) bis zu seiner Berufung zum Professor insgesamt 17 befristete Arbeitsverhältnisse im In- und Ausland sowie ein Auslandsstipendium durchlaufen. Er ist der Meinung, dass dieses System absolut gerechtfertigt ist, da (i) die Arbeit in der universitären Forschung eine extrem selbstbestimmte Arbeit und damit außerordentlich befriedigend und privilegiert sei, (ii) das Gehalt als Postdoc heute mit ca. 50.000 € p.a. durchaus nicht ärmlich sei und (iii)eine Befristung in der frühen und mittleren Phase der Wissenschaftlerlaufbahn unverzichtbar sei, da die begrenzte Zahl dieser Stellen als Qualifizierungsstellen und nicht als Dauerstellen benötigt werden.

    ...wollen an der Uni bleiben um zu forschen, nur eben nicht an einer deutschen. Gerade Naturwissenschaftler finden fast ohne Mühe gut bezahlte Stellen, wenn sie sich global umschauen. In diesem Sektor hat das Problem nicht der Wissenschaftler, sondern Deutschland. Der Brain Drain ist eigentlich eher ein Brain Push, bei dem Deutschland alles menschenmögliche macht, um Wissenschaftlern hier ihre Arbeit zu vermiesen.

  3. "Benjamin Lahusen hat für das Wissenschaftszeitvertragsgesetz nur »kalte Verachtung« übrig. »Es ist skandalös, die Leute hängenzulassen, wenn sie mitten in ihrer Forschung sind«,"

    Als Jurist müsste Lahusen aber eigentlich die Kommentare des Wissenschaftsministeriums zur Handhabung der Regel kennen. (http://www.bmbf.de/de/7702.php, Punkt 30 auf der Liste). Auch wenn das vielleicht noch nicht jede Hochschulverwaltung verstanden hat, muss kein Postdoc mitten in der Forschung aufhören. Drittmittel für sich sollte er ja ein werben können. Auch von der Zeit kann man an dieser Stelle erwarten genau zu recherchieren.

  4. Ein Studiekollege von mir hatte vom Studienabschluss über Promotion (4 Jahre), Postdoc1 (1Jahr), Postdoc2 (3,5 Jahre im Ausland), Nachwuchsgruppenleiter (6 Jahre) bis zu seiner Berufung zum Professor insgesamt 17 befristete Arbeitsverhältnisse im In- und Ausland sowie ein Auslandsstipendium durchlaufen. Er ist der Meinung, dass dieses System absolut gerechtfertigt ist, da (i) die Arbeit in der universitären Forschung eine extrem selbstbestimmte Arbeit und damit außerordentlich befriedigend und privilegiert sei, (ii) das Gehalt als Postdoc heute mit ca. 50.000 € p.a. durchaus nicht ärmlich sei und (iii)eine Befristung in der frühen und mittleren Phase der Wissenschaftlerlaufbahn unverzichtbar sei, da die begrenzte Zahl dieser Stellen als Qualifizierungsstellen und nicht als Dauerstellen benötigt werden.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    50.000 Euro per anno? Als Postdoc? Ich kenne nur Stellen, die max. 1.500 Euro brutto im Monat bringen, gerne auch weniger. 50.000 Euro verdient Ihr Studienkollege möglicherweise jetzt als Prof.

    Bitte hier keinen weiteren Märchen bzgl. der Vergütung des wissenschaftlichen Personals in Deutschland.

    Was das Gehalt angeht, würde ich Ihrem Bekannten zustimmen - mit 50K€ lässt sich leben (werden in der Informatik durchaus auch gezahlt). Und auch wenn anderswo mehr bezahlt wird, hat das Universitätsleben Vorteile, die den Einkommensverzicht rechtfertigen.

    Nicht zustimmen kann ich jedoch bei der Notwendigkeit der Befristung, gerade im mittleren Bereich der (potentiellen) akademischen Karriere (für die Promotion ist ein Befristung vertretbar, wenn es auch wünschenswert wäre, dass das nicht immer mehr Kleinstverträge gestückelt würden). Hier führt das deutsche System (ohne Tenure Track) m.E. zu einem viel zu großem Risiko bei zu spätem Ausscheiden bei Nicht-Erlangung einer Professur.

    Insgesamt hat das akademische System im Moment ziemliche Schlagseite zu Lasten der Postdocs (Doktorandenstellen gibt es ja durch Exzellenzinitiative & Co. noch in einigermaßem akzeptablen Maße). Das äußert sich auch im Fehlen von ausreichend vielen Lecturer-Positionen, die sich um die Betreuung von Grundlagenvorlesungen (die gerade wieder schnell mal 500 bis 600 Studenten besuchen) kümmern würden.

    ... ein hochbezahlter Wissenschaftler. Das sind doch alles Märchen. Mein Fachbereich: angewandte Physik. 50000 p.a. sind utopische. Hier handelt es sich um einen Einzelfall.

    Viele meiner Kollegen, Freunde empfinden die derzeitige Situation als unbefriedigend. Was für Menschen halten 17 befristete Arbeitsverhältnisse für gerechtfertigt, um eine permanente Anstellung in der Forschung zu erhalten?

    Viele junge Wissenschaftler WOLLEN forschen. Sie wollen aber auch eine Familie und etwas Sicherheit. Insbesondere Frauen legen Wert darauf. Das ist nachvollziehbar, denn sie können es sich schließlich nicht nach Geburt des Nachwuchses leisten, es sich doch nochmal anders zu überlegen.

    Das derzeitige System an deutschen Unis fördert eine männerdominierte Umgebung, die zu hohen Anteilen aus narzisstischen und chauvinistischen Elementen besteht. Wenn man dann noch die mangelhafte Sozialkompetenz in Betracht zieht, ist es kein Wunder, dass diese Leute die Plätze an den Unis auffüllen und es nicht in die Wirtschaft schaffen.

    Die schädigt den Ruf der deutschen Forschung und unsere Volkswirtschaft.

  5. 5. Ne, ne

    50.000 Euro per anno? Als Postdoc? Ich kenne nur Stellen, die max. 1.500 Euro brutto im Monat bringen, gerne auch weniger. 50.000 Euro verdient Ihr Studienkollege möglicherweise jetzt als Prof.

    Bitte hier keinen weiteren Märchen bzgl. der Vergütung des wissenschaftlichen Personals in Deutschland.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    In seinem Fachbereich (Naturwissenschaften) werden Postdocs nach TVL (früher BAT-IIa) bezahlt. Sie können das gerne in den Tabellen nachschauen, das sind ca. 50.000 € p.a. (Verheiratet mit Kindern). In anderen Fachbereichen mag es anders aussehen.

    aber der wirds Wissen, denn dann würden PostDocs besser bezahlt werden als W2 Profs. kann ich mir in D nicht vorstellen.

    @Thema
    Hier in Canada sagt man wer nach einem postdoc keine Prof. bekommt sollte sich nach etwas Ausseruniversitärem um sehen.
    Das Problem in D ist doch die Inflation an Promotionen , natürlich gewollt da es die Preise drückt.
    Würde eh jedem Mann empfehlen, wenn er schon in D promovieren will sich gleich in Richtung Wirtschaft zu orientieren, denn ein Kollege sagte in den nächsten 10 Jahren werden an seiner HS nur noch Frauen auf Professuren berufen, und wenn sich keine bewirbt, wird solange ausgeschrieben bis sie eine finden. D das Land der Dichter und Denker ein Wintermärchen.

  6. In seinem Fachbereich (Naturwissenschaften) werden Postdocs nach TVL (früher BAT-IIa) bezahlt. Sie können das gerne in den Tabellen nachschauen, das sind ca. 50.000 € p.a. (Verheiratet mit Kindern). In anderen Fachbereichen mag es anders aussehen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ne, ne"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Danke, kenne ich zu Genüge. Ich weiß auch, was das 50% in Klammern hinter TV-L 13 bedeutet.

  7. Danke, kenne ich zu Genüge. Ich weiß auch, was das 50% in Klammern hinter TV-L 13 bedeutet.

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Postdoc-Gehalt"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das bedeutet "halbe Stelle". In den Naturwissenschaften bekommen das in der Regel die Doktoranden. Die Postdocs haben ganze Stellen (außer den Losern natürlich, die es überall gibt).

    ...gab es zB an unserem Institut ausschliesslich volle Stellen für Doktoranden. Und auch die Verträge wurden immer über die gesamte Projektlaufzeit gemacht. Und etwa 48k€/Jahr brutto sind da auf jeden Fall erreichbar, mehr ginge dann nur als PostDoc. Dass es auch viele halbe Stellen gibt ist richtig, aber das muss man den Instituten direkt vorwerfen. Es wäre ja auch ein Leichtes, das Stellensplitting zu verbieten.

  8. Ja, wenn es einem ums Geld geht, warum lernt man denn nicht einen Beruf der marktverträglich ist? ZB Handwerker oder Ingenieur.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen und Herabwürdigungen. Danke, die Redaktion/fk.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service