Boom einer Provinzstadt: Berlin, New York, Neubrandenburg
Für Alexander Osang gehört diese Stadt zu den wichtigsten Stationen seines Lebens: In Neubrandenburg ist er erwachsen geworden. Ein Gespräch mit dem Reporter und Schriftsteller über das Verlierer-Image des Ortes.
DIE ZEIT: Herr Osang, in Ihren Romanen präsentieren Sie Neubrandenburg als alte, öde Industriestadt. Warum kommt der Ort bei Ihnen so schlecht weg?
Alexander Osang: Die Stadt war für mich immer ein Symbol dafür, dass der Ernst des Lebens beginnt. Ich war in Prenzlauer Berg aufgewachsen, und plötzlich musste ich in diese charakterlose Neubaustadt in der vorpommerschen Einöde. So hab ich das damals empfunden.
ZEIT: Sie sind als Jugendlicher nach Neubrandenburg gekommen.
Osang: Ich war 16, als ich da hinzog. In dem Alter ist man nicht besonders objektiv. Für mich war Neubrandenburg fremd, hässlich und künstlich. Ich habe drei Jahre lang da gelebt. Jeden Sonntagabend, wenn ich vom Berlin-Wochenende zurückkehrte, habe ich gehofft, dass mein Internat in Flammen steht.
ZEIT: Was hat Sie überhaupt in diese Stadt verschlagen?
Osang: Ich habe dort eine Lehrausbildung gemacht. Als Instandhaltungsmechaniker für Pumpen beim VEB Wasserwirtschaft und Abwasserbehandlung. Meine Eltern fuhren mich zwei Stunden nach Norden und setzten mich in einem Neubaugebiet ab, hinter dem sich Kartoffelacker bis zum Horizont ausdehnten. Eine Art Hänsel-und-Gretel-Geschichte. Ich hab geheult, als sie wieder wegfuhren.
ZEIT: Und wie sind Sie mit den Menschen klargekommen, die da lebten?
Osang: So viel Kontakt mit Einheimischen hatte ich gar nicht. Die Lehrlinge und die meisten unserer Lehrer kamen wie ich aus anderen Landesteilen. Neubrandenburg war ja ursprünglich nicht mehr als ein Dorf, das sehr schnell zu einer Bezirksstadt ausgebaut und mit Zugezogenen aufgefüllt wurde. Das meiste Lokalkolorit hatten meine Einsätze auf den Entstörfahrzeugen der Wasserbetriebe, mit denen wir Havarien beheben sollten. Die Kollegen redeten nicht viel, tranken aber gern. Im Winter parkten sie ihren Laster oft in einem schlecht einsehbaren Waldstück, um dort den ganzen Tag Skat zu spielen und Schnaps zu trinken. Ihr Lieblingsschnaps war »Timm’s Saurer«. Freitag früh kauften wir ihnen eine Flasche, damit sie uns früher nach Hause ließen.
ZEIT: Warum haben Sie überhaupt ausgerechnet im so weit entfernten Neubrandenburg eine Ausbildung begonnen?
Osang: Ich kam aus einem katholischen Elternhaus, ich war Ministrant und bekam damals keine Delegierung für die erweiterte Oberschule, wo man zu DDR-Zeiten Abitur machte. Es gab aber den Weg einer Berufsausbildung mit Abitur. Mein Eltern hatte aus irgendeinem Grund die Idee, dass Umweltschutz eine gute Aufgabe für mich sein könnte. Es gab da ein Umweltschutzstudium, zu dem man durch eine Ausbildung bei der Wasserwirtschaft delegiert werden konnte. Und in Neubrandenburg gab’s die einzige Berufsschule für Wasserwirtschaft. Ich hatte keine anderen Vorschläge, und so bin ich da gelandet.
ZEIT: Und was genau haben Sie bei der Wasserwirtschaft gemacht?
Von Alexander Osang erschienen zuletzt die Bücher Königstorkinder und Wo warst Du? Ein Septembertag in New York. Seine Zeit in Neubrandenburg verarbeitet der Autor unter anderem in Die Nachrichten; S. Fischer, Frankfurt a. M. 2000; 448 S., 19,90 €
Osang: Ich hab die Berufsausbildung absolviert, Abitur gemacht und in den Heimatpraktika gelernt, was es bedeuten würde, mein Leben bei der DDR-Wasserwirtschaft zu verbringen. Ich habe Filter in mittelalterlich wirkenden Abwasserpumpstationen in Berlin-Weißensee gereinigt. Wenn ich nach Hause kam, hielt sich meine Schwester die Nase zu, weil ich so gestunken habe.
ZEIT: Und wie hat sich Neubrandenburg seither verändert? Wie fühlt sich das an, wenn Sie heute die Stadt besuchen?
Osang: Ich bin da natürlich nicht oft genug, um das einschätzen zu können, aber das Plattenbaugebiet, in dem ich früher gewohnt habe, sieht immer noch ziemlich trostlos aus. Und meine Berufsschule ist verlassen. Bei meinen letzten Besuchen hatte ich nicht den Eindruck, dass die Stadt jetzt zu einer Boomtown wird.
ZEIT: Es gibt Wirtschaftswissenschaftler, die das Gegenteil behaupten: Neubrandenburg hat das zweithöchste Bruttosozialprodukt pro Einwohner in ganz Ostdeutschland, wird nur von Jena geschlagen. Freut Sie das?
Osang: Na klar – ich bin immer froh, wenn ich gute Nachrichten aus dem Osten lese. Und für Neubrandenburg freue ich mich noch mal besonders. Ich mag die Stadt, auch wenn es nicht immer so klingt.
ZEIT: Warum lässt Neubrandenburg Sie bis heute nicht los?
Osang: Weil ich dort erwachsen geworden bin; ich hatte da meine erste Freundin, habe dort die Fahrerlaubnis gemacht. Solche Sachen. Neubrandenburg gehört zu den vier wichtigsten Städten meines Lebens – neben Berlin, Leipzig und New York. Klingt seltsam, aber so ist es. Von Neubrandenburg aus bin ich sozusagen in die Welt aufgebrochen. Die Stadt ist so was wie ein Maßstab für mich.
ZEIT: Wie finden denn die Neubrandenburger Ihre Bücher?
Osang: Na ja, ich bin ihnen gegenüber wahrscheinlich wahnsinnig ungerecht. Einige Leute denken sicher: »Der Arsch aus Berlin arbeitet sich an Neubrandenburg ab.« In Städten wie Neubrandenburg oder Eisenhüttenstadt oder auch Hoyerswerda ist man verständlicherweise dünnhäutig, weil sie in den Medien gern als typische sozialistische, seelenlose Reißbrettstädte vorgeführt werden.
ZEIT: Eines Ihrer Lebensthemen ist die Frage, ob es eine Chance gibt, aus dem eigenen Leben zu entfliehen. Hat Neubrandenburg diese Chance? Könnte diese Stadt ihr altes Image – ein DDR-Industrienest zu sein – ablegen?
Osang: Ich glaube nicht, dass Städte Wünsche haben. Und ich glaube auch nicht, dass Neubrandenburg ein Image hat, das man unbedingt loswerden muss. Die meisten Deutschen halten es doch für einen Stadtteil von Brandenburg. Für die Medien ist die Stadt immer nur ein Beispiel. Gestern für die seelenlose Provinz, heute für den boomenden Osten und morgen für wieder etwas anderes. Die Neubrandenburger haben den Tollensesee. Der ist ja auch schön.
ZEIT: Warum haben Sie eigentlich doch nicht Umweltschutz studiert?
Osang: Ich hatte einen Physiklehrer, der mir sagte: »Wenn du dich nicht für Naturwissenschaften interessierst, studiere das bitte nicht. Sonst quälst du dich fürs Leben.« Guter Ratschlag, guter Lehrer. Er hieß Herr Reißner, und ich werde ihm ewig dankbar sein. Ein Neubrandenburger übrigens. Ich habe mich dann für ein Journalismusstudium beworben und irgendwann gemerkt, dass ich in Neubrandenburg Dinge gelernt habe, die mir als Reporter heute noch nützlich sind.
ZEIT: Dass Sie wissen, wie man einen Rohrbruch behebt?
Osang: Nein, wie man sich in verschiedenen sozialen Milieus bewegt. Ein guter Reporter sollte in der Umgebung, in der er recherchiert, verloren gehen oder wenigstens nicht auffallen. Ich habe in Neubrandenburg gelernt, wie man unsichtbar wird. Dafür bin ich der Stadt bis heute dankbar.





"charakterlose Neubaustadt in der vorpommerschen Einöde"...
Charakterlos vielleicht. Aber Vorpommern nicht. Mecklenburg schon eher....
Ich war in der Schule und sicher auch im Internat in Neubrandenburg nebenan bei der Post. Die WAP Schule ist fast eine Ruine, aber die Post/Telekom existiert noch und wurde renoviert, wie ich beim Klassentreffen vor 3 Jahren sah.
Ich finde mich in den Aussagen so wieder das es schon unwirklich erscheint. 1999 bin ich auch in die USA ausgewandert, jedoch etwas mehr suedlich nach Houston,TX. Also Steinach, Neubrandenburg, Houston bei mir. Ich habe die letzten 4 Jahre beim Stern unter "American Venture" ueber meine Amerikanisierung gebloggt, aber selbst die Blogs fielen der Neuordnung nach dem AUS der FTD zum Opfer. Was im Interview fehlt ist das unsaeglich schlechte Essen im BAZ ... Herr Osang weiss sicher wovon ich rede...
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