NeubrandenburgKaff der guten Hoffnung

Neubrandenburg gilt nicht gerade als Schönheit – hat aber das zweitgrößte Bruttoinlandsprodukt aller Ost-Städte. Warum nur? von Torsten Hampel

Er weiß es doch selbst nicht. Sitzt trotzdem da und grübelt, sucht Antworten, findet welche – aber keine einzige davon stellt ihn zufrieden. Ist ja auch eine komplizierte Sache, die Wirtschaft, abhängig von allerlei, auf das er keinen Einfluss und von dem er keine Ahnung hat. Ja, genau, nicht einmal er, der Bürgermeister. Als ihm fürs Erste die Antworten ausgehen, findet er ein paar Sprechblasen.

»Wir haben eine geostrategisch interessante Lage«, sagt Paul Krüger (CDU). Er sagt: »Wir sind der größte Landkreis der Bundesrepublik.« Er sagt: »Doppelt so groß wie das Saarland.« Und: »Wir sind das einzige Oberzentrum zwischen Berlin und der Ostseeküste.«

Anzeige

Paul Krüger, 62 Jahre alt und Oberbürgermeister der Stadt Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern, sagt solche Sätze oft. Er hält sie auf Vorrat und hat sie parat, wenn jemand nach Besonderheiten seiner Heimat fragt. Es sind Bürgermeister-Superlative. Manches mögen sie erklären. Jetzt aber geht es um ein kleines Wirtschaftswunder. Und das erklären sie nicht.

Neubrandenburg, das muss man wissen, ist so etwas wie eine Boomtown. Ausgerechnet dieser Ort, der nicht gerade im Ruf steht, eine Schönheit zu sein; dem eher ein Verlierer-Image anhaftet, hat – im Verhältnis zur Einwohnerzahl – das zweithöchste Bruttoinlandsprodukt (BIP) der neuen Länder. Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat errechnet, dass das BIP pro Kopf, eine Kerngröße für die Einschätzung der Wirtschaftskraft, in Neubrandenburg bei 33.000 Euro liegt. Dass nur der Hochtechnologie-Standort Jena noch ein bisschen besser aufgestellt ist: mit 34.200 Euro. Dass Neubrandenburg sogar Potsdam und Dresden schlägt. Bloß: Von Potsdam, Dresden, Jena ist man gute Nachrichten gewöhnt. Von Neubrandenburg aber erwartet man sie nicht. Gar nicht.

Verloren liegt diese Stadt im Nordosten der Bundesrepublik. Sie erfuhr wohl zum letzten Mal größere Aufmerksamkeit, als die Läuferin Katrin Krabbe noch durch Leichtathletikstadien rannte. Krabbe, eine Neubrandenburgerin, war Weltsportlerin des Jahres 1991. Auch dass der Ort sich »Vier-Tore-Stadt« nennt – hat man vielleicht schon mal gehört. Mehr aber nicht. Wer einmal nach Neubrandenburg fuhr, wer durch eines der vier mächtigen Backsteintore in der Stadtmauer schritt und sich in diesem Ring aus DDR-Großsiedlungen wiederfand – der kann wohl bestätigen, dass diese Stadt keine Perle ist. Wer dann aber mit den Menschen hier gesprochen hat, wird wissen, dass sie mit der Hässlichkeit der eigenen Stadt sehr selbstbewusst umgehen. Man hat hier gute Gründe, stolz zu sein. Neubrandenburg geht es gut. Wie hat der Ort das nur geschafft?

Zurück zu dem Mann, der wohl seinen Anteil daran hat. Er sitzt noch in seinem Büro, im dritten Stock des Rathauses. Und er ist der lebende Beweis: dass Lokalpolitik sehr wohl einen Einfluss haben kann auf den wirtschaftlichen Zustand einer Stadt.

Bürgermeister Krüger und seine Leute verzichteten für ihren Erfolg auf Fantastereien. Stattdessen setzten sie auf jene Betriebe, die sie in ihrer Stadt bereits vorfanden. Paul Krüger ist seit 2001 Rathauschef, davor war er Dreher, dann Ingenieur, dann Abgeordneter in der ersten und letzten frei gewählten DDR-Volkskammer. Anschließend zog er in den Bundestag ein. Von 1993 bis 1994 war er Forschungsminister in der Regierung Helmut Kohls. Er brachte es weit.

Krüger sitzt mit seinem Wirtschaftsabteilungsleiter am Besprechungstisch und soll den Erfolg erklären. Er holt dafür ein bisschen aus. 1960 lebten hier 30.000 Menschen, 1990 dann schon 90.000, dann kam der große Bruch. Heute sind es noch 65.000 Einwohner. Die Wirtschaft sei »total zusammengekracht« in den Wendejahren, sagt Krüger, und dann verrät er seine Strategie. »Wir haben hier immer Wert auf Bestandsentwicklung gelegt«, sagt er. »Gestützt auf Kompetenzfelder, die schon da waren.« Man könnte es auch einfacher sagen: Man setzte auf Bewährtes.

Kompetenzfelder, die schon da waren, sind die Maschinenbaubranche und Zulieferbetriebe der Autoindustrie. Das – andernorts verscherbelte oder weggeworfene – Erbe der DDR ist hier das große Pfund. Es klingt ja erst wie eine Selbstverständlichkeit, wenn Politiker sagen, sich um jene Betriebe zu kümmern, die es bereits gab. So selbstverständlich ist das aber nicht.

Ostdeutschland war bislang eher bekannt für staatlich geförderte Großansiedlungsvorhaben; für aus dem Boden gestampfte Industrien. Man wollte Zeppeline bauen im Kreis Dahme-Spreewald oder die Formel1 in die Lausitz holen. Man wollte die Chip-Industrie nach Frankfurt (Oder) locken und die Solarbranche nach Sachsen-Anhalt. Neubrandenburg war immer bescheidener, und das zahlt sich nun aus. »Wir haben hier nie die aufsehenerregende Riesenansiedlung gehabt«, sagt Krüger, »wie jetzt gerade in Schwerin mit, na, wie heißen die?« – »Kaffeekapseln, Tabs«, sagt der Wirtschaftsabteilungsleiter – »Nestlé«, sagt Krüger. Keiner von den ganz Großen sei auf die Idee gekommen, nach Neubrandenburg zu gehen. Man habe sie auch kaum umworben.

Stattdessen half man den Firmen vor Ort. »Ich lege großen Wert darauf«, sagt Krüger, »dass wir so etwas an meinem Tisch erledigen.« Die Betonung liegt auf dem Wort »meinem«. Er sagt: »Chefsache«. Das klingt aus seinem Mund wie das unschuldigste Wort der Welt. »Chefsache« ist anderswo längst zum Spottwort geworden, in Berlin zum Beispiel, wo immer, wenn der dortige Regierende Bürgermeister etwas zur solchen erklärt, es zwangsläufig und ausdauernd nicht zu funktionieren scheint. Die S-Bahn, der Schneeräumdienst im Winter, der neue Flughafen. Wer sich ein wenig umhört in Neubrandenburg, dem wird Krüger als ein »Mann der kleinen Brötchen« beschrieben – diese Formulierung wählt tatsächlich jemand. Der Bürgermeister fahre viel herum und besuche Firmen – auch wenn es gar nichts zu entscheiden gebe. Er höre einfach zu; versuche zu verstehen, warum ein Unternehmen funktioniert und ein anderes nicht, er erweitere in dieser Hinsicht ständig seinen Horizont. Kein Betrieb sei ihm zu klein dafür, er gehe auch »in die hinterste Bude«.

Im Rathaus hat Krüger eine Planstelle geschaffen, deren Inhaber vor allem eine Aufgabe hat: Krüger bei seinen Firmenbesuchen zu begleiten, die Anliegen der Unternehmer und Geschäftsführer zu analysieren und daraus Maßnahmen abzuleiten. Es gibt neuerdings auch eine städtische »Bildungskoordinatorin«, die nicht etwa bei der Schulbehörde, sondern bei der Abteilung für Wirtschaftsförderung sitzt. Eine der Aufgaben dieser Frau ist es, Kontakte herzustellen zwischen Firmen und Schülern. Die Jungen sollen wissen, dass sie Neubrandenburg nicht verlassen müssen, wenn sie eine Ausbildungsstelle haben wollen.

Im Rathaus gibt es auch eine Datei, in der alle Gewerbeimmobilien Neubrandenburgs erfasst sind. Die in kommunalem und die im privaten Besitz, die belegten und die leer stehenden. Krüger sagt: »Wenn einer zu uns kommt, ob aus der Stadt oder von außerhalb, dann suchen wir für den das Passende heraus.« Soll heißen: Die Stadt ist quasi ihre eigene Immobilienmaklerin.

Leserkommentare
    • Peugeot
    • 03. Januar 2013 15:57 Uhr

    dann kommen auch nicht soviele Begehrlichkeiten auf, die im besten Fall in ewigen juristischen Streitereien, im schlimmsten Fall in einer Plünderung enden.

    In Neubrandenburg gabs wohl nach der Wende nicht viele Schnäppchen und man hat diese Stadt und deren Bürger, damals abseits jeder Autobahn, weitgehend in Ruhe arbeiten lassen.

    Das jedenfalls allein wird das *Rezept* auch nicht gewesen sein, der Bürgermeister mit seiner Mannschaft dürfte schon anders gestrickt sein als anderswo:
    Jedenfalls sollten wohl einige Kommunen mal ein paar Vertreter nach Neubrandenburg schicken um sich was abzugucken. Und sei es vielleicht nur eines, dass eine zielgerichtete Kommunalpolitik tatsächlich mehr bringt als Parteiengezänk und gegenseitiges Blockieren wie in dem Städtchen, in dem ich arbeite.

    Irgendwann nach der *Wende* bin ich einmal durch Neubrandenburg gefahren. Sooo häßlich fand ich die Stadt nicht, trotz des allgegenwärtigen "sozialistischen Plattenbaues". Das die Stadt wie dargestellt *die Kurve gekriegt* hat, begrüsse ich sehr.

    Zu fragen wäre, inwieweit das Prosperieren der Stadt sich auf das Umland auswirkt -oder die Stadt gar auf Kosten des Umlandes prosperiert.

    Dem Herrn Krüger und seinen Bürgern jedenfalls alles Gute -und er soll keine *schlafenden Hunde* wecken!
    Weiter so!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Zu fragen wäre, inwieweit das Prosperieren der Stadt sich auf das Umland auswirkt -oder die Stadt gar auf Kosten des Umlandes prosperiert."

    Das ist genau der Punkt.

    Die Verwaltung, Fachhochschule, Firmen etc. wurden von den jetzt kleineren aber früher bedeutende Städte nach Neubrandenburg gekarrt um ne sozialistische Planstadt zu erschaffen.
    Der Plan ist gelungen. Das alte "Rothenburg des Norden" ist stockhässlich und die zb. ehem Residenzstadt Neustrelitz ist, nach Abzug sämtlicher Institutionen, in die Bedeutungslosigkeit gesunken.

  1. im Artikel wird nichts über die Verschuldung der Stadt gesagt. Noch vor einem Jahr heißt es in der Lokalpresse, dass sich im Haushaltsplan wieder ein Defizit von 10 Millionen Euro abzeichne. Die Stadt verschuldet sich immer weiter.. Aber Hauptsache es wird an den Straßen rumgebaut.
    Es wird im Artikel auch davon gesprochen, dass die Jungen wissen sollen, dass sie Neubrandenburg in Hinblick auf die Ausbildungsplätze nicht verlassen brauchen. Aber was kann die Stadt uns Jugendlichen abgesehen davon überhaupt bieten? Ich bin 17 Jahre alt und kann sehr gut einschätzen, dass Neubrandenburg für uns nur wenig tut. An allen Ecken werden Kürzungen im Bereich Jugend und Kultur vorgenommen. Das mussten viele Jugendclubs in den vergangenen Jahren schmerzlich zur Kenntnis nehmen. Das Zebra, Innercity, Konnex, die Hinterste Mühle... alles geschlossene Jugendclubs, die an den Kürzungen verendet sind!
    Und auch in der Bildung sehe ich große Probleme. Die Fusionierung vieler Gymnasien brachte das Einstein-Gymnasium vor, das in der Demminer Straße ein schönes renoviertes und ausgebautes Schulgebäude bekam. Man könnte meinen, dort sei ausreichend Platz für die Schülerschaft. Aber durch die Fusionierungen und dadurch, dass es nur noch ein anderes öffentliches Gymnasium (Sportgymnasium mit musischem Haus)und das auch noch mit Spezialisierung in Neubrandenburg gibt, platzt das Gebäude aus allen Nähten.
    Also für mich steht fest, dass ich dieser Stadt so bald wie möglich den Rücken zu kehre...

    Eine Leserempfehlung
  2. Warum lese ich trotz des positiven Grundton nur negatives?
    -man setzt auf altbewertes (ohne Zukunft?)
    -DDR Strukturen (auch bei der Zeit sollte die Wende nach 22 Jahren ankommen)
    -Krüger der Retter

    Es tut mir Leid, aber das trifft alles nicht zu. Herr Krüger seine Fähigkeiten waren eher darauf begrenzt, dass er es geschafft hat überall zu sparen. Ich selber weiß persönlich und aus Erfahrungen anderer, dass Herr Krüger mehr als nur eine Große Firma verprellt hat, weil er zu viel wollte.
    Warum land welches nicht genutzt wird teuer verkaufen???

    Der wirtschaftliche Erfolg basiert auf wenige kleine Punkte!
    Die Bundeswehr als Arbeitgeber Nr.1 (aberin den nächsten Jahren fallen die Standort und damit viele Arbeitsplätze weg).
    Die Firma Webasto, die selber schon mit einer Verlagerung ihrer Produktion in den Ostblock liebäugelt und Weber Maschinenbau, die nur vor Ort ist, weil ihr oberster Chef in der unmittelbaren Nähe seine Islandäschen Pferde züchtet.

    Nachhaltigkeit wie in Leipzig, Jugendfreundlichkeit wie in Greifswald oder betriebswirtschaftliche Umgebungen wie in Stavenhagen wären eine viel Bessere Grundlage für Herrn Krügers Zukunft.

  3. Der Artikel ist lächerlich. Fast jeder Jugendliche aus der Stadt ist abgehauen. Die Familien sind zerissen, weil es nicht genug Arbeit gibt. Webasto und Weber?! Ist ja lächerlich. Immer das gleiche Gequatsche... Fast in jedem Auto ist ein Teil aus Neubrandenburg?! [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/au

  4. "Zu fragen wäre, inwieweit das Prosperieren der Stadt sich auf das Umland auswirkt -oder die Stadt gar auf Kosten des Umlandes prosperiert."

    Das ist genau der Punkt.

    Die Verwaltung, Fachhochschule, Firmen etc. wurden von den jetzt kleineren aber früher bedeutende Städte nach Neubrandenburg gekarrt um ne sozialistische Planstadt zu erschaffen.
    Der Plan ist gelungen. Das alte "Rothenburg des Norden" ist stockhässlich und die zb. ehem Residenzstadt Neustrelitz ist, nach Abzug sämtlicher Institutionen, in die Bedeutungslosigkeit gesunken.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Paul Krüger | CDU | Katrin Krabbe | Bundeskabinett | BIP | DDR
Service