Nil-KreuzfahrtÄgypten gegen den Strom

Auf dem Nil sind endlich wieder große Kreuzfahrten erlaubt. Unterwegs von Kairo nach Assuan durch ein verunsichertes Land. von Gabriela Jaskulla

Am Ufer neben dem Schiff lagern Menschen. In der Dunkelheit sind sie kaum auszumachen, aber als wir näherkommen, sehen wir: Es sind ganze Familien, die warten, jetzt, abends um elf. Sie warten, so begreifen wir allmählich, auf uns, die Passagiere der Club Vision, die hier in Kairo an Bord gehen. Als wir näher kommen, benommen von der stickigen Wärme der Stadt, erheben sie sich neugierig. Neben ihnen stehen Wächter mit strengen Mienen; sie halten die Menschen zurück. Manche der Wächter sind uniformiert, einige tragen die traditionelle Galabija, alle sind bewaffnet. Was haben die Leute hier verloren? Wir schieben uns an ihnen vorbei, stolpern auf das Schiff. An die Waffen werden wir uns gewöhnen – und auch an die freundliche Belagerung, solange wir in Kairo vor Anker liegen. Beides gehört zusammen. Die Familien, die uns Abend für Abend am Ufer erwarten, sind die Angehörigen der Wächter. Sie sind neugierig auf die Touristen. Denn die sind mittlerweile eine Seltenheit in dem Land, das bis vor ein paar Jahren zur Hälfte vom Fremdenverkehr lebte.

Wir merken es gleich zur Begrüßung: Die gesamte Crew ist angetreten. Selbst die rußgeschwärzten Maschinisten sagen Guten Tag. Wir schauen uns um: In den Türen der Lobby funkelt geschliffenes Glas, dunkle Hölzer und poliertes Messing überall, es riecht nach Bohnerwachs und heißem Malventee. Der wird uns nun serviert. Die Crew: 35 Mann für nur 20 Passagiere, an Aufmerksamkeit wird es nicht mangeln. Die Kabinen sind klein, aber gediegen eingerichtet. Wer Glück hat, schaut auf den Fluss, auf dem gerade Hunderte Lichter schaukeln: Hochzeitsschiffe kreuzen, Festgesellschaften schieben sich vorbei. Man sieht die Passagiere tafeln und trinken, eine Bauchtänzerin auf dem Zwischendeck lässt die Muskeln spielen zu unhörbarer Musik.

Anzeige

Kein schlechter Auftakt für eine Reise in das Sehnsuchtsland Ägypten: erst zu den Pyramiden in der Gegend um Kairo, dann 800 Kilometer flussaufwärts zu den Tempeln von Dendera und Karnak, zur Grablandschaft im Tal der Könige und bis nach Assuan. »Durch das Land der Pharaonen« hat der deutsche Veranstalter die Flussfahrt genannt. Das klingt rührend altmodisch. Man denkt an Tutanchamun und Nofretete, nicht an Mursi oder Mubarak. Dabei war sogar der Nil von den Unruhen im Land betroffen. Seit fast 20 Jahren ist auf dem Abschnitt zwischen Kairo und Luxor kein Kreuzfahrtschiff mehr gefahren: Nach den Anschlägen auf Touristen in den achtziger und neunziger Jahren erschien den Behörden die Lage zu unsicher. Unsere Club Vision ist erst das zweite Schiff, das die traditionsreiche Route wieder vollständig abfährt.

Ich lasse mich auf dem Bettrand nieder und beobachte das Schauspiel: den tiefschwarzen Fluss da unter mir und die Partyschiffe mit ihrer kindlich bunten Beleuchtung. In Kairo ist der Nil eine Bühne, auf der sich die Menschen präsentieren. Das Kabinenfenster lässt sich öffnen – und sofort ist die Stadt wieder da: Gerüche von Abgasen und verbranntem Müll, dazu drückende Wärme. So leicht entkommt man also der Megacity nicht.

Wir erkunden sie und ihre Umgebung an den nächsten zwei Tagen per Bus. »Kiek mal!«, sagt die brünette Petra aus Prenzlau immer wieder. Ihre Ausrufe werden so etwas wie der Refrain der Reise. Die Kontraste sind enorm: hier die Erhabenheit der drei, viertausend Jahre alten Bauwerke in Sakkara und Giseh, die Perfektion der Proportionen, die verschwenderische Kunst für die Toten – dort die Verfallenheit der modernen Bauten, die klapperdürren Kutschpferde, die Menschen, die zu viert auf einem Motorrad fahren. Diesmal hat es Petra ein Sofa angetan, vielleicht auch ein Diwan, so schnell lässt sich das aus dem fahrenden Bus nicht erkennen. Der Diwan steht mitten auf einer Verkehrsinsel, und auf dem Diwan liegt ein Mensch und raucht eine Wasserpfeife, umtost vom mörderischen Verkehr.

Am dritten Morgen, endlich, beginnt die eigentliche Reise. Noch im Dunkeln legt die Club Vision ab, behände turnen ein paar Matrosen außen an den Kabinenfenstern vorbei. Die Erleichterung, Kairo hinter uns zu lassen, treibt mich nach draußen. Auf dem Oberdeck treffe ich Tom, den Betonbauer aus der Uckermark, mit seiner kleinen Digitalkamera am Handgelenk. Er wartet. Um halb sechs bietet der Nil ein Spektakel: Erst wälzt sich ein kirschroter Streifen über die Wasserlinie, fast sieht es aus wie eine dickliche, etwas ordinäre Zunge. Der Nil schnalzt – und schon leckt und schleckt es feurig über das Firmament, und der Fluss selbst glüht und leuchtet... Tom fotografiert, ich stehe und schaue. – »Wie Marmelade«, sagt eine Stimme hinter mir. Eine weitere Passagierin hat es offenbar nicht im Bett gehalten: »Das sieht aus, als hätte jemand Aprikosenmarmelade an den Himmel geschmiert.« Meine neue Bekannte ist Kerstin, eine Kosmetikerin aus der Nähe von Hamburg. Wir lachen über die neue, gemeinsam entdeckte Lust an Metaphern, vielleicht ist das schon der ägyptische Einfluss, denn das Arabische ist voller solcher Wendungen. Ein schöner Morgen kann »ein sahniger Morgen« sein, andere Morgen sind »aus Seide« oder »aus Jade«.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und Beleidigungen. Danke, die Redaktion/jz

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf "[...]"
  3. War das ein Dampfschiff oder ist das nur eine vergaloppierte Metapher?

  4. Zusammenfassung: Bloß nicht hin. Eine erschreckende Beschreibung.
    Aber in islamistische Länder setze ich sowieso keinen Fuß.

  5. "Einer weist auf eine Nische, zeigt den Weg zu exquisit geschmückten Seitenkapellen. Als ich ihm ein Trinkgeld gebe..." Trinkgeld für was, für eine kurze Handbewegung? Das Ergebnis beschreiben Sie ja selbst schon im nächsten Satz. Wir waren in Ägypten, vorher, nachher und mittendrin. Das Land ist unerträglich für Touristen, man hat nirgendwo seine Ruhe, jeder will seinen Anteil am Geld von Touristen, das Feilschen um eine Schachtel Zigarretten geht los bei 50 US-Dollar. Danke an die Autorin, dass Sie dafür sorgt, dass dieser schöne Brauch nicht ausstirbt. Und ich dachte, Reisen bildet.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bereits 3x habe ich das Land am Nil besucht: 2001, 2008 und zuletzt 2013. Die Lebensgrundlage der meisten Ägypter hängt vom Zustrom der Touristen ab. Und dieser ist durch die politischen Unruhen stark zurück gegangen. Die einheimische Bevölkerung bietet Ausflüge per Boot, Kutsche oder Kamel an, beschäftigen Mitarbeiter in den Papyrus-, Parfüm- oder Alabaster-Fabriken oder haben kleine Stände auf den unzähligen Basaren.
    Von rund 200 Flussschiffen waren 2013 nur noch knapp 20 unterwegs. Das bedeutet für die Angestellten auf den 180 anderen Schiffen Arbeitslosigkeit und für die Bootsbesitzer, Verkäufer und alle anderen, die vom Touristmus leben, sehr viel weniger Kunden. Wer keine Arbeit hat, greift nach jeder Möglichkeit um seine Existenz zu sichern.
    Die meisten Ägypter können sich ihr Leben lang keinen Urlaub leisten. Deshalb ist jeder Tourist in den Augen dieser Menschen reich. Und warum sollte man nicht vom Reichtum anderer profitieren? Das wird in westlich geprägten Ländern nicht anders gemacht.
    Wer heute nach Ägypten reist, muss in zweierlei Hinsicht ein dickes Fell besitzen: Zum Einen, dass man an jeder Ecke angesprochen wird etwas zu kaufen, und sei es nur eine Wegbeschreibung, und zum Anderen die Erkenntnis, dass Mitleid einem nur den Urlaub verdirbt.
    Zuletzt eine wahre Geschichte: In Esna gibt es in einem Basar ein Geschäft, dessen Besitzer ein Schild in deutsche Sprache angebracht hat: „Hier werden Sie nicht belästigt!“. Wo haben die Touris wohl eingekauft?

  6. Vermutlich hatte Ihr Reiseleiter einen schlechten Tag... Die floraren Wahrzeichen der alten Pharaonen ware Papyrus für Unterägypten und Lotus für Oberägypten. Dies ist nur eine Darstellung für die Vereinigung der beiden Länder. Weitere Symbole dafür sind die Biene und die Binse, die Krone von Ober- und Unterägypten, Horus und Seth und viele mehr.
    Ansonsten vielen Dank für diesen schönen Reisebericht, ich habe mich sogleich in meinen letzten Urlaub dorthin zurückversetzt gefühlt. Und ich hatte eine schöne Zeit.

  7. Bereits 3x habe ich das Land am Nil besucht: 2001, 2008 und zuletzt 2013. Die Lebensgrundlage der meisten Ägypter hängt vom Zustrom der Touristen ab. Und dieser ist durch die politischen Unruhen stark zurück gegangen. Die einheimische Bevölkerung bietet Ausflüge per Boot, Kutsche oder Kamel an, beschäftigen Mitarbeiter in den Papyrus-, Parfüm- oder Alabaster-Fabriken oder haben kleine Stände auf den unzähligen Basaren.
    Von rund 200 Flussschiffen waren 2013 nur noch knapp 20 unterwegs. Das bedeutet für die Angestellten auf den 180 anderen Schiffen Arbeitslosigkeit und für die Bootsbesitzer, Verkäufer und alle anderen, die vom Touristmus leben, sehr viel weniger Kunden. Wer keine Arbeit hat, greift nach jeder Möglichkeit um seine Existenz zu sichern.
    Die meisten Ägypter können sich ihr Leben lang keinen Urlaub leisten. Deshalb ist jeder Tourist in den Augen dieser Menschen reich. Und warum sollte man nicht vom Reichtum anderer profitieren? Das wird in westlich geprägten Ländern nicht anders gemacht.
    Wer heute nach Ägypten reist, muss in zweierlei Hinsicht ein dickes Fell besitzen: Zum Einen, dass man an jeder Ecke angesprochen wird etwas zu kaufen, und sei es nur eine Wegbeschreibung, und zum Anderen die Erkenntnis, dass Mitleid einem nur den Urlaub verdirbt.
    Zuletzt eine wahre Geschichte: In Esna gibt es in einem Basar ein Geschäft, dessen Besitzer ein Schild in deutsche Sprache angebracht hat: „Hier werden Sie nicht belästigt!“. Wo haben die Touris wohl eingekauft?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Ägypten | Nil | Kreuzfahrt | Tourismus
Service