Am Ufer neben dem Schiff lagern Menschen. In der Dunkelheit sind sie kaum auszumachen, aber als wir näherkommen, sehen wir: Es sind ganze Familien, die warten, jetzt, abends um elf. Sie warten, so begreifen wir allmählich, auf uns, die Passagiere der Club Vision, die hier in Kairo an Bord gehen. Als wir näher kommen, benommen von der stickigen Wärme der Stadt, erheben sie sich neugierig. Neben ihnen stehen Wächter mit strengen Mienen; sie halten die Menschen zurück. Manche der Wächter sind uniformiert, einige tragen die traditionelle Galabija, alle sind bewaffnet. Was haben die Leute hier verloren? Wir schieben uns an ihnen vorbei, stolpern auf das Schiff. An die Waffen werden wir uns gewöhnen – und auch an die freundliche Belagerung, solange wir in Kairo vor Anker liegen. Beides gehört zusammen. Die Familien, die uns Abend für Abend am Ufer erwarten, sind die Angehörigen der Wächter. Sie sind neugierig auf die Touristen. Denn die sind mittlerweile eine Seltenheit in dem Land, das bis vor ein paar Jahren zur Hälfte vom Fremdenverkehr lebte.

Wir merken es gleich zur Begrüßung: Die gesamte Crew ist angetreten. Selbst die rußgeschwärzten Maschinisten sagen Guten Tag. Wir schauen uns um: In den Türen der Lobby funkelt geschliffenes Glas, dunkle Hölzer und poliertes Messing überall, es riecht nach Bohnerwachs und heißem Malventee. Der wird uns nun serviert. Die Crew: 35 Mann für nur 20 Passagiere, an Aufmerksamkeit wird es nicht mangeln. Die Kabinen sind klein, aber gediegen eingerichtet. Wer Glück hat, schaut auf den Fluss, auf dem gerade Hunderte Lichter schaukeln: Hochzeitsschiffe kreuzen, Festgesellschaften schieben sich vorbei. Man sieht die Passagiere tafeln und trinken, eine Bauchtänzerin auf dem Zwischendeck lässt die Muskeln spielen zu unhörbarer Musik.

Kein schlechter Auftakt für eine Reise in das Sehnsuchtsland Ägypten: erst zu den Pyramiden in der Gegend um Kairo, dann 800 Kilometer flussaufwärts zu den Tempeln von Dendera und Karnak, zur Grablandschaft im Tal der Könige und bis nach Assuan. »Durch das Land der Pharaonen« hat der deutsche Veranstalter die Flussfahrt genannt. Das klingt rührend altmodisch. Man denkt an Tutanchamun und Nofretete, nicht an Mursi oder Mubarak. Dabei war sogar der Nil von den Unruhen im Land betroffen. Seit fast 20 Jahren ist auf dem Abschnitt zwischen Kairo und Luxor kein Kreuzfahrtschiff mehr gefahren: Nach den Anschlägen auf Touristen in den achtziger und neunziger Jahren erschien den Behörden die Lage zu unsicher. Unsere Club Vision ist erst das zweite Schiff, das die traditionsreiche Route wieder vollständig abfährt.

Ich lasse mich auf dem Bettrand nieder und beobachte das Schauspiel: den tiefschwarzen Fluss da unter mir und die Partyschiffe mit ihrer kindlich bunten Beleuchtung. In Kairo ist der Nil eine Bühne, auf der sich die Menschen präsentieren. Das Kabinenfenster lässt sich öffnen – und sofort ist die Stadt wieder da: Gerüche von Abgasen und verbranntem Müll, dazu drückende Wärme. So leicht entkommt man also der Megacity nicht.

Wir erkunden sie und ihre Umgebung an den nächsten zwei Tagen per Bus. »Kiek mal!«, sagt die brünette Petra aus Prenzlau immer wieder. Ihre Ausrufe werden so etwas wie der Refrain der Reise. Die Kontraste sind enorm: hier die Erhabenheit der drei, viertausend Jahre alten Bauwerke in Sakkara und Giseh, die Perfektion der Proportionen, die verschwenderische Kunst für die Toten – dort die Verfallenheit der modernen Bauten, die klapperdürren Kutschpferde, die Menschen, die zu viert auf einem Motorrad fahren. Diesmal hat es Petra ein Sofa angetan, vielleicht auch ein Diwan, so schnell lässt sich das aus dem fahrenden Bus nicht erkennen. Der Diwan steht mitten auf einer Verkehrsinsel, und auf dem Diwan liegt ein Mensch und raucht eine Wasserpfeife, umtost vom mörderischen Verkehr.

Am dritten Morgen, endlich, beginnt die eigentliche Reise. Noch im Dunkeln legt die Club Vision ab, behände turnen ein paar Matrosen außen an den Kabinenfenstern vorbei. Die Erleichterung, Kairo hinter uns zu lassen, treibt mich nach draußen. Auf dem Oberdeck treffe ich Tom, den Betonbauer aus der Uckermark, mit seiner kleinen Digitalkamera am Handgelenk. Er wartet. Um halb sechs bietet der Nil ein Spektakel: Erst wälzt sich ein kirschroter Streifen über die Wasserlinie, fast sieht es aus wie eine dickliche, etwas ordinäre Zunge. Der Nil schnalzt – und schon leckt und schleckt es feurig über das Firmament, und der Fluss selbst glüht und leuchtet... Tom fotografiert, ich stehe und schaue. – »Wie Marmelade«, sagt eine Stimme hinter mir. Eine weitere Passagierin hat es offenbar nicht im Bett gehalten: »Das sieht aus, als hätte jemand Aprikosenmarmelade an den Himmel geschmiert.« Meine neue Bekannte ist Kerstin, eine Kosmetikerin aus der Nähe von Hamburg. Wir lachen über die neue, gemeinsam entdeckte Lust an Metaphern, vielleicht ist das schon der ägyptische Einfluss, denn das Arabische ist voller solcher Wendungen. Ein schöner Morgen kann »ein sahniger Morgen« sein, andere Morgen sind »aus Seide« oder »aus Jade«.