Nil-KreuzfahrtÄgypten gegen den Strom
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 Es gibt zu wenige Touristen für zu viele Tempelwärter

Das hat mir Hassan verraten, Hassan, der unglückliche Masseur. Unglücklich ist er, weil er keine Kunden findet unter uns Passagieren. Es ist zu heiß, und wir sind zu müde, wenn wir von unseren Ausflügen kommen. Das war schon in Kairo so, und das wird sich nicht ändern, denn weiter nach Süden steigen die Temperaturen. Aber weil Hassan hervorragend Englisch und ein wenig Deutsch spricht, ernennen wir ihn zum Ehrendolmetscher. Ungeduldig warte ich bald jeden Morgen, bis er sein Zelt mit den unvermeidlichen Wellness-Utensilien auf dem Oberdeck aufbaut, um dann den Passagieren seine Angebote zu machen. Und jeden Tag wird die »Schönheit à la Aphrodite« ein wenig preiswerter. 

Diese Kreuzfahrt ist eine Attraktion an sich – für die Einheimischen. Sie haben ja viele Jahre kein Touristenschiff mehr gesehen. Stumm winken uns Erwachsene vom Ufer aus zu. Manche wischen sich tatsächlich die Augen. Die Kinder aber schreien sich fröhlich die Seele aus dem Leib: »Hello!« und »Welcome!« Auch mal ein »I love you!« und: »Reis! Reis!« Dass diese letzten Rufe unserem Kapitän gelten, das hat Hassan erklärt. Ein Flusskapitän, arabisch reis, ist ein hoch geachteter Mann. Zwar hat er kein Patent vorzuweisen; aber er kennt den Nil. Das Wissen vom Fluss wird in Ägypten in den Familien weitergegeben. Kommt uns ein Boot entgegen, wechseln wilde Rufe hin und her; damit machen sich die Kapitäne auf Untiefen und Sandbänke aufmerksam, die in keiner Karte verzeichnet sind.

Auf das westliche Bedürfnis nach schneidigen Schiffsoffizieren ist die Club Vision nicht eingerichtet. Als wir es eines Morgens satthaben, den Kapitän oft zu hören, aber praktisch nie zu sehen, schleichen wir uns an. Seine »Brücke«, auf dem Zwischendeck gelegen, entpuppt sich als ein einfacher Kommandostand, als Navigationsgeräte gibt es – einen Kompass. Hinter dem Steuer öffnet sich eine Nische: Hier schläft der Kapitän, wahrscheinlich in derselben Galabija, in der er uns nun entgegentritt. Mehr als drei Stunden schläft er aber nie, verrät Hassan. Und fügt hinzu: »Das will der Nil nicht.« Höflich, aber bestimmt, werden wir hinauskomplimentiert.

Wenig später lässt uns der Kapitän Tee aufs Oberdeck bringen, schwarz und stickig und heiß wie Teer, in jedem Glas lösen sich sechs Stückchen Würfelzucker langsam auf: Wachwerden auf Ägyptisch. Und dann begreifen wir, warum uns der Kapitän so schnell wieder loswerden wollte: Auf der Brücke versammelt er seine Männer. »Allahu Akbar!« Sie streifen die Sandalen von den Füßen und neigen sich zum Gebet. Wir schauen verstohlen auf die Betenden herunter. Von hier aus wirkt es, als verneigten sie sich vor dem Fluss.

»Wenn dette mal keen Nilwasser war!«, sorgt sich Petra, als sie von unserem Besuch und dem Tee des Kapitäns erfährt.

Der Nil. Gesprächsstoff bietet er immer. Obwohl wir ihn an manchen Tagen gar nicht beachten. Dann ist er einfach ein Transportband, das uns diskret weiterbringt. Von Kairo nach Beni Hassan und von Beni Hassan nach Assyut. Der Nil des Fortschritts, der Infrastruktur und Bewegung: Werften und Industrieanlagen säumen hier die Ufer, die meisten jedoch wirken verlassen. Über das Wasser weht ein Gebrumm wie von ärgerlichen Hornissen. Es kommt von den kleinen, schnellen Schlauchbooten der Wasserschutzpolizei. Schon seit Kairo folgen sie uns, und jeden Tag, so scheint es, werden es ein paar mehr. Die Polizisten übernachten sogar in den Booten, und am liebsten ließen sie uns gar nicht an Land.

Das hat manchmal absurde Folgen. In Minia, einer nach ägyptischen Maßstäben kleinen Stadt, legen wir abends an. Früher machten die Touristenschiffe unmittelbar vor den Tempelanlagen fest, aber das ist angeblich zu unsicher. Also sind die Liegeplätze der Wasserschutzpolizei unser Ziel. Wieder einmal sollen wir warten bis zum nächsten Morgen, um dann im eskortierten Bus die Attraktionen zu besichtigen.

Der Mann an der Schiffsrezeption aber hat diesmal ein Einsehen. Er bedeutet uns, wir dürften doch von Bord gehen. Wie weit – das sagt er allerdings nicht. So kommt es zu einem Missverständnis. Als eine Gruppe von Passagieren die Treppe zum Kai erklimmt, entsteht plötzlich Aufregung: Polizisten, gleißendes Licht – kein Mensch weiß, woher plötzlich auch noch das Regionalfernsehen auftaucht, das natürlich filmt, wie die deutschen Ausreißer höchstamtlich wieder eingefangen werden.

Das anschließende Palaver zwischen Obrigkeit, Besatzung und dem enervierten Reiseleiter ergibt, dass ein Spaziergang gestattet wird, und der geht so: Acht mutige Passagiere zockeln im Gänsemarsch über die Corniche von Minia. Wir scheuchen Pärchen in den dunklen Grünanlagen auf, erschrecken dösende Händler. Abgeschirmt wird die kleine Gruppe von sechs muskulösen Agenten einer Spezialeinheit, die sich jedem Straßenköter in den Weg werfen würden.

Je weiter wir nach Südägypten kommen, umso heikler wird die Lage, weil die Behörden der neuen Regierung Mursi enorm verunsichert sind. Sie möchten vor allem keine Fehler machen. Und so werden wir 20 Touristen behandelt wie rohe Eier. Kein Fähranleger, der bei unserem Eintreffen nicht sofort gesperrt, keine Brücke, die nicht geräumt würde. In den Dorfstraßen, durch die wir mit unserer Eskorte brausen, haben Esel und Lkw, Kinder auf Fahrrädern und Sammeltaxis zu warten. Ebenso in den Tempeln: Stoisch harren die Wärter bei den Felsengräbern von Beni Hassan aus, bis wir endlich, mit mehr als zwei Stunden Verspätung, eintreffen. Eigentlich würde die Anlage jetzt, nachmittags um vier Uhr, schließen, aber der Reiseleiter hat sich die Seele aus dem Leib telefoniert, damit wir sie noch sehen können, die kunstvoll bemalten Gräber von Beni Hassan.

Eine Riesenschau, in der Tat. Genau wie die Tempelanlage von Dendera, eine Tagesfahrt weiter flussaufwärts. Das war einst der heiligste Ort im Reich, in der weitläufigen Anlage finden sich überall Abbildungen von Hathor, jener »kuhäugigen« Göttin der Liebe, die ihre römische Entsprechung in Aphrodite finden sollte. Langsam umwandern wir die 24 Säulen der Vorhalle, tauchen ein ins Dunkel des Inneren, entdecken Malereien und Reliefs – Bilder von Barken, die den Pharao ins Jenseits geleiten sollen, Papyrus und Bambus, die Wahrzeichen Ober- und Unterägyptens. Allmählich lernen wir, die Zeichen zu lesen, suchen nach wiederkehrenden Hieroglyphen, freuen uns über »alte Bekannte« wie Horus, den Gott mit dem Falkenkopf. Die Tempelwächter beobachten uns diskret. Einer weist auf eine Nische, zeigt den Weg zu exquisit geschmückten Seitenkapellen. Als ich ihm ein Trinkgeld gebe, flattern die anderen in ihren dunklen Galabijas herbei wie aufgescheuchte Vögel. Zu wenige Touristen gibt es für zu viele Tempelwärter.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und Beleidigungen. Danke, die Redaktion/jz

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    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf "[...]"
  3. War das ein Dampfschiff oder ist das nur eine vergaloppierte Metapher?

  4. Zusammenfassung: Bloß nicht hin. Eine erschreckende Beschreibung.
    Aber in islamistische Länder setze ich sowieso keinen Fuß.

  5. "Einer weist auf eine Nische, zeigt den Weg zu exquisit geschmückten Seitenkapellen. Als ich ihm ein Trinkgeld gebe..." Trinkgeld für was, für eine kurze Handbewegung? Das Ergebnis beschreiben Sie ja selbst schon im nächsten Satz. Wir waren in Ägypten, vorher, nachher und mittendrin. Das Land ist unerträglich für Touristen, man hat nirgendwo seine Ruhe, jeder will seinen Anteil am Geld von Touristen, das Feilschen um eine Schachtel Zigarretten geht los bei 50 US-Dollar. Danke an die Autorin, dass Sie dafür sorgt, dass dieser schöne Brauch nicht ausstirbt. Und ich dachte, Reisen bildet.

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    Bereits 3x habe ich das Land am Nil besucht: 2001, 2008 und zuletzt 2013. Die Lebensgrundlage der meisten Ägypter hängt vom Zustrom der Touristen ab. Und dieser ist durch die politischen Unruhen stark zurück gegangen. Die einheimische Bevölkerung bietet Ausflüge per Boot, Kutsche oder Kamel an, beschäftigen Mitarbeiter in den Papyrus-, Parfüm- oder Alabaster-Fabriken oder haben kleine Stände auf den unzähligen Basaren.
    Von rund 200 Flussschiffen waren 2013 nur noch knapp 20 unterwegs. Das bedeutet für die Angestellten auf den 180 anderen Schiffen Arbeitslosigkeit und für die Bootsbesitzer, Verkäufer und alle anderen, die vom Touristmus leben, sehr viel weniger Kunden. Wer keine Arbeit hat, greift nach jeder Möglichkeit um seine Existenz zu sichern.
    Die meisten Ägypter können sich ihr Leben lang keinen Urlaub leisten. Deshalb ist jeder Tourist in den Augen dieser Menschen reich. Und warum sollte man nicht vom Reichtum anderer profitieren? Das wird in westlich geprägten Ländern nicht anders gemacht.
    Wer heute nach Ägypten reist, muss in zweierlei Hinsicht ein dickes Fell besitzen: Zum Einen, dass man an jeder Ecke angesprochen wird etwas zu kaufen, und sei es nur eine Wegbeschreibung, und zum Anderen die Erkenntnis, dass Mitleid einem nur den Urlaub verdirbt.
    Zuletzt eine wahre Geschichte: In Esna gibt es in einem Basar ein Geschäft, dessen Besitzer ein Schild in deutsche Sprache angebracht hat: „Hier werden Sie nicht belästigt!“. Wo haben die Touris wohl eingekauft?

  6. Vermutlich hatte Ihr Reiseleiter einen schlechten Tag... Die floraren Wahrzeichen der alten Pharaonen ware Papyrus für Unterägypten und Lotus für Oberägypten. Dies ist nur eine Darstellung für die Vereinigung der beiden Länder. Weitere Symbole dafür sind die Biene und die Binse, die Krone von Ober- und Unterägypten, Horus und Seth und viele mehr.
    Ansonsten vielen Dank für diesen schönen Reisebericht, ich habe mich sogleich in meinen letzten Urlaub dorthin zurückversetzt gefühlt. Und ich hatte eine schöne Zeit.

  7. Bereits 3x habe ich das Land am Nil besucht: 2001, 2008 und zuletzt 2013. Die Lebensgrundlage der meisten Ägypter hängt vom Zustrom der Touristen ab. Und dieser ist durch die politischen Unruhen stark zurück gegangen. Die einheimische Bevölkerung bietet Ausflüge per Boot, Kutsche oder Kamel an, beschäftigen Mitarbeiter in den Papyrus-, Parfüm- oder Alabaster-Fabriken oder haben kleine Stände auf den unzähligen Basaren.
    Von rund 200 Flussschiffen waren 2013 nur noch knapp 20 unterwegs. Das bedeutet für die Angestellten auf den 180 anderen Schiffen Arbeitslosigkeit und für die Bootsbesitzer, Verkäufer und alle anderen, die vom Touristmus leben, sehr viel weniger Kunden. Wer keine Arbeit hat, greift nach jeder Möglichkeit um seine Existenz zu sichern.
    Die meisten Ägypter können sich ihr Leben lang keinen Urlaub leisten. Deshalb ist jeder Tourist in den Augen dieser Menschen reich. Und warum sollte man nicht vom Reichtum anderer profitieren? Das wird in westlich geprägten Ländern nicht anders gemacht.
    Wer heute nach Ägypten reist, muss in zweierlei Hinsicht ein dickes Fell besitzen: Zum Einen, dass man an jeder Ecke angesprochen wird etwas zu kaufen, und sei es nur eine Wegbeschreibung, und zum Anderen die Erkenntnis, dass Mitleid einem nur den Urlaub verdirbt.
    Zuletzt eine wahre Geschichte: In Esna gibt es in einem Basar ein Geschäft, dessen Besitzer ein Schild in deutsche Sprache angebracht hat: „Hier werden Sie nicht belästigt!“. Wo haben die Touris wohl eingekauft?

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