Nil-KreuzfahrtÄgypten gegen den Strom
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 Wohin steuert Ägypten?

Und dann ereignen sich Szenen wie jene im Horus-Tempel von Edfu, schon im tiefen, sehr konservativen Oberägypten: Da nähert sich eine Gruppe einheimischer Frauen den Touristinnen, ganz vorsichtig. Die einen tragen Schwarz und sind verschleiert, die anderen wedeln sich mit Fächern den Schweiß von den bloßen Schultern. Man beäugt sich. »Salam!«, sagt schließlich eine der Touristinnen mutig – »Salam!«, rufen die Frauen geradezu enthusiastisch zurück. Gekicher auf beiden Seiten. Die Frauen verschwinden, kommen aber wieder, ein Mann ist dabei. Jetzt wollen sie sich mit den deutschen Frauen fotografieren lassen. Man berührt sich, hält sich an den Händen. Minuten später scheiden die Frauen voneinander, umarmen sich, haben Tränen in den Augen: »Salam! Salam!« Mehr sagen können sie sich nicht. 

»Jibt et doch jar nich!«, sagt Petra aus Prenzlau, die ein Tuch geschenkt bekommen hat. »Det globt dir zu Hause keen Mensch.«

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Ist es Zufall, dass sich am nächsten Tag die Rufe vom Flussufer ändern? Von Luxor aus geht es über Komombo nach Assuan, und auf diesem Teil der Route sind immer Schiffe gefahren; all die Jahre haben Reisende die wechselnden Landschaften bewundert, die Bananenplantagen am Ufer gezählt, den Zuckerrohrarbeitern beim Ernten zugesehen. Es ist eine agrarische Gegend, nicht reich, aber sich selbst genügend. Alles wirkt friedlich, ja heiter. Und trotzdem kippt hier die Stimmung. Die Kinder am Ufer sind jetzt vor allem Banden von Jungen, und sie rufen etwas, was wir nicht verstehen. Als die ersten Steine fliegen, ist klar, was die Rufe bedeuten. »Ach was!«, winkt Hassan, der Masseur-Dolmetscher, ab, »es sind Kinder! Die machen halt irgendwas. Schauen Sie nur...« Und wie zur Erklärung hebt er beide Arme hoch, winkt mit übertriebenen Gesten in Richtung der Steinewerfer und ruft »Hello! Hello, Egypt! Nice to meet you!« – Und tatsächlich schallt es sogleich vom Ufer zurück: »Hello! Welcome! Welcome to Egypt...« Hassan wendet sich ab, zuckt mit den Schultern, lächelt. Eine Lektion in Verständigung.

Beim abendlichen Buffet, zwischen Couscous und Auberginensalat, ist diese Episode das Thema. Wohin steuert Ägypten? Der Reiseleiter muss immer mehr Gegenwärtiges, Unfertiges erklären, während wir das Vergangene in seiner Perfektion bestaunen. Warum zum Beispiel dauern die Fahrten zu den Tempeln jetzt doppelt so lange wie früher? Weil die vom Verkehr genervten Dorfbewohner zahllose Asphalt- und Zementschwellen auf ihre Straßen bauen. Wurde man früher nur am Ortseingang solchermaßen gebremst, ist der Busfahrer nun alle paar Meter zum Schrittfahren gezwungen. Es gibt keine Behörde, die einschreitet. Auch Häuser entstehen einfach so, ganze Siedlungen wachsen wild und unkontrolliert, wir sehen Frauen und Kinder auf den Baustellen mithelfen, sie alle nutzen die Gunst der Stunde, die Hilflosigkeit der neuen Regierung. Wir sammeln Begriffe für Ägypten. »Zerrissen«, sagt Kerstin mit Kummer in der Stimme, weil Ägypten, wie ich jetzt weiß, das Land ihrer Träume war. »Unentschieden«, meint die Arztfrau aus dem Siegerland.

»Wir Ägypter hatten alle einen glücklichen Moment«, sagt Hassan, als ich ihn frage, wie er sein Land sieht, »und für diesen Moment hat es sich gelohnt.« Der eine glückliche Moment, das war der Tag, an dem Mubarak gestürzt wurde, darin sind sich alle, die wir fragen, einig. »Wir wissen nicht, wie es weitergeht«, sagt Hassan mit seinem langsamen Lächeln, »aber wir haben keine Angst mehr.«

»Mein Jott«, sagt Petra beim Buffet, »det muss doch wat werden! Det muss doch irjendwann wieder jut werden!«

Sehr weit im Süden sind wir mittlerweile. Auf den Märkten und vor den Tempeln sehen wir kaum noch Frauen. Sie verschwinden aus dem öffentlichen Leben. Im Tempel von Karnak bewundern wir die Statuen von Hathor, der Liebesgöttin, während die Predigt des Imams per Lautsprecher übertragen wird: Frauen solle man nicht die Hand geben, das habe der Prophet schließlich auch nicht getan. Der Reiseleiter, der den Sermon übersetzt, schüttelt ärgerlich den Kopf.

Die Route

Seit 1994 war der Nil auf dem Abschnitt zwischen Kairo und Luxor für Flusskreuzfahrtschiffe aus Angst vor Anschlägen gesperrt. Das Verbot wurde erst im vergangenen Jahr aufgehoben. 2012 war Phoenix Reisen der einzige deutsche Reiseveranstalter für die Strecke Kairo–Assuan. Von 2013 an haben auch andere Anbieter die Route im Programm.

Die Reise

Die 14-tägige Pauschalreise »Durch das Land der Pharaonen« wird von Phoenix Reisen ab 1099 Euro pro Person inklusive Hin- und Rückflug angeboten. Der nächste noch buchbare Reisetermin liegt in der ersten Aprilhälfte. Auskunft: Phoenix Reisen, Pfälzer Str. 14, 53111 Bonn, Tel. 0228/92600

Informationen

Weitere Informationen erteilt das Ägyptische Fremdenverkehrsamt, Kaiserstraße 64a, 60329 Frankfurt am Main, Tel. 069/252153.

Ein Touristenvisum wird bei der Einreise nach Ägypten erteilt, sofern der Reisepass noch mindestens drei Monate nach Reiseende gültig ist.

Die Hitze drückt. Tagsüber leuchten die Felsentürme an den Ufern rot und gelb, wenn unser Schiff sie passiert. Kein Lüftchen, auch am frühen Morgen nicht. Dann treffen sich auf dem Oberdeck die Schlaflosen und die Hobbyfotografen. Wir starren gemeinsam in den Sternenhimmel – und ans Ufer. Dort werden die schweren Schatten allmählich durchschaubar: ein Büffel, ein Fischerboot, verschlafene Vögel. Tom neben mir blinzelt. Das Schiff schiebt sich unmerklich heran, an den Tieren vorbei. Das Schiff ist selbst ein Tier, ein Tier, das getragen wird, ein Tier, das auf den Nil angewiesen ist wie die hitzeempfindlichen Wasserbüffel, an denen wir uns nicht sattsehen können.

Nur noch ein paar Flusskilometer bis Assuan, dem Endpunkt der Reise. Der Nil zeichnet sich ab, gewinnt Konturen, schimmert, nun nicht mehr lackschwarz, sondern blau wie Metall. Kraniche kreuzen. Auf der Brücke unter uns beraten sie leise. Das Land erscheint mal nah und klar, mal diffus, als Schichtung von Farben und Formen. Ein Bild für die Reise: So wie die Augen die Landschaft oft vergeblich absuchen nach festen Punkten, nach etwas, was man benennen könnte, so geht es uns mit Ägypten. Wir schweben vorbei – gutwillig, aber verständnislos, dringlich erwartet, aber niemals innehaltend. Passagiere eben, Vorüberziehende – herzlich willkommen in diesem immer noch berückend schönen, heiklen »Land der Pharaonen«.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und Beleidigungen. Danke, die Redaktion/jz

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    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf "[...]"
  3. War das ein Dampfschiff oder ist das nur eine vergaloppierte Metapher?

  4. Zusammenfassung: Bloß nicht hin. Eine erschreckende Beschreibung.
    Aber in islamistische Länder setze ich sowieso keinen Fuß.

  5. "Einer weist auf eine Nische, zeigt den Weg zu exquisit geschmückten Seitenkapellen. Als ich ihm ein Trinkgeld gebe..." Trinkgeld für was, für eine kurze Handbewegung? Das Ergebnis beschreiben Sie ja selbst schon im nächsten Satz. Wir waren in Ägypten, vorher, nachher und mittendrin. Das Land ist unerträglich für Touristen, man hat nirgendwo seine Ruhe, jeder will seinen Anteil am Geld von Touristen, das Feilschen um eine Schachtel Zigarretten geht los bei 50 US-Dollar. Danke an die Autorin, dass Sie dafür sorgt, dass dieser schöne Brauch nicht ausstirbt. Und ich dachte, Reisen bildet.

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    Bereits 3x habe ich das Land am Nil besucht: 2001, 2008 und zuletzt 2013. Die Lebensgrundlage der meisten Ägypter hängt vom Zustrom der Touristen ab. Und dieser ist durch die politischen Unruhen stark zurück gegangen. Die einheimische Bevölkerung bietet Ausflüge per Boot, Kutsche oder Kamel an, beschäftigen Mitarbeiter in den Papyrus-, Parfüm- oder Alabaster-Fabriken oder haben kleine Stände auf den unzähligen Basaren.
    Von rund 200 Flussschiffen waren 2013 nur noch knapp 20 unterwegs. Das bedeutet für die Angestellten auf den 180 anderen Schiffen Arbeitslosigkeit und für die Bootsbesitzer, Verkäufer und alle anderen, die vom Touristmus leben, sehr viel weniger Kunden. Wer keine Arbeit hat, greift nach jeder Möglichkeit um seine Existenz zu sichern.
    Die meisten Ägypter können sich ihr Leben lang keinen Urlaub leisten. Deshalb ist jeder Tourist in den Augen dieser Menschen reich. Und warum sollte man nicht vom Reichtum anderer profitieren? Das wird in westlich geprägten Ländern nicht anders gemacht.
    Wer heute nach Ägypten reist, muss in zweierlei Hinsicht ein dickes Fell besitzen: Zum Einen, dass man an jeder Ecke angesprochen wird etwas zu kaufen, und sei es nur eine Wegbeschreibung, und zum Anderen die Erkenntnis, dass Mitleid einem nur den Urlaub verdirbt.
    Zuletzt eine wahre Geschichte: In Esna gibt es in einem Basar ein Geschäft, dessen Besitzer ein Schild in deutsche Sprache angebracht hat: „Hier werden Sie nicht belästigt!“. Wo haben die Touris wohl eingekauft?

  6. Vermutlich hatte Ihr Reiseleiter einen schlechten Tag... Die floraren Wahrzeichen der alten Pharaonen ware Papyrus für Unterägypten und Lotus für Oberägypten. Dies ist nur eine Darstellung für die Vereinigung der beiden Länder. Weitere Symbole dafür sind die Biene und die Binse, die Krone von Ober- und Unterägypten, Horus und Seth und viele mehr.
    Ansonsten vielen Dank für diesen schönen Reisebericht, ich habe mich sogleich in meinen letzten Urlaub dorthin zurückversetzt gefühlt. Und ich hatte eine schöne Zeit.

  7. Bereits 3x habe ich das Land am Nil besucht: 2001, 2008 und zuletzt 2013. Die Lebensgrundlage der meisten Ägypter hängt vom Zustrom der Touristen ab. Und dieser ist durch die politischen Unruhen stark zurück gegangen. Die einheimische Bevölkerung bietet Ausflüge per Boot, Kutsche oder Kamel an, beschäftigen Mitarbeiter in den Papyrus-, Parfüm- oder Alabaster-Fabriken oder haben kleine Stände auf den unzähligen Basaren.
    Von rund 200 Flussschiffen waren 2013 nur noch knapp 20 unterwegs. Das bedeutet für die Angestellten auf den 180 anderen Schiffen Arbeitslosigkeit und für die Bootsbesitzer, Verkäufer und alle anderen, die vom Touristmus leben, sehr viel weniger Kunden. Wer keine Arbeit hat, greift nach jeder Möglichkeit um seine Existenz zu sichern.
    Die meisten Ägypter können sich ihr Leben lang keinen Urlaub leisten. Deshalb ist jeder Tourist in den Augen dieser Menschen reich. Und warum sollte man nicht vom Reichtum anderer profitieren? Das wird in westlich geprägten Ländern nicht anders gemacht.
    Wer heute nach Ägypten reist, muss in zweierlei Hinsicht ein dickes Fell besitzen: Zum Einen, dass man an jeder Ecke angesprochen wird etwas zu kaufen, und sei es nur eine Wegbeschreibung, und zum Anderen die Erkenntnis, dass Mitleid einem nur den Urlaub verdirbt.
    Zuletzt eine wahre Geschichte: In Esna gibt es in einem Basar ein Geschäft, dessen Besitzer ein Schild in deutsche Sprache angebracht hat: „Hier werden Sie nicht belästigt!“. Wo haben die Touris wohl eingekauft?

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