Jubiläumsjahr 2013Der Seelenfänger

Oper als Kraftwerk: Warum Richard Wagner uns trotz seiner Abgründe immer wieder neu in den Bann zieht. von Christine Lemke-Matwey

Am Ende sind es die beflügelnden anderthalb Zentimeter über dem Boden. Nichts Komatöses, kein Wahn, nur ein kleines Schweben, von dem man sich wünscht, dass es nie wieder aufhöre. Der Grüne Hügel von Bayreuth provoziert dieses Schweben wie kein anderer Ort der sogenannten Hochkultur. Mit fünf, sechs Stunden Wagner in den Gliedern fühlt es sich an wie Fliegen. Spielzeugklein erscheint dem Besucher dann die Welt, das Festspielhaus ein Krümel, und alles Raunen und Gezeter um Richard Wagner verstummt. Was zählt, ist das Erlebte, sind Bilder und Klänge: Waltraud Meier in Heiner Müllers Tristan-Inszenierung, wie sie Isoldes Liebestod singt und das Bühnenbild hinter ihr zum golden strahlenden Kubus sich weitet; das Finale in Patrice Chéreaus Jahrhundert -Ring, der Moment, in dem Götter, Zwerge und Helden geschlossen an die Rampe treten und das Publikum fixieren: Ihr seid gemeint, niemand sonst; der Trauermarsch in der Götterdämmerung, wenn einer wie Christian Thielemann dirigiert, zornig und zart; oder der erste Auftritt des Ritters Lohengrin bei Hans Neuenfels, von einem tänzelnden Schwan begleitet und vom Beben des Chores getragen: »Ein Wunder, ein Wunder, ein unerhörtes, nie gesehnes Wunder!«

Wagner kann Menschen verändern, eruptiver als Mozart, sinnlicher als Beethoven, handfester als Bach. Wagner kann überwältigen, Besitz ergreifen, allein durch die Länge und Lautstärke seiner Musik. Wagner kann süchtig machen, indem er Kunst und Leben tauscht, Festspiel und Alltag, bis man es – frei nach Nietzsche – nirgendwo anders mehr aushält als in Bayreuth (es gibt auch einen inneren Grünen Hügel). Wagner kann Weltanschauung werden, Glaubenssache, Kult. Und wurde es, über ideologische Klippen hinweg: bei Ludwig II., dem Märchenkönig und Mäzen, wie unter Adolf Hitler, bei den Freunden und Feinden des Regietheaters nach 1968 nicht anders als in seiner heillos zerstrittenen Familiendynastie. Oft kamen sich Alt-Faschisten und Linke dabei näher, als ihnen gegenseitig lieb sein konnte.

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Warum er das alles kann, vor vielen anderen Genies, mit solch unerschöpflicher Wirkungsmacht und -fülle? Drei simple Gründe: Weil er sich die repräsentativste der darstellenden Künste ausgesucht hat, die Oper, und uns in ihr nach wie vor lebendig begegnet. Weil er für seine radikalen künstlerischen Visionen ein Haus baute, das weltweit als Leuchtturm deutscher Kultur gilt. Und weil er über Nachkommen verfügt, die es seit Cosima und Winifred mühelos in die Klatschspalten schaffen. Wagner ist (an)fassbar. Das macht es so erfüllend, so erotisch, sich mit ihm zu beschäftigen. Wobei alle genannten Gründe ohne die schwindelerregende Qualität und Kühnheit seiner Musik null und nichtig wären.

Richard Wagner

Die Werke

1834: Die Feen

1836: Das Liebesverbot

1842: Rienzi, der letzte der Tribunen

1843: Der fliegende Holländer

1843: Das Liebesmahl der Apostel

1845: Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg

1850: Lohengrin

1865: Tristan und Isolde

1868: Die Meistersinger von Nürnberg

1876: Der Ring des Nibelungen, bestehend aus Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung

1882: Parsifal

Die meisten Menschen indes sind noch nie Zeugen des Wagner-Wunders gewesen, weder in Bayreuth noch anderswo, und werden es wohl auch nie sein. So will es die Konvention, der zufolge Oper etwas Elitäres, Unverständliches, Dröges und geriatrisch Gestriges ist – mit Wagner als der lächerlichsten aller Speerspitzen. Und so will es Wagner selbst, sein notorisch schlechter Ruf: als Neider, Schmarotzer und Ehebrecher, als Hypochonder, Gelegenheitstransvestit und Choleriker, als Salonrevoluzzer und glühender Antisemit. Warum sollte man sich um einen wie ihn heute bemühen?

Spätestens seit Francis Ford Coppolas Vietnam-Drama Apocalypse Now (mit dem Walkürenritt als Soundtrack einer Hubschrauberattacke) ist der Name Wagner zur Marke geworden: für etwas jenseits jeden bürgerlichen Kunstgenusses. Und wie das so ist – bald weiß niemand mehr, wofür sie eigentlich steht. Für etwas Totalitäres, blindwütig Bombastisches, Grässliches? Für die Vorstellung, dass der Mensch in der dunklen Theaterhöhle zu seinem wahren Selbst erwacht und sich aller soziokulturellen Fesseln entledigt? Die Wagner-Rezeption hat viele Ungeheuer hervorgebracht, kein Zweifel, und wer ihr böse will, spricht weiter von Wagners Hitler statt von Hitlers Wagner oder unterstellt, dass auch Osama bin Laden ein Wagnerianer vor Allah gewesen wäre, hätte er von dem kleinen Sachsen nur gewusst. Musikalisch-analytisch belegen lässt sich weder das eine noch das andere.

Leserkommentare
  1. musste sich Wagner in der Tat nicht antun. Er hatte ja Ludwig II., gerade noch rechtzeitig.

    Doch der Appell, dass wir das Wagner-Jahr zum Anlass des Nachdenkens über unseren gegenwärtigen Gesellschaftszustand nehmen sollen, kann gehört oder ungehört verhallen: wir können nicht aus unserer Haut. Eben so wenig wie Wagner oder seine Zeitgenossen übrigens.

    Wäre Ludwig 1864 nicht gerade Regent geworden, um Wagner gerade noch eben finanziell zu retteten - wer weiss, ob Wagner nicht einige Tage später im Rhein geendet wäre und in der Geschichte der Deutschen heute - ohne Tristan, die Meistersinger, Parsifal und ohne Bayreuth - eine andere Rolle spielen würde.

    • spalter
    • 11. Januar 2013 23:16 Uhr

    ...wie man eine Wagner-Oper genießen kann. Aus ein paar mehr oder weniger netten Motiven wird ein gigantisches Musikmonstrum zusammengeklebt, das oft ohne erkennbare Struktur stundenlang nur von Höhepunkt zu Höhepunkt schwurbelt. Handlung und Text sind so albern und peinlich, dass sie in der Musikgeschichte ohne Beispiel sind. Das ganze quillt so über vor Pathos, dass es weh tut.

    Überhaupt ist von vorn bis hinten alles auf Effekt aus, und darauf, den Zuschauer emotional zu überwältigen. Mozart bittet heiter zum Tanz, Wagner ist eine sechsstündige Vergewaltigung. Wagner kann zarte Motive schreiben, sein Umgang mit dem Zuschauer ist dabei trotzdem sehr grobschlächtig, ja übergriffig. Da ist keine Feinheit, es ist alles Gewalt.

    Meiner Meinung nach besteht Wagners große Leistung darin, dass er die Filmmusik erfunden hat (und den schlechten Monumentalfilm gleich dazu). "Echte" Musik hat er in meinen Augen gar keine geschrieben.

    Übrigens würde ich darum bitten, nicht den oberflächlichen Eindruck zu erwecken, Nietzsche wäre Wagnerianer gewesen. Sicher, in seiner Jugend war er es, doch nachdem er klarer sehen konnte, hat er das schärfste, giftigste und treffendste geschrieben, was je gegen Wagner geschrieben wurde. "Nietzsche contra Wagner" und "Der Fall Wagner", vielleicht die beste Lektüre zum Thema überhaupt.

    3 Leserempfehlungen
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    @#2 Mir ist es ein Rätsel, wie man die Opern von Wagner NICHT genießen kann. Allerdings stimmt es wohl, dass sich die Geister bei seinen musikalischen Werken scheiden (die Beurteilung der Person bzw. diverser, mindestens fragwürdiger, schriftlicher Ergüsse mal ausgelassen).

    Ja! oder Nein!, Gänsehaut oder Gähnen, Tollheit oder Tollheit.

    Wenn Sie, spalter, dem Vorspiel von Lohengrin nichts abgewinnen können, wenn Sie die "Winterstürme" banal bis zu laut wahrnehmen, wenn Sie bis zum Parsifal ("Titurel, der fromme Held") überall "Pathos", "Effekt"(-hascherei, wohl) und "Gewalt" wahrnehmen, dann haben Sie sich sicherlich
    deutlich und dabei überprüft richtig im Kontext erkannt.

    Ich mag z.B. Mozart (bis auf Don Giovanni) so recht kaum. Obwohl er auch, quasi, Filmmusik schrieb und von Salieri umgebracht wurde...

    Die sehr heterogenen Äusserungen von Nietzsche bezüglich Wagner (über Jahrzehnte hinweg dargestellt), dürften doch auch dessen "Genie", dessen erfüllter bis enttäuschter Liebe u.a. zum Meister von Bayreuth (zum Leben überhaupt?) - dessen Hang zu einem "Entweder - Oder" beschrieben haben.
    Wahn, Wahn, überall Wahn.

    Und um noch etwas humorig zu werden: Kommen zwei Freunde aus München nach 6 Stunden aus...oops...war ja schon erwähnt.
    Dann etwas anderes. Wenn ich es richtig erinnere, wurde Peter Ustinov nach dem Besuch einer Wagner-Oper einmal gefragt, wie es ihm gefallen habe - sinngemäss sagte er: Ich habe keine Ahnung, ich bin eingeschlafen.

    • zorc
    • 12. Januar 2013 22:27 Uhr

    Bin kein großer Wagner-Fan und verstehe Christine Lemke-Matweys ekstatische Eloge auch nocht so ganz.

    Aber was ist schlecht daran, sich emotional überwältigen zu lassen? Klingt doch ganz aufregend - wenn's einen halt überwältigt. Und "Mozart bittet heiter zum Tanz" - wirklich, sonst nichts? Von dem scheinen Sie ja nicht viel zu halten (oder zu verstehen), wenn das Ihr Mozart-Bild ist.

    Und dann natürlich der Bannstrahl aller selbsternannten Kunstrichter: "'Echte' Musik hat er in meinen Augen gar keine geschrieben." Abgesehen davon, dass die meisten Menschen Musik lieber mit den Ohren als mit den Augen beurteilen - wollen Sie der Welt wirklich erklären, was 'echte' Musik von 'falscher' unterscheidet? Das haben schon genug Leute versucht und sich damit lächerlich gemacht. Aber die Selbstüberhebung höret, scheint es, nimmer auf. Na ja, Wagner wird's überstehen.

    • vogelju
    • 11. Januar 2013 23:39 Uhr

    oder seine strikte Ablehnung sind eher nicht in der Musik zu finden. Das leitet sich ab von dem, was Wagner auf die Bühne gestellt hat. Er zeigt uns Archetypen (psychische Dominanten), die ihre Entsprechung in uns antriggern, was wir dann als beglückend oder bedrohlich empfinden und dementsprechend Wagner annehmen oder ablehnen. Stimme, Licht und Bühnenbild können verstärkend oder abschwächend wirken.

  2. Zu meiner eigenen Überraschung zog mich eine konzertante Aufführung des 1. Aktes der Walküre von Beginn bis zum Ende in ihren Bann. Ich hatte bis dahin wenig Kenntnis von Opern genommen. Ich war auch nur hingegangen, um den Walkürenritt einmal live zu hören. Damals wusste ich noch nicht, dass der erst im 3. Akt kommt. Am Ende war ich so begeistert, dass ich den Walkürenritt überhaupt nicht vermisste. -

    Was mein Vorredner (#2) beispielsweise an der Szene Wotans Abschied von Brünnhilde grobschlächtig findet, kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Ich finde sie sehr anrührend. Am Ende ist sicher alles eine Frage des Geschmacks. Warum mich Wagner weitaus stärker anspricht als z. B. Verdi, kann ich mir letztlich auch nicht erklären, kann es nur zur Kenntnis nehmen. Beide waren Toscaninis Lieblinge, wobei dieser Wagner Verdi ein wenig vorzog.

    Seit einigen Jahren warte ich auf eine Karte für Bayreuth. In diesem Jahr würde ich sogar Angela Merkel wählen, wenn sie mir ihre überlässt.

    Noch zu Beitrag #2: Was Filmmusik angeht, gebührt Erich Wolfgang Korngold wohl ein ungleich gößerer Verdienst, auch wenn Filmusikkomponisten sich wohl auch bei Wagner bedient haben.

    3 Leserempfehlungen
  3. grünen Hügel? Das Orchester mit einem Deckel versehen, hilft den Stimmen aber nimmt auch alle klangliche Brillianz der Geigen und Blechbläser. Klingt immer wie so eine alte Papiermebran beim Volksempfänger.
    Dann die Kleinbürgerliche Innenausbau des Festspielhauses.

    Wagner ist ja nur in der Fassung von Loriot zu ertragen! Aber Bayreuth nimmt das humorbfreite von Wagner ja so ernst wie der Meister sich selber, und da kann man das Ganze irgendwie nicht ernst nehmen.

    Ne das Beste am Hügel sind die langen Pausen im freien bei schönem Wetter!

  4. Kommt ein Münchner aus der Oper nach einer fünfstündigen Wagner-Oper-Aufführung.

    Er tritt ins Freie, blickt zum Himmel, hält die Hand aus: Es regnet.

    Sagt der Münchner: "Des aa no."

    Untertitel: "Das auch noch."

    Eine Leserempfehlung
    • Mari o
    • 12. Januar 2013 1:29 Uhr

    Wahrscheinlich hat Wagners Musik tatsächlich einem kleinen Versager den verheerenden Größenwahn eingeflößt,ohne den der 2.Wk nicht stattgefunden hätte.
    http://www.zeit.de/2013/02/Richard-Wagner-Simon-Rattle-Andris-Nelsons/se...

    Eine Leserempfehlung
  5. Kommen zwei Freunde nach 6 Stunden Wagner aus der Oper auf die Straße.
    Es regnet.
    Sagt der eine zum anderen: "Auch das noch"...

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    Das gibt es schon :-))

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  • Schlagworte Richard Wagner | Oper | Bayreuther Festspiele
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