Hattie-StudieIch bin superwichtig!
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 Es gibt keine pädagogischen Patentrezepte

Auch Hatties Ideallehrer ist so ein Superheld, jedoch einer, der systematisch seine Selbstzweifel pflegt. Er fragt nicht nur regelmäßig den Lernstand jedes einzelnen Schülers ab, mit kleinen Tests, die oft nur zwei, drei Minuten dauern müssen. Gleichzeitig lässt er die Schüler auch systematisch über seinen Unterricht urteilen. Solche Schülerstatements – »Ich bin die ganze Stunde bei der Sache geblieben«, »Mir war klar, was ich in dieser Stunde lernen sollte« – lassen sich per Ankreuztests bereits in der Grundschule einholen. Für Deutschland hat sie die Forschungsgruppe um Andreas Helmke entwickelt. »Mit den richtigen Werkzeugen urteilen Schüler meist fair und überraschend präzise über Unterricht«, sagt der Schulforscher von der Universität Koblenz-Landau. Auch können Schüler gut ermessen, was sie selbst können. Kein anderes Instrument kann in Hatties Ranking eine größere Effektstärke aufweisen als die systematische Selbsteinschätzung von Schülern.

Hattie predigt eine Kultur des »Feedbacks«, kein Begriff fällt häufiger in seinem Buch. Von Lob dagegen spricht er wenig, von Strafe überhaupt nicht. Laut Hattie sollen Rückmeldungen an Schüler stets neutral erfolgen, bezogen allein auf den Unterrichtsgegenstand. Falsche Antworten der Schüler sind in diesem Konzept geradezu willkommen. Hattie versteht Fehler als die eigentlichen Treiber allen Lernens (»the essence of learning«).

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Das gilt ebenso für den Lehrer selbst. Zwar kann man auch in Hatties neuem Buch nachschlagen, welche Unterrichtsverfahren sich nach seiner Megaanalyse als besonders wirksam erwiesen haben. Darunter etwa die »direkte Instruktion«, also der häufig als Lehrermonolog missverstandene Frontalunterricht. Jeder Methodenstreit ist dem Neuseeländer jedoch zuwider. Ein guter Lehrer verfügt für ihn über ein breites Repertoire von Unterrichtsstilen, die er je nach Klasse ausprobiert, »evidenzbasiert« prüft und – wenn nötig – auch wieder verwirft. »There are no magic bullets«, sagt Hattie, es gibt keine pädagogischen Patentrezepte.

Für nicht verhandelbar hält der Neuseeländer hingegen die emotionale Seite des Lernens. Ohne Respekt und Wertschätzung, Fürsorge und Vertrauen könne Unterricht nicht gelingen, schreibt er und belegt das mit eindrucksvollen Zahlen. Selbst die altmodische »Liebe zum Fach« lebt bei ihm wieder auf. »Wer Hattie gelesen hat, wird nie wieder vor einer Kuschelpädagogik warnen«, sagt Ulrich Steffens vom hessischen Institut für Qualitätsentwicklung leicht spöttisch, der Hatties Kernbotschaften in einigen Fachartikeln prägnant auf Deutsch zusammengefasst hat.

In der hiesigen Schuldebatte sind Hatties Lektionen für alle Beteiligten eine Provokation – und eine Bestätigung zugleich. So sollte es in einer Schule zuallererst um Leistung gehen, Noten dagegen sind Hattie egal; Frontalunterricht funktioniert, sagt er, aber nur wenn die Lehrkraft wenig redet; Lehrer haben einen überragenden Einfluss, den sie jedoch lediglich dann geltend machen können, wenn sie in jedem Augenblick an ihre Schüler denken. Reformpädagogen dürften sich darüber ärgern, dass der offene Unterricht meist unwirksam ist, Traditionalisten, dass dasselbe fürs Sitzenbleiben gilt. Und beiden Fraktionen wird kaum gefallen, dass kleine Klassen zum Lernerfolg so gut wie nichts beitragen.

Das dürfte sparbewusste Politiker erfreuen. Wenn sie Hattie jedoch genau lesen, muss ihnen anders werden. Denn der Forscher erklärt ihr Handeln für weitgehend wirkungslos. Von außen nämlich, das legt die von ihm angeführte Empirie nahe, lassen sich bessere Lernergebnisse nicht organisieren; ganz sicher nicht in ein oder zwei Legislaturperioden. Solange Bildungspolitik nur die Oberfläche von Schule erreicht, nicht aber die Tiefenstruktur verändert – also den konkreten Unterricht –, geht sie ins Leere.

Leserkommentare
  1. 5. Danke

    Sehr geehrter Herr Korinek,

    danke für ihre klärende Entgegnung! Von einer Zwangsverordnung einer bestimmten Methode, die Lehrer zu benutzen haben, halte ich ebenso wenig wie Sie.

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  2. Doppelost. Die Redaktion/se

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