Hattie-StudieIch bin superwichtig!
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 Die emotionale Seite des Lernens

Der Umstand, dass 30 Jahre Schulreform in Deutschland an vielen Klassenzimmern spurlos vorbeigegangen ist, scheint dafür der beste Beleg. Genau hinschauen sollten auch die Lehrerverbände. Gute Pädagogen sind wichtig. Das haben sie schon immer gesagt. Die logische Schlussfolgerung haben sie uns allerdings immer verschwiegen: dass es auch schlechte Vertreter ihres Metiers gibt. Die man mit allen Mitteln dazu bringen sollte, besser zu werden – oder ihren Job zu wechseln. Die bewusste Ignoranz, Qualitätsunterschiede zwischen Lehrern anzuerkennen, nennt Hattie eine »Verschwörung des Schweigens«.

Noch hat der Streit um John Hatties Werk Deutschland nicht erreicht. Das wird sich ändern. Demnächst erscheint Visible Learning auf Deutsch, in einer Übersetzung des Oldenburger Schulforschers Klaus Zierer. Dabei lassen sich die Befunde des Neuseeländers nicht eins zu eins auf die deutsche Schulwirklichkeit übertragen. Die von ihm aggregierten Metaanalysen stammen aus der englischsprachigen Forschung, die wiederum die angelsächsischen Bildungssysteme zum Gegenstand hat. Wenn Hattie Schulferien als »lernschädlich« klassifiziert, bezieht er sich auf die mehrmonatigen Ferienzeiten in den USA oder Australien. Hierzulande dürfte der Effekt weit niedriger sein.

Klaus Zierer warnt denn auch vor einem »Fast-Food-Hattie«. Man dürfe sich nicht allein auf den numerischen Wirkungsfaktor verlassen, sondern sollte sich jeden von Hattie geprüften Einflussfaktor aufs Lernen genau anschauen. Hausaufgaben etwa bringen in der Grundschule wenig, in höheren Klassen dagegen fördern sie den Lernerfolg durchaus. In Hatties Ranking liegt die durchschnittliche Effektstärke für »homework« irgendwo in der Mitte.

Auch der offene Unterricht kann durchaus ertragreich sein – wenn die Schüler dem eigenständigen Lernen gewachsen sind und die Lehrer es gründlich vorbereiten und über seinen Verlauf penibel wachen. Dass beides jedoch anscheinend selten zutrifft, darauf verweisen Hatties Forschungsergebnisse. Und selbstverständlich verfolgt die Schule noch andere Ziele, als die Schüler zu intellektuellen Höchstleistungen zu bringen. Kreativität oder Demokratiefähigkeit, der Sinn für Ästhetik und fürs Soziale tauchen in Hatties Listen als Lernziele nicht auf. Ihn interessieren »achievements«, messbare kognitive Fachleistungen. Sie aber sind nun einmal das Kerngeschäft von Schule.

Hatties Befunde können die schulpolitische Debatte in Deutschland verändern. »Niemand, der über Schule redet, darf sie ignorieren«, sagt Andreas Helmke. Wir müssen nicht »unser Bildungssystem grundlegend umdenken«, wie es die Initiative »Schule im Aufbruch« fordert. Systemfragen sollte man nach Hattie am besten gar nicht mehr stellen. Der Neuseeländer rückt den Lehrer wieder dorthin, wo sein Platz sein sollte: ins Zentrum allen Redens über Schule. Er ist der Hauptverantwortliche dafür, was Schüler lernen. Er entscheidet darüber, ob Schule besser wird. »Die Schulen sollen endlich einmal in Ruhe arbeiten«, lautet eine nach Jahren hektischer Schulreformen populäre Forderung. Sie richtet sich an unsere Bildungspolitiker. Für unsere Lehrer gilt sie jedoch genauso.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Mehr erfahren Sie auf der Website von Hatties privatem Institut, der deutschsprachigen Seite zur Hattie-Studie mit Vorträgen, Filmen und Interviews oder im Heft der hessischen Lehrerbildung.

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Leserkommentare
  1. 5. Danke

    Sehr geehrter Herr Korinek,

    danke für ihre klärende Entgegnung! Von einer Zwangsverordnung einer bestimmten Methode, die Lehrer zu benutzen haben, halte ich ebenso wenig wie Sie.

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  2. Doppelost. Die Redaktion/se

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