Lange hat Joachim Garske im Gestern gelebt, zwischen Holzfiguren, Ölgemälden und Orientteppichen. Doch im Frühling ist bei dem 80-Jährigen die Zukunft eingezogen. Informatiker haben Sensoren in seiner Zweizimmerwohnung angebracht, in der Dusche, an Decken und Wänden, an Balkontür und Besteckschublade. 24 Stunden am Tag überwachen die weißen Kästchen den Senior. "Ich habe dadurch an Sicherheit gewonnen", sagt er.

Das Projekt easyCare im Ludwigsburger Karl-Walser-Haus soll eine wichtige Frage beantworten: Kann Technik Senioren dabei helfen, länger eigenständig zu leben? 2030 werden fast dreieinhalb Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig sein, schätzt das Statistische Bundesamt. Das ist zwar nur eine Million mehr als heute, aber womöglich ist es die Million, die das Pflegesystem kippen lässt.

Nicht nur in Deutschland fürchtet man sich vor den Folgen der demografischen Bombe. Seit vier Jahren fördert die Europäische Union in 23 Ländern die Arbeit von Ingenieuren und Informatikern, die sie entschärfen wollen. In Deutschland hat das Bundesforschungsministerium (BMBF) mit 45 Millionen Euro zahlreiche Projekte gefördert. Die Forscher erproben verkabelte Westen, die bei einem Herzinfarkt automatisch den Notarzt rufen, Computerspiele, die nach dem Schlaganfall zu Fitnessübungen animieren, und Sensoren für alle, die Angst haben, zu stürzen oder Herdplatten an und Fenster offen zu lassen.

Ambient Assisted Living (AAL) heißt die Technologie. Die technische Assistenz soll Krankenhausaufenthalte kürzer und Heimeinweisungen seltener machen. Geld soll sie auch bringen: 87 Milliarden Euro ließen sich hierzulande verdienen, wenn Millionen deutsche Senioren ihre vier Wände mit Elektronik vernetzten, berechnet eine Studie des BMBF.

Im Karl-Walser-Haus hat das assistierte Leben schon in acht Wohnungen begonnen. Obwohl er fast blind ist, kann Joachim Garske dank der Technik wieder sorglos seiner Katze nachjagen. Fällt er hin, rufen die Sensoren Hilfe. Wie eine halbe Million ältere Menschen in Deutschland besitzt Garske ein Notrufgerät. Doch viele Senioren tragen es nicht regelmäßig bei sich – in Garskes Wohnung baumelt das Gerät um den Hals einer Maria-Figur. Sensoren sind zuverlässiger. Sie sind per Funk mit einem Server in Garskes Wohnung verbunden. Wenn sich der Senior zweieinhalb Stunden lang nicht bewegt hat, schickt die Software eine Warnung an eine Betreuerin. "Problemsituation: Eingeschränkte Mobilität. Klient: Herr Garske. Datum: 1.10.2012, 8:42."

Etwa viermal am Tag erscheint eine Warnmeldung auf dem Computer von Susanne Riesch im Erdgeschoss des Karl-Walser-Hauses. Riesch ist die Koordinatorin des Betreuten Wohnens. Das System alarmiert sie immer dann, wenn sich die Hausbewohner ungewöhnlich verhalten. Wenn sie morgens nicht aufstehen, sich tagelang nicht duschen, Fenster und Türen unbekümmert offen lassen.

Echte Notmeldungen sind selten. Meistens ist es ein Fehlalarm. Türen stehen offen, weil sich Bewohner mit ihren Nachbarn im Treppenhaus unterhalten. Stundenlang bewegt sich niemand in Herrn Garskes Wohnzimmer, weil der Senior einem Handwerker in der Küche zusieht. Nur einmal hat Riesch gemerkt, dass ein Bewohner im Hochsommer zu wenig trank – die Sensoren hatten gemeldet, dass die Getränkeschublade tagelang nicht geöffnet worden war.

Nicht wenige Angehörige dürften sich wünschen – wie in easyCare vorgesehen –, in so einem Fall per SMS informiert zu werden. Am Widerstand der Senioren wird es nicht scheitern: Sorge um ihre Privatsphäre machen sich Joachim Garske und seine Nachbarn nicht. Für sie überwiegt die neu gewonnene Sicherheit. "Alte Menschen lehnen neue Technologien nicht per se ab", sagt die Soziologin Heidrun Mollenkopf. Bisher hätten alle Untersuchungen gezeigt: Wenn Senioren einen konkreten Nutzen in der Technik sehen, sind sie ihr gegenüber offen. Nur bei technischen Spielereien blocken sie ab.