FDP-Chef Philipp Rösler spricht auf einer Pressekonferenz nach der Wahl im Saarland im vergangenen März. © Sean Gallup/Getty Images

An einem lauen Spätsommerabend, wenige Monate ist es her, hat Philipp Rösler genug, er muss raus. Raus aus seinem saalgroßen Büro im Wirtschaftsministerium, raus aus seinem privaten Kämmerlein gleich nebenan, raus aus einem Leben, in dem er selbst dann im Beruf eingemauert bleibt, wenn er sich spätabends schlafen legt. Rösler läuft rüber zum Friedhof an der Invalidenstraße, es sind nur wenige Schritte. Der Mann, den sie in seiner Partei schon für politisch tot erklären, spaziert, welch Ironie, gern über Friedhöfe.

Eine Frau, FDP-Mitglied, wie sich zeigt, erkennt ihn, spricht ihn an und führt ihn zum Grab von Marga von Etzdorf, einer Sportfliegerin, der 1931 als erster Frau ein Alleinflug von Deutschland nach Japan gelang. Als sie zwei Jahre später einen Rekordflugversuch nach Australien in Syrien abbrechen musste, erschoss sie sich, 25-jährig, noch auf dem Flughafen von Aleppo. Auf ihrem Grabstein in Berlin-Mitte liest Rösler 79 Jahre später die Inschrift: »Der Flug ist das Leben wert.«

»Darum geht es doch«, sagt Rösler, als er kurz vor Weihnachten in seinem Büro erzählt, wie er in einer Inschrift von sechs Wörtern seinen inneren Antrieb, seinen eigenen Kern offengelegt sah. »Etwas zu tun, von dem man restlos überzeugt ist und mit Leidenschaft dabei ist – auch wenn es mit hohem Risiko verbunden ist.« Wie hält der Mann das aus, die Kritik, die Häme, die Anfeindungen, die notorisch schlechten Umfragewerte, die Attacken aus den eigenen Reihen, die politischen Nachrufe zu Amtszeiten? Dies ist die Antwort, an der er selbst sich festhält: Er ertrage all das aus Überzeugung. Der Flug ist das Leben wert.

Keine drei Wochen sind es noch, bis der Flug zu Ende gehen könnte. Der 20. Januar, der Tag der Niedersachsen-Wahl, könnte der Tag sein, an dem Philipp Rösler abstürzt.

Als Rösler vor knapp 20 Monaten Parteivorsitz und Vizekanzleramt übernahm, als er zur maximalen Höhe aufstieg, die ein FDP-Politiker erreichen kann, feierten ihn die Liberalen wie einen Erlöser. Mitfühlend, humorvoll, selbstironisch, ein Politiker, der Stärke nicht mit Lautstärke verwechselt, sich nicht permanent in Dominanzpose präsentieren muss, der frei ist von überheblichem Pathos. Das kannten sie gar nicht mehr. Rösler verkörperte, in Form wie Vortrag, einen Gegenentwurf zu Guido Westerwelle, seinem Vorgänger, dem Erregungspolitiker, der die FDP erst zum Wahlsieg und dann in die Existenzkrise geführt hatte. Rösler trat als Anti-Westerwelle an, als FDP-Chef, den man mögen kann. Rösler stand für den Aufbruch zu einer liberalen Partei, die mehr kennt als nur eine Tonlage, nur ein Thema.

Nichts symbolisierte den Bruch mit Gestus und Habitus von Westerwelle so sehr wie Röslers Unabhängigkeitserklärung. »Mit 45 wird Schluss sein mit der Politik, das steht fest«, sagte er noch vor Amtsantritt. Er brauche das alles nicht, lautete die Botschaft. Nicht die Politik, nicht das System Berlin-Mitte, nicht dieses ganze Gewese um Macht und Posten, nicht die FDP: Philipp Rösler ist ein freier Mensch.

20 Monate später scheint es, als brauche die Politik, und insbesondere seine eigene Partei, Philipp Rösler nicht mehr. Der Vorsitzende, der mit Leidenschaft dabei ist, führt eine Partei, die ihn jetzt leidenschaftlich gern loswerden will. Das ist die Konstellation, mit der die FDP ins Wahljahr 2013 tritt. Der Mann, der mit 45 Jahren gehen wollte, wird, so kann es nun kommen, mit nicht einmal 40 gegangen. Scheitern die Liberalen in Niedersachsen, seiner Heimat, ist Rösler am Ende.

Nie zuvor in der Geschichte der Republik hat jemand in so kurzer Zeit, in solch rasender Geschwindigkeit den politischen Zyklus von Aufstieg und Fall durchlebt wie Rösler. Sein Fall beginnt mit einer Halbherzigkeit – und könnte nun mit einer ganz persönlichen Tragik enden.

Rösler vollzog den Bruch mit Westerwelle nur ästhetisch, in der Form

Eine Zugfahrt durch Deutschland. Ein Vertrauter der Kanzlerin ist unterwegs von irgendwo nach dorthin, ein Zufallstreffen, man kommt ins Plaudern, landet schließlich beim Vizekanzler. Politik, so meint der Merkel-Mann, beginne dort, wo man die gewohnten Trampelpfade verlasse. Und politisches Gewicht bekomme ein neuer Parteichef, indem er etwas Überraschendes mache, etwas, das mit der bisherigen Linie breche. Rösler habe die Chance dazu gehabt. Als neuer Vorsitzender hätte er nur erklären müssen, die Idee mit den Steuersenkungen werde nicht weiterverfolgt, stattdessen widme die FDP fortan alle liberale Kraft einem Anliegen, das deutlich besser zu den Erfordernissen der Zeit passe: der Konsolidierung des Haushaltes. »Hätte Rösler das getan, stünde er heute deutlich besser da.«

Rösler, der Halbherzige, vollzog den Bruch mit Westerwelle nur ästhetisch, in der Form. Inhaltlich machte er nichts Neues, nichts Überraschendes, sondern knüpfte dort an, wo sein Vorgänger aufgehört hatte: bei den Steuersenkungen. Die Chance, ein Parteichef aus eigener Kraft zu werden, hatte er damit vertan.

Gab es diese Chance wirklich? Philipp Rösler selbst scheint das nicht so zu sehen. Er habe seiner Partei entgegenkommen müssen, ein radikaler Kurswechsel hätte die FDP überfordert – so sieht er das.

Diese Sicht der Dinge muss man nicht teilen. Man könnte auch sagen, Rösler hat sich nicht getraut.

In Röslers Büro im Niedersächsischen Landtag hing einst ein Foto von Nelson Mandela. Auf der Wand gegenüber prangte, gelb auf blau, der Sinnspruch: »Dem Menschen die Freiheit zurückgeben«. Wer den FDP-Landes- und -Fraktionschef dort besuchte, vor etwa vier, fünf Jahren, bekam eine genaue Analyse liberaler Defizite präsentiert. Wärme fehle, die Fähigkeit zur Empathie. Damals beschwor Rösler die Notwendigkeit für seine Partei, sich zu verändern, zu verbreitern. Er sprach von »moralischer Kompetenz«, die sich die FDP zurückerobern müsse, vom zwingenden Nachholbedarf in der Sozial- wie in der Umweltpolitik. Die FDP müsse sympathischer werden, könne auf Dauer nicht rein ökonomistisch daherkommen, dürfe nicht nur für kalte Vernunft stehen.

Kaum im Amt, scheint Philipp Rösler all das vergessen zu haben. Als Wirtschaftsminister sagte er über die entlassenen Schlecker-Frauen, sie würden nach der Pleite ihres Unternehmens sicherlich eine »Anschlussverwendung« finden. Den Opelanern in Bochum rief er zu, der Staat könne nicht helfen, wenn ein Unternehmen ein Werk schließt. Unter Rösler steht nicht die FDP für kalte Vernunft, sondern Rösler.

Wo waren die neuen Ideen für die FDP in der Krise? Rösler suchte nach Inhalten, nach Botschaften, die funktionierten – und preschte mit Halbgarem vor. Er setzte das Schlagwort von der »neuen Bürgerlichkeit« in die Welt und versprach kurz darauf, die FDP werde nun die Finanzmärkte regulieren. Er kündigte Konzepte an, berief Arbeitsgruppen ein – doch als diese ihre Ergebnisse vortrugen, hatte der Vorsitzende bereits Wirtschaftswachstum zum liberalen Erlösungsthema ausgerufen.

Jede Wende kostete Autorität, in der Partei wie in der Öffentlichkeit, mit jedem neuen Ansatz gingen weitere Anhänger verloren. Bis Rösler schließlich, nach Irrungen und Wirrungen, dort ankam, wo er auf direktem Weg partout nicht hinwollte: bei der Haushaltskonsolidierung.

In seiner Verzweiflung, der FDP keine dauerhafte Richtung vorgeben zu können, hat sich Rösler inzwischen als Inkarnation wirtschaftsliberaler Klassik neu erfunden. Bei der Energiewende kämpft der FDP-Chef allein für die Interessen der Unternehmen, beim Emissionshandel sperrt er sich gegen Pläne, den Ausstoß von Treibhausgasen zu verteuern, bei der Sanierung des Haushalts setzt er ganz auf Privatisierung. Ja zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, Nein zum Mindestlohn, der Staat ist von Übel, der Markt gerecht, Deutschland überreguliert, Wachstum eine heilige Kuh. Gäbe es den Hannoveraner Rösler noch – er würde sich in seinem Berliner Nachfahren kaum wiedererkennen. Rösler, der einst an die Vision einer FDP mit Herz glaubte, ist zum handelsüblichen Brot-und-Butter-Liberalismus der Altvorderen konvertiert. Aus dem Nelson-Mandela-Liberalen ist ein Rainer-Brüderle-Liberaler geworden.

Der Flug ist das Leben wert? Für einen, der um einer großen Sache willen Kritik und Rückschläge erträgt, hat Rösler seine Weltsicht und seine politischen Projekte in erstaunlich kurzer Zeit erstaunlich oft geändert.

Mit seiner Brot-und-Butter-Wendung wollte Rösler sich der liberalen Kernklientel nähern, dem Mittelstand, einer Welt, die nicht seine ist. Wer einmal einen Maschinenbau-Gipfel in Berlin oder eine Asia-Pacific Conference in Delhi erlebt hat, weiß, dass in diesen sehr männlich dominierten Kreisen die redselige Geselligkeit genauso zu Hause ist wie der beherzte Schenkelklopfer und der gepflegte Herrenwitz. Und somit natürlich auch Rainer Brüderle.

Rösler hat sich Brüderle zur Messlatte genommen. Doch sein Versuch, mit wirtschaftsliberaler Klassik das eigene Profil zu schärfen, führt dazu, dass nicht Rösler gestärkt ins Wahljahr 2013 geht, sondern sein schärfster innerparteilicher Widersacher. Der bessere Brüderle ist halt immer noch Brüderle selbst.

"Er ist nicht so brutal, wie er als Parteichef wohl sein müsste"

Den schmalen, asketischen Rösler, der lieber frühmorgens joggt als spätabends zecht, halten die eher handfesten Mittelständler für eine Laune der FDP, für einen Wirtschaftsminister, der, habituell wie vom Alter her, ganz gut zu den Start-up-Unternehmen der IT-Branche passt – aber doch nicht die Interessen des deutschen Mittelstandes, der heimlichen Weltmarktführer, durchsetzen kann. Auf die Frage, was er denn von Rösler halte, sagt einer von ihnen: »Wenn man aber Rösler neben der Kanzlerin sieht, dann denkt man doch: Ach, schau mal, die mächtigste Frau der Welt. Und der daneben trägt ihr wohl die Handtasche hinterher.«

Im Versuch, sich dem Kern der FDP-Anhängerschaft anzunähern, hat Rösler sich selbst aufgegeben. Und weil Rösler inzwischen nicht mehr Rösler ist, funktioniert auch der freundliche, witzige, sympathische Philipp nicht mehr. Ein netter Kerl, der nicht weiß, wo es hingeht, und sich anhört wie ein anderer, erscheint unweigerlich als Leichtgewicht. Die Witze von Leichtgewichten, etwa über Merkel-Barbie und Zickenterror im Kabinett, wirkten rasch peinlich. Und was ist eigentlich sympathisch an einem Vizekanzler, der öffentlich peinliche Witzchen macht und als politisches Leichtgewicht daherkommt?

Rösler ist sich selbst fremd geworden – das ist ein Grund seines Falls. Ein anderer ist, dass die FDP Spitzenpersonal, das zu schwanken beginnt, nie auffängt. Sie stößt es viel lieber selbst um.

Der amerikanische Verhaltenspsychologe David McClelland hat untersucht, welche Motivationsmuster zu beruflichem Erfolg führen. Demnach streben die einen nach Leistung – das sind die Verkäufer. Die Zweiten streben nach Macht – die Manager. Und die Dritten streben nach Zusammenhalt – das sind die Teamplayer. »Rösler kämpft nicht gern gegen andere Menschen, er gewinnt sie lieber im direkten Austausch für sich«, sagt ein Vertrauter. Rösler ist Teamplayer. Oder, wie es sein Vertrauter formuliert: »Er ist nicht so brutal, wie er als Parteichef wohl sein müsste.«

Das Mercure Hotel Atrium in Hannover, Ende September. Die örtliche FDP stellt ihre Kandidaten für die Bundestagswahl im Herbst 2013 auf. Die Delegierten drängen sich in einem halbrunden Saal mit Glaswänden, die vom Boden bis zur sechs Meter hohen Decke reichen. Vor dem Raum wartet schon Patrick Döring, der designierte Kandidat für den Wahlkreis Hannover-Stadt II, der Mann, den Rösler als Generalsekretär ausgesucht hat, sein Freund. Doch zuerst muss Rösler nun den niedersächsischen Umweltminister Stefan Birkner herzen. Rösler ist ein großer In-den-Arm-Nehmer, An-die-Brust-Drücker und Über-den-Arm-Streichler. Wen er mag, der bekommt, wie nun Birkner, reichlich Knuddeleinheiten verpasst. Noch ein Freund.

Plötzlich taucht Röslers Frau Wiebke auf, als Delegierte. Und als unmittelbar hinter ihr die vierjährigen Zwillingstöchter auf ihren Vater zustürmen und an ihm hochklettern, ist sie komplett, die FDP-Familie Rösler, das Team Philipp.

In Berlin hat Rösler eine Ersatzfamilie aus Freunden und Vertrauten um sich geschart. Sein Staatssekretär Kapferer, sein Pressesprecher Schlienkamp, diverse Abteilungsleiter in der Parteizentrale, dem Thomas-Dehler-Haus – alles Rösler-Leute aus Niedersachsen. Der FDP-Chef hat ein Team Klein-Hannover gegründet. Kein Mannschaftsspieler ohne Mannschaft.

Die FDP versteht sich aber nicht als Mannschaft, nicht als Team; sie ist die Partei der Einzelkämpfer, eine lose Verbindung von Individualisten. Als »Versammlung der Ego-Shooter« bezeichnet ein ranghoher Liberaler die Präsidiumssitzungen. Ein Teamplayer als Chef ist ihnen fremd. Teamplayer begegnen anderen prinzipiell auf Augenhöhe – deshalb schauen so wenige Liberale zu ihrem Vorsitzenden auf.

Viele FDP-Mitglieder sind Unternehmer und Freiberufler, Menschen, die in ihrer Freizeit eher Tennis oder Golf spielen als Fußball oder Hockey. Sie gewinnen lieber allein als gemeinsam. Einzelkämpfer verlangen nach einem starken Anführer, den sie als Autorität anerkennen. Röslers unprätentiöse, freundliche Art ist ihnen suspekt. Bleibt der Erfolg aus, verwandelt sich das Unprätentiöse, das Freundliche in einen Ausweis fehlender Stärke, mangelnder Autorität. Der Nette ist dann der Dumme.

Rösler konnte die Misere der FDP nicht beenden.

Keine andere Partei geht mit Spitzenpersonal, dem Siege versagt bleiben, so gnadenlos um wie die FDP. Ausgerechnet die Liberalen, die so viel Wert legen auf bürgerliche Umgangsformen, die ihr Sakko nicht ablegen, bevor sie sich nicht bei den anwesenden Damen erkundigt haben, ob es sie denn auch nicht störe, hauen einander verbal schonungslos in die Fresse – in diesem Vokabular. Am liebsten hinter vorgehaltener Hand, versteht sich. Bürgerliche niesen ja auch so.

Der Wettbewerbsgedanke, die Anbetung des Individuums, die Überzeugung, der Einzelne sei für sich selbst und sein Schicksal verantwortlich – das sind die Bausteine des liberalen Glaubensbekenntnisses. Seine Kehrseite ist Brutalität. Ein Parteichef, der keine Erfolge, keine Wahlsiege, keine Zugewinne in Umfragen herzeigen kann, verrät das Glaubensbekenntnis. Und so feuern nun die Liberalen – zu einem Zeitpunkt, da sich die Sozialdemokraten solidarisch um ihren schwächelnden Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück scharen – aus vollen Rohren auf ihren Vorsitzenden. »Rösler ist kein Parteichef – das wissen doch alle. Die Frage ist nur, wie werden wir ihn wieder los«, sagt Jürgen Dittberner, FDP-Mitglied und ehedem Politik-Professor der Uni Potsdam, offen in die Fernsehkamera. Wolfgang Kubicki, der Medienstar der Liberalen, macht seinen Parteichef in der heute-show lächerlich. Selbstverständlich werde er Rösler wieder wählen, tönt er dort mit sardonischem Lächeln. Sofern dieser denn noch mal antrete – und sonst niemand. Und selbst Röslers Ministerkollege Dirk Niebel gibt öffentlich zu verstehen, dass die Liberalen niemals mit Rösler an der Spitze in die Bundestagswahl ziehen würden.

Mildernde Umstände zählen nicht. Nicht, dass Rösler von seinem Vorgänger eine Krise geerbt hat, die größer ist als er selbst. Nicht, dass Guido Westerwelle die FDP in den Oppositionsjahren zu einer Protestpartei geformt hat, die sich mit Eintritt in die schwarz-gelbe Koalition als regierungsuntauglich erwies. Nicht, dass die Hälfte der FDP-Mitglieder erst in der Ära Westerwelle beigetreten ist und folglich nur eine Tonlage, nur ein Thema kannte. Nicht, dass die FDP jede Glaubwürdigkeit eingebüßt hatte, als Rösler antrat. Nicht, dass Rösler bei seinem Aufstieg kein Basislager kannte, keine Verweilstationen, an denen er lange genug hätte bleiben können, um Erfahrung und Kraft zu sammeln, sich Routine und Ausdauer anzueignen.

Rösler konnte die Misere der FDP nicht beenden. Und deshalb muss er weg.

Wie hält er das aus? Wer Rösler zu den Attacken befragt, erlebt, wie er seine Partei verteidigt. Die Umfragen! Die Existenzkrise! Wenn es der Partei schlecht geht, steht die Führung in der Kritik. Rösler versucht, es nicht persönlich zu nehmen.

Von der eigenen Partei gemobbt, durch eigene Fehler geschwächt, bricht sich nun etwas Bahn, das Philipp Rösler, wie er selbst sagt, bis dato nie erfahren hat und das jetzt seinen Fall beschleunigt: die Tatsache, dass Rösler sich zwar gern als Mann aus Bückeburg vorstellt – aber so gar nicht wie ein Mann aus Bückeburg aussieht.

Das Findelkind aus dem südvietnamesischen Khánh Hung ist, getragen von dem Wunsch, dazuzugehören, in Deutschland so deutsch geworden, wie die meisten Deutschen es nicht sein wollen. Rösler hat Karriere bei der Bundeswehr gemacht, ist zum katholischen Glauben übergetreten, hat sich Udo Jürgens und Herbert Grönemeyer als Lieblingssänger ausgesucht, schreibt sich selbst die preußischen Tugenden Pflichterfüllung und Disziplin zu, hat seine Zwillingstöchter Grietje und Gesche getauft, lobpreist Schützenfeste und Grünkohl mit Pinkel und redet in seinen Vorträgen zum Thema Heimat über Bückeburg.

Mit Vietnam kann der Mann, der sein exaktes Geburtsdatum nicht kennt, nichts anfangen. Erst 2006, im Alter von 33 Jahren, reist Rösler erstmals in das Land seiner Geburt – auf Drängen seiner Frau. Die Röslers buchen eine zehntägige Touristentour, organisiert von einem Reisebüro, mit festen Abfahrtszeiten und festen Zielen.

In Vietnam hat ihm das niemand übel genommen, im Gegenteil: Der »sehr verehrte Herr Vizekanzler, Minister für Wirtschaft und Technologie, Vorsitzende der FDP, Doktor Philipp Rösler« wurde in Hanoi sechs Jahre später wie ein Popstar gefeiert, als die Universität ihm die Ehrendoktorwürde verlieh – für seine »besonderen Verdienste um die deutsch-vietnamesische Freundschaft«.

In Deutschland dagegen, seiner Heimat, trifft er nun auf offenen Rassismus. Hassmails bekommt er bereits seit Monaten. Mitarbeiter reichen sie an die Polizei weiter, ohne dass der Chef sie zu lesen bekommt. Spricht man Mittelständler oder andere bekennende FDP-Anhänger auf Rösler an, so kriegt man nicht selten zu hören: »Eins will ich klarstellen: Ich habe überhaupt nichts gegen Asiaten« – womit schon mal klar ist, dass sie etwas gegen den Deutschen Rösler haben. Anstatt sich entschieden jedem fremdenfeindlichen Unterton gegen seinen Vorsitzenden zu widersetzen, lächelt ein FDP-Promi wie Wolfgang Kubicki nur, wenn Stefan Raab in seiner Sendung witzelt, Rösler würden angesichts der Umfragewerte »die Stäbchen aus der Hand« fallen. Rösler fehlte womöglich noch die politische Reife, als er Vorsitzender wurde. Der FDP fehlte sie ganz sicher, als sie ihn dazu machte.

 Er kann sich nur retten, indem er sich opfert.

Weil Rösler öffentlich nicht ankommt, wie er ist, präsentiert er sich inzwischen immer öfter so, wie er nicht ist. Er macht jetzt keine Witzchen mehr, bleibt vor Publikum stets ernst. Wichtiges liest er nun auch schon mal ab, früher sprach er stets frei. Die Insignien des Erfolgs, Maßanzüge, schicke Autos, dicke Zigarren, die gerade vielen Liberalen heilig sind, haben ihn nie interessiert; er trug lange Zeit Anzüge von der Stange, in denen er schmächtiger erschien, als er ohnehin daherkommt. Jetzt trägt er Drykorn-Anzüge, die eng anliegen und etwas hermachen. Der Mann, der nach Zusammenhalt strebt, soll aussehen wie ein Mann, der nach Macht strebt. Der Teamplayer tritt nun im Manager-Design auf.

Die Verwirrung des Philipp Rösler, seine Unsicherheit darüber, wie er authentisch und zugleich führungsstark auftreten kann, führt dazu, dass es ihn nun zweimal gibt. Den ersten trifft man in kleiner Runde, an einem Stehtisch im Dehler-Haus, beim Mittagessen im Sushi-Laden, in seinem Büro. Dieser Rösler ist schlagfertig, selbstironisch, macht Witze, die sitzen, ist überaus zuvorkommend und gibt sich so entspannt, als ginge es nun zwei Wochen in den Urlaub und nicht in den alles entscheidenden Wahlkampf. Diesen Rösler kennen nur diejenigen, die ihn persönlich treffen.

Und es gibt den Philipp Rösler, der vor die Kamera tritt. Dann sagt er Sätze, die auswendig gelernt klingen und lächelt entweder unmotiviert nach jedem Statement oder guckt sich mit großen Augen die Welt an, die in diesem Fall aus einem schwarzen Loch vor der Linse besteht. Unweigerlich sucht man nach dem Bauchredner im Hintergrund, der die Marionette sprechen lässt. Das ist die Kunstfigur Philipp Rösler, ein Mensch, der nicht mehr identisch ist mit sich selbst. Diesen Philipp Rösler kennt ganz Deutschland.

Die Niedersachsen-FDP hat ihn nun als ihren Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl nominiert. Ein Almosen, das den Vorsitzenden absichern soll. Rösler hat einst seine Facharztausbildung abgebrochen; er wurde lieber Abgeordneter als Augenarzt. Eine Rückkehr in die Medizin ist kaum möglich, zumindest keine direkte. Der freie Mensch Philipp Rösler, der mit 45 Jahren aufhören möchte, ist in Wahrheit ein Gefangener seiner Entscheidung für die Politik, für die FDP. Röslers Zukunft ist nur gesichert, wenn seine Partei es in den Bundestag schafft. Es sieht so aus, als ob es mit einem anderen Vorsitzenden eher gelingt.

Die Tragik des Philipp Rösler besteht darin, dass er sich nur retten kann, indem er sich opfert.

Mitarbeit: Khuê Pham