Den schmalen, asketischen Rösler, der lieber frühmorgens joggt als spätabends zecht, halten die eher handfesten Mittelständler für eine Laune der FDP, für einen Wirtschaftsminister, der, habituell wie vom Alter her, ganz gut zu den Start-up-Unternehmen der IT-Branche passt – aber doch nicht die Interessen des deutschen Mittelstandes, der heimlichen Weltmarktführer, durchsetzen kann. Auf die Frage, was er denn von Rösler halte, sagt einer von ihnen: »Wenn man aber Rösler neben der Kanzlerin sieht, dann denkt man doch: Ach, schau mal, die mächtigste Frau der Welt. Und der daneben trägt ihr wohl die Handtasche hinterher.«

Im Versuch, sich dem Kern der FDP-Anhängerschaft anzunähern, hat Rösler sich selbst aufgegeben. Und weil Rösler inzwischen nicht mehr Rösler ist, funktioniert auch der freundliche, witzige, sympathische Philipp nicht mehr. Ein netter Kerl, der nicht weiß, wo es hingeht, und sich anhört wie ein anderer, erscheint unweigerlich als Leichtgewicht. Die Witze von Leichtgewichten, etwa über Merkel-Barbie und Zickenterror im Kabinett, wirkten rasch peinlich. Und was ist eigentlich sympathisch an einem Vizekanzler, der öffentlich peinliche Witzchen macht und als politisches Leichtgewicht daherkommt?

Rösler ist sich selbst fremd geworden – das ist ein Grund seines Falls. Ein anderer ist, dass die FDP Spitzenpersonal, das zu schwanken beginnt, nie auffängt. Sie stößt es viel lieber selbst um.

Der amerikanische Verhaltenspsychologe David McClelland hat untersucht, welche Motivationsmuster zu beruflichem Erfolg führen. Demnach streben die einen nach Leistung – das sind die Verkäufer. Die Zweiten streben nach Macht – die Manager. Und die Dritten streben nach Zusammenhalt – das sind die Teamplayer. »Rösler kämpft nicht gern gegen andere Menschen, er gewinnt sie lieber im direkten Austausch für sich«, sagt ein Vertrauter. Rösler ist Teamplayer. Oder, wie es sein Vertrauter formuliert: »Er ist nicht so brutal, wie er als Parteichef wohl sein müsste.«

Das Mercure Hotel Atrium in Hannover, Ende September. Die örtliche FDP stellt ihre Kandidaten für die Bundestagswahl im Herbst 2013 auf. Die Delegierten drängen sich in einem halbrunden Saal mit Glaswänden, die vom Boden bis zur sechs Meter hohen Decke reichen. Vor dem Raum wartet schon Patrick Döring, der designierte Kandidat für den Wahlkreis Hannover-Stadt II, der Mann, den Rösler als Generalsekretär ausgesucht hat, sein Freund. Doch zuerst muss Rösler nun den niedersächsischen Umweltminister Stefan Birkner herzen. Rösler ist ein großer In-den-Arm-Nehmer, An-die-Brust-Drücker und Über-den-Arm-Streichler. Wen er mag, der bekommt, wie nun Birkner, reichlich Knuddeleinheiten verpasst. Noch ein Freund.

Plötzlich taucht Röslers Frau Wiebke auf, als Delegierte. Und als unmittelbar hinter ihr die vierjährigen Zwillingstöchter auf ihren Vater zustürmen und an ihm hochklettern, ist sie komplett, die FDP-Familie Rösler, das Team Philipp.

In Berlin hat Rösler eine Ersatzfamilie aus Freunden und Vertrauten um sich geschart. Sein Staatssekretär Kapferer, sein Pressesprecher Schlienkamp, diverse Abteilungsleiter in der Parteizentrale, dem Thomas-Dehler-Haus – alles Rösler-Leute aus Niedersachsen. Der FDP-Chef hat ein Team Klein-Hannover gegründet. Kein Mannschaftsspieler ohne Mannschaft.

Die FDP versteht sich aber nicht als Mannschaft, nicht als Team; sie ist die Partei der Einzelkämpfer, eine lose Verbindung von Individualisten. Als »Versammlung der Ego-Shooter« bezeichnet ein ranghoher Liberaler die Präsidiumssitzungen. Ein Teamplayer als Chef ist ihnen fremd. Teamplayer begegnen anderen prinzipiell auf Augenhöhe – deshalb schauen so wenige Liberale zu ihrem Vorsitzenden auf.

Viele FDP-Mitglieder sind Unternehmer und Freiberufler, Menschen, die in ihrer Freizeit eher Tennis oder Golf spielen als Fußball oder Hockey. Sie gewinnen lieber allein als gemeinsam. Einzelkämpfer verlangen nach einem starken Anführer, den sie als Autorität anerkennen. Röslers unprätentiöse, freundliche Art ist ihnen suspekt. Bleibt der Erfolg aus, verwandelt sich das Unprätentiöse, das Freundliche in einen Ausweis fehlender Stärke, mangelnder Autorität. Der Nette ist dann der Dumme.