FDP : Der Fremde
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Rösler konnte die Misere der FDP nicht beenden.

Keine andere Partei geht mit Spitzenpersonal, dem Siege versagt bleiben, so gnadenlos um wie die FDP. Ausgerechnet die Liberalen, die so viel Wert legen auf bürgerliche Umgangsformen, die ihr Sakko nicht ablegen, bevor sie sich nicht bei den anwesenden Damen erkundigt haben, ob es sie denn auch nicht störe, hauen einander verbal schonungslos in die Fresse – in diesem Vokabular. Am liebsten hinter vorgehaltener Hand, versteht sich. Bürgerliche niesen ja auch so.

Der Wettbewerbsgedanke, die Anbetung des Individuums, die Überzeugung, der Einzelne sei für sich selbst und sein Schicksal verantwortlich – das sind die Bausteine des liberalen Glaubensbekenntnisses. Seine Kehrseite ist Brutalität. Ein Parteichef, der keine Erfolge, keine Wahlsiege, keine Zugewinne in Umfragen herzeigen kann, verrät das Glaubensbekenntnis. Und so feuern nun die Liberalen – zu einem Zeitpunkt, da sich die Sozialdemokraten solidarisch um ihren schwächelnden Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück scharen – aus vollen Rohren auf ihren Vorsitzenden. »Rösler ist kein Parteichef – das wissen doch alle. Die Frage ist nur, wie werden wir ihn wieder los«, sagt Jürgen Dittberner, FDP-Mitglied und ehedem Politik-Professor der Uni Potsdam, offen in die Fernsehkamera. Wolfgang Kubicki, der Medienstar der Liberalen, macht seinen Parteichef in der heute-show lächerlich. Selbstverständlich werde er Rösler wieder wählen, tönt er dort mit sardonischem Lächeln. Sofern dieser denn noch mal antrete – und sonst niemand. Und selbst Röslers Ministerkollege Dirk Niebel gibt öffentlich zu verstehen, dass die Liberalen niemals mit Rösler an der Spitze in die Bundestagswahl ziehen würden.

Mildernde Umstände zählen nicht. Nicht, dass Rösler von seinem Vorgänger eine Krise geerbt hat, die größer ist als er selbst. Nicht, dass Guido Westerwelle die FDP in den Oppositionsjahren zu einer Protestpartei geformt hat, die sich mit Eintritt in die schwarz-gelbe Koalition als regierungsuntauglich erwies. Nicht, dass die Hälfte der FDP-Mitglieder erst in der Ära Westerwelle beigetreten ist und folglich nur eine Tonlage, nur ein Thema kannte. Nicht, dass die FDP jede Glaubwürdigkeit eingebüßt hatte, als Rösler antrat. Nicht, dass Rösler bei seinem Aufstieg kein Basislager kannte, keine Verweilstationen, an denen er lange genug hätte bleiben können, um Erfahrung und Kraft zu sammeln, sich Routine und Ausdauer anzueignen.

Rösler konnte die Misere der FDP nicht beenden. Und deshalb muss er weg.

Wie hält er das aus? Wer Rösler zu den Attacken befragt, erlebt, wie er seine Partei verteidigt. Die Umfragen! Die Existenzkrise! Wenn es der Partei schlecht geht, steht die Führung in der Kritik. Rösler versucht, es nicht persönlich zu nehmen.

Von der eigenen Partei gemobbt, durch eigene Fehler geschwächt, bricht sich nun etwas Bahn, das Philipp Rösler, wie er selbst sagt, bis dato nie erfahren hat und das jetzt seinen Fall beschleunigt: die Tatsache, dass Rösler sich zwar gern als Mann aus Bückeburg vorstellt – aber so gar nicht wie ein Mann aus Bückeburg aussieht.

Das Findelkind aus dem südvietnamesischen Khánh Hung ist, getragen von dem Wunsch, dazuzugehören, in Deutschland so deutsch geworden, wie die meisten Deutschen es nicht sein wollen. Rösler hat Karriere bei der Bundeswehr gemacht, ist zum katholischen Glauben übergetreten, hat sich Udo Jürgens und Herbert Grönemeyer als Lieblingssänger ausgesucht, schreibt sich selbst die preußischen Tugenden Pflichterfüllung und Disziplin zu, hat seine Zwillingstöchter Grietje und Gesche getauft, lobpreist Schützenfeste und Grünkohl mit Pinkel und redet in seinen Vorträgen zum Thema Heimat über Bückeburg.

Mit Vietnam kann der Mann, der sein exaktes Geburtsdatum nicht kennt, nichts anfangen. Erst 2006, im Alter von 33 Jahren, reist Rösler erstmals in das Land seiner Geburt – auf Drängen seiner Frau. Die Röslers buchen eine zehntägige Touristentour, organisiert von einem Reisebüro, mit festen Abfahrtszeiten und festen Zielen.

In Vietnam hat ihm das niemand übel genommen, im Gegenteil: Der »sehr verehrte Herr Vizekanzler, Minister für Wirtschaft und Technologie, Vorsitzende der FDP, Doktor Philipp Rösler« wurde in Hanoi sechs Jahre später wie ein Popstar gefeiert, als die Universität ihm die Ehrendoktorwürde verlieh – für seine »besonderen Verdienste um die deutsch-vietnamesische Freundschaft«.

In Deutschland dagegen, seiner Heimat, trifft er nun auf offenen Rassismus. Hassmails bekommt er bereits seit Monaten. Mitarbeiter reichen sie an die Polizei weiter, ohne dass der Chef sie zu lesen bekommt. Spricht man Mittelständler oder andere bekennende FDP-Anhänger auf Rösler an, so kriegt man nicht selten zu hören: »Eins will ich klarstellen: Ich habe überhaupt nichts gegen Asiaten« – womit schon mal klar ist, dass sie etwas gegen den Deutschen Rösler haben. Anstatt sich entschieden jedem fremdenfeindlichen Unterton gegen seinen Vorsitzenden zu widersetzen, lächelt ein FDP-Promi wie Wolfgang Kubicki nur, wenn Stefan Raab in seiner Sendung witzelt, Rösler würden angesichts der Umfragewerte »die Stäbchen aus der Hand« fallen. Rösler fehlte womöglich noch die politische Reife, als er Vorsitzender wurde. Der FDP fehlte sie ganz sicher, als sie ihn dazu machte.

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Kommentare

94 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

"Nur" ein Neoliberaler mit anderem Lack

"Rösler wirkt unglaubwürdig, unauthentisch und inkompetent. Er ist in meinen Augen genauso "sympathisch" wie damals Klaus Ernst von der Linkspartei - LOL. Er kann nicht führen, verrennt sich in absurde Positionen und hat keinerlei politisches Gespür."

Da kann man Ihnen nur zustimmen. Der Vergleich trifft wohl zu.

Anzufügen bleibt noch, dass Rössler keine Versuche unternommen hat, den Liberalismus in die FDP zurückzuholen. Hier wäre aber der erste Schritt zu tun gewesen, um die FDP wieder glaubwürdig, authentisch und kompetent zu machen.

Rössler wirkt nur noch wie ein lackierter und polierter Neoliberaler und nicht wie ein Wirtschaftsminister.

Wahnsinnstheorie

Überlegen Sie auch manchmal bevor Sie was schreiben?

Wem gehören denn die Banken nachdem der Steuerzahler diese wieder nach oben gebracht hat. Ja den oberen Zehntausend die diese wieder in den Abgrund stürzen... Und die duerfen dann sogar behaupten sie haetten wieder was aus dieser Bank gemacht.

Kontrollieren Sie mal bitte wo die Linkspartei warum nach verstattlichung schreit. Es ist immer da wo die Reichen erfolgreich von unten nach oben verteilen und Ihnen erfolgreich weis machen es sei andersherum.

Wahlversprechen gebrochen?

Ich bin kein FDP Mensch aber der FDP vorzuwerfen sie hätte Wahlversprechen gebrochen halt eich für ein reichlich dümmliches Argument.
Wie kann man denn annehmen das eine Partei die als Rekordergebnis grade mal 14% (einmalig) zusammenbekommt ihr Parteiprogramm 1:1 durchsetzt?
Das kann doch nur jemand erwarten, der meint das FDP Wähler quasi so was wie die Elite der Wählerschaft (vielleicht als Äquivalent zur "Leistungselite)?) sind und deshalb deren Partei dann natürlich auch die Politik bestimmen kann, unabhängig vom erzielten Stimmenanteil.