Weil Rösler öffentlich nicht ankommt, wie er ist, präsentiert er sich inzwischen immer öfter so, wie er nicht ist. Er macht jetzt keine Witzchen mehr, bleibt vor Publikum stets ernst. Wichtiges liest er nun auch schon mal ab, früher sprach er stets frei. Die Insignien des Erfolgs, Maßanzüge, schicke Autos, dicke Zigarren, die gerade vielen Liberalen heilig sind, haben ihn nie interessiert; er trug lange Zeit Anzüge von der Stange, in denen er schmächtiger erschien, als er ohnehin daherkommt. Jetzt trägt er Drykorn-Anzüge, die eng anliegen und etwas hermachen. Der Mann, der nach Zusammenhalt strebt, soll aussehen wie ein Mann, der nach Macht strebt. Der Teamplayer tritt nun im Manager-Design auf.

Die Verwirrung des Philipp Rösler, seine Unsicherheit darüber, wie er authentisch und zugleich führungsstark auftreten kann, führt dazu, dass es ihn nun zweimal gibt. Den ersten trifft man in kleiner Runde, an einem Stehtisch im Dehler-Haus, beim Mittagessen im Sushi-Laden, in seinem Büro. Dieser Rösler ist schlagfertig, selbstironisch, macht Witze, die sitzen, ist überaus zuvorkommend und gibt sich so entspannt, als ginge es nun zwei Wochen in den Urlaub und nicht in den alles entscheidenden Wahlkampf. Diesen Rösler kennen nur diejenigen, die ihn persönlich treffen.

Und es gibt den Philipp Rösler, der vor die Kamera tritt. Dann sagt er Sätze, die auswendig gelernt klingen und lächelt entweder unmotiviert nach jedem Statement oder guckt sich mit großen Augen die Welt an, die in diesem Fall aus einem schwarzen Loch vor der Linse besteht. Unweigerlich sucht man nach dem Bauchredner im Hintergrund, der die Marionette sprechen lässt. Das ist die Kunstfigur Philipp Rösler, ein Mensch, der nicht mehr identisch ist mit sich selbst. Diesen Philipp Rösler kennt ganz Deutschland.

Die Niedersachsen-FDP hat ihn nun als ihren Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl nominiert. Ein Almosen, das den Vorsitzenden absichern soll. Rösler hat einst seine Facharztausbildung abgebrochen; er wurde lieber Abgeordneter als Augenarzt. Eine Rückkehr in die Medizin ist kaum möglich, zumindest keine direkte. Der freie Mensch Philipp Rösler, der mit 45 Jahren aufhören möchte, ist in Wahrheit ein Gefangener seiner Entscheidung für die Politik, für die FDP. Röslers Zukunft ist nur gesichert, wenn seine Partei es in den Bundestag schafft. Es sieht so aus, als ob es mit einem anderen Vorsitzenden eher gelingt.

Die Tragik des Philipp Rösler besteht darin, dass er sich nur retten kann, indem er sich opfert.

Mitarbeit: Khuê Pham