FDPDer Fremde

Philipp Rösler wollte die FDP verändern: Mehr Moral, weniger Steuersenkungsrhetorik. Stattdessen hat die Partei ihn verändert – vom Reformer zum Marktradikalen. Bei der Landtagswahl in Niedersachsen entscheidet sich sein Schicksal. von 

FDP-Chef Philipp Rösler spricht auf einer Pressekonferenz nach der Wahl im Saarland im vergangenen März.

FDP-Chef Philipp Rösler spricht auf einer Pressekonferenz nach der Wahl im Saarland im vergangenen März.  |  © Sean Gallup/Getty Images

An einem lauen Spätsommerabend, wenige Monate ist es her, hat Philipp Rösler genug, er muss raus. Raus aus seinem saalgroßen Büro im Wirtschaftsministerium, raus aus seinem privaten Kämmerlein gleich nebenan, raus aus einem Leben, in dem er selbst dann im Beruf eingemauert bleibt, wenn er sich spätabends schlafen legt. Rösler läuft rüber zum Friedhof an der Invalidenstraße, es sind nur wenige Schritte. Der Mann, den sie in seiner Partei schon für politisch tot erklären, spaziert, welch Ironie, gern über Friedhöfe.

Eine Frau, FDP-Mitglied, wie sich zeigt, erkennt ihn, spricht ihn an und führt ihn zum Grab von Marga von Etzdorf, einer Sportfliegerin, der 1931 als erster Frau ein Alleinflug von Deutschland nach Japan gelang. Als sie zwei Jahre später einen Rekordflugversuch nach Australien in Syrien abbrechen musste, erschoss sie sich, 25-jährig, noch auf dem Flughafen von Aleppo. Auf ihrem Grabstein in Berlin-Mitte liest Rösler 79 Jahre später die Inschrift: »Der Flug ist das Leben wert.«

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»Darum geht es doch«, sagt Rösler, als er kurz vor Weihnachten in seinem Büro erzählt, wie er in einer Inschrift von sechs Wörtern seinen inneren Antrieb, seinen eigenen Kern offengelegt sah. »Etwas zu tun, von dem man restlos überzeugt ist und mit Leidenschaft dabei ist – auch wenn es mit hohem Risiko verbunden ist.« Wie hält der Mann das aus, die Kritik, die Häme, die Anfeindungen, die notorisch schlechten Umfragewerte, die Attacken aus den eigenen Reihen, die politischen Nachrufe zu Amtszeiten? Dies ist die Antwort, an der er selbst sich festhält: Er ertrage all das aus Überzeugung. Der Flug ist das Leben wert.

Keine drei Wochen sind es noch, bis der Flug zu Ende gehen könnte. Der 20. Januar, der Tag der Niedersachsen-Wahl, könnte der Tag sein, an dem Philipp Rösler abstürzt.

Als Rösler vor knapp 20 Monaten Parteivorsitz und Vizekanzleramt übernahm, als er zur maximalen Höhe aufstieg, die ein FDP-Politiker erreichen kann, feierten ihn die Liberalen wie einen Erlöser. Mitfühlend, humorvoll, selbstironisch, ein Politiker, der Stärke nicht mit Lautstärke verwechselt, sich nicht permanent in Dominanzpose präsentieren muss, der frei ist von überheblichem Pathos. Das kannten sie gar nicht mehr. Rösler verkörperte, in Form wie Vortrag, einen Gegenentwurf zu Guido Westerwelle, seinem Vorgänger, dem Erregungspolitiker, der die FDP erst zum Wahlsieg und dann in die Existenzkrise geführt hatte. Rösler trat als Anti-Westerwelle an, als FDP-Chef, den man mögen kann. Rösler stand für den Aufbruch zu einer liberalen Partei, die mehr kennt als nur eine Tonlage, nur ein Thema.

Nichts symbolisierte den Bruch mit Gestus und Habitus von Westerwelle so sehr wie Röslers Unabhängigkeitserklärung. »Mit 45 wird Schluss sein mit der Politik, das steht fest«, sagte er noch vor Amtsantritt. Er brauche das alles nicht, lautete die Botschaft. Nicht die Politik, nicht das System Berlin-Mitte, nicht dieses ganze Gewese um Macht und Posten, nicht die FDP: Philipp Rösler ist ein freier Mensch.

20 Monate später scheint es, als brauche die Politik, und insbesondere seine eigene Partei, Philipp Rösler nicht mehr. Der Vorsitzende, der mit Leidenschaft dabei ist, führt eine Partei, die ihn jetzt leidenschaftlich gern loswerden will. Das ist die Konstellation, mit der die FDP ins Wahljahr 2013 tritt. Der Mann, der mit 45 Jahren gehen wollte, wird, so kann es nun kommen, mit nicht einmal 40 gegangen. Scheitern die Liberalen in Niedersachsen, seiner Heimat, ist Rösler am Ende.

Nie zuvor in der Geschichte der Republik hat jemand in so kurzer Zeit, in solch rasender Geschwindigkeit den politischen Zyklus von Aufstieg und Fall durchlebt wie Rösler. Sein Fall beginnt mit einer Halbherzigkeit – und könnte nun mit einer ganz persönlichen Tragik enden.

Leserkommentare
    • doch40
    • 05. Januar 2013 20:46 Uhr

    Das ist jetzt innerhalb von nur drei Tagen der vierte große Artikel zur FDP-Splitterpartei. Immer mehr sinnleere Beiträge über eine Parteileiche.
    Die ZEIT wird immer mehr zum FDP-Parteiorgan.

    8 Leserempfehlungen
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    [Das ist jetzt innerhalb von nur drei Tagen der vierte große Artikel zur FDP-Splitterpartei. Immer mehr sinnleere Beiträge über eine Parteileiche.
    Die ZEIT wird immer mehr zum FDP-Parteiorgan.]

    Das dürfte das erst Parteiorgan sein, dass der eigenen Partei in tiefer Abneigung verbunden ist. Lesen Sie die Artikel überhaupt? Ich bin sicher,die FDP könnte auf die Artikel gut verzichten.

    "Das ist jetzt innerhalb von nur drei Tagen der vierte große Artikel zur FDP-Splitterpartei. Immer mehr sinnleere Beiträge über eine Parteileiche.
    Die ZEIT wird immer mehr zum FDP-Parteiorgan."

    Wenn Sie die Artikel hier länger verfolgen würden, dann würden Sie niemals so eine Behauptung aufstellen. Es drängt sich vielmehr der Verdacht auf, dass andere Parteien hier protegiert werden. Zumindet insbesondere der Umfang der Berichterstattung über andere Parteien lässt diese Vermutung zuweilen oftmals aufkommen.

    Stellvertretend verweise ich auf folgenden von mir verfassten Kommentar, der einige Einblicke liefert:

    http://www.zeit.de/politi...

    • kael
    • 06. Januar 2013 0:51 Uhr

    "Die ZEIT wird immer mehr zum FDP-Parteiorgan." (Zitat Ende)

    DIE ZEIT war niemals ein "Parteiorgan" und wird es niemals sein. Sie war bis einschließlich Gräfin Dönhof und Theo Sommer immer - seit di Lorenzo aber leider immer weniger - ein "Organ" für besten deutschen Liberlismus.

    Das ist ein großer Unterchied.

  1. Ich werde die FDP wieder wählen.

    Die SPD will einen Mindestlohn. Mit einem staatlichen Mindestlohn würde es heute in Deutschland noch keinen Aldi geben. Was nutzt denn ein Mindestlohn wenn wir danach eine steigende Inflation erleben und real nicht mehr übrig bleibt?
    Einen Mindestlohn gab und gibt es in einer Zentralverwaltungswirtschaft. Ich glaube hier sind keine weiteren Erläuterungen notwendig.

    Das wir einen ökonomischen Bildungsnotstand in Deutschland haben, liegt wohl an der Grünen Schulpolitik. Auch hier empfehle ich sich mal intensiv mit der Geschichte zu befassen, warum Schulpolitik Landespolitik ist. Wer grün wählt, wird eine Einheitsschule und ein Einheitsdenken für Deutschland bekommen.

    Die CDU ist sicherlich eine Alternative. Aber sie hat es auch geschafft, wichtige FDP-Punkte aus dem Koalitionsvertrag zu verhindern. Hier sei das Stichwort Gesundheitsfonds genannt. Eine bundesweite Finanzierung von regionalen Gesundheitsproblemen funktioniert nicht.
    Und wenn mir jemand jetzt anfängt von der Hotelsteuer zu sprechen, dann sollte man sich auch hier mal genau erkundigen. Es war Wunsch von Horst Seehofer, seine Bayrischen Wähler zu entlasten. Dies wurde erfolgreich der FDP in die Schuhe geschoben.

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  2. " 6 - Setzen!
    Ein fünf Seiten langer Artikel vor den vier Heiligen Drei Königen mit zwei Kernaussagen über einen Mann, der null Prozent wichtig ist. "

    Ich fand, dass das der beste ZO-Artikel über die FDP ist, den ich hier seit etlichen Monaten gelesen hab.
    Auch wenn es mir sehr schwer fällt, mit der Person Rösler Mitleid zu haben.
    Spannenderweise war gerade Rösler derjenige, der vor der Wahl 2009 klipp und klar gesagt hat, dass die kompletten Steuersenkungen für die Mittelschicht lediglich dafür gedacht sind, diesen ein bisschen Geld für die geplanten Sozialversicherungsreformen Richtung Privatversorge und Kapitalanlage zu lassen.
    Es ist in den Medien anzulasten, genau das nicht aufgenommen zu haben, so das m.E. nicht wenige FDP-Protestwähler der niederen Einkommensschichten tatsächlich geglaubt haben, sie hätten unter FDP-Regime hinterher mehr Geld in der Tasche...

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    Antwort auf "6 - Setzen!"
  3. [Das ist jetzt innerhalb von nur drei Tagen der vierte große Artikel zur FDP-Splitterpartei. Immer mehr sinnleere Beiträge über eine Parteileiche.
    Die ZEIT wird immer mehr zum FDP-Parteiorgan.]

    Das dürfte das erst Parteiorgan sein, dass der eigenen Partei in tiefer Abneigung verbunden ist. Lesen Sie die Artikel überhaupt? Ich bin sicher,die FDP könnte auf die Artikel gut verzichten.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "ZEIT-FDP-Steigbügel"
  4. "Die FDP hat viele ihrer Wahlversprechen gehalten: Wehrpflicht weg. Mindestlöhne, Frauenquote, Vorratsdatenspeicherung, Netz-Sperren etc. erfolgreich verhindert. Praxisgebühr weg.[...]

    Alberne Phrasen. Niemand wird behaupten können, die FDP hätte nicht ernsthaft und dauerhaft versucht, eine Steuerreform anzustrengen. Dafür musste sie ordentlich in den Medien einstecken. Sie tun ja so, als hätte die FDP nach der Wahl einfach "Ätsch, Steuern senken wir doch nicht" gesagt. Die FDP konnte sich nicht durchsetzen. Das ist sicher richtig. Aber daran ist nichts "dreist"."

    Ihr Beitrag enthält lediglich die obligatorischen FDP-Verteidigungsfloskeln.

    Die FDP hat über ein Jahrzehnt "ein niedrigeres, einfacheres und gerechteres Steuersystem" versprochen. Zitat Westerwelle: "Ich unterschreibe keinen Koalitionsvertrag, in dem nicht ein einfaches, niedriges und gerechtes Steuersystem steht." - Daran hat sich die FDP zu messen.

    Die FDP hat das Vorstehende viel zu oft, viel zu lang und sehr ernsthaft versprochen, so dass sie sich nicht mit "nicht durchsetzen können" herausreden darf. Für dieses Versprechen hat sie einen Großteil ihrer Stimmengewinne erhalten. Im Zweifel hätte die FDP einfach nicht die Koalition eingehen dürfen.

    Die Abschaffung der Wehrpflicht war im Ürigen kein Verdienst der FDP und die Blockadehaltung bei der Vorratsdatenspeicherung eine der ganz wenigen Sternstunden. Und die Verhinderung der Mindestlöhne ist mehr "Schein als sein" (aber dafür bedürfte es mehr Worte).

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "GAME OVER"
    • Felefon
    • 05. Januar 2013 21:05 Uhr

    Würde eine Partei sich heute offen für den

    - Stop der grünen Ökodiotie,
    - deren Bevormundung und Einschränkung der Bürger und
    - Pro eine industrielle, wirtschaftliche Energieversorgung

    aussprechen,

    ich denke, sie hätte gute Chancen auf 30% der Wählerstimmen.

    2 Leserempfehlungen
  5. Viel Begeisterung und hohle Phasen schaffen eben noch nichts Neues.
    Die Begeisterung war wohl vor allem der Vision geschuldet eine tolle Rolle zu spielen. So jung, so chic, so smart und dann - auch noch der Retter zu sein.
    Was jemanden allerdings bewegt für die FDP sein Herzblut zu vergießen, erschließt sich mir ohnehin nicht, außer der Furor die eigenen Privilegien zu verteidigen, weil man ja so ein toller Hecht ist der alles was ihm an Guten zufällt auch verdient.
    Das Problem ist aber nicht die FDP sondern die CDU, die weitgehend genau so tickt aber zu deren Markenkern halt die "Volkspartie" gehört. Lästig. Daher macht sie so gerne den Steigbügelhalter für die FDP, weil sie es tatsächlich schafft ihren dicken Hintern hinter den kleinen (Neo-)Liberalen) zu verstecken, und so die Politik zu machen die sie will, "Eliten"-freundlich.
    Daher wird die FDP gebraucht, und immer gerade über die 5% gehievt die sie braucht um die Geschicke der Menschen hier zu lenken. Wenn Merkel mal zickt ist das auch nur Teil der großen Scharade.

    3 Leserempfehlungen
  6. Die Linkspartei will eben Freiheit für alle, die FPD nur Freiheit für Wenige.

    Wenn Banken nicht ihren originären Aufgaben nachkommen, wenn sie die Demokratie unterhöhlen, dann gehören sie verstaatlicht! Der Markt funktioniert eben nicht ohne Regeln, weil ohne Regeln das Recht des Stärkeren herrscht und nicht das Recht des Besseren!

    Die Wirtschaft hat sich dem Menschen unterzuordnen und nicht umgekehrt, ebenso hat sich die Wirtschaft der Demokratie unterzuordnen. Und nun nennen Sie mir bitte einen echten Ordoliberalen, der diesen beiden Sätzen nicht zustimmen kann....

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Rösler"
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    [Die Linkspartei will eben Freiheit für alle, die FPD nur Freiheit für Wenige.]

    Das ist eine leere Phrase. Die Linkspartei hat mit Freiheit nach liberalem Verständnis nichts am Hut. Deswegen ist sie für die Ausweitung des Zwangsappaarates Staat, deswegen will sie mehr und höhere Zwangsabgaben, staatlich erzwungene Frauenquoten, staatlich diktierte Löhne, deswegen will sie Banken verstaatlichen und den Arbeitsmarkt strangulieren. Das hat alles weder mit Freiheit noch mit Ordoliberalismus etwas zu tun.

    [Wenn Banken nicht ihren originären Aufgaben nachkommen, wenn sie die Demokratie unterhöhlen, dann gehören sie verstaatlicht! Der Markt funktioniert eben nicht ohne Regeln, weil ohne Regeln das Recht des Stärkeren herrscht und nicht das Recht des Besseren!]

    Wenn ein Markt nicht ohne Regeln funktioniert, erlässt man Regeln und verstaatlicht nicht die Akteure. Das ist der Unterschid zwischen der ordoliberalen und der Position der Linkspartei. Und deswegen ist die Linkspartei nicht ordoliberal.

    [Die Wirtschaft hat sich dem Menschen unterzuordnen und nicht umgekehrt...]

    Das ist mindestens eine leere, wenn nicht sogar gefährliche Phrase. Wer ist denn "Die Wirtschaft"? Sind das Aliens? Die Wirtschaft, das sind Menschen. Das sind Konsumenten, Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Investoren u.v.m. Letztlich sind das wir alle. Es sei denn natürlich, Sie wollen einigen Menschen das Menschsein absprechen. Dann bewegen wir uns aber auf 1933-1945 Terrain.

    Zitat aus Nr. 28 "Die Linkspartei will eben Freiheit für alle" . Jetzt erlebe ich wieder einmal, daß das Forum ein Spassspender sein kann. --- Ausgerechnet die direkten Mitmacher, Erben und Enkel der Mauerbau-Partei, die Hunderte Toter an den Grenzen in Richtung Freiheit zu vertreten hat, ausgerechnet diese "Linken" sollen für "Freiheit für alle" stehen ?? Man fasst es nicht. Doller geht es sprachlich nur in der Politik selbst zu.

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