Marina AbramovićVivaldi gegen die traurige Kindheit

Marina Abramović litt als Kind unter ihren streitenden Eltern. Um der Realität zu entkommen, erfand sie ihre eigene Welt. von Louis Lewitan

Performancekünstlerin Marina Abramovic bei einem Filmfestival im November 2012

Performancekünstlerin Marina Abramovic  |  © Theo Wargo/Getty Images

Marina Abramović: Sind Sie wirklich Psychologe?

ZEITmagazin: Ja.

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Abramović: Sagen Sie mir, bin ich verrückt?

ZEITmagazin: Nein, Sie sind Künstlerin. Darf ich jetzt die Fragen stellen? Wie wichtig ist Humor für Sie?

Abramović: Ich erzähle dauernd schmutzige, politisch unkorrekte Witze. In meinem nächsten Leben werde ich Clown, das wäre sicher für alle eine Überraschung! Ich lache wirklich gern, vor allem über mich selbst. Aber ich habe es noch nicht geschafft, Humor in mein Werk einzubringen. Wenn ich den Menschen in die Augen und in ihr Leben schaue, kommt kein Lachen in mir auf. Es gibt einfach überall so viel Schmerz.

MARINA ABRAMOVIĆ

66, geboren in Belgrad, ist eine Pionierin der Performancekunst. 2010 saß sie im MoMA in New York 721 Stunden lang auf einem Stuhl, die Besucher konnten sich ihr gegenübersetzen und ihr stumm in die Augen schauen. Über dieses Projekt erschien gerade der Film »The Artist Is Present«

ZEITmagazin: Sie überschreiten in Ihrer Arbeit oft Ihre physischen und mentalen Grenzen. Warum?

Abramović: Ich suche immer die Auseinandersetzung. Meine Arbeit erzählt davon, wie man Schmerz erträgt, umwandelt und sich von ihm befreit. Wir alle wollen Schmerz und Scham verdrängen. Ich bin eine Art Spiegel, indem ich diese Gefühle stellvertretend durchlebe und zeige. Es ist wichtig, einen Weg zu finden, schmerzvolle Gefühle zu transzendieren. Dinge, vor denen man Angst hat, alle möglichen schlimmen Erlebnisse aus der Kindheit, die wir in eine Kiste einsperren, weil sie so wehtun.

ZEITmagazin: Haben Sie sich in Ihrer Kindheit geschämt?

Abramović: Oh Gott, seit ich mich erinnern kann, habe ich mich geschämt. Für meine riesige Nase. Dafür, wie meine Mutter mich anzog. Meine Klassenkameraden nannten mich Giraffe, weil ich sehr groß war und diese riesige Nase in meinem Kindergesicht hatte und jede Menge Pickel. Ich fühlte mich hässlich und wie eine Außenseiterin. Dazu kam noch, dass meine Eltern sich gegenseitig Gewalt antaten. Beide waren während des Zweiten Weltkriegs Partisanen gewesen, hoch dekoriert. Wenn sie schliefen, lag die Pistole immer neben dem Bett.

ZEITmagazin: Warum haben sich Ihre Eltern gegenseitig wehgetan?

Abramović: Mein Vater war untreu. Wenn er nachts nach Hause kam, wartete meine Mutter auf ihn. Dann schrien sie sich an und stritten furchtbar. Meine Mutter hielt mich vor ihren Körper, sodass mein Vater sie nicht schlagen konnte. Seitdem ertrage ich es nicht, wenn jemand laut wird. Mein Körper erstarrt, sobald jemand schreit. Meine Kindheit war wirklich traurig. Ich wurde immer für alles bestraft, selbst für das, was mein Bruder angestellt hatte.

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen   |  © qsus/photocase

ZEITmagazin: Wie haben Sie das alles überstanden?

Abramović:  Ich las Bücher, schrieb Gedichte und malte. So rettete ich mich in meine eigene erfundene Welt. Von morgens bis abends malte ich meine Träume. Ich las Dostojewski, die Welt seiner Bücher war mir wichtiger als die Welt, die mich umgab. Ich hörte Musik, Bach, Mozart, Vivaldi, Beethoven. Dass die Beatles und die Rolling Stones existierten, wusste ich nicht.

ZEITmagazin: Hatten Sie keine Freunde?

Abramović: Das war fast unmöglich, weil meine Mutter überzeugt davon war, dass jeder daheim Bakterien einschleppt. Wir hatten daher strenge Hygienevorschriften zu befolgen, ich musste dauernd meine Hände waschen, selbst Bananen mussten wir vor dem Schälen reinigen, weil sie aus einem schwarzen Land kamen.

ZEITmagazin: Litt Ihre Mutter unter einer Zwangsstörung?

Abramović: Ich denke, ja. Als sie starb, entdeckte ich ihre Tagebücher, die von einer großen Einsamkeit erzählen. Wenn ich das vor ihrem Tod gewusst hätte, wäre meine Beziehung zu ihr vollkommen anders gewesen. Ich kannte sie nur grausam und gefühllos. Als ich 20 war, fragte ich sie, warum sie mir noch nie einen Kuss gegeben hätte. Sie war überrascht von meiner Frage und sagte: Um dich nicht zu verwöhnen, natürlich.

ZEITmagazin: Heute gehören Sie zu den wichtigsten Künstlern der Gegenwart.

Abramović: Ja, aber lange lebte ich allein gegen den Rest der Welt. Meine Mutter und mein Vater fragten mich, was ich da täte, wenn ich mir einen Stern in den Bauch ritzte, einen kommunistischen Stern öffentlich verbrannte oder mich splitternackt auszog. Jeder lehnte meine Performancekunst ab, meine Familie, die Kunstprofessoren, die Gesellschaft, aber ich folgte meiner Intuition. Ich muss einfach mir gegenüber ehrlich sein.

Louis Lewitan

gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Lara Fritzsche und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe. Der Psychologe und Coach lebt und arbeitet in München

ZEITmagazin: Darf ich Sie fragen, warum Sie selbst keine Kinder haben?

Abramović: Ich wusste immer, dass ich meine Energie mit niemandem teilen kann. Mit einem Kind hätte sowohl das Kind als auch die Kunst gelitten. Ich will eine Sache in meinem Leben richtig und perfekt machen, da ist kein Raum für Kompromisse. Jahrelang kam niemand auf die Idee, das, was ich mache, Kunst zu nennen. Jetzt habe ich erreicht, was ich wollte, ich bin 66, und endlich kann ich sagen: Es hat sich gelohnt.

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