ZEITmagazin: Hatten Sie keine Freunde?

Abramović: Das war fast unmöglich, weil meine Mutter überzeugt davon war, dass jeder daheim Bakterien einschleppt. Wir hatten daher strenge Hygienevorschriften zu befolgen, ich musste dauernd meine Hände waschen, selbst Bananen mussten wir vor dem Schälen reinigen, weil sie aus einem schwarzen Land kamen.

ZEITmagazin: Litt Ihre Mutter unter einer Zwangsstörung?

Abramović: Ich denke, ja. Als sie starb, entdeckte ich ihre Tagebücher, die von einer großen Einsamkeit erzählen. Wenn ich das vor ihrem Tod gewusst hätte, wäre meine Beziehung zu ihr vollkommen anders gewesen. Ich kannte sie nur grausam und gefühllos. Als ich 20 war, fragte ich sie, warum sie mir noch nie einen Kuss gegeben hätte. Sie war überrascht von meiner Frage und sagte: Um dich nicht zu verwöhnen, natürlich.

ZEITmagazin: Heute gehören Sie zu den wichtigsten Künstlern der Gegenwart.

Abramović: Ja, aber lange lebte ich allein gegen den Rest der Welt. Meine Mutter und mein Vater fragten mich, was ich da täte, wenn ich mir einen Stern in den Bauch ritzte, einen kommunistischen Stern öffentlich verbrannte oder mich splitternackt auszog. Jeder lehnte meine Performancekunst ab, meine Familie, die Kunstprofessoren, die Gesellschaft, aber ich folgte meiner Intuition. Ich muss einfach mir gegenüber ehrlich sein.

ZEITmagazin: Darf ich Sie fragen, warum Sie selbst keine Kinder haben?

Abramović: Ich wusste immer, dass ich meine Energie mit niemandem teilen kann. Mit einem Kind hätte sowohl das Kind als auch die Kunst gelitten. Ich will eine Sache in meinem Leben richtig und perfekt machen, da ist kein Raum für Kompromisse. Jahrelang kam niemand auf die Idee, das, was ich mache, Kunst zu nennen. Jetzt habe ich erreicht, was ich wollte, ich bin 66, und endlich kann ich sagen: Es hat sich gelohnt.