Philosoph Alain Badiou"Desaster als Triumph"
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"Wagner hat das Theater der Musik unterworfen"

ZEIT: Na ja, dieser Parsifal-Film von Syberberg, wo alle nur stundenlang zeremoniell umherschreiten...

Badiou: Parsifal ist sehr interessant. Wenn Sie die Oper als Zeremonie betrachten, dann ist sie in der Tat gescheitert. Ich schaue mir das an und sage mir: Nein, ich glaube das nicht, was da auf der Bühne behauptet wird. Für mich ist es ein Kunstwerk mit großen Momenten, aber eine Zeremonie? Es gibt ja Aufführungen, da wagen die Leute nicht zu klatschen, weil doch alles heilig sei. Wie kindisch! Aber die gute Frage, die Parsifal aufwirft, ist die: Ist heute, nach dem Tod der Götter, eine sinnvolle Zeremonie möglich? Wieder so eine Frage des 20. Jahrhunderts. Kommunismus und Faschismus hatten politische Zeremonien versucht, und wie bei Wagner waren die dann übertrieben, aufgeblasen, erzwungen.

ZEIT: Das soll Wagner alles vorhergesehen haben?

Badiou: In gewisser Hinsicht, rein künstlerisch. Er war als Künstler gezwungen, am Schluss des Parsifal geradezu vulgäre Mittel zu verwenden. Warum? Weil der Künstler Wagner eine Lösung des Problems finden sollte, das der Ideologe Wagner ihm aufgegeben hatte: Was kommt nach dem Christentum? Der Künstler fand die Lösung nicht und füllte die Leere mit Theatereffekten. Am Ende der Oper fragt man sich ja schon, was hat dieser Parsifal eigentlich geleistet? Im ersten Akt war er ein bisschen doof, im zweiten ruft er nach seiner Mutter, schließlich kommt er mit einer Lanze an, und das ist so ziemlich alles, selbst gesungen hat er wenig, gerade mal 20 Minuten. Die Oper hat erhabene Momente, aber Kunst und Ideologie fallen in ihr vollkommen auseinander. Wagner war ein grandioser Künstler des Scheiterns.

ZEIT: Als Charles Baudelaire 1860 den Tannhäuser in Paris gesehen hatte, sagte er, es handele sich um »despotische Musik« – die ihm allerdings gefiel.

Badiou: Es gibt einen wagnerischen Grundwiderspruch. Auf der einen Seite war er ein extrem innovativer Komponist, noch dazu einer, der selbst in kleinsten Details außergewöhnlich innovativ war. Er arbeitete mit größter Finesse am äußersten Rand der musikalischen Abstraktion. Und andererseits liebte er die Effekte. Just das hatte Nietzsche ja so kritisiert, dieses Theatralische, Zirzensische, Historische. Nietzsche schrieb, Wagner habe die Musik dem Theater unterworfen – ich glaube, das Gegenteil stimmt, Wagner hat das Theater der Musik unterworfen. Gleichwohl, die Opern bestehen halt aus beidem, und Wagner spielt da immer wieder mit Knalleffekten, er will faszinieren, hypnotisieren, und in dem Sinn ist sein Werk despotisch.

ZEIT: Trotz Baudelaire fiel Wagner in Paris zunächst durch. Über Tannhäuser schrieb die Revue des deux mondes, das sei keine Musik, sondern Chaos.

Badiou: Alle große Kunst überschreitet die vorgefundenen Formen, und dann gilt sie als formlos und als Nichtkunst.

ZEIT: In Paris war es damals die im Jockey Club organisierte Clique konservativer Bourgeois, die den subversiven Wagner ausbuhte. Aber wenn Sie heute nach Bayreuth schauen – was bleibt von der Subversion?

Badiou: In Bayreuth wird die Zeremonie der deutschen Bourgeoisie zelebriert, aber das hindert mich doch nicht, einen anderen Bezug zu Wagner zu haben. Es ist nun einmal das Schicksal der großen Kunst, dass sie in offizielle Kultur verwandelt wird. Und was einst unerhört war, ist heute Schulstoff. Das ist wie mit der euklidischen Geometrie: Ursprünglich eine unglaubliche Herausforderung, ist sie jetzt etwas Normales.

ZEIT: Doch wenn man Euklids Beweise nachvollzieht, ist die ursprüngliche Kraft noch zu spüren.

Badiou: Unbedingt! Beides, Euklids Beweis für die Unendlichkeit der Menge aller Primzahlen und die Götterdämmerung von Wagner, hat seine ereignishafte Gewalt für mich nicht verloren. Nach dem Beweis denkt man anders. Und nach Wagner hört man Musik anders.

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Leserkommentare
  1. Redaktion

    ... das ich zu ziemlich anderen Themen mit ihm geführt hatte:

    http://www.zeit.de/2009/4...

  2. ..erscheint mir nach wie vor als "Emotionskitsch" .....nicht nur das, sie passt leider allzugut zu L.II (Bayern) und der gleichen Neunibelungenfantasie von A.H.---

    Auch der Pomp der immer noch um den unsäglichen "Grünen Hügel" wabert, scheint mir in diese Richtung zu gehen. Leider!

  3. 2 Leserempfehlungen
  4. ist streckenweise grandios, wenn da nicht der unerträgliche Gesang wäre (bin da ganz eins mit Mark Twain). Vieles grenzt leider wirklich sehr hart an Kitsch, da muss ich dem ersten Foristen Recht geben.

  5. Wagner ist für mich grandios. Streckenweise fesselnd.... letztes Jahr Tristan und Isolde. Dennoch ist Wagner nicht frei. Er begeistert mich nicht alltäglich, wenn ich mich mit seinem Geistesgut befasse, wird mir schlecht. Seine Vorstellung von allem andern aber ist immer lebendig.

    Eine Leserempfehlung

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