Philosoph Alain Badiou"Desaster als Triumph"

Der französische Philosoph Alain Badiou hat bereits 1952 in Bayreuth den "Ring des Nibelungen" gesehen – und ist bis heute von ihm gebannt. Ein Gespräch über Wagners Knalleffekte und die Gewalt des 20. Jahrhunderts, über Wagners scheiternde Helden und die hypnotische Wirkung seiner Musik. von 

Der französische Philosoph Alain Badiou

Der französische Philosoph Alain Badiou  |  © Patrick Hertzog/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Wie ist Wagner in Ihr Leben getreten?

Alain Badiou: Meine Mutter war Wagnerianerin. Als 14-Jähriger hörte ich zum ersten Mal ihre 78-rpm-Schallplatten, sie enthielten einzelne Stücke, den Ritt der Walküren, die Ouvertüre zu den Meistersingern. Das hat mich sehr berührt. Dann aber gab es ein richtiges Ereignis: 1952 wurde die Familie nach Bayreuth eingeladen, eine politische Geste, mein Vater war Bürgermeister von Toulouse und als solcher Chef der Oper, er sang übrigens auch selbst Arien. In Bayreuth erlebten wir den Ring, wie ihn Wieland Wagner inszenierte.

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ZEIT: Einen nicht teutonischen Wagner.

Badiou: Ja, ohne diese Helme mit den Hörnern (lacht); einen gereinigten, einen den Nazis entrissenen Wagner. Auf unserer Fahrt durch Deutschland sahen wir unfassbare Zerstörung, München war ein wüstes Feld aus Stein, dort wohnten wir bei einer Dame, auf dem Kaminsims standen drei Fotografien ihrer Söhne, alle gefallen. Deutschland war von dem Grauen verschlungen worden, und dann Bayreuth: Wagner, aus den Ruinen auferstanden.

ZEIT: In Ihrem Buch Fünf Lektionen verteidigen Sie Wagner gegen den Vorwurf, er sei ein protofaschistischer Propagandist der Identität gewesen, dem alle Differenz, alles Leiden und alles Scheitern nur als Übergangsmoment auf dem Weg zur großen Lösung gegolten habe.

Alain Badiou

Der Wahlpariser, 1937 geboren, ist einer der bekanntesten (und umstrittensten) Philosophen Frankreichs. Der Exmaoist versteht sich als linker Platoniker. Neben seinem Hauptwerk Das Sein und das Ereignis hat er zahlreiche politische Bücher geschrieben – und jüngst die Fünf Lektionen zum Fall Wagner (diaphanes Verlag). Schon sein allererster Artikel befasste sich mit Wagner, und zwar mit dem Ring des Nibelungen.
 

Badiou: Diese Sichtweise unterschlägt die Tatsache, dass Wagner echte Tragik kennt. Er präsentiert keine Lösung der Widersprüche. In seinem Werk sind Unsicherheit und Scheitern außerordentlich präsent. Die Opern bestehen zu einem großen Teil aus einem Warten, das nicht belohnt wird, aus Projekten, die in Katastrophen enden, aus unheilbaren Spaltungen, und die großen wagnerschen Situationen sind mehr Desaster als Triumph. Nur das Ende der Meistersinger ist triumphal, die Vereinigung von Tradition und Erneuerung – aber sogar das hat seinen Preis, Hans Sachs muss seine Liebe opfern. Bei Wagner wird immer ein Preis gezahlt. Oder nehmen wir den Ring: vollkommenes Scheitern! Am Ende der Götterdämmerung, in der berühmten Aufführung unter der Regie von Chéreau 1976, steht die Menschheit fragend auf der Bühne und schaut ins Publikum: Wir sind allein, Waisen, keine Götter mehr und kein Ring – was jetzt?

ZEIT: Ein brechtscher Moment.

Badiou: Genau das. Natürlich ist Wagner auch fähig, Widersprüche aufzulösen – aber dann, ohne zu überzeugen, wie im Parsifal. Das endet ja nicht gerade großartig, man fragt sich: Wieso ist es jetzt besser? Ansonsten aber: überall Desaster. Lohengrin muss fort, die Götter gehen unter, Tristan und Isolde endet damit, dass alle verloren haben – Isolde singt zwar noch, ist aber eigentlich auch schon tot. Nein, Wagner war ein Mann der schwierigen, inpraktikablen, unmöglichen Wege. Also gerade nicht des Triumphs der affirmativen Dialektik.

ZEIT: Insofern hätte das 20. Jahrhundert ihn nicht widerlegt.

Badiou: Im Gegenteil. Das 20. Jahrhundert hatte ein Thema, das bei Wagner sehr präsent ist: das Projekt der radikalen Metamorphose der Welt – ein Projekt, das die Menschheit der Gefahr des Untergangs aussetzte. Nehmen Sie Wotan. Der will alle Macht kumulieren, die des Gesetzes und die der rohen Gewalt, ein totalitäres Projekt. Eine Art göttlicher Stalin, dieser Wotan, der die Macht in allen Formen will, die Lanze, den Ring noch dazu. Und er sieht, dass er innerhalb dieses Systems nicht frei handeln kann, also schafft er sich mit Siegfried einen freien Helden, der für ihn handeln soll – was ebenfalls nicht gelingen kann. Das erinnert an das problematische Verhältnis von Totalitarismus und Befreiungsideologie im 20. Jahrhundert. Oder nehmen Sie das Problem der Erneuerung: Lohengrin will seinen Namen nicht nennen, das Vergangene soll ganz weg sein, damit er neu beginnen kann – 20. Jahrhundert! Wagner war sein Prophet.

ZEIT: Und wie erklären Sie sich, dass in seiner Mythenwelt so etwas Materialistisches, so etwas Irdisches wie das Rheingold auftreten konnte?

Badiou: Wagner war Zeitgenosse von Marx. Den kannte er zwar nicht...

ZEIT: ...aber dafür Bakunin...

Badiou: ...ja, diese Welt war das. Sie begann, vom Geld regiert zu werden. In der Fabel liegt die echte Macht im Gold, selbst Gott will es haben. Wagners These: Diese Macht ist ein Fluch. Wenn die Götter, die Herrschenden, sich auf diese Macht stützen, dann wird die Welt untergehen. Das ist Antikapitalismus, wenn auch nicht im Marxschen Sinn. Am Ende der Götterdämmerung ruft Brünnhilde: Lasst ab, das Gold ist verflucht. Und man geht zu etwas anderem über. 

ZEIT: Ein grandioses Ende, überhaupt wird alles gegen Ende immer erhabener bei Wagner. War das Erhabene sein eigentliches Ziel? Könnte man also all die Walküren, Wotans, Klingsors und tutti quanti unabhängig von ihrem mythologischen Gehalt einfach nur als Mittel ansehen, das Gefühl des Erhabenen zu erzeugen?

Badiou: Ich glaube schon. Aber was ist das Erhabene bei Wagner? Es ist das Tragische. Die feierliche Erklärung, dass da etwas vorbei ist und dass das Unbekannte beginnt. In den Fällen hingegen, wo bei Wagner das Kommende doch bekannt ist, wie in den Meistersingern oder im Parsifal, verliert sich dieses Erhabene. In der Götterdämmerung wiederum ist das Kommende eine Möglichkeit fast ohne Inhalt, es ist die Musik, die da etwas verspricht. Bei Wagner ist die Musik stets ein Versprechen, das vieles offenlässt; sie löst die Konflikte nicht, aber deutet an, dass eine Lösung kommen mag. Dafür hat er eine eigene musikalische Spannung erfunden, während der man nie weiß, wohin die Musik denn nun gehen wird. Das kann sehr lang dauern, aber Sie halten es aus und langweilen sich nicht.

Leserkommentare
  1. Redaktion

    ... das ich zu ziemlich anderen Themen mit ihm geführt hatte:

    http://www.zeit.de/2009/4...

  2. ..erscheint mir nach wie vor als "Emotionskitsch" .....nicht nur das, sie passt leider allzugut zu L.II (Bayern) und der gleichen Neunibelungenfantasie von A.H.---

    Auch der Pomp der immer noch um den unsäglichen "Grünen Hügel" wabert, scheint mir in diese Richtung zu gehen. Leider!

  3. 2 Leserempfehlungen
  4. ist streckenweise grandios, wenn da nicht der unerträgliche Gesang wäre (bin da ganz eins mit Mark Twain). Vieles grenzt leider wirklich sehr hart an Kitsch, da muss ich dem ersten Foristen Recht geben.

  5. Wagner ist für mich grandios. Streckenweise fesselnd.... letztes Jahr Tristan und Isolde. Dennoch ist Wagner nicht frei. Er begeistert mich nicht alltäglich, wenn ich mich mit seinem Geistesgut befasse, wird mir schlecht. Seine Vorstellung von allem andern aber ist immer lebendig.

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Richard Wagner | Philosophie | Paris | Oper | Bayreuther Festspiele
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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