Jubiläumsjahr 2013Der kleine Dirigententest

Welche Aufnahmen der zehn großen Musikdramen sind besonders empfehlenswert? von Wolfram Goertz

Wer mit Wagnerianern über Referenzaufnahmen debattieren will, benötigt zunächst ein angstfreies Verhältnis zur Kriminalität. Zahllose Aufnahmen existieren lediglich als Raubkopien im Internet, werden von Fanatikern aber mit dogmatischem Hohn beschworen: »Kennen Sie Gaspard Bretouilles legendären Parsifal aus Montpellier von 1968? Unübertroffen!« Ist aber leider nur Bückware und insofern hier nicht relevant.

© Arts

Die besten Wagner-Aufnahmen aller Zeiten – wer hier den Platzanweiser geben will, muss entscheidungsstark sein. Nun denn, Karajans Dresdner Meistersinger sind exzellent, aber die schönste Einspielung des Werks ist die von Rafael Kubelik aus München von 1967, der Thomas Stewart (Sachs), Gundula Janowitz (Eva) und Sandor Konya (Stolzing) mit den Ensembles des Bayerischen Rundfunks perfekt den Rücken freihielt. In Konyas stürmischem Preislied spürt man den Fremdling, der sich um Kopf und Kragen singt und doch alles gewinnt (Arts).

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© Deutsche Grammophon

Kubeliks Meistersinger sind gewiss konsensfähig, Karl Böhms Bayreuther Tristan (1966, mit Birgit Nilsson und Wolfgang Windgassen) ist es gewiss auch. Carlos Kleiber scheidet aus wegen der hörbaren Differenzen mit René Kollo, Furtwängler wegen seiner Tempo-Missverständnisse. Beim Tristan dirigierte auch Böhms Herz mit. Das hört man (DGG).

© Berlin Classics

Komplexer die Lage beim Parsifal, den Karajan als prä-Debussyisches Ornament anlegt und Knappertsbusch als Etüde über heroische Abseitigkeit. Als Favorit darf hier ein Leipziger Studio-Mitschnitt von 1975 unter Herbert Kegel gelten (mit Theo Adam als Amfortas und René Kollo als Parsifal): Die Musik raunt nicht – und Kegels Kompromisslosigkeit ist entwaffnend (Berlin Classics). Erfreulich gut zeigt sich der Fliegende Holländer repräsentiert, jenseits von öden Fassungsfragen werden in Joseph Keilberths Bayreuther Mitschnitt von 1955 alle relevanten Wünsche erfüllt: Ruhe in der Stube, Orkan auf der See – mit Hermann Uhde, Astrid Varnay und Ludwig Weber (Testament).

© EMI

Unbefriedigend hingegen die Lohengrin-Lage: Abbado ist zu pauschal, Kubelik (mit dem grandiosen James King) kann die desaströse Ortrud von Gwyneth Jones nicht vergessen machen. Rettung naht aus Wien – in Rudolf Kempes intensiv erzählender Staatsopern-Produktion von 1963, mit Jess Thomas als Lohengrin und Elisabeth Grümmer als Elsa (EMI). Wer klangliche Grenzfälle nicht scheut: Erich Leinsdorfs Met-Mitschnitt von 1943 mit Lauritz Melchior, Astrid Varnay und Kerstin Thorborg ist sängerisch eine echte Offenbarung (Naxos).

© Decca

Wer den Ring des Nibelungen en bloc haben möchte, kommt wohl an Georg Soltis imperialem Zyklus nicht vorbei (Decca). Reizvoller ist die Aufteilung: Rheingold hört man kaum geschlossener und symphonischer als bei Bernard Haitink (EMI). Die Walküre wärmt und feuerzaubert am stärksten bei Joseph Keilberth (Testament), Siegfried hat beim hochgradig inspirierten Marek Janowski in Peter Schreier den besten Mime (RCA), und Furtwänglers Expertise in der schier mythischen Durchdringung von Zeit, Raum und Klang kommt nirgendwo so erhebend zum Ausdruck wie in seiner späten römischen RAI-Rundfunk-Aufnahme der Götterdämmerung von 1953 (EMI).

© Opera d'Oro

Den idealen Tannhäuser indes muss man schuldig bleiben. Solti? Oberflächlich. Sinopoli? Domingo singt unverständlich. Karajan? Beirer knödelt. Furchtlosen Suchern sei somit zu Wolfgang Sawallischs Livemitschnitt aus dem italienischen Perugia von 1972 geraten, abermals eine RAI-Produktion (Kollo, Janowitz, Brendel). Der finale Jubel der umbrischen Wagnerianer ist in jedem Fall berechtigt (Opera d’Oro).

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Leserkommentare
    • JLSorel
    • 29. Januar 2013 13:44 Uhr
    2. Nun ja

    Die Parsifal-Aufnahme von Kegel ist die schwächste, die ich kenne und ich kenne viele. Da ist mit Sicherheit eine Knappertsbusch-Aufnahme aus Bayreuth vorzuziehen oder auch die Solti-Aufnahme mit Christa Ludwig als Kundry.
    Beim Tannhäuser schließe ich mich meinem Vorredner(schreiber) an: die 62er-Aufnahme aus Bayreuth ist sicherlich eine der besten.
    Beim Lohengrin sollte die 58er-Aufnahme aus Bayreuth nicht vergessen werden mit eben jenem Sandor Konya in der Titelrolle, der im Artikel so gelobt wird.
    Was den Ring anggeht, ziehe ich die Böhm-Aufnahme vor. Mein Geheimtipp zum Ring ist die Haitink-Aufnahme mit dem Bayerischen RSO.

    Eine Leserempfehlung
  1. Sehr praktisch, dass die Cover der Aufnahmen mit abgebildet sind, so werd ich denn mal nach Sawallisch´s Tannhäuser Ausschau halten.

    Kleibers Tristan fällt keineswegs aus. Herausragend was er aus den Streichern im Vorspiel zum 1. Akt holt und ja, trotz der Differenzen zwischen Kleiber und Kollo, ist der gesamte 3. Akt, grad wegen Kollo und Kleiber und den Wagner als für unaufführbar befand, das erschütterndste, was ich bisher von mir bekannten Aufnahmen dieser Oper gehört habe. Wagners Aussage ist nur hier nachvollziehbar.

    Ansonsten vermisse ich doch Klemperer´s Holländer und Solti´s Parsifal...

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wenn sie kollos bemühten sprech-gesang, besonders im
    dritten akt, wenn ihm auf der vocallinie immer wieder
    die luft ausgeht, als >erschütternd< beschreiben, kann
    ich ihnen nur insofern zustimmen, dass seine tristan interpretation als singuläre karikatur der rolle
    vergleichslos da steht.
    kleiber wusste wg. seiner musikalisch-instrumentalen
    expertise genau, warum er sehr lang diese dresdner
    einspielung nicht freigab.
    und kollo hat banausisch nur gemault.

  2. wagners zeit

    nach seiner zeitgemäss-schnöden ala boulevard draufsicht auf einen, womöglich seinen, wagner >zwischen buddenbrooks und rtl-camp< kommt uns nun der versierte musikschreiber und wagner-spezialist wolfram goertz mit seiner
    auswahl besonders empfehlenswerter aufnahmen und sogleich mit dem doch schockierenden hinweis auf inkriminierte,
    >mit dogmatischen hohn beschworene< raubkopien, die, wenn auch unübertroffen, als bückware und deshalb als nicht
    relevant er ganz entschieden abweist.

    dabei wäre es für alle nicht-raubkopierer doch höchst informativ und interessant gewesen zu erfahren, was der schwarzmarkt den sog. musikinsidern so offeriert.
    aber nein, die empfehlungen von herrn goertz sind all die ollen kamellen, die längst zum allgemeingut der (wagner)opernkenner zählen -
    wir leben doch nicht in tannhäusers zeiten, lieber wolfram, now is web-net-tab-time.

    wer heute immer noch den knalligen solti-ring als benchmark beschreibt und furtwänglers tristan als musikalisch-orchestral unzureichend, der sollte sich
    mit den umbrischen wagnerianern nach wahnfried zurückziehen.

    der sog. >kleine dirigententest< ist auch ein flop, und
    man wundert sich, dass, ausser dem artikel >wilde papiere< von volker hagedorn, bisher so wenig substantielles zum wagner-jubeljahr mit zeit-anspruch zu lesen war.

  3. wenn sie kollos bemühten sprech-gesang, besonders im
    dritten akt, wenn ihm auf der vocallinie immer wieder
    die luft ausgeht, als >erschütternd< beschreiben, kann
    ich ihnen nur insofern zustimmen, dass seine tristan interpretation als singuläre karikatur der rolle
    vergleichslos da steht.
    kleiber wusste wg. seiner musikalisch-instrumentalen
    expertise genau, warum er sehr lang diese dresdner
    einspielung nicht freigab.
    und kollo hat banausisch nur gemault.

    • maniak
    • 02. Februar 2013 0:43 Uhr

    fehlt mir ehrlicher gesagt so ein wenig das weiche und ätherische. Das hört man z.B. sehr beim "Liebestod".
    Böhm interessiert es einfach nicht, dass die einsetzenden Blechbläser mit dem starken Akzent den Wellenkamm der Musik auf z.B. auf "Heller schallend[...]" völlig ruinieren. Wagner hat zwar auf den ersten Schlag forte notiert, dass aus einem piano herausbricht, er bereitet dieses aber mit einem unübersehbarem Crescendo-Zeichen vor. Das lässt Böhm links liegen. Über die Sängerleistungen braucht man sich nicht zu streiten, die sind selbstredend unübertrefflich, auch wenn es mir ein wenig schwer fällt, Nilsson die junge, keltisch schlanke Isolde abzukaufen.

    Den Ring von Böhm finde ich aber hervorragend. Allein Gustav Neidlinger (Alberich) und Erwin Wohlfahrt (Mime) machen Böhms Rheingold von '67 neben allen anderen toll besetzten Hauptrollen (Adam als Wotan ist ja so schön zornig und kraftvoll. Auch Windgassens schelmischer Loge ist einer der glaubwürdigsten, die mir je zu Ohren gekommen sind.) noch ein bisschen besser als Soltis Rheingold.

    Karajans Dresdener Meistersinger finde ich übrigens furchtbar. Das Orchestrale ist fast perfekt gelungen, wundervoll ausdrucksstark, schwülstig, fast kitschig und so polyphon wie es sein muss. Abgesehen davon hat mich aber nur Theo Adams Sachs als einziger wirklich überzeugt. Kollo (als Walther) ist indiskutabel und m.E. sowieso völlig überschätzt. Wagner ist eben doch nicht Schlager.

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  • Schlagworte Richard Wagner | Oper | Komponist | Dirigent
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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