Wer mit Wagnerianern über Referenzaufnahmen debattieren will, benötigt zunächst ein angstfreies Verhältnis zur Kriminalität. Zahllose Aufnahmen existieren lediglich als Raubkopien im Internet, werden von Fanatikern aber mit dogmatischem Hohn beschworen: »Kennen Sie Gaspard Bretouilles legendären Parsifal aus Montpellier von 1968? Unübertroffen!« Ist aber leider nur Bückware und insofern hier nicht relevant.

Die besten Wagner-Aufnahmen aller Zeiten – wer hier den Platzanweiser geben will, muss entscheidungsstark sein. Nun denn, Karajans Dresdner Meistersinger sind exzellent, aber die schönste Einspielung des Werks ist die von Rafael Kubelik aus München von 1967, der Thomas Stewart (Sachs), Gundula Janowitz (Eva) und Sandor Konya (Stolzing) mit den Ensembles des Bayerischen Rundfunks perfekt den Rücken freihielt. In Konyas stürmischem Preislied spürt man den Fremdling, der sich um Kopf und Kragen singt und doch alles gewinnt (Arts).

Kubeliks Meistersinger sind gewiss konsensfähig, Karl Böhms Bayreuther Tristan (1966, mit Birgit Nilsson und Wolfgang Windgassen) ist es gewiss auch. Carlos Kleiber scheidet aus wegen der hörbaren Differenzen mit René Kollo, Furtwängler wegen seiner Tempo-Missverständnisse. Beim Tristan dirigierte auch Böhms Herz mit. Das hört man (DGG).

Komplexer die Lage beim Parsifal, den Karajan als prä-Debussyisches Ornament anlegt und Knappertsbusch als Etüde über heroische Abseitigkeit. Als Favorit darf hier ein Leipziger Studio-Mitschnitt von 1975 unter Herbert Kegel gelten (mit Theo Adam als Amfortas und René Kollo als Parsifal): Die Musik raunt nicht – und Kegels Kompromisslosigkeit ist entwaffnend (Berlin Classics). Erfreulich gut zeigt sich der Fliegende Holländer repräsentiert, jenseits von öden Fassungsfragen werden in Joseph Keilberths Bayreuther Mitschnitt von 1955 alle relevanten Wünsche erfüllt: Ruhe in der Stube, Orkan auf der See – mit Hermann Uhde, Astrid Varnay und Ludwig Weber (Testament).

Unbefriedigend hingegen die Lohengrin-Lage: Abbado ist zu pauschal, Kubelik (mit dem grandiosen James King) kann die desaströse Ortrud von Gwyneth Jones nicht vergessen machen. Rettung naht aus Wien – in Rudolf Kempes intensiv erzählender Staatsopern-Produktion von 1963, mit Jess Thomas als Lohengrin und Elisabeth Grümmer als Elsa (EMI). Wer klangliche Grenzfälle nicht scheut: Erich Leinsdorfs Met-Mitschnitt von 1943 mit Lauritz Melchior, Astrid Varnay und Kerstin Thorborg ist sängerisch eine echte Offenbarung (Naxos).

Wer den Ring des Nibelungen en bloc haben möchte, kommt wohl an Georg Soltis imperialem Zyklus nicht vorbei (Decca). Reizvoller ist die Aufteilung: Rheingold hört man kaum geschlossener und symphonischer als bei Bernard Haitink (EMI). Die Walküre wärmt und feuerzaubert am stärksten bei Joseph Keilberth (Testament), Siegfried hat beim hochgradig inspirierten Marek Janowski in Peter Schreier den besten Mime (RCA), und Furtwänglers Expertise in der schier mythischen Durchdringung von Zeit, Raum und Klang kommt nirgendwo so erhebend zum Ausdruck wie in seiner späten römischen RAI-Rundfunk-Aufnahme der Götterdämmerung von 1953 (EMI).

Den idealen Tannhäuser indes muss man schuldig bleiben. Solti? Oberflächlich. Sinopoli? Domingo singt unverständlich. Karajan? Beirer knödelt. Furchtlosen Suchern sei somit zu Wolfgang Sawallischs Livemitschnitt aus dem italienischen Perugia von 1972 geraten, abermals eine RAI-Produktion (Kollo, Janowitz, Brendel). Der finale Jubel der umbrischen Wagnerianer ist in jedem Fall berechtigt (Opera d’Oro).