Seit Rienzi war einiges passiert, an das sich Wagner später auf dem Grünen Hügel mit gemischten Gefühlen erinnerte. Seiner Auffassung, was ein Staatskünstler durfte und was nicht, hatten sich nicht viele angeschlossen, was Wagner so empörte, dass er 1849 in Dresden das Lager wechselte und gegen seinen eigenen sächsischen Dienstherrn auf die Barrikaden der Mai-Revolution stieg. Zuvor hatte er ein wenig Proudhon und Feuerbach gelesen, einschlägige Fürsprecher von Eigentumsverzicht und anthropologischem Materialismus, und nachdem schon 1830 in Leipzig seine Politische Ouvertüre ausgelacht worden war, sann er auf späte Rache. Erlöst musste diese Welt werden vom Fluch des Geldes, wie überhaupt Erlösung (von Fluch, von Schuld, von Sünde, von Besitz) am Ende jedes seiner Musikdramen stand. Deshalb verbündete er sich mit professionellen Zündlern wie dem Revolutionär Bakunin, an dessen Seite Wagner nach Niederschlagung des Aufstands nur per Zufall nicht verhaftet wurde, weil er eine Zusammenkunft der Anarchisten verschlief. Aus musikgeschichtlicher Sicht darf man diese Versündigung am Oppositionsgeist gutheißen, denn trotz Steckbrief schaffte es Wagner in die Schweiz, wo er sogleich zünftige Revolutionsschriften formulierte, in deren Zentrum das Kunstwerk der Zukunft stand. 

Dieses moderne Musiktheater hatte er schon im Fliegenden Holländer, im Tannhäuser und im Lohengrin erkundet; es ging in Richtung einer mythologischen Welterkundung, bei welcher der Komponist idealerweise auch der Textdichter, der Regisseur und bestenfalls sogar der Theaterintendant war. Den Typ des Librettisten hatte Wagner schon früh abgeschafft. Allmählich, genau 26 Jahre lang, gebar er dichtend und komponierend das Monstrum des Rings des Nibelungen, eine vielstündige Kapitalismuskritik mit heroischen, inzestuösen, wonnetrunkenen, mörderischen, entsagungsvollen Momenten, auf die permanent das Strafgesetzbuch angewendet werden kann. Wer so einen Vierteiler komponieren wollte, musste vollständig vor der Welt abgeschirmt sein, er benötigte eine Vertraute im Sinne der perfekten weiblichen Gefährtin. Mathilde Wesendonck war – zwischen 1852 und 1855 in der Schweiz – noch eine Etüde zu dieser Muse mit Ehering und Sekretariatsaufgaben; die wahre Gunst bezeugte Wagner dann Cosima von Bülow, der Tochter Franz Liszts und Gemahlin jenes Hans von Bülow, der 1865 trotz der offenkundigen Brüskierung die Uraufführung des Tristans dirigentisch in die Hand nahm. Zur Heirat von Richard und Cosima kam es allerdings erst 1870, die Jahre zuvor hatten beide in wilder Ehe gelebt, Wagner musste ja immerzu komponieren, neben dem Ring auch die Meistersinger. Und Minna, Wagners erste Frau? Die war 1866 gestorben, schon Jahre zuvor hatte Wagner sie einmal »eine offenbar sehr gealterte Frau« genannt. Zu ihrer Beerdigung fuhr er nicht.

Mit seiner neuen Kunst war Wagner sehr zufrieden, er hatte in der Tat die Oper als solche revolutioniert, an die Stabreime musste man sich zwar erst gewöhnen, dafür gab es jetzt die vieldeutigen Leitmotive, die dem Hörer im wirr gefügten Mythos Takt für Takt neue Schneisen fürs Verständnis schlugen. König Ludwig hatte schon früh kapiert, dass diese Leitmotivtechnik etwas für Blöde und zugleich für ganz Schlaue war, weswegen er Rheingold und Walküre, die erste Hälfte des Rings, schon 1869 und 1870 auf seine Münchner Bühne befahl. Wagner stänkerte, weil er das noch unfertige Gesamtwerk nicht filetiert sehen wollte. In diesem Moment – die Pilgergemeinde sollte dies einmal dankbar memorieren – wurde die Idee von den Richard-Wagner-Festspielen geboren. Er wusste nur noch nicht, wo das Festspielhaus stehen sollte. Eine gewisse Abgeschiedenheit, das ahnte Wagner, wäre dem Ort nicht abträglich. Wer zu ihm wollte, sollte es beschwerlich haben! So kam es zur fränkischen Provinz und zu Bayreuth.

Wagners erträumte Erlösung von allem Druck erfüllte sich am 26. Juli 1882: Da kam der Parsifal in Bayreuth heraus, diese besonders lange Oper hieß jetzt »Bühnenweihfestspiel«, und die Uraufführung geriet so fulminant, dass Wagner zum ersten Mal keine Gläubiger im Nacken sitzen hatte. Das tat ihm nicht gut. Die Schlussformel des Parsifals (»Erlösung dem Erlöser«) wurde fast zu seinem Fluch. Er starb ein Jahr später in Venedig, am 13. Februar 1883. Endlich war er angekommen – er, der immer schnell war im Fliehen, im Komponieren, im Intrigieren, im Schreiben, im Anbaggern, im Verfassen von Bettelbriefen. Und nun machte ausgerechnet das Herz nicht mit. Wir lernen: Schuldenfreiheit kann im Einzelfall auch ungesund sein.