Richard WagnerDas saftige Ich

Ständig pleite, immer auf der Flucht und Probleme mit den Frauen: Wagners Leben liest sich wie eine einzige Oper. von Wolfram Goertz

Wenn es am 28. August 1850 bereits Fernsehen gegeben hätte, dann wäre Europa pünktlich um 18 Uhr in den Genuss eines köstlichen Fernduells per Liveschaltung gekommen. Zwischen den Kontrahenten lagen 620 Kilometer; der eine, Franz Liszt, stand vor dem Weimarer Hoforchester, um die Uraufführung der Oper Lohengrin zu dirigieren; der andere war der Komponist des Märchens vom Schwanenritter, ein steckbrieflich gesuchter Revolutionär namens Richard Wagner. Der saß in der neutralen Schweiz, und zwar zoologisch korrekt im Luzerner Gasthof Zum Schwanen, und dirigierte dasselbe Stück – vor einem imaginären Orchester.

Ist nicht wahr!, möchte man über die Episode ausrufen. Doch, doch, nichts erfunden. Das Leben dieses Richard W. ergäbe heute einen grandiosen Mehrteiler im TV, stilistisch zwischen Buddenbrooks und Dschungelcamp, gern auf einem Kanal mit gelockerter Sittlichkeit. Der Mann konnte nicht die Finger bei sich lassen, und man fragt sich, was die Frauen an diesem eher kleinen, sächselnden Wichtigtuer fanden. Die Antwort: Er stand saftig im Ich, duldete keinen Widerspruch (wenn einer zweifelte, dann er selbst, hinter verschlossener Tür). Er sah sich als Messias, als einen vom Glück einzigartig Begünstigten. Was in gewisser Hinsicht stimmte – der kleine Richard aus Leipzig, am 22. Mai 1813 geboren, überlebte die Völkerschlacht und bekam einen schauspielernden Stiefvater namens Ludwig Geyer, der ihn mit ins Theater nahm. Wenig später protegierte ihn kein Geringerer als der Komponist Carl Maria von Weber, bei dessen Freischütz dem kleinen Wagner ganz heiß im Gemüt wurde – so unheimlich und erhaben, dachte das Kind, schon ganz Ästhet der Zukunft, sollte Oper immer sein. Der Zehnjährige setzte sich in den Kopf, Komponist zu werden. Wenig später hörte er Beethovens Neunte und wusste fortan, an wem er sich zu messen hatte.

Anzeige

Wer mit den Größten in Konflikt zu treten wagte, musste selbst einer sein – oder musste sich und der Welt einreden, dass er’s sei. Bei Wagner war beides der Fall: absurd begabt, einfallsreich wie kaum einer, innovativ bis in die Anarchie, doch prahlerisch wie ein Marktschreier, dem das Bescheidenheits-Gen in der DNA fehlte. Vielleicht war das gut so, ein weniger Abgebrühter wäre zweifellos schnell unter die Räder gekommen. Wagner konnte nämlich nicht mit Geld umgehen, was noch höflich formuliert ist: Er verjubelte es in seinem Luxuswahn und Blendungsbewusstsein regelmäßig. Schulden wurden zu notorischen Begleitern des Mannes von Welt; denkwürdig seine Flucht aus Riga übers Meer mit Frau Minna und Hund im Gepäck, wonach die Gläubiger abgeschüttelt und nebenbei die Ideen zum Fliegenden Holländer geboren waren.

Richard Wagner

Die Werke

1834: Die Feen

1836: Das Liebesverbot

1842: Rienzi, der letzte der Tribunen

1843: Der fliegende Holländer

1843: Das Liebesmahl der Apostel

1845: Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg

1850: Lohengrin

1865: Tristan und Isolde

1868: Die Meistersinger von Nürnberg

1876: Der Ring des Nibelungen, bestehend aus Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung

1882: Parsifal

Neben seinen zahllosen Defekten imponierte auf der Habenseite Wagners übermäßig ausgeprägtes Bettel-Gen, das er in jeder Situation einsetzte: vor Königen, Intendanten, Gönnerinnen und deren betrogenen Ehemännern. Niederträchtig war allerdings der Umgang mit dem generösen deutschen Komponisten Giacomo Meyerbeer, den er erst in Paris um Amtshilfe bat (die ihm gewährt wurde) und den er später in seinem ekligen Aufsatz Das Judentum in der Musik durch den Dreck zog. Ohnehin ist diese Schrift, zumal in der noch böseren Zweitfassung von 1869, geeignet für die These, einige Gedanken Wagners hätten in Adolf Hitler tatsächlich den perfekten Adressaten gefunden.

Jener Meyerbeer war zwar kein Welterneuerer, aber mit seinem Prinzip der Grand Opéra sehr erfolgreich. Das fuchste den ruhmgeilen Wagner, weswegen er 1842 seinen riesenhaften Rienzi komponieren musste, um Meyerbeer fürs Erste auf dessen eigenem Feld zu schlagen. Die finanzielle Lage wurde dadurch nicht besser, auch wenn Wagner zum Königlich-Sächsischen Hofkapellmeister befördert wurde. Das Geld, das widrige Geld – immer brauchte er es, nie hatte er welches. Vielleicht sollte ein Staat anders organisiert sein, dachte Wagner, indem das Eigentum abgeschafft und der Künstler als wahrer Gestalter des Menschlichen bevorzugt behandelt wurde. Diese wunderbar selbstreferenzielle Idee wurde erst 1864 Wirklichkeit, als ihm König Ludwig II. von Bayern eröffnete, er werde ihn »fürderhin aller Belästigungen des gewöhnlichen Gelderwerbs entheben«. Das hätte der Wittelsbacher Schwarmgeist besser nicht gesagt: Wagner begriff die Verheißung als nach oben offenen Überziehungskredit, weswegen der König selbst in die Bredouille geriet, als er die abnormen Ausgaben seines Schützlings rechtfertigen sollte. Immerhin rang Wagner seinem Ludwig die Finanzierung des Festspielhauses in Bayreuth ab, und als wieder einmal das Geld ausging, rief Ludwig, Wagners höchste Not wendend: »Nein! Nein und wieder nein! So soll es nicht enden, es muss da geholfen werden.« Er gewährte einen Vorschuss von 100.000 Talern – und 1876 konnten die ersten Bayreuther Festspiele stattfinden.

Leserkommentare
  1. Das ist das eigentlich Enttäuschende: Das die ZEIT so einen unqualifizierten, auch für eine(n) Nicht-Fachmann / Fachfrau erkennbar höchst unsachlichen Beitrag überhaupt veröffentlicht hat. Die BILD hätte ihn wahrscheinlich als unter ihrem Niveau abgelehnt.

    • fauler
    • 15. Januar 2013 23:35 Uhr

    Ihre "Ergänzungen" bieten mir nochmal eine ganze andere Sichtweise auf Wagner. Ich bin gerade zu perplex von ihrem Kommentar und von der Tatsache dass, wenn die Daten Stimmen, Sie mit 74 Jahren immer noch nicht Schreibfaul sind.

    Eine Leserempfehlung
  2. man muss Wagner moegen, um das zu moegen.

    Ich tu's nicht, weder den Menschen noch seine
    Musik..........

  3. Ich bezeichne mich als Wagnerianer und habe mich köstlich über diesen detailiert, leicht und spannend geschriebenen Artikel gefreut. Übrigens auch über die letzte gedruckte ZEIT zum Thema Wagner. Sicher, arrogant behauptet, war nich viel neues für mich dabei. Man muß Wagner eben mögen oder nicht...
    Und so wie er als Person war, gibt es auch bis heute keine Graubalance zum Thema Wagner. Es wird kein Für oder Wider geduldet..., wie man ja auch an einigen Kommentaren hier wieder lesen kann

    Schade eigentlich, denn die besten Opern hat er auf jeden Fall komponiert!;)

  4. Ist das irgend 'ne Religion oder was?
    Gibt's auch Dylonisten, Zappa- öhm -rianer und so weiter?

    2 Leserempfehlungen
  5. ach ja, wer ist denn die Reinkarnation von Wagner? die beschreibung trifft auf viele menschen zu..

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Traum oder harte Realität? Beyoncé in ihrem Dokumentarfilm "Life Is But A Dream"

    Die fleißigen Königinnen

    Beyoncé, Lana Del Rey und Taylor Swift sind die erfolgreichsten Popstars unserer Zeit. Sie zeigen uns, was es bedeutet, heute eine Frau zu sein. Wollen wir ihnen glauben?

    • PeterLicht zeigt sich nicht. Nur auf der Bühne sehen die Leute sein Gesicht.

      Tod, ach der Langweiler!

      Leben, Wahrheit, Zukunft, Freiheit, Liebe: Alles beginnt zu schillern. PeterLicht renoviert in seinem Buch und Live-Album "Lob der Realität" die Kapitalismuskritik.

      • Man mag's kaum glauben: Prince Rogers Nelson ist 56 Jahre alt.

        Freiheit allen Körpersäften!

        Nach jahrelangem Unabhängigkeitskampf veröffentlicht Prince gleich zwei Alben beim Warner-Konzern. Wer einmal Popkönig war, gibt sich eben ungern mit weniger zufrieden.

        • Die Inszenierungen des Regisseurs Calixto Bieito sind den Gegnern des Regietheaters ein plastisches Feindbild. Hier eine Szene aus der Händel-Oper "Der Triumph von Zeit und Enttäuschung" 2011 in Stuttgart

          Jeder Rollkoffer bringt uns weiter

          Geht das schon wieder los? Ein Musikwissenschaftler geißelt, was er für Regietheater in der Oper hält. Dabei ist jede noch so moderne Inszenierung besser als Stillstand.

          Service