Tenor Jonas KaufmannDas Abc des Wagner-Sängers

Der Tenor Jonas Kaufmann hat im Gespräch mit unserem Reporter Moritz von Uslar einmal zusammengestellt, worauf es bei Wagner heute ankommt. Streng alphabetisch, vom hohen A bis zum Z wie Zigaretten. von Moritz von Uslar und Jonas Kaufmann

A, das hohe

Für Tenöre ist normalerweise das hohe C der Gipfel, bei Wagner ist es das A. Der Heldentenor, der eine breite und kräftige Stimme hat, ist nicht unbedingt auch ein Ritter vom hohen C. Einen Ton im Zimmer zu erwischen heißt noch nicht, dass man ihn auch auf der Bühne singen kann. Beim hohen A fällt einem sofort der Lohengrin ein, von der Gralserzählung bis zum magischen »Elsa, ich liebe dich«.

Belcanto

Man denkt sofort an Bellini, den Vorreiter des Belcanto, und nicht an Wagner: Sollte man aber, Wagner war ein großer Bellini-Verehrer! Und er predigte den Belcanto – Belcanto im Wortsinn: Schöngesang. Es soll eine Weichheit, Wärme, Schönheit im Klang entstehen. Da, wo Wagner für Sänger und Orchester piano oder pianissimo schreibt, muss man das versuchen. Ich verstehe mich, gerade im Wagner-Fach, auch als Belcanto-Sänger.

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CDs

Die großen Studio-Einspielungen stammen aus den fünfziger und sechziger Jahren. Heute werden aus Kostengründen keine mehr produziert. Ein Drama? Nein. Schade? Natürlich. Die heutige Sängergeneration hat nicht dieselben Chancen wie damals.

Deutsche, das

Zunächst mal: Ich bin Deutscher. Es macht einen Unterschied, ob man schon als Dreijähriger zu Hause Wagner hört oder nicht. Auf der anderen Seite hat das Deutsche bei Wagner immer einen schalen Beigeschmack: Der Missbrauch im »Dritten Reich« ist einfach nicht wegzudenken.

Eule, die

Das wunderbare Traditionsgasthaus am Marktplatz in Bayreuth! Seit 1876, dem Gründungsjahr der Festspiele, trifft sich dort der harte Kern der Wagnerianer nach der Vorstellung. Wer will, kann an den signierten Künstlerporträts, die die Wände zieren, so etwas wie eine Krise des Wagner-Gesangs ablesen: Seit 1960 ist kaum ein neues Sängerbild hinzugekommen. Ob ich in der Eule hänge? Ich weiß es gar nicht.

Forte

Den Zuhörern fallen im Lohengrin immer nur die lauten Stellen auf – das alte Wagner-Lied. Dabei schreibt er so oft piano und pianissimo! Wagner ist berühmt für sein Forte und wird unterschätzt für seine Piani. Dabei werde ich gerade auf die leisen Stellen im Lohengrin angesprochen: auf die »Taube« in der Gralserzählung und auf »Mein lieber Schwan«.

Jonas Kaufmann
Jonas Kaufmann

Der Tenor war als Lohengrin zuletzt an der Mailänder Scala zu hören. Im Februar erscheint sein neues »Wagner«-Album.

Gralserzählung

Ein rätselhafter Text! In meiner Interpretation findet hier ein Umschwung statt: Aus Zorn und Anklage werden Scham, Depression und Verzweiflung. Lohengrin weiß, dass er selber Schuld trägt. Im Liebesduett hat er sich in seine Gefühle hineingesteigert, hat geprahlt und gedrängt, er wollte diese Frau unbedingt für sich einnehmen. Nun bedauert er, dass er das Volk nicht in den Krieg führen kann, aber er bedauert vor allem, dass er Elsa lassen muss. Es ist kein heldisches Stück. Die Trauer macht die Gralserzählung so zerbrechlich.

Heldentenor

Wagner-Opern sind bevölkert von Helden: Siegfried, Tristan, Lohengrin. Uns interessiert heute nicht mehr so das Makellose des Heldenimages, sondern das Gebrochene. Ein Siegmund, der Inbegriff des Recken und Kämpfers, ist, wenn er in der Walküre vor Hundings Hütte erscheint, schlichtweg am Ende. Wenn er dann plötzlich so weich wird, schmachtet und von den Frauen erzählt: wunderbar. Wagner hat sich immer für den Menschen in seinen Heldenfiguren interessiert.

Italianità

Da müssen wir gleich wieder vom Lohengrin sprechen: Das ist Wagners italienischste Oper. Hier sind alle Melodien lieblicher, weicher, umflorter, bis in die Chöre hinein. Auch Verdi hat gesagt: Sein Wagner ist Lohengrin. Ich habe mir viele Wagner-Aufnahmen auf Italienisch und Französisch angehört. Wie sehr diese Italianatà das Stück verändert! Ein Lohengrin, auf Italienisch gesungen, klingt wie eine italienische Oper.

Joseph Alois Tichatschek

Der Tenor, der zu Wagners Lebzeiten sang: Er soll über überirdische Stimmkräfte verfügt haben. Zum Meister selbst soll Tichatschek gesagt haben: »Lieber Richard, den Tannhäuser sing ich dir auch zwei Mal am Tag.« Tichatschek, so lautet eine These, soll Wagner dazu verleitet haben, das Leistungsvermögen seiner Sänger zu überschätzen, woraufhin er nach dem Rienzi und dem Tannhäuser einige Partien schrieb, die als unsingbar gelten. 

Konsonanten

Ein schwieriges Kapitel. Landläufig heißt es: Je deutlicher, härter, gespuckter die Konsonanten, desto besser versteht man den Text. Ausländer werden gedrillt, die Konsonanten zu spucken, denn das sei typisch deutsch. Mitnichten! Ein Konsonant darf natürlich nicht verschluckt sein. Aber: Je echter der Vokal, desto leichter ergänzt das Ohr den Konsonanten. Habe ich nur den Konsonanten, dann ist das nur ein »Wrzlpfrmpf«: Gespucke und Gegurre. Wagner aber hat sich gewünscht, dass sein Text auf seinen Harmonien perlt. Also Vorsicht bei den Konsonanten!

Leserkommentare
    • vogelju
    • 12. Januar 2013 20:54 Uhr

    Recht interessant, was ein Sänger zu Wagner schreibt. Und doch: es gibt keine Helden mehr, man braucht nur die großen Darsteller(innen) von einst und heute zu vergleichen. Genau das mag aber die Crux sein, die Darstellung - also das Spiel. Weiß ein "Wagnersänger" was er da darstellt? Weiß er, dass Wagner (bewusst oder unbewusst) gerade in den Schlüsselfiguren seelische Dominanten / Archetypen auf die Bühne stellt, die die psychischen Entsprechungen beim Zuhörer/ Zuschauer "antriggern" und ihn so ergreifen. Was von völliger Ablehnung bis zu übertriebener Verehrung führt. Stimme, Licht und Farbe verstärken oder vermindern diesen Zugriff, was deutlich macht, warum z. B. Wieland Wagner solch einen Erfolg hatte - ohne unbedingt auf "große" Stimmen zurückzugreifen; W. Windgassen hatte keine. Aber er wusste wen und was er darstellte. Z. B. den "Trickster" im Rheingold oder eben den "Helden" im Siegfried und Götterdämmerung. Sigmund war seine Sache nicht - der Urheld, der dem Göttervater (dem Weisen in uns) noch näher steht und dessen Stimme - obwohl Tenor - in ihrer Mächtigkeit der des Wanderers nahe kommen muss. Das war das Geheimnis Melchiors, ein Plüschsofa war er erst in späteren Jahren. Nun, wo sind die Sänger, die das heute noch wissen und "über die Rampe" bringen können? Jedenfalls nicht da, wo Wagnersche Deklamation mit Belcanto verwechselt wird. (Lohengrin ist jugendlicher Held! Da ist Belcanto am Platze). Warum also Neueinspielungen, die Wagner wenig entsprechen würden?

  1. Der Verdi-Sänger von früher ist der Mozart-Sänger von heute??? Mir schein, das ist wohl eher umgekehrt. Heute besetzt man 'leichter', weil es richtig schwere Stimmen kaum mehr gibt.
    Und ganz früher konnten richtig schwere Stimmen auch leichtes Repertoire singen...
    Aber das weiß nur, wer historische Aufnahmen kennt

  2. Nicht nur die großen Studioeinspielungen stammen aus den 50/60ern (immer wieder ein Genuß: der Solti-Ring mit dem unvergeßlichen Mime von Gerhard Stolze), sondern auch der meiner Meinung nach schönste Bühnenmitschnitt: Der Ring in einer Bayreuth-Aufführung unter Joseph Keilberth, 1955.
    Mit Wolfgang Windgassen als Siegfried und Ingrid Varnay als Brünnhilde.
    Keilberth läßt das Orchester nicht über die Stimmen dominieren, was bei Wagner leider nur all zu oft passieren kann.
    Welch ein Glück, daß nach 50 Jahren lizenzbedingter Versenkung die Aufnahme wieder zu hören ist.

    2 Leserempfehlungen
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    • doro333
    • 14. Januar 2013 12:03 Uhr

    Die Varnay hieß aber Astrid!!!

  3. das ist Expressionismus pur. Für mich ist aber nicht die Varnay, sondern die Nilsson die Brünnhilde schlechthin. M. E. ist aber auch der Böhm-Ring mit der sensationellen Rysanek als Sieglinde nicht zu verachten.

    Eine Leserempfehlung
    • doro333
    • 14. Januar 2013 12:03 Uhr

    Die Varnay hieß aber Astrid!!!

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