Rattle und Nelsons"Man braucht einen Psychiater!"Seite 2/3

ZEIT: Das sagen Sie, obwohl Sie noch nie in Bayreuth dirigiert haben? Immerhin ist der Parsifal das einzige Werk, das Wagner für das Festspielhaus und dessen »mystischen Abgrund« geschrieben hat.

Nelsons: Ich würde Simon insofern recht geben, als der Parsifal die einzige Wagner-Partitur ist, in der wir kaum Probleme mit der Balance haben. Holländer, Lohengrin, Tannhäuser, Meistersinger: Alle diese Stücke muss man mehr oder weniger manipulieren. Weil die heutigen Instrumente lauter sind als die der Wagner-Zeit, weil unsere Musiker viel besser und präziser spielen als die damaligen. Der Parsifal aber ist die Erweckung des modernen Orchesters zu sich selbst und klingt überall großartig. Als hätte Wagner sich mit seinem letzten Musikdrama von allen Äußerlichkeiten befreit.

Rattle: Der Parsifal macht den Klang des Bayreuther Grabens, nicht der Graben den des Parsifal.

Nelsons: Ich darf 2016 in Bayreuth einen neuen Parsifal dirigieren und komme mir jetzt schon vor wie der Gewinner des großen Wagner-Dirigenten-Preisausschreibens – natürlich völlig unverdient. Im Grunde bin ich ja nur ein Liebhaber.

Andris Nelsons

Der Lette wurde 1978 geboren und wuchs in Riga auf. Nach einem Erstengagement als Trompeter studierte er bei Neeme Järvi und Mariss Jansons Dirigieren. Mit 24 wurde Nelsons Musikchef der Lettischen Nationaloper, wo er mit Wagners »Ring« Aufsehen erregte. Er arbeitet in der ganzen Welt und ist seit 2008 Chefdirigent in Birmingham.

Rattle: Völlig unverdient... Aber vielleicht ist das der Lohn dafür, es im Bayreuther Graben überhaupt auszuhalten? Ich war nie dort, ich kenne ihn nicht, aber er muss äußerst seltsam klingen. Jetzt, da Alberich tot ist, könnte es eine interessante Erfahrung sein. 

ZEIT: Alberich? Sie meinen Wolfgang Wagner, den langjährigen Leiter der Bayreuther Festspiele?

Rattle: Wir sind uns ein einziges Mal begegnet, beim Tristan in Amsterdam, und ich habe es kaum im selben Raum mit ihm ausgehalten. Das ist mir noch nie mit einem Menschen passiert! Ich hätte viel darum gegeben, Wieland noch gekannt zu haben, seinen älteren Bruder, aber Wolfgang, nein, das ging nicht.

Nelsons: Eigentlich ist es im Graben des Festspielhauses entsetzlich: Der Klang reißt einem die Ohren ab, so laut ist es. Im Vorspiel zum dritten Akt des Lohengrin etwa, wenn das Blech schmettert, kommt man sich als Dirigent wie ein Titan vor, wie Atlas, auf dessen Schultern die ganze Welt ruht – und oben im Saal nölen die Assistenten: Na ja, ganz gut, aber es dürfte ruhig noch ein bisschen mehr sein. In der Musik bin ich Masochist, ich liebe es, gequält zu werden. Und Wagners heroisch-egoistische Posen liebe ich ganz besonders, wahrscheinlich weil ich im richtigen Leben so schüchtern bin. Dann kracht das Blech, und ich stehe an diesem unmöglichen Ort, und es kracht noch hundertmal lauter als anderswo, und ich sage mir: Yeah, das ist es, das ist die Macht der klassischen Musik!

Rattle: Kann es sein, dass Richard Wagner keine Selbstzweifel kannte?

ZEIT: Kann es sein, dass die moderne Welt ihn genau deshalb kultisch verehrt?

Nelsons: Die Musiker in Bayreuth jedenfalls, und das ist ein wichtiger Punkt, lieben ihn. Alle dort lieben Richard Wagner, man hat das Gefühl, in einer einzigen großen Umarmung zu leben. Das ist sehr energetisch, sehr egoistisch, sehr erotisch und absolut überwältigend. Arbeitet man wieder an einem »normalen« Opernhaus, fühlt man sich wie auf Entzug. Das Orchester der New Yorker Metropolitan Opera zum Beispiel ist so sängerfreundlich und kultiviert, dass mich hin und wieder schreckliche Gelüste befallen...

Rattle: Manchmal möchte man die Sänger einfach nur ertränken, im Klang ersäufen.

Nelsons: Genau!

Rattle: Hey, du bist mit einer Sängerin verheiratet! Vielleicht solltest du dich doch nach einem Psychiater umschauen.

Nelsons: Bist du nicht auch mit einer Sängerin verheiratet?

ZEIT: Sir Simon, lieben Sie Wagner? Ist Liebe das richtige Wort?

Rattle: Absolut! Jedenfalls für den Musiker.

ZEIT: Und der Mensch, der Monomane, der Antisemit, wo bleibt der?

Rattle: Das ist ein riesiges Problem für mich. Je mehr ich über Richard Wagner lese, desto schwerer fällt es mir, seine Musik aufzuführen. Das meiste, was ich lese, möchte ich gar nicht wissen, vor allem möchte ich nicht, dass er das alles wirklich so gemeint hat. Richard Wagner war kein Monster. Er muss ein schrecklicher Mensch gewesen sein, der nicht anders konnte, als eine manisch ins Gute transzendierende Musik zu schreiben. Das ist sehr ungewöhnlich. Meistens bleiben sich Komponisten und ihre Werke doch ähnlich. Hier aber fragt man sich: Wer verrät wen? Der Parsifal das »Judentum in der Musik« oder das »Judentum in der Musik« den Parsifal? Trotzdem: Ja, für mich ist es Liebe. Und es gibt wenig, was einen so süchtig machen kann wie Wagners Walküre oder Götterdämmerung.

ZEIT: Wie wichtig ist es für ein Orchester, Wagner zu spielen?

Rattle: Ungeheuer wichtig! Wagner hat das moderne Orchester erfunden, das heißt, wenn ich nur Bruckner und Mahler spiele, gibt es einen dramatischen Missing Link – und zwar in mehrere Richtungen: Wagner verbindet uns mit Schubert genauso wie mit der französischen Oper, und wenn wir ihn ausblenden, klaffen fundamentale Lücken. Zubin Mehta hat eine Menge zu diesem Thema zu sagen. Als Chef des Israel Philharmonic Orchestra, das bis heute Wagner nicht spielt, kämpft er ständig mit den Folgen des Wagner-Banns. Es ist schon wahr: Man hat es hier mit Plutonium zu tun, und es wäre gut, dicke Handschuhe zu tragen. Aber da es das herrlichste Plutonium der Welt ist, wünscht man sich eben doch den direkten Kontakt und zieht alle Handschuhe aus.

Leserkommentare
  1. Vielen Dank für dieses Interview. Da sind jede Menge Sätze drin, die die Faszination Wagners vortrefflich ausdrücken:

    "Was wir da hören, spielt sich jenseits von Kunst und Musik ab, Wagner durchbricht hier eine Schallmauer."

    "Man sollte sich wie ein Delfin unter Delfinen tummeln, so wie das Orchester die Gesangsstimmen umspielt und umspült. "

    "Je mehr ich über Richard Wagner lese, desto schwerer fällt es mir, seine Musik aufzuführen. Das meiste, was ich lese, möchte ich gar nicht wissen, vor allem möchte ich nicht, dass er das alles wirklich so gemeint hat."

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  2. Interessantes Interview, Frau Lemke-Matwey!

    Lediglich bei Rattles Ansichten zur angeblich verzichtbaren Sprachkenntnis bei Wagner habe ich mich etwas gewundert. Gerade bei Wagner geht das Dirigieren nicht ohne eine gewisse Sprachkenntnis.
    Ich denke, dass ein Grund, weshalb Rattle bei Wagner lange Zeit nicht überzeugen konnte u.a. auch daran lag, dass ihm die Sprache und ihr Rhythmus doch recht fremd waren. Dazu hat er dann auch noch einige sprachunkundige Sänger engagiert, so dass alle gemeisam an Sprache und Musik vorbeimusziert haben.

    Nun gut, das ist möglicherweise überwunden, die letzte Walküre (konzertant) hat er jedenfalls sehr gut gemacht.

    Eine Leserempfehlung
    • js.b
    • 20. Januar 2013 14:00 Uhr
    3. -

    Sehr lesenswertes Interview, bis auf die komischen Fragen.

    via ZEIT ONLINE plus App

    2 Leserempfehlungen
  3. Warum man immer nur bei Wagner etwas spezifisch Deutsches zu finden glaubt, und nie bei Bach, Schubert oder Beethoven.

    Musik aus einem Deutschland, das sich gerade erst wieder vom Dreißigjährigen Krieg erholte:
    http://www.youtube.com/wa...

    Ein Mondlicht, das eindeutig mitteleuropäisch (also weder nordisch noch mittelmeerisch) klingt:
    http://www.youtube.com/wa...

    So wie man sich nur schwer vorstellen kann, daß Rossinis Musik in Norwegen, und Griegs in Italien komponiert sein könnte, so unverwechselbar deutsch kommen mir auch Bach und Beethoven vor. Deutsche Seele eben.

    (Händel ist ja bekanntlich Engländer.)

    Sehr biedermeierlich-deutsch, aber eben absolut nicht “wagneresk”, ist für mich auch dieses Stück von Schubert:
    http://www.youtube.com/wa...

    (Und wenn jetzt spitzfindig gelten soll, daß Schubert kein Deutscher, sondern Österreicher, ja – politisch ganz korrekt – gar Tscheche sei, dann ist Wagner gefälligst auch Sachse und kein Deutscher.)

    4 Leserempfehlungen
  4. vielen Dank dafür!

    Hat mich an einem Interview mit Karajan erinnert, wo er über Wagner sagt (oder Wagner zitiert?): Wenn man alle Noten bei Wagner spielt, wird die Musik zu gefährlich, muss sie verboten werden. Große Kunst entsteht nicht ohne Gefahr und Risiko.

    Im Übrigen finde ich es ganz gesund, fünfjährige in Wagner-Opern zu schicken. Selbst wenn sie danach drei Tage lang weinen und heulen. Wäre das eine programmatische Vorstellung von Bildung im 21 JH?

    Eine Leserempfehlung
  5. dank der ausführlichen berichterstattung der zeit über wagner opern werde ich nun demnächst selbst eine mit meinem freund besuchen. ich bin auf den narkotischen rausch gespannt, den wir erleben werden. so wie das hier klingt, werden wir tausend höhepunkte beim zuhören bekommen. wir leben schon 8 Jahre in Deutschland, also soooo deutsch denken wir noch nicht, aber ich hoffe wir erleben trotzdem das was hier beschrieben wird :)

    • Malchus
    • 27. Januar 2013 12:57 Uhr

    Mich würde interessieren, was die beiden Herren im "Chefdirigentenzimmer" - war das nicht Karajans Tabernakulum? - geraucht oder an interessanten Substanzen zu sich genommen haben - ob mit oder ohne Eimer neben dem Pult.......

  6. So viele Aertze haben behauptet, dass die Wagnersche Musik krank macht, dass er einen ganzen Kapitel in meinem Buch Bad Vibrations: The History of the Idea of Music as a Cause of Disease brauchte (Kennaway 2012). Es wurde oft ernsthaft gesagt, dass seine Musik Zuhoerer hypnotisiert, Hysterie oder Homosexualitaet verursacht und sogar zum Tode fuehren koennte. Die Figuren im Werke Thomas Manns wegen Wagners Musik leiden waren nicht untypisch!

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  • Schlagworte Richard Wagner | Dirigent | Oper
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