Rattle und Nelsons : "Man braucht einen Psychiater!"
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ZEIT: Wie gefährlich ist das Überwältigungsmoment in Wagners Musik, ihr Pathos, der Rausch, den sie zu entfesseln vermag?

Rattle: Die Gefahr ist bekannt und hat ihre Spuren insbesondere in der deutschen Geschichte hinterlassen. Mehr möchte ich zu diesem Thema nicht sagen.

ZEIT: Trotzdem: Haben wir nach 1945 daraus etwas gelernt?

(Sir Simon drückt sich in seine Sofaecke und schweigt)

Nelsons: Vielleicht bin ich feige, vielleicht naiv und ganz bestimmt kindisch, aber ich habe mir von Wagner ein Bild gemacht, das ihn nicht als Scheusal zeigt – trotz allem, was ich über ihn wissen kann, über seine Maßlosigkeiten, seinen Judenhass. Es mag nicht opportun sein, so zu denken, aber für mich erlöst sich Wagner in seinem Werk, durch sein Werk, durch Partituren wie Tristan und Isolde und den Parsifal. Ist das jetzt ein politisches Statement?

Rattle: Viele Komponisten sind exzentrische Persönlichkeiten, das scheint in der Natur des Metiers zu liegen. Gentlemen der zeitgenössischen Musik wie Witold Lutosławski, Henri Dutilleux, John Adams oder Helmut Lachenmann, die ich in der Arbeit kennen- und schätzen gelernt habe, bleiben da große Ausnahmen. Denken Sie an Leoš Janáček, der als Mensch furchtbar gewesen sein soll, oder an Luciano Berio, dessen Stücke man nur spielen konnte, solange er selbst nicht in der Nähe war.

Nelsons: Ob wir Wagner lieben oder hassen: Sein Genie kann niemand leugnen.

Rattle: Und keiner sagt, Wagner ist mir egal. So wie man nicht sagen kann, ich finde New York als Stadt ganz okay. Da gibt es nur Ja oder Nein.

ZEIT: Ist es möglich, Wagner vor sich selbst in Schutz zu nehmen, ihn sozusagen kritisch oder aufgeklärt zu dirigieren, gegen jedes Überwältigtwerden?

Rattle: Daniel Barenboim hat einmal gesagt: Bei Wagner kannst du nicht gegen den Strom schwimmen, und das stimmt. Wenn man nicht mit der Musik atmet, wenn man sich ihrem Verlauf nicht anvertraut, sondern etwas erzwingen will, dann wehrt sie sich. Und dann geht es einem als Musiker richtig schlecht, das können Sie mir glauben.

Nelsons: Mir geht es bei Wagner immer schlecht, sosehr ich auch versuche, mitzuatmen und mit dem Strom zu schwimmen! Ich weiß nicht, ob mich das für Wagner und das deutsche Fach prädestiniert. Aber in den Längen, mit denen er uns traktiert, liegt eine tiefere Wahrheit. Wagner gibt uns zu verstehen, dass große Kunst eine Überforderung darstellt und notwendig etwas Raumgreifendes, Existenzielles ist. Man kann nicht Tristan und Isolde hören und sich danach einen netten Abend machen. Das halte ich für ausgeschlossen.

ZEIT: Das klingt nach einer sehr romantischen Auffassung von Kunst – und nach einer sehr deutschen.

Rattle: Deutsch sind an Wagner zunächst einmal die Texte. Und bevor Sie fragen, wie ein Lette und ein Engländer damit fertigwerden, gebe ich Ihnen die Antwort – vorausgesetzt, Andris stimmt mir zu: Wagner ist nicht Mussorgski. Ich liebe Boris Godunow, aber ich würde diese Oper nie dirigieren. Warum? Weil ich kein Russisch spreche. Mit Wagner verhält es sich anders, ganz abgesehen davon, dass mein Deutsch besser sein könnte. Bei Wagner spricht der Text die Musik. Natürlich muss ich wissen, was Brünnhilde im Schlussmonolog der Götterdämmerung singt, keine Frage. Und selbst wenn es in vielen Opernhäusern inzwischen Übertitel gibt, was ich persönlich für einen Segen halte, müssen die Sänger so deutlich artikulieren wie nur irgend möglich. Aber wir als »Ausländer« unterliegen eben nicht dem Zwang, alles wortwörtlich verstehen zu müssen. Das verschafft uns eine Distanz, aus der heraus wir Wagner oft klarer sehen.

Nelsons: Es ist verrückt, und ich dürfte das so wohl nicht sagen...

Rattle: ...sag es trotzdem! Du sagst immer das, was du nicht sagen darfst, deshalb verstehen wir uns ja so gut...

Nelsons: ...aber ich bin auf Richard Wagner richtig stolz. Als wäre ich Deutscher! Ich wäre gerne Deutscher, wobei ich nicht glaube, dass ich dann besser Wagner dirigieren würde. Wahrscheinlich fühle ich deutscher als jeder Deutsche, deshalb kann ich von Wagner nie, nie genug kriegen – im Graben, auf der Couch, in jeder Lebenslage.

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