Serhij ZhadanDie Hölle trägt Lackstiefel

Serhij Zhadan schreibt eine Hymne auf die grausam-verrückte Unterwelt des Postsozialismus. von Thomas E. Schmidt

Wie alle echten Kerle weiß auch Hermann bei einem bestimmten Ton des Telefons in der Sekunde, dass die Katastrophe losgeht. Die Katastrophe will, dass Serhij Zhadans Held unverzüglich Charkow verlässt und nach Hause fährt, in eine Stadt irgendwo in der östlichen Ukraine, nennen wir sie mit dem originalen Romantitel Woroschilowgrad, gelegen in der Nähe des Donezbeckens. In dieser Gegend kam im Zweiten Weltkrieg der deutsche Panzervorstoß zum Erliegen; später fanden Archäologen dort Reste von Pyramiden, die den ägyptischen ähneln. Der schlaflose, volltrunkene Kotscha wartet in Woroschilowgrad auf Hermann – und Schura, der Versehrte, Fußballstar und Frauenheld, ein misstrauischer, lauernder Geselle. Es ist so: Hermanns Bruder hat sich abgesetzt, er ist nach Berlin, wahrscheinlich aber nach Amsterdam verschwunden. Seine Tankstelle ließ er zurück. Und um diesen bescheidenen Besitz der Familie und das darum gelagerte seltsame Soziotop muss nun Hermann sich kümmern.

Das ist für ihn nicht lustig, für den Leser aber schon, zumindest in gewisser Weise. Der Ort ist bestenfalls skurril: Die Mädchen träumen davon, auf die Krim zu entkommen, um Prostituierte zu werden (»was sonst, du Blödmann«), die Männer sehen weniger gut aus: »Fast alle waren sie von kleinem Wuchs, fast alle kurz geschoren und die meisten in Trainingshosen und mit nacktem Oberkörper. Viele hatten Goldzähne, mancher trug ein Kreuz um den Hals, tätowiert war keiner. Sie schauten uns feindselig an.« Das ist die Stimmung, die Hermann entgegenschlägt. Und natürlich stellt sich ihm wenig später auch die lokale Mafia vor; sie will seine Tankstelle kaufen, und zwar mit Nachdruck, aber man weiß bis zum Schluss nicht, warum genau, vielleicht um mit der Tanke wirklich Geld zu verdienen, vielleicht um den Benzinmarkt zu kontrollieren, vielleicht auch nur, um zu zeigen, wer das Sagen hat. Feindseligkeit strahlt aus jedem Sandkorn, jedem Ziegelstein.

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Die Geschichte handelt von einer Rückkehr, einer unfreiwilligen Suche nach der Kindheit. Bloß ist dort keine mehr, sondern nur eine postsozialistische Gegend, von Menschen bevölkert, die ebenso ruiniert wirken wie ihre Behausungen, inmitten einer Natur, die jahrzehntelang vergewaltigt wurde und nur noch Mais auf endlosen Feldern hervortreiben kann. Dort ist nichts, gar nichts in Ordnung. Dort ist Gewalt, und niemand weiß, ob das Recht gilt oder ob es nur zu den Erinnerungen an untergegangene Epochen gehört.

Serhij Zhadan ist in Deutschland kein unbekannter Autor mehr. Seine Gedichte sind übersetzt worden, Erzählungen, Essays sowie zwei Romane. Zhadan gehört zu den wichtigsten ukrainischen Schriftstellern der jüngeren Generation, und er gehörte vor acht Jahren zu den Aktivisten der Orangenen Revolution. Seine literarische Ukraine ist ein Land, in dem die nach-sozialistische Transformation schiefging, wo die Gesellschaft in eine Art Naturzustand zurückglitt, ohne dass die Gewalt offen ausbrach, wo die Sonnenuntergänge atemberaubend und lila schillern, weil die Umweltzerstörung inzwischen eine eigene Art der Naturschönheit heraufbeschwört.

Leserkommentare
  1. Blade Runner City auf postsozialistischem (schönes Wort !) Niveau !
    Ich werde es kaufen !!

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