Wie alle echten Kerle weiß auch Hermann bei einem bestimmten Ton des Telefons in der Sekunde, dass die Katastrophe losgeht. Die Katastrophe will, dass Serhij Zhadans Held unverzüglich Charkow verlässt und nach Hause fährt, in eine Stadt irgendwo in der östlichen Ukraine, nennen wir sie mit dem originalen Romantitel Woroschilowgrad, gelegen in der Nähe des Donezbeckens. In dieser Gegend kam im Zweiten Weltkrieg der deutsche Panzervorstoß zum Erliegen; später fanden Archäologen dort Reste von Pyramiden, die den ägyptischen ähneln. Der schlaflose, volltrunkene Kotscha wartet in Woroschilowgrad auf Hermann – und Schura, der Versehrte, Fußballstar und Frauenheld, ein misstrauischer, lauernder Geselle. Es ist so: Hermanns Bruder hat sich abgesetzt, er ist nach Berlin, wahrscheinlich aber nach Amsterdam verschwunden. Seine Tankstelle ließ er zurück. Und um diesen bescheidenen Besitz der Familie und das darum gelagerte seltsame Soziotop muss nun Hermann sich kümmern.

Das ist für ihn nicht lustig, für den Leser aber schon, zumindest in gewisser Weise. Der Ort ist bestenfalls skurril: Die Mädchen träumen davon, auf die Krim zu entkommen, um Prostituierte zu werden (»was sonst, du Blödmann«), die Männer sehen weniger gut aus: »Fast alle waren sie von kleinem Wuchs, fast alle kurz geschoren und die meisten in Trainingshosen und mit nacktem Oberkörper. Viele hatten Goldzähne, mancher trug ein Kreuz um den Hals, tätowiert war keiner. Sie schauten uns feindselig an.« Das ist die Stimmung, die Hermann entgegenschlägt. Und natürlich stellt sich ihm wenig später auch die lokale Mafia vor; sie will seine Tankstelle kaufen, und zwar mit Nachdruck, aber man weiß bis zum Schluss nicht, warum genau, vielleicht um mit der Tanke wirklich Geld zu verdienen, vielleicht um den Benzinmarkt zu kontrollieren, vielleicht auch nur, um zu zeigen, wer das Sagen hat. Feindseligkeit strahlt aus jedem Sandkorn, jedem Ziegelstein.

Die Geschichte handelt von einer Rückkehr, einer unfreiwilligen Suche nach der Kindheit. Bloß ist dort keine mehr, sondern nur eine postsozialistische Gegend, von Menschen bevölkert, die ebenso ruiniert wirken wie ihre Behausungen, inmitten einer Natur, die jahrzehntelang vergewaltigt wurde und nur noch Mais auf endlosen Feldern hervortreiben kann. Dort ist nichts, gar nichts in Ordnung. Dort ist Gewalt, und niemand weiß, ob das Recht gilt oder ob es nur zu den Erinnerungen an untergegangene Epochen gehört.

Serhij Zhadan ist in Deutschland kein unbekannter Autor mehr. Seine Gedichte sind übersetzt worden, Erzählungen, Essays sowie zwei Romane. Zhadan gehört zu den wichtigsten ukrainischen Schriftstellern der jüngeren Generation, und er gehörte vor acht Jahren zu den Aktivisten der Orangenen Revolution. Seine literarische Ukraine ist ein Land, in dem die nach-sozialistische Transformation schiefging, wo die Gesellschaft in eine Art Naturzustand zurückglitt, ohne dass die Gewalt offen ausbrach, wo die Sonnenuntergänge atemberaubend und lila schillern, weil die Umweltzerstörung inzwischen eine eigene Art der Naturschönheit heraufbeschwört.

Ein gewaltiges Panorama

Es ist ein Land, das sich zwischen Europa und Asien nicht entscheiden kann und auf der Stelle tritt. Und genau das, was dem politischen Publizisten seit Jahren die Nerven raubt, schlägt den Literaten in seinen Bann: Es ist ein Land der unmöglichen Mischungen, ein Land der absonderlichen und historisch ganz unerklärlichen kulturellen Kreolisierungen, eine fantastische Wirklichkeit, in der die Gesetze der Realität nur bis zu einem gewissen Grad gelten, ein Gebilde, das zwischen Hoffnungslosigkeit und Selbstrettung schwankt, nicht gut, aber beileibe auch nicht böse, wo niemand Held oder Heiliger, aber auch kein Teufel ist, kurz: eine echte Literatur-Landschaft. In sie wird Hermann gestellt. Sie zerrt und zaust ihn, immer muss er kämpfen, doch in Wirklichkeit stehen seine Chancen gar nicht so schlecht.

Ihm gesellen sich bei: Sascha Python mit dem einen Auge, Andrjucha Michael Jackson, Semen Schwarzer Schwanz, Dymitsch der Schaffner, die Gebrüder Ballerajeschnykow, alle drei, Iwan Petrowitsch Futtertrog, Karpo Scharpo, die Kreissäge in der Hand – und so fort. Ihre Sippen kommen hinzu. Merkwürdig ist nur, dass Hermann schon einmal Blumen an den Grabsteinen mancher dieser alten Kumpel niedergelegt hatte. Sie verteidigen sich nun wacker gegen Schlägertypen und Finanzbeamtinnen, sie wappnen sich gegen eine Bedrohung, von der nicht genau erkennbar ist, ob sie existiert oder nur Einbildung ist und damit der Selbstbeschäftigung dient, weil man sonst vor Langeweile stürbe.

Ein gewaltiges Panorama wird entrollt: Hermann trifft kriminelle Oligarchen, die in Zügen auf geheimen Gleisen umherfahren, er trifft Bauern, die wie Landsknechtshaufen leben, sieht Schwarzhändler, die den Schutz der Maisfelder niemals verlassen, und freundet sich mit einem heroinabhängigen Priester an. Irgendwann zieht ein mongolischer Flüchtlingstreck durchs Land, angeführt von kernigen Lesben, die eine Art EU-Mandat dafür reklamieren. Nur Olga behält bei alldem den Überblick, Olga, die Buchhalterin. Sie ist die einzige Person in Hermanns Umgebung, die realitätsbezogen und damit auch verletzbar bleibt, eine Zentralgestalt der Lebensordnung, eine Europäerin unter Barbaren – und nur die orange Farbe ihrer Unterwäsche markiert auf nonchalante Weise ihre Bedeutung im Panoptikum dieses Romans.

Serhij Zhadans Erzählweise drängt zum Szenischen, das Buch lebt vom pointierten Dialog und von der atmosphärisch dichten Schilderung: »Nachts gleicht der Himmel schwarzen Feldern. Wie die Schwarzerde ist die Luft von Samenkörnern erfüllt und voller Bewegung.« Zhadan schickt einen zeitgenössischen Simplicissimus durch eine Fiktionswelt, die keine verlässliche Grundordnung mehr aufweist. Sie ist flüssig und unberechenbar, geradezu quecksilbrig und lädt zu erzählerischem Pointillismus ein. An jeder Ecke und in jeder Sekunde könnte die Handlung nach irgendwohin abbiegen , sich verirren oder einfach enden: »Ich könnte noch mal ins Tal hinabsteigen, versuchen, Freunde und Bekannte zu finden, die ich seit hundert Jahren nicht mehr gesehen hatte, mit ihnen reden, fragen, was sie so machen und wie es ihnen geht. Ich könnte noch heute lostrampen, einfach weg aus dieser Hölle der tausend Strahlen und Erinnerungen, die die Lungen verstopfen, die Augen blenden.«

In einem Buch von 400 Seiten drängt sich auf diese Weise das Episodische ziemlich in den Vordergrund. Zhadan ist auch nicht zimperlich, die Dose mit Figuren und Begebenheiten ordentlich vollzustopfen. Die Charaktere bleiben flach, sie haben kaum Geschichte und wenig Aussicht, die Leser durch innere Komplexität zu fesseln. Das gilt für Zhadans Frauenfiguren noch mehr als für seine Taugenichtse und »Businessmeny«. Aus westlicher Lektüre-Sicht ist das natürlich ein großes Ungenügen. Andererseits ist dies ein wahrhaft ukrainischer Roman, also ein west-östliches Hybrid, er ist auch ein Spiel mit orientalischen Erzählmustern, also mit Reihung, Steigerung und Wiederholung, auch mit wohlkalkulierter Redundanz. So ist der Plot das Unwichtigste an diesem Buch, die wunderbare Rückkehr Hermanns in den Uterus einer echten menschlichen Gesellschaft voller Raufbolde mit goldenem Herzen und schmachtenden Frauen in Lackstiefeln ist aber das Wichtigste.

Gegen Ende kommt doch noch jemand zu Tode, eher aus Versehen. Die Tankstelle bleibt am Ort, Hermann auch. Alle freuen sich. Das Buch ist ein Hymnus auf den besonderen Zusammenhalt mitten in der postsozialistisch-kryptokapitalistischen Leere. Es gibt Freundschaft, begleitet vom Kleinklau, echte Treue, eingerahmt von allgegenwärtiger Promiskuität. Das ist ein eigenes Idyll, und wir würden Serhij Zhadan gerne glauben, dass es existiert. Bleibt nur der kitschige Schluss: eine ziemlich fettige Beschwörung der Nächstenliebe und der Solidarität. Das ist dann zu viel. Wir waren neugierig, wir waren hungrig und haben die ganze Sardinenbüchse mit west-östlichem Appetit aufgegessen. Leider zwingt uns der Autor am Schluss, das Öl auch noch auszutrinken.