Frauen-KZ Ravensbrück"Vati kann dich schlagen"

Erinnerungen an die Gefangenschaft im Frauen-KZ Ravensbrück

Sie Schwein«, brüllt SS-Obersturmführer Ludwig Ramdohr, Spezialist für Verhöre im Konzentrationslager Ravensbrück. »Sie sind ein richtiges, feiges Schwein.« Es ist Anfang 1945, seit fast drei Jahren ist die 46-jährige Tirolerin Carmella Flöck in Haft – die ersten Monate bei der Gestapo Innsbruck, dann im Konzentrationslager. Drei Jahre lang hat sie überlebt, nun droht der sichere Tod. Ihr Vergehen: Sie sprach mit einem Männerhäftling über Hinrichtungen.

»Wissen Sie, was Vergasung ist?«

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»Nein.«

»Dann werden wir bei Ihnen den ersten Versuch machen.«

Doch Ramdohr wurde selbst verhaftet, und Carmella Flöck überlebte. Dreißig Jahre nach ihrem Tod sind ihre Erinnerungen in Buchform erschienen. Sorgfältig ediert von dem Innsbrucker Historiker Friedrich Stepanek, mit einer überschaubaren Anzahl von Fußnoten und einer ausführlichen Biografie versehen, erzählt das Buch aus 31 Monaten Nazigefangenschaft.

Die 1898 in Innsbruck geborene Carmella Flöck engagiert sich früh politisch. Am Ende des Ersten Weltkrieges nimmt sie an antiitalienischen Demonstrationen teil, geht später trotzdem als Kindermädchen nach Ligurien, und arbeitet schließlich im Landesverband der katholischen Arbeitervereine. Die überzeugte Monarchistin begrüßt die Ausschaltung des Parlaments durch Dollfuß. Nach dem Anschluss 1938 tritt sie einer kleinen, unbedeutenden katholischen Widerstandsbewegung bei. Ihr Auftrag lautet, Mitstreiter zu rekrutieren. Doch die Gruppe fliegt auf, und Flöck wird festgenommen.

In der Gestapo-Haft freundet sich die fromme Katholikin mit der Kommunistin Adele Stürzl an. Die beiden beten gemeinsam und täuschen Durchfall vor, um an Zeitungspapier zu kommen. Wie ein Puzzle setzen sie die Schnipsel in der Zelle zusammen und erfahren so von der Niederlage in Stalingrad. Kurze Zeit später trennen sich die Wege der beiden Frauen: Flöck wird in das KZ Ravensbrück nördlich von Berlin verlegt.

Ihre Beobachtungen lesen sich nüchtern. Fast quälend sachlich erzählt sie vom Alltagsleben im Lager, von der Versöhnung zwischen Kommunistinnen und Nonnen, von homosexueller Zuneigung unter Häftlingen, und an manchen Stellen versucht sie sogar, den Aufsehern etwas Menschliches abzugewinnen.

Sie arbeitete im Nachschubsammellager, untersteht direkt einem SS-Mann und betreut fallweise dessen Tochter. Sie versteht sich gut mit dem vierjährigen Mädchen, das sich eines Tages umdreht, Carmella Flöck ernst anblickt und sagt: »Mein Vati kann dich schlagen, wenn er will.«

Warum und für wen Carmella Flöck ihre Erinnerungen verfasst hat, ist unbekannt. Nur einmal, kurz nach der Rückkehr, erzählt sie ihrer Ziehschwester von den Erlebnissen, dann schweigt sie. Friedrich Stepanek, Sohn ihres Patenkindes, findet schließlich die 122 maschinengeschriebenen Seiten.

Es ist das Besondere an dem Buch, dass der Inhalt weder durch einen Interviewer gelenkt, noch an eine Veröffentlichung gedacht wurde. Flöck schrieb auf, was ihr wichtig war. Von den Menschenversuchen in Ravensbrück erzählt sie etwa nur am Rande. Ausführlich dafür von einer Ritze im Bett, durch die ein kalter Luftzug strömte und ihr das Schlafen fast unmöglich machte.

 
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