Medienkompetenz : Das digitale Einmaleins

In Estland lernen schon Erstklässler programmieren. Das soll den IT-Nachwuchs sichern und Kindern zeigen, dass Computer nicht nur zum Spielen da sind. Ein Vorbild für Deutschland?

Mit vier Jahren sei ihr Sohn nun bereit für den nächsten Schritt, findet Ave Lauringson. »Im Kindergarten hat er schon Robotik-Projekte gemacht, jetzt kann er programmieren lernen«, sagt die 31-jährige Estländerin. Was bedenklich nach überehrgeiziger Super-Mama klingt, wird in Estland bald ganz normal sein: Programmierunterricht in der Grundschule. Neben Rechtschreibung und Einmaleins sollen Erstklässler vom kommenden Jahr an Computer-Codes lernen und eigene Programme schreiben.

Denn Ave Lauringson versucht gerade nicht nur, ihrem eigenen Sohn das Programmieren beizubringen – sie will, dass alle estnischen Grundschulkinder im Klassenraum an Computerprogrammen basteln. Lauringson ist Projektmanagerin bei der Tiger Leap Foundation, einer staatlichen Bildungsorganisation. Ende der 1990er Jahre hat die Organisation angefangen, alle 550 Schulen des 1,3-Millionen-Einwohner-Landes mit Computern und Internetanschluss auszustatten. »Inzwischen hat jeder Schüler einen eigenen PC-Arbeitsplatz zur Verfügung«, sagt Lauringson stolz.

Jetzt soll die Technik genutzt werden – und zwar nicht so einfallslos wie bisher oft in Computerunterricht und Medienkunde: Statt in Lernsoftware herumzuklicken oder im Internet nach Bildern für Referate zu suchen, sollen estnische Grundschüler gleich eigene Programme schreiben. Genau wie man die Schüler in der Grundschule an Kunst, Musik und Naturwissenschaften heranführe, müsse man ihnen auch die Welt des Programmierens zeigen, findet Ave Lauringson. Die Computertechnik komme im gesamten Bildungssystem immer noch viel zu kurz. »Wir bilden so viele Anwälte und Manager aus, dabei werden vor allem Techniker und IT-Experten gebraucht«, sagt sie. Gerade in Estland, wo die IT-Industrie rasant wächst, suchen die Unternehmen Programmierer. Erfolgreiche Technologiefirmen wie das Internettelefonie-Unternehmen Skype, dessen Software von estnischen Entwicklern stammt, haben es vorgemacht. Ave Lauringson will mit dem Programmierunterricht den Grundstein für die nächste technologische Erfolgsgeschichte à la Skype legen.

Auch in Deutschland kämpfen Informatiker dafür, dass ihre Wissenschaft in den Schulen endlich ernst genommen wird, auch hier sind Informatiker heiß begehrt. Allein in den vergangenen fünf Jahren sind in der deutschen IT-Branche laut dem Branchenverband Bitkom rund 100.000 neue Arbeitsplätze entstanden. »Computer sind die prägende Technologie unserer Zeit, aber im Schulunterricht kommen sie immer noch viel zu wenig vor«, sagt Heidi Schelhowe, Informatikerin und Hochschullehrerin für Digitale Medien in der Bildung an der Universität Bremen. Doch können Grundschüler wirklich schon programmieren lernen? Ja, sogar schon in der ersten Klasse, glaubt Ave Lauringson. Der Programmierunterricht in Estland soll gleich nach der Einschulung losgehen. Möglich machen das spezielle Programmierumgebungen für Kinder. Dabei wird nicht wie in einer klassischen Programmiersprache Zeile für Zeile ein komplizierter Code aus Text und Zahlen aufgeschrieben, sondern die Kinder ziehen einfache Befehle als farbliche Blöcke in ein Feld. Wenn man alles richtig zusammengebaut hat, läuft auf dem Bildschirm zum Beispiel eine Katze einer Maus hinterher. So lernen Kinder, wie Programme aufgebaut sind und dass der Computer kein magisches Gerät mit einem mysteriösen Eigenleben ist, sondern eine Maschine, die man dressieren kann.

Später, wenn die Schüler flüssig lesen und schreiben, können sie auf textbasierte Programmierumgebungen umsteigen, die professionellen Programmiersprachen wie Java oder C++ ähneln. Seit Oktober läuft bei der Tiger Leap Foundation der erste IT-Fortbildungskurs für Lehrer. Informatikexperten erklären den Grundschullehrern ihr Konzept für einen kindgerechten Programmierunterricht. »Die Software ist einfach, das können Lehrer schnell lernen«, sagt Ave Lauringson. Anfang diesen Jahres sollen die ersten Unterrichtsstunden im Fach Programmieren stattfinden.

In Deutschland ist man noch lange nicht so weit, wie eine Studie von Steffen Friedrich, Professor für die Didaktik der Informatik an der Technischen Universität Dresden, zeigt. Zusammen mit zwei Forscher-Kolleginnen hat Friedrich Lehrpläne aus allen Bundesländern ausgewertet und analysiert, an welchen Schulen mehr mit Computern gemacht wird als Lernspiele und Google-Suche. Viele ermutigende Beispiele hat Friedrich nicht gefunden. Die Studie zeigt: Einen Programmierunterricht in der Grundschule wie in Estland gibt es in Deutschland nirgendwo.

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Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

"Das soll den IT-Nachwuchs sichern"

Ahhh ja.

Dann müssen in Deutschland die Jungen früh Autofahren lernen, in der Schule, weil "wir" Auto-Ingenieure brauchen?

Mit der "Informatik", die ich so kennen gelernt, verhält es sich wie das Kopfrechnen zur Mathematik: "Ausgebildet" wird der Gebrauch von Microschraott-Produkten.

@1: Der Vergleich hinkt

"Dann müssen in Deutschland die Jungen früh Autofahren lernen, in der Schule, weil "wir" Auto-Ingenieure brauchen?"

Nein. Die Jungen -- und auch die Mädchen -- sollten mit Technik-Spielzeug à la Lego und Fischertechnik spielen dürfen, weil "wir" Auto-Ingenieure brauchen.

"Mit der "Informatik", die ich so kennen gelernt, verhält es sich wie das Kopfrechnen zur Mathematik: "Ausgebildet" wird der Gebrauch von Microschraott-Produkten."

Da würde mich interessieren, wo Sie die Informatik in der Schule kennen gelernt haben. In vielen Bundesländern steht echte Informatik im Lehrplan und nicht (primär) der Gebrauch von Office-Produkten. Hieß dieser Unterricht wirklich "Informatik" oder irgendwie anders?