Das Unterengadin ist nicht das Oberengadin. Scuol nicht St. Moritz. Und das Scuol Palace schon gar nicht das Badrutts Palace. Während oben im mondänen Skiort der Champagner kübelweise geordert wird, gibt man sich 60 Kilometer talabwärts mit Mineralwasser zufrieden. Das indes sprudelt hier seit Jahrhunderten aus zwei Dutzend Quellen und hat dem Dorf Anfang des 20. Jahrhunderts gar mal den Titel »Bäderkönigin der Alpen« beschert – und dem Kurhaus Tarasp Gäste aus halb Europa.

Tempi passati. Heute sorgt das Scuol Palace, wie das Kurhaus Tarasp mittlerweile heißt, aus anderen Gründen für Schlagzeilen. Nicht weniger als dreimal in den letzten zwei Jahren sollte das ehemalige Grandhotel schon unter den Hammer kommen. Doch jedes Mal gelang es dem Besitzer in letzter Minute, die geforderten Schulden zu tilgen. »Was hier passiert«, sagt Rolf Zollinger, »ist himmeltraurig.«

Zollinger hat das Scuol Palace zu Beginn der neunziger Jahre geführt. Damals, als der Urlaubsveranstalter Robinson Club Familien mit Spiel, Spaß und Entspannung nach Scuol lockte, erlebte das Hotel eine Renaissance. Der Aufschwung war nicht von Dauer. »Um den Standard wahren zu können, hätte Robinson viel zu viel in die Substanz stecken müssen. Darum zog sich der Konzern nach 15 Jahren zurück«, sagt Rolf Zollinger. Heute bröckelt der Putz, pfeift der Winterwind durch die Gänge des 120-Zimmer-Hauses. »Zwei Rundgänge habe ich in den letzten Monaten unternommen«, erzählt Zollinger, »beide Male bin ich mit Tränen in den Augen zurück auf die Straße getreten.«

In einer Stadtwohnung in Zürich kämpft an diesem Nachmittag auch Abraham Friedman mit den Tränen. »Das Scuol Palace war unser großer Traum. Jetzt ist es ein Albtraum.« 2005 haben Friedman und seine Frau den Kasten am Inn für vier Millionen Franken gekauft. Aus dem Kurhaus wurde ein koscheres Hotel. Nicht irgendeines, sondern mit 220 Betten das größte ganzjährig geöffnete Europas. Statt Pauschaltouristen gingen fortan orthodoxe Juden ein und aus. Die Besitzer richteten im Haus zwei Synagogen ein, eine Bibliothek und ein jüdisches Ritualbad. Gekocht wurden ausschließlich koschere Speisen. Und die freizügigen Wandgemälde im Konzertsaal fanden sich alsbald unter keuschem Tuch wieder. Oben im Dorf war die neue Klientel nicht zu übersehen. Natürlich hätten sich die Einheimischen zuerst an die bärtigen Männer mit Kippa, Schläfenlocken und schwarzen Mänteln gewöhnen müssen, erzählt Gemeindepräsident Jon Domenic Parolini. Letztlich aber habe man sich arrangiert. »Wir waren erleichtert, dass nach dem Wegzug von Robinson überhaupt jemand das Hotel übernommen und damit vor dem Zerfall bewahrt hat.«

Jetzt herrscht wieder Ungewissheit. Vor zwei Jahren musste Abraham Friedman sein Hotel schließen. Er, der in Israel erfolgreich ein Guest-House und später in Flims ein Hotel geführt hatte, scheiterte im Unterengadin. »Vielleicht war ich naiv«, sagt er, »letztlich hat der Betrieb gerade mal während dreier Monate im Jahr rentiert. Wir hätten nebst unserer Stammkundschaft dringend auch nicht jüdische Gäste gebraucht.« Die aber, sagt der ehemalige Pilot der israelischen Luftwaffe, seien nicht gekommen. »Im Dorf oben hat uns niemand empfohlen, auch nicht, wenn dort alle Betten besetzt gewesen sind.« Er nimmt die Lesebrille von der Nase, blickt in die Leere und sagt: »Jeden Morgen kann wieder ein Schreiben vom Betreibungsamt im Briefkasten liegen.«

Die ehemalige Besitzerin des Scuol Palace und bedeutendste Gläubigerin von Abraham Friedman ist die Oberengadiner Beteiligungsgesellschaft Clemgia-Tarasp, die einst gut drei Viertel des Kaufpreises als Darlehen zur Verfügung gestellt hat. Ihr müssen Friedman und seine GmbH dreimal pro Jahr je 150.000 Franken überweisen. »Ich ziehe meinen Hut vor Herrn Friedman«, sagt Markus Testa, der Vertreter der Gesellschaft, »er kämpft bis zum letzten Tag, um das Haus ordentlich zu verkaufen und sämtliche Schulden tilgen zu können.« Was das Hotel anbelange, so sei alles, was zum langfristigen Erhalt desselben führe, eine gute Lösung für die Region.

Eine gute Lösung. Wie diese aussehen könnte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Während Friedman verschiedene Interessenten haben will, die das geschichtsträchtige Haus sofort kaufen würden, so sie denn Wohnungen einbauen dürften, bevorzugt Gemeindepräsident Parolini die Idee einer Künstlerkolonie, wie sie die ortsansässige Fundaziun Nairs vorschlägt: »Seit dem 11. März 2012 ist eben alles anders«, wischt er Friedmans Pläne kategorisch vom Tisch. »Mit der Annahme der Zweitwohnungsinitiative ist es unmöglich, die Hotelzimmer in Wohnungen umzufunktionieren.«