"Sesamstraße"Als die Puppen zappeln lernten

Die "Sesamstraße" wird 40. Ihre Protagonisten: Außenseiter, wild und chaotisch. Geprägt hat das: Eine ganze Generation von Silke Burmester

Manamana. Die Arbeitstage der letzten Wochen begannen um acht Uhr mit dem Kika-Programm. Wenn der Kopf noch einem Dickicht glich, wenn die Hirnwindungen noch von Traumbildern besetzt waren, setzte ich mich vor den Fernseher, und mein betäubtes Ich wurde durch ein buntes, lautes und wildes Wechselbad gezogen. Die Sesamstraße kennt keine Gnade, morgens um acht schreien, quietschen und singen die Elmos dieser Welt am lautesten: »Manamana!«

Ich habe in diesen Wochen viel gelesen. Ich habe alte Folgen geguckt, aktuelle Folgen, eine filmische Anleitung für Eltern und Pädagogen, ich habe mit Verantwortlichen gesprochen, denn ich wollte einen schönen Text über die Sesamstraße schreiben. Anlässlich des 40. Geburtstags der deutschen Ausgabe. Wollte eine Sendung lobpreisen, der ich viel Freude zu verdanken habe. Ich habe sie geliebt. Die Sesamstraße war für mich die Fernseh-Entsprechung meiner Kinderwelt der siebziger Jahre. Einer Welt des Ausprobierens und des Aufbruchs. Sie war mein Gefährte. Mein Anwalt. Mein Freund.

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Ich habe Ernie gemocht, seinen Anarchismus. Seine Frechheit, sein wunderbares, warmherziges Wesen und die Fähigkeit, Bert, den Taubenliebhaber und Kronkorkensammler, in den Wahnsinn zu treiben. Ich habe Oscar gemocht und das Krümelmonster. Ich war beeindruckt von einem Mädchen, das Susanne Klickerklacker heißt und den Mut hat, zu sagen, es sei das klügste Mädchen der Welt.

Ich wollte aufschreiben, wie gut und wichtig diese ersten Jahre Sesamstraße waren. Und welcher Mist passiert ist, nachdem immer mehr des ursprünglichen, amerikanischen Materials durch deutsches ersetzt wurde und die Biederkeit einzog. Ich wollte sagen, was für ein Blödsinn es ist, Kinder »vernünftig« werden zu lassen, indem man Filme zeigt, in denen ein Kind ein Sparschwein zur Bank bringt oder in denen der Beruf des Friseurs erklärt wird. Ich wollte aufschreiben, wie unglaublich beknackt die Figur Samson war und welch großer Dank einer NDR-Redakteurin für den Rausschmiss der unerträglich zickigen Tiffy gebührt. Ich wollte ein Lob auf die gute alte Zeit singen, als man Kindern noch Raum gab, sich auszuprobieren. All das wollte ich tun. Und nun ist alles anders gekommen. Nun habe ich mir meine Geschichte »kaputt recherchiert«, wie wir Journalisten sagen, wenn die Informationen, die man erhält, dazu führen, dass eine zuvor gewonnene Haltung ihre Stütze verliert. Und das ist passiert, denn ich habe durch die Auseinandersetzung mit der Sendung und ihren Kritikern erkennen müssen, dass ich einem mich überfordernden, mich zum »unkritischen Konsumenten« machenden »Domestizierungsprogramm« ausgesetzt war. Und wenn ich bislang auch recht zufrieden mit mir war, so muss ich nun einsehen, dass ich wohl ernsthafte Probleme habe. Ich muss gestört sein, nach den vielen Jahren des Sesamstraßen- Konsums. Denn Sesamstraße ist Menschenverwirrung. Die Unrast beim Zeitschriftenblättern, die ich heute zeige, mein Hin- und Herspringen zwischen den Fernsehsendern, muss darin begründet sein, dass ich mitunter »48 kleinen Spots in kürzester Zeit« ausgesetzt war, wie sie der Bayerische Rundfunk damals in einer Folge zählte. Dass ich denke, Informationen sollten auch unterhaltsam vermittelt werden, muss seinen Ursprung in der konzeptionellen Verknüpfung von Information und Unterhaltung haben, die die Sesamstraßen-Erfinderin Joan Ganz Cooney als Anspruch formulierte. Dass ich einen Beruf gewählt habe, zu dessen Charakter es gehört, anderen durch Fragen auf die Nerven zu gehen, muss daran liegen, dass ich täglich mit dem Refrain »Wer nicht fragt, bleibt dumm« beschallt wurde.

Dabei fing alles ganz harmlos an. Es war der 8. Januar 1973, ein Montag. Zwei Zeichentrickfische erscheinen auf dem Bildschirm und spucken Buchstaben aus, die das Wort »Sesamstraße« ergeben. Dann schwimmt ein großer Fisch herbei, frisst die Buchstaben und stößt eine Luftblase aus, die sich mit einer 1 füllt. Ab diesem 8. Januar kommen die Fische zweimal täglich, einmal um 9.30 Uhr und einmal um 18 Uhr, und führen in eine Welt, in der die Puppen das Sagen haben. Den Rahmen bildet eine Straßenkulisse, in der sich reale Menschen ebenso bewegen wie die Puppen, die in der Sesamstraße zu Hause sind. Das Freundespaar Ernie und Bert etwa, Oscar, der in einer Mülltonne wohnt, und Bibo, der gelbe Riesenvogel. Die Szenen mit ihnen werden von kleinen Filmen unterbrochen, Zeichentrick zumeist, in denen Kindern Zahlen oder Buchstaben vermittelt werden sollen. Oft übernehmen diese Vermittlerrolle auch jene Figuren, die ihr Erfinder Jim Henson »Muppets« nennt und die so vielfältig sind wie ein Korallenriff. Sie kommen als Monster, als Mensch, als Kuh oder Außerirdischer, als Frosch oder Blume.

Und während wir Kinder an diesem Tag vor dem Fernseher sitzen und verfolgen, wie Sherlock Humbug das Rätsel um das verschwundene Fleischsalatbrot löst, lösen sich bei denen, die sich »erwachsen« nennen, die Sicherungen. Auf die eine oder die andere Art. Die, die begeistert sind, loben die Kraft des Fernsehens als Bildungsmedium und die Möglichkeit, Kinder aller Schichten an Bildung teilhaben zu lassen. Denn das war der Plan, als die deutsche Ausgabe in den Dritten Programmen NDR, WDR und HR startet (im DDR-Fernsehen gab es keine Sesamstraße). Die Amerikaner, die die Sesame Street seit 1969 senden, haben das Format bereits in 50 Länder verkauft. Es gilt als das erfolgreichste Fernsehprogramm der Welt, die Londoner Times nennt es das »wichtigste TV-Programm, das je ausgestrahlt wurde«. Beim Münchner Kinderfernsehpreis Prix Jeunesse, dem wichtigsten der Branche, ist die vom Children’s Televison Workshop (CTW) produzierte Sendung bereits 1970 ausgezeichnet worden. Das Abkommen der Senderverantwortlichen, kein Programm für Kleinkinder anzubieten, galt 15 Jahre. Die Idee, über das Fernsehen erste Bildungsansätze zu vermitteln, kam dem sozialdemokratischen Anspruch, Bildung von Herkunft und Einkommen zu lösen, gut zupass. Die Amerikaner hatten ähnlich gedacht. Die Sesame Street sollte vornehmlich die Einwandererkinder auf den Schuleintritt vorbereiten. Die Regierung von Präsident Nixon hatte bereits knapp 3 Milliarden US-Dollar in die Vorschulerziehung investiert, um Analphabetismus und Armut zu bekämpfen. Gerade mal 20 Millionen US-Dollar kostete die Produktion der ersten 275 Folgen. Doch der Bildungsimport stößt nicht nur auf Begeisterung. Bereits seit August 1972 liefen die synchronisierten US-Folgen in der ARD. Zeit genug, um zum Start der für die deutschen Kinder bearbeiteten Fassung mit eigenem Vorspann und eigenen Einspielfilmen den Untergang des Abendlandes und die Schädigung der Kinder auszurufen. Besonders laut sind die Bayern, die sich weigern, das Programm auszustrahlen – sie weigern sich bis heute. Sie werfen der Sendung einen »Werbespot-ähnlichen Charakter« vor, der darauf ausgelegt sei, den »kritischen Verstand zu schwächen oder ganz auszuschalten«, wie der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, Wilhelm Ebert, damals sagt. Für ihn ist die Sesamstraße »ein domestizierendes Programm, das weder einen gewichtigen Beitrag zur emanzipatorischen noch zur integrativen Erziehung zu leisten vermag«. Was bleibe, sei ein »Drill- und Überredungsprogramm«, dem vor allem »milieugeschädigte Kinder« nicht folgen könnten.

Besonders erregt die Rahmenhandlung die meist männlichen Gemüter. Sie zeigt Puppen und Menschen, die in der Sesamstraße leben. Den gemütlichen Herrn Huber mit seinem Tante-Emma-Laden, den netten Bob und Susan und Gordon, zwei Farbige. Die Straße fungiert als sozialer Platz. Hier unterhält man sich, man lacht und spielt und weint. Mülltonnen stehen herum. Die Kritiker bemängeln, dass die Szenen »der kleinen Neger und Puertoricaner der Slums von New York« (Spiegel) mit dem deutschen Alltag nichts zu tun hätten.

Tatsächlich starrten wir mit unseren sechs, sieben Jahren gebannt auf das, was die Amerikaner uns vorführten: Menschen, die auf den Treppen ihrer Häuser saßen, Kinder, die auf der Straße spielten und Erwachsene duzten, die schwarz waren und Gordon hießen. Dort, wo wir wohnten, lebten die Menschen in Bungalows, die Kinder spielten in Gärten, Mülltonnen hatten ein eigenes Häuschen. Erwachsene hießen Gerhard und hatten, sofern es nicht die eigenen Eltern waren, gesiezt zu werden. Schwarze, so sie denn auftauchten, sollte man besonders höflich behandeln – sie hätten es nicht leicht.

Weiter, als die mangelnden Identifikationsmodelle zu kritisieren, ging der Journalist Hayo Matthiesen, der im ZEITmagazin die Realitätsferne der Sesamstraße monierte. Er formulierte den Vorwurf: »Die tägliche Wirklichkeit der kleinen Zuschauer wird also in die Scheinwirklichkeit einer Bühnensituation aufgelöst.« Das Slumviertel: »im Grunde ist auch dies eine heile Welt.« Was ihm fehlte, war, was »einen Slum tatsächlich ausmacht: Schlägereien und Morde, Hasch und Opium, Suff und Sexualität«. Auch dass »Eltern ihre Kinder blutig schlagen, zu Tode prügeln und verhungern lassen, wird verschwiegen«.

Angeblich sehen 1973 täglich 2,5 Millionen Kinder die Sendung. Das ZEITmagazin eröffnet die Seite mit den Leserbriefen bezüglich des Artikels von Matthiesen mit den Worten: »Selten hat ein Beitrag im ZEITmagazin so eine heftige Kontroverse ausgelöst«, und druckt empörte Leserbriefe. In den Zeitungen toben Schlachten zwischen Befürwortern und Gegnern. Pädagogen veranstalten Arbeitstagungen, Verlage bringen Begleitmaterial für Eltern und Erzieher heraus, und im NDR produziert Sabine Reinhold den Film Über den Umgang mit der »Sesamstraße« für Eltern und Pädagogen. Vor allem die Diskussion um den Nutzen für die Unterschicht ist in vollem Gange. 1,2 Millionen Mark lässt sich die Bundesregierung eine Forschungsarbeit des Hans-Bredow-Instituts der Universität Hamburg zur Frage kosten, ob und inwieweit »Fernsehen für die vorschulische Erziehungsarbeit einsetzbar ist«. Die fernsehkritische WDR-Sendung Glashaus befasst sich mit unserem Lieblingsprogramm, und Ernie und Bert zieren den Spiegel . Das Land erlebt und führt eine nie da gewesene Diskussion über die Möglichkeiten und Aufgaben des Fernsehens. Erst im September zeigen auch der Südfunk und der Südwestfunk 52 Folgen. Bayern bleibt bei seiner Ablehnung. Immerhin gibt die Sesamstraße den Impuls, neue Konzepte fürs Kinderprogramm zu entwickeln. Das ZDF, das als Erstes mit dem CTW über die Sesamstraße verhandelt hat, sendet bald die Rappelkiste, Bayern schickt das Feuerrote Spielmobil los.

Mussten wir Fernsehkinder der siebziger Jahre uns bis dahin überwiegend mit Sendungen abgeben, die wie Flipper oder Lassie wenig mit uns selbst zu tun hatten, bildeten diese neuen Formate eine Welt ab, die unsere war und den Zeitgeist spiegelte: Kinder standen im Mittelpunkt. Kinder sollten sich einmischen. Sie sollten sich ausprobieren. Mädchen durften wie Jungs aussehen und Jungs mit Puppen spielen. Wir wurden angehalten, nicht alles hinzunehmen. Und: Fantasie zu zeigen. Kein Mensch meckerte, wenn wir das Altpapier im Wohnzimmer auseinanderrissen, uns auszogen und »Zeitungsbäder« nahmen. Wenn wir auf dem Garagendach standen und Vorbeigehenden »dumme Ziege« oder »alter Arsch« hinterherriefen. Wenn wir fürs »Saloon-Spielen« Vanillesoße kochten, die als Eierlikör herhalten musste und mit der der Cowboy die Küche einsaute, weil er so besoffen war. Im Gegenteil: Uns wurde die Plakafarbe bereitgestellt, mit der wir die Terrassentür bemalen sollten, und wenn in der U-Bahn jemand schimpfte, weil wir uns so laut lachend um die Haltestange drehten, dann sagte die uns begleitende Mutter, das sei schon in Ordnung. Manamana.

Würde man heute einwenden, die Sesamstraße sei doch wohl vor allem das Produkt von bekifften Hippies gewesen, zu viel Manamana, wurde damals die Art bemängelt, wie Wissen vermittelt wurde: durch Wiederholung. Auch wurde ein Mangel an sozialem Lernen ausgemacht. Um das Geschehen näher an die deutschen Kinder heranzubringen, wurde das amerikanische »Schmuddelghetto« durch eine heimische Blitzblank-Kulisse ersetzt, in der Liselotte Pulver und Henning Venske das menschliche Gegenüber für die neuen Figuren Samson und Tiffy spielten. Liselotte Pulver war nett und brav, der Riesenbär Samson behäbig und bräsig und der rosafarbene Tüllvogel Tiffy ein anstrengendes, altkluges Etwas.

Der Puppenmacher Kermit Love, der auch Bibo schuf, hatte Tiffy und Samson speziell für Deutschland entwickelt. Bei Deutschland, so sagte er in Tilman Jens’ Film über die Sesamstraße von 1993, denke er an die Brüder Grimm und den Schwarzwald. Folglich entwarf er mit Samson ein riesiges braunes Zottelvieh, das tapsig und nach Würsten gierend durch die Gegend stolpert. Die Sesamstraße dieser Zeit wirkt mit Samson in seiner Einfältigkeit und seinem »Uiuiui!« als Gefühlsäußerung wie ein Ausdruck der biederen ersten Helmut-Kohl-Jahre. Tatsächlich stöhnte er schon ab 1978 durchs Programm.

Mit der neuen Kulisse änderte sich auch das Konzept: Die Medienkompetenz der Kinder soll gestärkt werden. Sie sollen nun nicht mehr glauben, sie beobachteten eine reale Situation, sondern sie sehen, dass das Studio ein Studio ist, Produktionsmittel wie Kamera und Mikrofon sollen sichtbar sein. Und so wie der Realismus ins Studio einzieht, zieht die Vernunft in die Einspielfilme ein. Ging es am Anfang noch darum, die Position von Kindern nach dem Motto des legendären Einspielers »Kinder sind auch mal dran« in der Mitte der Gesellschaft zu verankern, verschwindet die Frage, was man von Kindern lernen kann, hinter der, was Kinder lernen sollen, um gut ins System zu passen.

Im Laufe der Jahre plätschert die Sesamstraße so dahin. Nur einmal noch ist die Sendung noch in den Schlagzeilen, 2003, als sie nach 30 Jahren ihren 18-Uhr-Sendeplatz im NDR aufgeben soll, um morgens um 7.30 Uhr auf Kika ausgestrahlt zu werden. Eine kleine Meldung in der Süddeutschen Zeitung reicht, damit ein Sturm losbricht. Es gibt Demonstrationen, Radio-Protestaufrufe. Die Absicht des NDR ist klar: Er will das lästige Kinderding aus seiner Vorabendzeit haben. Die Zuschauer beschaulicher Landschaftssendungen sollen nicht länger unterbrochen werden.

Die Sendung mit der Maus ist heute die letzte Kindersendung, die noch regelmäßig im bundesweiten Programm der ARD läuft. Erfolgreich hat man Kinder aus der Mitte der Gesellschaft herausgenommen. Mit Kika haben sie jetzt einen eigenen Sender. Die Botschaft: Geht dahin, wo ihr nicht stört, geht in eure Sparte. Tatsächlich hat die Sesamstraße durch den Sendeplatzwechsel deutlich an Zuschauern gewonnen. Das vom NDR entwickelte Format Eine Möhre für Zwei, ein sogenannter Spin-off mit den Hauptprotagonisten Wolle und Pferd, läuft sogar erfolgreicher als die Hauptsendung.

Nach Jahren der eher langweiligen Figuren ist mit Wolle und Pferd, Wolf und Günni, dem Klo, wieder ein Humor in die Sesamstraße eingezogen, der mehr ist als nur schlicht. Den Redakteuren des NDR ist die Problematik der Anpassung und des Bildes vom »braven Kind« bewusst. Auch sie blicken mit Wehmut auf die alten Vorspanne, als Kinder mit dem Fahrrad auf gefrorenen Seen fuhren und in und auf Schrottautos tobten. Heute befürchten sie bereits Elternproteste, wenn Susi Schraube, ein Erfindermädchen, eine Ganzkopfmütze entwickelt, unter der man unbemerkt Süßigkeiten verdrücken kann.

Dem amerikanischen Vorbild entsprechend, spielt das rote Kurzhaarzottelmonster Elmo jetzt auch bei uns eine tragende Rolle. Es führt durch die Sendung und soll den Kindern ihr Ich näherbringen und ihre soziale Kompetenz stärken. In Amerika verkörpert die Puppe einen Dreijährigen, der hiesige Elmo hingegen soll fünf Jahre alt sein, wobei man mit einem Fünfjährigen, der so ist wie Elmo, dann doch zum Arzt gehen würde. In Amerika ist Elmo ein Star, sein Puppenspieler wurde mehrfach ausgezeichnet; in Hamburg versucht man ihm dadurch Charakter zu verleihen, dass er nach jedem seiner Sätze giggelt wie eine bekiffte Oma. Auch der Vorspannsong wurde neu aufgenommen, den singt jetzt Lena. War die Sesamstraße vor 40 Jahren selbst Popkultur, kauft heute selbst das amerikanische Original Popstars ein, um poppig zu sein. Im Hamburger Studio hat Jan Delay mit Ernie und Bert gesungen, Xavier Naidoo war da und Max Raabe. Die Musiker, so der NDR, baut man vor allem für die Eltern ein, die mit ihren Kindern gucken. Sie sollen sich aufgehoben fühlen.

Ja, das kann man so machen. Man kann Leuten wie mir aber auch einfach diese wunderbaren alten Filme zeigen, in denen ein blauer Mann etwas zu essen bestellen möchte und zu seinem Pech Grobi der Kellner ist. Oder Ernie nicht einschlafen kann. Filme, denen die Bildregie einen Rahmen verpassen muss, weil das alte 4:3-Format nicht mehr für den heutigen Bildschirm geeignet ist. Man kann die Puppen tanzen lassen, um die Eltern, die vor 40 Jahren ihr Erweckungserlebnis hatten, glücklich zu machen. Es sind die Menschen, die heute so gestört sind. Leute wie ich, die von einem Sender zum anderen zappen und deren Weltbild und Vertrauen dadurch erschüttert wurden, dass man ihnen Bilder von »Slums« zugemutet hat. Man kann diesen Menschen einen Mann im Ringelpulli zeigen, damit sie sich zu Hause fühlen. Einen Mann, dessen Haarwuchs dergestalt ist, dass sie 40 Jahre nach der ersten Begegnung mit ihm den Impuls hätten, sich schützend vor ihre Kindern zu stellen, würde er anbieten, ein Lied zu singen. Dann aber würden sie sich erinnern, was sie damals gelernt haben: dass das Äußere nichts über einen Menschen verrät. Manamana.

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Leserkommentare
  1. bei der Sesamstrasse die übersetzten Originale echt spannend und die deutschen wie Werbung, die keinen interessiert. Heute denke ich, was meine Eltern wohl damals dachten, dass ihren Kindern nicht wie ihnen echte Bomben auf den Kopf fallen ..

    Eine Leserempfehlung
  2. Der Name der Autorin ist falsch geschrieben.

  3. Wer ganz retro etwas schwelgen will und beim Schauen dieser großartig anarchischen Sendung ein wenig wehmütig wird, sollte "Die lange Sesamstraßen-Nacht" -> http://muppet.wikia.com/wiki/Die_lange_Sesamstraßen-Nacht nicht verpassen.

    Anbei noch ein Doku-Tipp über die Geschichte der Sesamstraße, online hier -> http://www.ndr.de/fernseh... zu sehen.

    • vg34
    • 05. Januar 2013 14:02 Uhr

    ... für diesen Artikel. Auch ich habe das amerikanische Original geliebt, vor allem auch den schrägen Humor dieser Sendung. Mit der Einführung der völlig spaßfreien deutschen Variante, war dieser schöne Teil meiner Kindheit abgeschlossen.

    4 Leserempfehlungen
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    • Azenion
    • 06. Januar 2013 11:58 Uhr

    Ich war damals fassungslos, als plötzlich alles anders war, und mit Samson und Tiffy quälende Langeweile aufkam. So wie ich es erinnere, ging damals vor allem der Humor verloren.

    Nicht erwähnt wurde im Artikel, daß die "Sesame Street" anfangs (auch?) im englischen Original gesendet wurde.
    Oder spielt mir meine Erinnerung da eine Streich?

  4. Sie haben sich nicht nur selbst die Sesamstraße kaputtrecherchiert. Sie haben auch bei mir, einem Kind der Kohl-Jahre, erreicht, dass ich Samson und Tiffy bloß noch trutschig und nervig finde. Vielleicht war ja die Zeit einfach trutschig und nervig, vieles scheint dafür zu sprechen. Dabei gab es so viele spannende Dinge im „Studio“: die geheimen Klopfzeichen, das wie von Zauberhand auftauchende Wasser um die „Insel“ herum, die Höhle, den Geheimgang ... und da war ja noch Herr von Bödefeld, der die spießige Welt von Samson und Tiffy ein bisschen aufgemischt hat. Und Lilo, meine erste Liebe! Aber Sie haben natürlich vollkommen recht, Samson und Tiffy sind armselig und doof gegen die große Kunst, die die Amerikaner boten: das „Monsterpiece Theater“, in dem das Krümelmonster die Klassiker der Weltliteratur präsentierte, die Interviews von Kermit dem Frosch mit den Stars der Märchenszene und die im Entstehen begriffenen Hits von Don Music.
    Wieder ein Stück Kindheit entzaubert ...

    2 Leserempfehlungen
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    wie Supergrobi, Graf Zahl, Dr. Nobel Preis, Prof. Hastig etc. nicht zu vergessen! Ganz großes Kino.

    Leider weiß ich die Quelle nicht mehr, doch mit diesem Begriff wurde ein Phänomen beschrieben, dass die meisten Menschen die Sesamstraßenversion ihrere eigenen Kindheit subjektiv für die besten halten.
    Ich bin Samsonite. Ich fand Bibo blöd, hasste es wenn in den Sommerferien satt der Smson- und Tiffifolgen die frühen amerikanischen liefen und habe später die Einführung Simsons für den Untergang des Abendlandes gehalten.
    Im Nachhinein finde ich das weder erstaunlich noch dramatisch. Es ist sogar ganz normal, dass das erste eigene den Prototypen bildet (Und das ergibt sich hier schlicht aus dem Zeitpunkt der eigenen Geburt) und jede Abweichung vom Prototypen zunächst einmal kritisch bewertet wird. Wir Menschen sind einfach so.
    Hut ab übrigens vor den Redakteuren von Sesamstraße und Sendung mit der Maus: Ihr wart mutig und klug genug zu erkennen, dass Kinder besonders gern Werbung im Fernsehen sahen und wieso das so ist: Die Aufmerksamkeitsspannen korrelieren mit den Spannungsbögen (Auch lange Spannungsbögen müssen nach und nach erlernt werden) Und dass ihr dies für das Kinderprogramm genutzt habt.Dieses Phänomen ist exemplarisch für die Grundhaltung guten Kinderprogramms: Kinder nicht als Mängelwesen zu betrachten und als Anfänger in der Welt ernstzunehmen.

  5. ...der fast so liebenswert ist wie die Sendung, über die er berichtet.

    ...und bei mir mal wieder Kopfschütteln über das Bundesland verursacht, daß uns die Herdprämie gebracht hat - damit Mutti zu Hause darüber wacht, daß ihre Kleinen in der Kita nicht versaut werden, indem sie mit Ernie- &Bert-Puppen spielen...

    3 Leserempfehlungen
    • wawerka
    • 05. Januar 2013 16:10 Uhr

    ...vielen Dank, Frau Burmeister.

    Manches Bild aus meiner Kindheit stieg beim Lesen wieder in mir auf. Unfassbar, was man damals alles "durfte" und was heute vermutlich einen Besuch des Jugendamtes nach sich zöge.

    Heute bin ich selbst Vater einen kleinen Tochter und ich bemühe mich nach Kräften, nicht so ein "Helikopter-Vater" zu werden, der unablässig um sein Kind kreist. Allerdings muss ich zugeben, dass es nicht immer leicht ist, sich auch einfach mal zurückzuhalten.

    Ich habe das Gefühl, eine niveauvolle Diskussion, wie die in obigem Artikel geschilderte, darüber, ob eine Kindersendung angemessen ist oder nicht, wäre heute gar nicht mehr möglich. Oder, frei nach Loriot: "Früher war mehr In­tel­lek­tu­a­li­tät!" Vielleicht werde ich aber auch einfach nur alt.....

    2 Leserempfehlungen
  6. Als die Sesame Street im deutschen Fernsehen Einzug hielt, gehörte ich zwar altersmäßig nicht mehr zur Zielgruppe. Ich habe allerdings mit Vergnügen die Originalfassung im WDR gesehen und dabei nebenbei auch mein Englisch verbessert. Wie habe ich Big Bird, Little Bird oder Oscar in der Tonne geliebt! Die Sendung nahm Kinder ernst, sie kam nicht oberlehrerhaft daher sondern präsentierte den Kindern eine mit magischen Figuren angereicherte alltägliche Welt. Eine Welt, wie sie Kindergartenkinder wahrnehmen. Grandios!

    Viele Jahre später habe ich dann mit meinen Kindern die Sesamstraße im NDR gesehen und ich habe es immer bedauert, dass den deutschen Kindern so vieles vorenthalten wurde. Auch wenn Figuren wie Samson und Tiffy ganz "nett" waren, geliebt haben meine Kinder bezeichnenderweise Herrn v. Bödefeld! Nun ja, immerhin durften sie Ernie und Bert, Kermit und das Krümelmonster genießen.
    Für uns Eltern war der Sendeplatz beim NDR ideal: 18-18.30, anschließend Sandmännchen und das wars dann mit Fernsehen für die Kids. 7.30 beim Kika war für uns keine Option mehr, denn Frühstücksfernsehen gab es bei uns nicht.

    Tja, die Zeiten ändern sich...

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