"Sesamstraße" : Als die Puppen zappeln lernten
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Begeisterung bei den einen, Verweigerung bei den Bayern

Und während wir Kinder an diesem Tag vor dem Fernseher sitzen und verfolgen, wie Sherlock Humbug das Rätsel um das verschwundene Fleischsalatbrot löst, lösen sich bei denen, die sich »erwachsen« nennen, die Sicherungen. Auf die eine oder die andere Art. Die, die begeistert sind, loben die Kraft des Fernsehens als Bildungsmedium und die Möglichkeit, Kinder aller Schichten an Bildung teilhaben zu lassen. Denn das war der Plan, als die deutsche Ausgabe in den Dritten Programmen NDR, WDR und HR startet (im DDR-Fernsehen gab es keine Sesamstraße). Die Amerikaner, die die Sesame Street seit 1969 senden, haben das Format bereits in 50 Länder verkauft. Es gilt als das erfolgreichste Fernsehprogramm der Welt, die Londoner Times nennt es das »wichtigste TV-Programm, das je ausgestrahlt wurde«. Beim Münchner Kinderfernsehpreis Prix Jeunesse, dem wichtigsten der Branche, ist die vom Children’s Televison Workshop (CTW) produzierte Sendung bereits 1970 ausgezeichnet worden. Das Abkommen der Senderverantwortlichen, kein Programm für Kleinkinder anzubieten, galt 15 Jahre. Die Idee, über das Fernsehen erste Bildungsansätze zu vermitteln, kam dem sozialdemokratischen Anspruch, Bildung von Herkunft und Einkommen zu lösen, gut zupass. Die Amerikaner hatten ähnlich gedacht. Die Sesame Street sollte vornehmlich die Einwandererkinder auf den Schuleintritt vorbereiten. Die Regierung von Präsident Nixon hatte bereits knapp 3 Milliarden US-Dollar in die Vorschulerziehung investiert, um Analphabetismus und Armut zu bekämpfen. Gerade mal 20 Millionen US-Dollar kostete die Produktion der ersten 275 Folgen. Doch der Bildungsimport stößt nicht nur auf Begeisterung. Bereits seit August 1972 liefen die synchronisierten US-Folgen in der ARD. Zeit genug, um zum Start der für die deutschen Kinder bearbeiteten Fassung mit eigenem Vorspann und eigenen Einspielfilmen den Untergang des Abendlandes und die Schädigung der Kinder auszurufen. Besonders laut sind die Bayern, die sich weigern, das Programm auszustrahlen – sie weigern sich bis heute. Sie werfen der Sendung einen »Werbespot-ähnlichen Charakter« vor, der darauf ausgelegt sei, den »kritischen Verstand zu schwächen oder ganz auszuschalten«, wie der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, Wilhelm Ebert, damals sagt. Für ihn ist die Sesamstraße »ein domestizierendes Programm, das weder einen gewichtigen Beitrag zur emanzipatorischen noch zur integrativen Erziehung zu leisten vermag«. Was bleibe, sei ein »Drill- und Überredungsprogramm«, dem vor allem »milieugeschädigte Kinder« nicht folgen könnten.

Besonders erregt die Rahmenhandlung die meist männlichen Gemüter. Sie zeigt Puppen und Menschen, die in der Sesamstraße leben. Den gemütlichen Herrn Huber mit seinem Tante-Emma-Laden, den netten Bob und Susan und Gordon, zwei Farbige. Die Straße fungiert als sozialer Platz. Hier unterhält man sich, man lacht und spielt und weint. Mülltonnen stehen herum. Die Kritiker bemängeln, dass die Szenen »der kleinen Neger und Puertoricaner der Slums von New York« (Spiegel) mit dem deutschen Alltag nichts zu tun hätten.

Tatsächlich starrten wir mit unseren sechs, sieben Jahren gebannt auf das, was die Amerikaner uns vorführten: Menschen, die auf den Treppen ihrer Häuser saßen, Kinder, die auf der Straße spielten und Erwachsene duzten, die schwarz waren und Gordon hießen. Dort, wo wir wohnten, lebten die Menschen in Bungalows, die Kinder spielten in Gärten, Mülltonnen hatten ein eigenes Häuschen. Erwachsene hießen Gerhard und hatten, sofern es nicht die eigenen Eltern waren, gesiezt zu werden. Schwarze, so sie denn auftauchten, sollte man besonders höflich behandeln – sie hätten es nicht leicht.

Weiter, als die mangelnden Identifikationsmodelle zu kritisieren, ging der Journalist Hayo Matthiesen, der im ZEITmagazin die Realitätsferne der Sesamstraße monierte. Er formulierte den Vorwurf: »Die tägliche Wirklichkeit der kleinen Zuschauer wird also in die Scheinwirklichkeit einer Bühnensituation aufgelöst.« Das Slumviertel: »im Grunde ist auch dies eine heile Welt.« Was ihm fehlte, war, was »einen Slum tatsächlich ausmacht: Schlägereien und Morde, Hasch und Opium, Suff und Sexualität«. Auch dass »Eltern ihre Kinder blutig schlagen, zu Tode prügeln und verhungern lassen, wird verschwiegen«.

Angeblich sehen 1973 täglich 2,5 Millionen Kinder die Sendung. Das ZEITmagazin eröffnet die Seite mit den Leserbriefen bezüglich des Artikels von Matthiesen mit den Worten: »Selten hat ein Beitrag im ZEITmagazin so eine heftige Kontroverse ausgelöst«, und druckt empörte Leserbriefe. In den Zeitungen toben Schlachten zwischen Befürwortern und Gegnern. Pädagogen veranstalten Arbeitstagungen, Verlage bringen Begleitmaterial für Eltern und Erzieher heraus, und im NDR produziert Sabine Reinhold den Film Über den Umgang mit der »Sesamstraße« für Eltern und Pädagogen. Vor allem die Diskussion um den Nutzen für die Unterschicht ist in vollem Gange. 1,2 Millionen Mark lässt sich die Bundesregierung eine Forschungsarbeit des Hans-Bredow-Instituts der Universität Hamburg zur Frage kosten, ob und inwieweit »Fernsehen für die vorschulische Erziehungsarbeit einsetzbar ist«. Die fernsehkritische WDR-Sendung Glashaus befasst sich mit unserem Lieblingsprogramm, und Ernie und Bert zieren den Spiegel . Das Land erlebt und führt eine nie da gewesene Diskussion über die Möglichkeiten und Aufgaben des Fernsehens. Erst im September zeigen auch der Südfunk und der Südwestfunk 52 Folgen. Bayern bleibt bei seiner Ablehnung. Immerhin gibt die Sesamstraße den Impuls, neue Konzepte fürs Kinderprogramm zu entwickeln. Das ZDF, das als Erstes mit dem CTW über die Sesamstraße verhandelt hat, sendet bald die Rappelkiste, Bayern schickt das Feuerrote Spielmobil los.

Mussten wir Fernsehkinder der siebziger Jahre uns bis dahin überwiegend mit Sendungen abgeben, die wie Flipper oder Lassie wenig mit uns selbst zu tun hatten, bildeten diese neuen Formate eine Welt ab, die unsere war und den Zeitgeist spiegelte: Kinder standen im Mittelpunkt. Kinder sollten sich einmischen. Sie sollten sich ausprobieren. Mädchen durften wie Jungs aussehen und Jungs mit Puppen spielen. Wir wurden angehalten, nicht alles hinzunehmen. Und: Fantasie zu zeigen. Kein Mensch meckerte, wenn wir das Altpapier im Wohnzimmer auseinanderrissen, uns auszogen und »Zeitungsbäder« nahmen. Wenn wir auf dem Garagendach standen und Vorbeigehenden »dumme Ziege« oder »alter Arsch« hinterherriefen. Wenn wir fürs »Saloon-Spielen« Vanillesoße kochten, die als Eierlikör herhalten musste und mit der der Cowboy die Küche einsaute, weil er so besoffen war. Im Gegenteil: Uns wurde die Plakafarbe bereitgestellt, mit der wir die Terrassentür bemalen sollten, und wenn in der U-Bahn jemand schimpfte, weil wir uns so laut lachend um die Haltestange drehten, dann sagte die uns begleitende Mutter, das sei schon in Ordnung. Manamana.

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