"Sesamstraße"Als die Puppen zappeln lernten
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In Deutschland erhielt die Sesamstraße eine Blitzblank-Kulisse

Würde man heute einwenden, die Sesamstraße sei doch wohl vor allem das Produkt von bekifften Hippies gewesen, zu viel Manamana, wurde damals die Art bemängelt, wie Wissen vermittelt wurde: durch Wiederholung. Auch wurde ein Mangel an sozialem Lernen ausgemacht. Um das Geschehen näher an die deutschen Kinder heranzubringen, wurde das amerikanische »Schmuddelghetto« durch eine heimische Blitzblank-Kulisse ersetzt, in der Liselotte Pulver und Henning Venske das menschliche Gegenüber für die neuen Figuren Samson und Tiffy spielten. Liselotte Pulver war nett und brav, der Riesenbär Samson behäbig und bräsig und der rosafarbene Tüllvogel Tiffy ein anstrengendes, altkluges Etwas.

Der Puppenmacher Kermit Love, der auch Bibo schuf, hatte Tiffy und Samson speziell für Deutschland entwickelt. Bei Deutschland, so sagte er in Tilman Jens’ Film über die Sesamstraße von 1993, denke er an die Brüder Grimm und den Schwarzwald. Folglich entwarf er mit Samson ein riesiges braunes Zottelvieh, das tapsig und nach Würsten gierend durch die Gegend stolpert. Die Sesamstraße dieser Zeit wirkt mit Samson in seiner Einfältigkeit und seinem »Uiuiui!« als Gefühlsäußerung wie ein Ausdruck der biederen ersten Helmut-Kohl-Jahre. Tatsächlich stöhnte er schon ab 1978 durchs Programm.

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Mit der neuen Kulisse änderte sich auch das Konzept: Die Medienkompetenz der Kinder soll gestärkt werden. Sie sollen nun nicht mehr glauben, sie beobachteten eine reale Situation, sondern sie sehen, dass das Studio ein Studio ist, Produktionsmittel wie Kamera und Mikrofon sollen sichtbar sein. Und so wie der Realismus ins Studio einzieht, zieht die Vernunft in die Einspielfilme ein. Ging es am Anfang noch darum, die Position von Kindern nach dem Motto des legendären Einspielers »Kinder sind auch mal dran« in der Mitte der Gesellschaft zu verankern, verschwindet die Frage, was man von Kindern lernen kann, hinter der, was Kinder lernen sollen, um gut ins System zu passen.

Im Laufe der Jahre plätschert die Sesamstraße so dahin. Nur einmal noch ist die Sendung noch in den Schlagzeilen, 2003, als sie nach 30 Jahren ihren 18-Uhr-Sendeplatz im NDR aufgeben soll, um morgens um 7.30 Uhr auf Kika ausgestrahlt zu werden. Eine kleine Meldung in der Süddeutschen Zeitung reicht, damit ein Sturm losbricht. Es gibt Demonstrationen, Radio-Protestaufrufe. Die Absicht des NDR ist klar: Er will das lästige Kinderding aus seiner Vorabendzeit haben. Die Zuschauer beschaulicher Landschaftssendungen sollen nicht länger unterbrochen werden.

Die Sendung mit der Maus ist heute die letzte Kindersendung, die noch regelmäßig im bundesweiten Programm der ARD läuft. Erfolgreich hat man Kinder aus der Mitte der Gesellschaft herausgenommen. Mit Kika haben sie jetzt einen eigenen Sender. Die Botschaft: Geht dahin, wo ihr nicht stört, geht in eure Sparte. Tatsächlich hat die Sesamstraße durch den Sendeplatzwechsel deutlich an Zuschauern gewonnen. Das vom NDR entwickelte Format Eine Möhre für Zwei, ein sogenannter Spin-off mit den Hauptprotagonisten Wolle und Pferd, läuft sogar erfolgreicher als die Hauptsendung.

Nach Jahren der eher langweiligen Figuren ist mit Wolle und Pferd, Wolf und Günni, dem Klo, wieder ein Humor in die Sesamstraße eingezogen, der mehr ist als nur schlicht. Den Redakteuren des NDR ist die Problematik der Anpassung und des Bildes vom »braven Kind« bewusst. Auch sie blicken mit Wehmut auf die alten Vorspanne, als Kinder mit dem Fahrrad auf gefrorenen Seen fuhren und in und auf Schrottautos tobten. Heute befürchten sie bereits Elternproteste, wenn Susi Schraube, ein Erfindermädchen, eine Ganzkopfmütze entwickelt, unter der man unbemerkt Süßigkeiten verdrücken kann.

Dem amerikanischen Vorbild entsprechend, spielt das rote Kurzhaarzottelmonster Elmo jetzt auch bei uns eine tragende Rolle. Es führt durch die Sendung und soll den Kindern ihr Ich näherbringen und ihre soziale Kompetenz stärken. In Amerika verkörpert die Puppe einen Dreijährigen, der hiesige Elmo hingegen soll fünf Jahre alt sein, wobei man mit einem Fünfjährigen, der so ist wie Elmo, dann doch zum Arzt gehen würde. In Amerika ist Elmo ein Star, sein Puppenspieler wurde mehrfach ausgezeichnet; in Hamburg versucht man ihm dadurch Charakter zu verleihen, dass er nach jedem seiner Sätze giggelt wie eine bekiffte Oma. Auch der Vorspannsong wurde neu aufgenommen, den singt jetzt Lena. War die Sesamstraße vor 40 Jahren selbst Popkultur, kauft heute selbst das amerikanische Original Popstars ein, um poppig zu sein. Im Hamburger Studio hat Jan Delay mit Ernie und Bert gesungen, Xavier Naidoo war da und Max Raabe. Die Musiker, so der NDR, baut man vor allem für die Eltern ein, die mit ihren Kindern gucken. Sie sollen sich aufgehoben fühlen.

Ja, das kann man so machen. Man kann Leuten wie mir aber auch einfach diese wunderbaren alten Filme zeigen, in denen ein blauer Mann etwas zu essen bestellen möchte und zu seinem Pech Grobi der Kellner ist. Oder Ernie nicht einschlafen kann. Filme, denen die Bildregie einen Rahmen verpassen muss, weil das alte 4:3-Format nicht mehr für den heutigen Bildschirm geeignet ist. Man kann die Puppen tanzen lassen, um die Eltern, die vor 40 Jahren ihr Erweckungserlebnis hatten, glücklich zu machen. Es sind die Menschen, die heute so gestört sind. Leute wie ich, die von einem Sender zum anderen zappen und deren Weltbild und Vertrauen dadurch erschüttert wurden, dass man ihnen Bilder von »Slums« zugemutet hat. Man kann diesen Menschen einen Mann im Ringelpulli zeigen, damit sie sich zu Hause fühlen. Einen Mann, dessen Haarwuchs dergestalt ist, dass sie 40 Jahre nach der ersten Begegnung mit ihm den Impuls hätten, sich schützend vor ihre Kindern zu stellen, würde er anbieten, ein Lied zu singen. Dann aber würden sie sich erinnern, was sie damals gelernt haben: dass das Äußere nichts über einen Menschen verrät. Manamana.

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Leserkommentare
  1. bei der Sesamstrasse die übersetzten Originale echt spannend und die deutschen wie Werbung, die keinen interessiert. Heute denke ich, was meine Eltern wohl damals dachten, dass ihren Kindern nicht wie ihnen echte Bomben auf den Kopf fallen ..

    Eine Leserempfehlung
  2. Der Name der Autorin ist falsch geschrieben.

  3. Wer ganz retro etwas schwelgen will und beim Schauen dieser großartig anarchischen Sendung ein wenig wehmütig wird, sollte "Die lange Sesamstraßen-Nacht" -> http://muppet.wikia.com/w...ßen-Nacht nicht verpassen.

    Anbei noch ein Doku-Tipp über die Geschichte der Sesamstraße, online hier -> http://www.ndr.de/fernseh... zu sehen.

    • vg34
    • 05. Januar 2013 14:02 Uhr

    ... für diesen Artikel. Auch ich habe das amerikanische Original geliebt, vor allem auch den schrägen Humor dieser Sendung. Mit der Einführung der völlig spaßfreien deutschen Variante, war dieser schöne Teil meiner Kindheit abgeschlossen.

    4 Leserempfehlungen
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    • Azenion
    • 06. Januar 2013 11:58 Uhr

    Ich war damals fassungslos, als plötzlich alles anders war, und mit Samson und Tiffy quälende Langeweile aufkam. So wie ich es erinnere, ging damals vor allem der Humor verloren.

    Nicht erwähnt wurde im Artikel, daß die "Sesame Street" anfangs (auch?) im englischen Original gesendet wurde.
    Oder spielt mir meine Erinnerung da eine Streich?

  4. Sie haben sich nicht nur selbst die Sesamstraße kaputtrecherchiert. Sie haben auch bei mir, einem Kind der Kohl-Jahre, erreicht, dass ich Samson und Tiffy bloß noch trutschig und nervig finde. Vielleicht war ja die Zeit einfach trutschig und nervig, vieles scheint dafür zu sprechen. Dabei gab es so viele spannende Dinge im „Studio“: die geheimen Klopfzeichen, das wie von Zauberhand auftauchende Wasser um die „Insel“ herum, die Höhle, den Geheimgang ... und da war ja noch Herr von Bödefeld, der die spießige Welt von Samson und Tiffy ein bisschen aufgemischt hat. Und Lilo, meine erste Liebe! Aber Sie haben natürlich vollkommen recht, Samson und Tiffy sind armselig und doof gegen die große Kunst, die die Amerikaner boten: das „Monsterpiece Theater“, in dem das Krümelmonster die Klassiker der Weltliteratur präsentierte, die Interviews von Kermit dem Frosch mit den Stars der Märchenszene und die im Entstehen begriffenen Hits von Don Music.
    Wieder ein Stück Kindheit entzaubert ...

    2 Leserempfehlungen
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    wie Supergrobi, Graf Zahl, Dr. Nobel Preis, Prof. Hastig etc. nicht zu vergessen! Ganz großes Kino.

    Leider weiß ich die Quelle nicht mehr, doch mit diesem Begriff wurde ein Phänomen beschrieben, dass die meisten Menschen die Sesamstraßenversion ihrere eigenen Kindheit subjektiv für die besten halten.
    Ich bin Samsonite. Ich fand Bibo blöd, hasste es wenn in den Sommerferien satt der Smson- und Tiffifolgen die frühen amerikanischen liefen und habe später die Einführung Simsons für den Untergang des Abendlandes gehalten.
    Im Nachhinein finde ich das weder erstaunlich noch dramatisch. Es ist sogar ganz normal, dass das erste eigene den Prototypen bildet (Und das ergibt sich hier schlicht aus dem Zeitpunkt der eigenen Geburt) und jede Abweichung vom Prototypen zunächst einmal kritisch bewertet wird. Wir Menschen sind einfach so.
    Hut ab übrigens vor den Redakteuren von Sesamstraße und Sendung mit der Maus: Ihr wart mutig und klug genug zu erkennen, dass Kinder besonders gern Werbung im Fernsehen sahen und wieso das so ist: Die Aufmerksamkeitsspannen korrelieren mit den Spannungsbögen (Auch lange Spannungsbögen müssen nach und nach erlernt werden) Und dass ihr dies für das Kinderprogramm genutzt habt.Dieses Phänomen ist exemplarisch für die Grundhaltung guten Kinderprogramms: Kinder nicht als Mängelwesen zu betrachten und als Anfänger in der Welt ernstzunehmen.

  5. ...der fast so liebenswert ist wie die Sendung, über die er berichtet.

    ...und bei mir mal wieder Kopfschütteln über das Bundesland verursacht, daß uns die Herdprämie gebracht hat - damit Mutti zu Hause darüber wacht, daß ihre Kleinen in der Kita nicht versaut werden, indem sie mit Ernie- &Bert-Puppen spielen...

    3 Leserempfehlungen
    • wawerka
    • 05. Januar 2013 16:10 Uhr

    ...vielen Dank, Frau Burmeister.

    Manches Bild aus meiner Kindheit stieg beim Lesen wieder in mir auf. Unfassbar, was man damals alles "durfte" und was heute vermutlich einen Besuch des Jugendamtes nach sich zöge.

    Heute bin ich selbst Vater einen kleinen Tochter und ich bemühe mich nach Kräften, nicht so ein "Helikopter-Vater" zu werden, der unablässig um sein Kind kreist. Allerdings muss ich zugeben, dass es nicht immer leicht ist, sich auch einfach mal zurückzuhalten.

    Ich habe das Gefühl, eine niveauvolle Diskussion, wie die in obigem Artikel geschilderte, darüber, ob eine Kindersendung angemessen ist oder nicht, wäre heute gar nicht mehr möglich. Oder, frei nach Loriot: "Früher war mehr In­tel­lek­tu­a­li­tät!" Vielleicht werde ich aber auch einfach nur alt.....

    2 Leserempfehlungen
  6. Als die Sesame Street im deutschen Fernsehen Einzug hielt, gehörte ich zwar altersmäßig nicht mehr zur Zielgruppe. Ich habe allerdings mit Vergnügen die Originalfassung im WDR gesehen und dabei nebenbei auch mein Englisch verbessert. Wie habe ich Big Bird, Little Bird oder Oscar in der Tonne geliebt! Die Sendung nahm Kinder ernst, sie kam nicht oberlehrerhaft daher sondern präsentierte den Kindern eine mit magischen Figuren angereicherte alltägliche Welt. Eine Welt, wie sie Kindergartenkinder wahrnehmen. Grandios!

    Viele Jahre später habe ich dann mit meinen Kindern die Sesamstraße im NDR gesehen und ich habe es immer bedauert, dass den deutschen Kindern so vieles vorenthalten wurde. Auch wenn Figuren wie Samson und Tiffy ganz "nett" waren, geliebt haben meine Kinder bezeichnenderweise Herrn v. Bödefeld! Nun ja, immerhin durften sie Ernie und Bert, Kermit und das Krümelmonster genießen.
    Für uns Eltern war der Sendeplatz beim NDR ideal: 18-18.30, anschließend Sandmännchen und das wars dann mit Fernsehen für die Kids. 7.30 beim Kika war für uns keine Option mehr, denn Frühstücksfernsehen gab es bei uns nicht.

    Tja, die Zeiten ändern sich...

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