"Sesamstraße"Als die Puppen zappeln lernten

Die "Sesamstraße" wird 40. Ihre Protagonisten: Außenseiter, wild und chaotisch. Geprägt hat das: Eine ganze Generation von Silke Burmester

Manamana. Die Arbeitstage der letzten Wochen begannen um acht Uhr mit dem Kika-Programm. Wenn der Kopf noch einem Dickicht glich, wenn die Hirnwindungen noch von Traumbildern besetzt waren, setzte ich mich vor den Fernseher, und mein betäubtes Ich wurde durch ein buntes, lautes und wildes Wechselbad gezogen. Die Sesamstraße kennt keine Gnade, morgens um acht schreien, quietschen und singen die Elmos dieser Welt am lautesten: »Manamana!«

Ich habe in diesen Wochen viel gelesen. Ich habe alte Folgen geguckt, aktuelle Folgen, eine filmische Anleitung für Eltern und Pädagogen, ich habe mit Verantwortlichen gesprochen, denn ich wollte einen schönen Text über die Sesamstraße schreiben. Anlässlich des 40. Geburtstags der deutschen Ausgabe. Wollte eine Sendung lobpreisen, der ich viel Freude zu verdanken habe. Ich habe sie geliebt. Die Sesamstraße war für mich die Fernseh-Entsprechung meiner Kinderwelt der siebziger Jahre. Einer Welt des Ausprobierens und des Aufbruchs. Sie war mein Gefährte. Mein Anwalt. Mein Freund.

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Ich habe Ernie gemocht, seinen Anarchismus. Seine Frechheit, sein wunderbares, warmherziges Wesen und die Fähigkeit, Bert, den Taubenliebhaber und Kronkorkensammler, in den Wahnsinn zu treiben. Ich habe Oscar gemocht und das Krümelmonster. Ich war beeindruckt von einem Mädchen, das Susanne Klickerklacker heißt und den Mut hat, zu sagen, es sei das klügste Mädchen der Welt.

Ich wollte aufschreiben, wie gut und wichtig diese ersten Jahre Sesamstraße waren. Und welcher Mist passiert ist, nachdem immer mehr des ursprünglichen, amerikanischen Materials durch deutsches ersetzt wurde und die Biederkeit einzog. Ich wollte sagen, was für ein Blödsinn es ist, Kinder »vernünftig« werden zu lassen, indem man Filme zeigt, in denen ein Kind ein Sparschwein zur Bank bringt oder in denen der Beruf des Friseurs erklärt wird. Ich wollte aufschreiben, wie unglaublich beknackt die Figur Samson war und welch großer Dank einer NDR-Redakteurin für den Rausschmiss der unerträglich zickigen Tiffy gebührt. Ich wollte ein Lob auf die gute alte Zeit singen, als man Kindern noch Raum gab, sich auszuprobieren. All das wollte ich tun. Und nun ist alles anders gekommen. Nun habe ich mir meine Geschichte »kaputt recherchiert«, wie wir Journalisten sagen, wenn die Informationen, die man erhält, dazu führen, dass eine zuvor gewonnene Haltung ihre Stütze verliert. Und das ist passiert, denn ich habe durch die Auseinandersetzung mit der Sendung und ihren Kritikern erkennen müssen, dass ich einem mich überfordernden, mich zum »unkritischen Konsumenten« machenden »Domestizierungsprogramm« ausgesetzt war. Und wenn ich bislang auch recht zufrieden mit mir war, so muss ich nun einsehen, dass ich wohl ernsthafte Probleme habe. Ich muss gestört sein, nach den vielen Jahren des Sesamstraßen- Konsums. Denn Sesamstraße ist Menschenverwirrung. Die Unrast beim Zeitschriftenblättern, die ich heute zeige, mein Hin- und Herspringen zwischen den Fernsehsendern, muss darin begründet sein, dass ich mitunter »48 kleinen Spots in kürzester Zeit« ausgesetzt war, wie sie der Bayerische Rundfunk damals in einer Folge zählte. Dass ich denke, Informationen sollten auch unterhaltsam vermittelt werden, muss seinen Ursprung in der konzeptionellen Verknüpfung von Information und Unterhaltung haben, die die Sesamstraßen-Erfinderin Joan Ganz Cooney als Anspruch formulierte. Dass ich einen Beruf gewählt habe, zu dessen Charakter es gehört, anderen durch Fragen auf die Nerven zu gehen, muss daran liegen, dass ich täglich mit dem Refrain »Wer nicht fragt, bleibt dumm« beschallt wurde.

Dabei fing alles ganz harmlos an. Es war der 8. Januar 1973, ein Montag. Zwei Zeichentrickfische erscheinen auf dem Bildschirm und spucken Buchstaben aus, die das Wort »Sesamstraße« ergeben. Dann schwimmt ein großer Fisch herbei, frisst die Buchstaben und stößt eine Luftblase aus, die sich mit einer 1 füllt. Ab diesem 8. Januar kommen die Fische zweimal täglich, einmal um 9.30 Uhr und einmal um 18 Uhr, und führen in eine Welt, in der die Puppen das Sagen haben. Den Rahmen bildet eine Straßenkulisse, in der sich reale Menschen ebenso bewegen wie die Puppen, die in der Sesamstraße zu Hause sind. Das Freundespaar Ernie und Bert etwa, Oscar, der in einer Mülltonne wohnt, und Bibo, der gelbe Riesenvogel. Die Szenen mit ihnen werden von kleinen Filmen unterbrochen, Zeichentrick zumeist, in denen Kindern Zahlen oder Buchstaben vermittelt werden sollen. Oft übernehmen diese Vermittlerrolle auch jene Figuren, die ihr Erfinder Jim Henson »Muppets« nennt und die so vielfältig sind wie ein Korallenriff. Sie kommen als Monster, als Mensch, als Kuh oder Außerirdischer, als Frosch oder Blume.

Leserkommentare
  1. HERBERT LEICHTFUSS!!! Der Name ist schon geil.

    Eine Leserempfehlung
  2. schade nur, dass Kevin Clash ja nun als Elmo nicht weiter zur Verfügung steht.

  3. Leider weiß ich die Quelle nicht mehr, doch mit diesem Begriff wurde ein Phänomen beschrieben, dass die meisten Menschen die Sesamstraßenversion ihrere eigenen Kindheit subjektiv für die besten halten.
    Ich bin Samsonite. Ich fand Bibo blöd, hasste es wenn in den Sommerferien satt der Smson- und Tiffifolgen die frühen amerikanischen liefen und habe später die Einführung Simsons für den Untergang des Abendlandes gehalten.
    Im Nachhinein finde ich das weder erstaunlich noch dramatisch. Es ist sogar ganz normal, dass das erste eigene den Prototypen bildet (Und das ergibt sich hier schlicht aus dem Zeitpunkt der eigenen Geburt) und jede Abweichung vom Prototypen zunächst einmal kritisch bewertet wird. Wir Menschen sind einfach so.
    Hut ab übrigens vor den Redakteuren von Sesamstraße und Sendung mit der Maus: Ihr wart mutig und klug genug zu erkennen, dass Kinder besonders gern Werbung im Fernsehen sahen und wieso das so ist: Die Aufmerksamkeitsspannen korrelieren mit den Spannungsbögen (Auch lange Spannungsbögen müssen nach und nach erlernt werden) Und dass ihr dies für das Kinderprogramm genutzt habt.Dieses Phänomen ist exemplarisch für die Grundhaltung guten Kinderprogramms: Kinder nicht als Mängelwesen zu betrachten und als Anfänger in der Welt ernstzunehmen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Liebe Frau Burmeister,"
  4. Das waren die Helden meiner Kindheit. Allein die Erinnerung an Lilo Pulvers Lachen erhellt einen trüben Tag wie diesen.

    • Azenion
    • 06. Januar 2013 11:58 Uhr

    Ich war damals fassungslos, als plötzlich alles anders war, und mit Samson und Tiffy quälende Langeweile aufkam. So wie ich es erinnere, ging damals vor allem der Humor verloren.

    Nicht erwähnt wurde im Artikel, daß die "Sesame Street" anfangs (auch?) im englischen Original gesendet wurde.
    Oder spielt mir meine Erinnerung da eine Streich?

    Antwort auf "Vielen Dank ..."
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    ging damals auch der Humor meiner geliebten Sesamstrasse flöten. Schade, war so eine lustige Kindersendung. Ab da konnte man sie nur noch bekifft anschauen.

  5. ging damals auch der Humor meiner geliebten Sesamstrasse flöten. Schade, war so eine lustige Kindersendung. Ab da konnte man sie nur noch bekifft anschauen.

    Antwort auf "stimmt genau"
    • TNE
    • 06. Januar 2013 21:07 Uhr

    ... als Fünf- bis Siebenjährige spätestens beim Vorspann Samson, Tiffy und Ödnis antizipierend den Kanal gewechselt zu haben. "Muppet Show" guckte ich viel lieber.

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  6. Ich lebte 1969 in USA, als Sesame Street im November startete. Auf Empfehlung einer Nachbarin durfte ich, knapp 5, die Sendung sehen und lernte so Englisch. Wieder in Deutschland, boykottierte ich die Sendung von dem Moment an, in dem nicht mehr die synchronisierten Originalsendungen liefen. Dank Amazon USA habe ich inzwischen 2 DVD-Boxen Classics von 69 bis 74 zum Schwelgen ...

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    • alkyl
    • 07. Januar 2013 13:21 Uhr

    Mir ging´s genauso wie Ihnen. Zurück in Deutschland erschien mir die deutsche Sesamstraße nur schwer erträglich. Dennoch war ich entsetzt, als meine eigenen Kinder dreißig Jahre später plötzlich die Sesamstraße nicht mehr abends sehen durften.

    Dass Gordon und Susan in einem "Slum" wohnten, habe ich heute erst aus diesem Artikel gelernt. Das wäre mir damals im Traum nicht eingefallen, so normal fand ich die Darstellung.

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  • Schlagworte Bundesregierung | NDR | Max Raabe | Puppe | Sendung | Sesamstraße
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