Altenpflege-Technik : Stumme Roboter

Der Ethikexperte Arne Manzeschke über die Frage, ob das Pflegeproblem durch Technik zu beheben ist

DIE ZEIT: Sie erforschen die Ethik von technischen Assistenzsystemen für Senioren. Ist es moralisch, die Altenpflege an den Computer abzutreten?

Arne Manzeschke: Die moralische Frage lautet, wie wir miteinander leben wollen und welche Verantwortung wir füreinander haben. Technik kann bei der Beantwortung helfen, aber mehr nicht.

ZEIT: Wo konkret hilft die Technik?

Manzeschke: Technische Assistenzsysteme können ältere Menschen unterstützen, in den eigenen vier Wänden so lange wie möglich zu leben. Aber die Technik kann auch zum Problem werden, wenn die Entlastung den Abbau intellektueller und motorischer Fähigkeiten fördert. Nehmen Sie den intelligenten Medikamentenspender. Senioren haben oft viele verschiedene Arzneimittel, die sie selbst dosieren und einnehmen müssen. Sich daran zu erinnern ist eine Art mentales Training. Ein technisches Hilfssystem kann alten Menschen das abnehmen, aber vielleicht büßen sie dadurch schneller ihr Erinnerungsvermögen ein.

ZEIT: Wo sehen Sie weitere Probleme?

Arne Manzeschke

Arne Manzeschke arbeitet am Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften der LMU München. Er beschäftigt sich mit der Ökonomisierung des Gesundheitswesens.

Manzeschke: Wenn die als Entlastung gedachte Technik die Betroffenen überfordert. Im Alter verändern sich Menschen sehr stark, gerade wenn sie erkranken. Am Anfang der Krankheit kann technische Unterstützung hilfreich sein, aber ab einem bestimmten Zeitpunkt wird sie womöglich zur Last. Dann darf man alten Menschen den Anspruch auf Fürsorge nicht mit Verweis auf die Technik verweigern.

ZEIT: Wie beurteilen Sie den Datenschutz bei aktuellen Assistenz-Projekten?

Manzeschke: Da werden riesige Mengen sensibler Daten über Menschen generiert, übertragen und irgendwo ausgewertet. Das kann Begehrlichkeiten von Interessengruppen wecken, Versicherungen zum Beispiel. Die Begleitstudie des Forschungsministeriums zu diesem Thema hat festgestellt, dass der Datenschutz so hohe Anforderungen stellt, dass er bislang von keinem der Träger erfüllt werden kann.

ZEIT: Die Forscher sagen, dass die Daten nur in einem Notfall nach außen geschickt werden.

Manzeschke: Zum einen ist es nicht bei allen Systemen so. Zum anderen kann es gute Gründe geben, warum der Blutdruck und die Herzfrequenz eines Seniors morgens einmal auffällig sind. Beispielsweise wenn Besuch bevorsteht. Trotzdem werden die Daten dann unter Umständen als Warnung nach außen geschickt. Hier sehen wir weiteren Diskussionsbedarf, denn auch ältere Menschen haben das Recht auf informationelle Selbstbestimmung.

ZEIT: Würde eine breitflächige Einführung von technischen Assistenzprodukten helfen gegen den Pflegenotstand?

Manzeschke: Das halte ich für illusorisch. Denken Sie an die Verheißungen jener Systeme, die bei erhöhtem Herzschlag oder einem Sturz automatisch Hilfe rufen. Noch keiner hat gesagt, wie diese Helfer finanziert werden können. Schon jetzt fehlen Pflegekräfte.

ZEIT: Was ist mit Pflegerobotern?

Manzeschke: Ich glaube nicht, dass man körperbetonte Pflegetätigkeiten Maschinen überlassen sollte. Eine Ausnahme ist vielleicht die Hilfe beim Toilettengang, das hat etwas mit Scham zu tun. Die meisten Pflegetätigkeiten erfordern aber ein ganzheitliches Hinschauen. Wenn eine gute Pflegekraft einen Patienten umbettet, redet sie mit ihm, achtet auf seine Körperspannung oder seine Hautfeuchtigkeit. So kann sie viel über den Zustand des Patienten erfahren. Pflegeroboter hingegen können bisher nur Menschen umdrehen.

ZEIT: Das klingt so, als wäre AAL der falsche Weg.

Manzeschke: Ich will die Technik nicht schlechtreden, sondern auf eine Paradoxie hinweisen: Wir sind so reich wie nie zuvor, aber das haben wir unter anderem dadurch erreicht, dass wir die sozialen Bindungen zunehmend reduziert haben. Alle können und sollen arbeiten. Die nicht mehr arbeiten können, sollen gut versorgt werden. Dafür fehlen uns nun aber die sozialen Bindungen. Stattdessen soll die Technik die sozialen Probleme lösen. Das wird kaum funktionieren.

ZEIT: Was schwebt Ihnen als Alternative vor?

Manzeschke: Wir sollten Nachbarschaftshilfe und Pflegesysteme so reformieren, dass die Familien entlastet werden. Sie tragen nach wie vor die Hauptlast der Pflege. Daneben sollten wir öffentlich diskutieren, ob wir tatsächlich immer mehr arbeiten wollen oder ob wir lieber mehr Zeit für soziale Beziehungen haben möchten.

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Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Tod und Sterben als Schulunterricht?

Da machen Sie aber eine Dose Würmer auf.
Denn das ist ein schneller Weg ins esoterische/religöse.
Selbst wenn man sich auf die reine biologische Abfolge von Tod und Sterben beschränkt ist vieles ungewiss - siehe die Organspendendiskussion.
Ich bin Ihrer Meinung das man sich mit dem Thema befassen muss - ist ja jeder sowohl indirekt als auch direkt betroffen - aber den Zugang sollte jeder für sich selbst entscheiden dürfen.

Eine Dose Würmer ...

im Zusammenghang mit Sterben und Tod - welch feinsinnige Allegorie.
"Mensch sein - oder werden - heißt religiös sein". (Eliade) Egal, ob Religion oder Materialismus: Erklärungen für Endlichkeiten sind immer vorhanden (und Biologismus ist auch so eine Religion). Das Problem liegt tatsächlich darin begründet, daß unsere Kultur sich weit von Endlichkeiten entfernt hat: wir mögen sie nicht mehr. Das Pflegepersonal ist aber ebenfalls Bestandteil dieser Kultur, was dazu führt, daß mechanistisch-medizinische Verrichtungen ganz oben auf der Beliebtheitsskala im Umgang mit alten Menschen stehen. Nicht das diese Verrichtungen nicht nötig werden, sie ersetzen aber schon seit Jahrzehnten immer mehr den sozialen Aspekt der Pflege. Schon vor 40 oder 50 Jahren jammerte das Pflegepersonal, daß man nicht genügend Zeit für soziale Aspekte habe, weil zu wenig Personal da sei - nur um Arbeiten zu erfinden (Medikamentenschrank aufräumen, Arbeitsräume mal "gründlich" putzen), wenn ausnahmsweise mal genug Kolleg/innen da waren. Der soziale Aspekt wird gefürchtet, weil er nicht (mehr) gekonnt wird, weil er kompliziert ist und "verwickelt" - und auf die eigene Endlichkeit verweist. "Lustige" Gespräche und Phantasien drehten sich schon vor Jahrzehnten um die Erfindung von "Altenwaschanlagen" - wer hätte gedacht, daß wir dieser Entwicklung so schnell immer näher kommen?

Wer will denn so etwas?

Ich möchte niemand beleidigen: aber wenn man gute Pflegeunterbrinugung mit 2000 Euro im Monat komt man auf 24.000 Euro im Jahr bzw auf 240.000 in zehn Jahren - selbst 20 Jahre mit Kosten von einer halben Million Euro sind möglich.
Und selbst dann, ist das eine Pflege ohne wünschenswerte Nettigkeiten
Da braucht man kein Experte zu sein, dass so etwas nur finanzierbar ist, wenn es nur eine kleine Minderheit in Anspruch nimmt. Sonst müsste jeder Mensch Zeit seines Lebens auf Hartz Niveau leben, damit seine Dämmerphase bezahlt werden kann - und nicht einmal das würde bei einem kleineren Einkommen reichen
Aber wer will, kann sich ja vor dem 70sten immer einschränken - dann hat er bestimmt was zurückgelegt

Mehr Zeit für soziale Beziehungen

"Daneben sollten wir öffentlich diskutieren, ob wir tatsächlich immer mehr arbeiten wollen oder ob wir lieber mehr Zeit für soziale Beziehungen haben möchten."

Läuft meiner Meinung nach wie vor auf ein GRUNDEINKOMMEN hinaus ... Welches schönen Tages werden die Menschen und solche Menschen, die Politik machen DAS endlich kapieren ???