Steven A. CohenEin Magier wird entzaubert

Kaum jemand an der Wall Street verdiente besser als Steven A. Cohen. Jetzt interessieren sich die Behörden für ihn. von 

Hedgefonds-Manager Steven A. Cohen im Mai 2011 auf einer Konferenz in Las Vegas

Hedgefonds-Manager Steven A. Cohen im Mai 2011 auf einer Konferenz in Las Vegas  |  © Steve Marcus/Reuters

Sie nennen ihn ehrfurchtsvoll »Stevie, den Magier«, weil er Wunder bewirkt haben soll. An der Wall Street versteht man darunter zwar bloß eine wundersame Geldvermehrung, doch die hat Steven A. Cohen ohne jeden Zweifel vollbracht: Mit seinem 14 Milliarden Dollar schweren Hedgefonds SAC erzielte er über die vergangenen zwei Jahrzehnte durchschnittlich 30 Prozent Rendite jährlich. Nur 2008, als die Finanzkrise ihren Höhepunkt erreichte, machte SAC einmal einen Verlust.

Doch womöglich ist die Geschichte von Cohen zu schön, um wahr zu sein. Zwar weist der 56-Jährige jeden Vorwurf unrechtmäßigen Verhaltens zurück, und bislang liegt nichts Strafbares gegen ihn vor. Doch amerikanische Strafverfolger und Finanzaufseher haben begonnen, den Magier zu entzaubern.

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Der Schlüssel zur Entzauberung könnte Mathew Martoma werden, ein studierter Biomediziner. Der ist seit Kurzem Angeklagter in dem größten Insiderskandal der Finanzgeschichte, wie der New Yorker Staatsanwalt Preet Bharara immer wieder betont. Es geht um mehrere Hundert Millionen Dollar und um die Frage, ob neben Martoma auch Cohen in die Affäre verstrickt ist – denn Martoma arbeitete in der fraglichen Zeit bei Cohens Hedgefonds SAC. Und daher mutmaßt die New Yorker Finanzszene, dass der Magier das eigentliche Ziel der Strafverfolger sei.

Laut dem Staatsanwalt hatte Martoma von einem Neurologen, der die Pharmafirmen Elan und Wyeth beriet, eine damals noch geheime Information bekommen. Die klinischen Tests eines Alzheimermedikaments seien wider Erwarten negativ ausgefallen. Martoma rief noch am selben Morgen Cohen an. Für den Inhalt des Gesprächs interessieren sich die Strafverfolger, bislang kennt ihn außer Martoma und Cohen niemand. Fest steht nur, dass SAC Aktien der Pharmafirmen verkaufte, bevor die Testergebnisse öffentlich bekannt wurden. So vermied der Hedgefonds nicht nur einen potenziellen Verlust von 194 Millionen Dollar, sondern konnte auch noch 83 Millionen Dollar Gewinn zusammenspekulieren.

Das Problem: Weitergabe und Nutzung von geheimen Informationen wären verbotene Insidergeschäfte – und damit strafbar. Martoma bestreitet bisher, etwas Unrechtes getan zu haben, und Cohen kommt in der Anklageschrift lediglich als »der Hedgefonds-Eigentümer« vor. Die Börsenaufsicht SEC hat ihm jedoch eine offizielle Warnung zukommen lassen. SAC erklärt demgegenüber, »Herr Cohen und SAC haben stets gesetzeskonform gehandelt«. Auf den Wunsch nach einer weiteren Stellungnahme für die ZEIT reagierte SAC nicht.

An der Wall Street gehört jemand wie Cohen eigentlich zu einer aussterbenden Spezies. Programmierer sind die neuen Treiber der Finanzwelt, die mit Algorithmen versuchen, Trends auszunutzen. Cohen hingegen ist ein »Tape Reader«, ein Händlertyp, der selbst aus dem Auf und Ab der Kurse liest, wann und wie der Markt sich wohl drehen wird.

Der Magier ist eine unspektakuläre Erscheinung. Ein untersetzter Glatzkopftyp, der oft im dunkelblauen Fleecepulli und in Jeans auftaucht. Er sehe aus wie sein eigener Steuerbuchhalter, spottete einst das Finanzmagazin Bloomberg Markets. Doch sein privates Vermögen wird auf mehr als acht Milliarden Dollar geschätzt. Sein Anwesen im New Yorker Villenvorort Greenwich ist selbst nach Milliardärsstandards extravagant: ein Palast mit 30 Zimmern, mit privatem Basketball- und Golfplatz. Cohen hat es für 14 Millionen Dollar für seine zweite Frau Alex und die sieben Kinder gekauft und herrichten lassen. Er selbst bleibt hinter den Kulissen, für die ZEIT war er nicht zu sprechen. »Leute sind fasziniert von Hedgefonds-Managern wie Cohen, von ihrem Erfolg, ihrem unglaublichen Reichtum«, sagt Dan Strachman, ein Kenner der Hedgefonds-Szene.

Den Handelsraum hält Cohen kühl, damit seine Händler wach bleiben

Aufgewachsen ist Cohen in Great Neck, einem Vorort von New York. Sein Vater war Kleiderfabrikant, seine kleine Firma stellte Billigware für lokale Kaufhäuser her. Die Mutter war Klavierlehrerin. Noch in der Schule entdeckte Cohen die Leidenschaft fürs Pokerspiel, mit der er bald Hunderte Dollar verdiente. Cohen studierte später an der University of Pennsylvania. Doch anstatt zu Vorlesungen zu gehen, drückte er sich oft vor der Fensterscheibe eines lokalen Brokerhauses herum, um die Bildschirme mit den Börsenkursen zu verfolgen.

Schließlich zog es ihn nach New York, ins Mekka der Kapitalmärkte. 1992 startete er den Hedgefonds, der bis heute seine Initialen trägt: SAC. Im ersten Jahr konnte Stevie 70 Prozent Rendite verbuchen. Danach wollten viele Investoren ihre Dollars bei dem Mann mit den magischen Händen anlegen. Heute verwaltet SAC das Geld von Pensionskassen und Altersvorsorgefonds und beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter. Bei Erfolg winken ihnen Prämien, die andere Händler wie Sparkassenangestellte aussehen lassen.

Die Schattenseite: Wer nicht konstant erfolgreich ist, wird gnadenlos gefeuert. Den Handelsraum in Greenwich hält Cohen kühl, damit die Händler wach bleiben. Immer wieder dringen bizarre Geschichten aus dem turnhallenartigen Raum an die Öffentlichkeit. Dazu gehört die Klage eines Junior-Händlers, der vor Jahren schwere Vorwürfe wegen sexueller Nötigung erhob. Er sei gezwungen worden, seinen Vorgesetzten bei SAC oral zu befriedigen, bevor er eine Transaktion abgeschlossen habe. Der Vorgesetzte habe ihn auch gezwungen, weibliche Hormone zu schlucken, angeblich um ihn in einen »idealen Händler« mit weiblichen und männlichen Eigenschaften zu verwandeln. Das geht aus Gerichtsunterlagen hervor. SAC bestritt die Vorwürfe, die Parteien einigten sich in einem Schiedsverfahren, der Richter erklärte den Fall zur Verschlusssache. Erst Jahre später gruben Reporter der Nachrichtenagentur Reuters die Informationen aus. Laut ihrem Bericht floss bei dem Vergleich kein Geld, allerdings soll der klagende Junior-Händler damals auch von Ermittlern wegen angeblicher Kursmanipulationen vernommen worden sein.

Geldwelt New York: Dunkler Lord

Zu Cohens Gegnern gehört Patrick Byrne, der mit overstock.com einen börsennotierten Onlinehandel für Restposten betreibt und sich oft über diverse Hedgefonds beschwerte. Als Fan der Weltraumsaga »Star Wars« beschuldigte er Cohen schon mal, ein Sith-Lord zu sein – die Verkörperung dunkler Mächte.

Cleverer Jäger

Preet Bharara ist Staatsanwalt für den südlichen Teil von New York, in dem auch der Finanzdistrikt liegt. Das »Time Magazine« erklärte ihn im vergangenen Jahr zu einer der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten und widmete ihm eine Titelgeschichte: Dieser Mann nehme die Wall Street hops. Der Mittvierziger gilt als gewissenhaft und hartnäckig.

Symbolhafter Weg

Die Wall Street ist eine rund 600 Meter lange Straße am südlichen Ende von Manhattan. Wegen der dort vertretenen Banken und der weltgrößten Börse, der New York Stock Exchange, gilt sie als Finanzzentrum der Welt. Zugleich symbolisiert der Name, der auf einen alten Grenzwall zurückgeht, den Kapitalismus insgesamt.

Cohens aktuelle Schwierigkeiten könnten mit einem Strategiewechsel zu tun haben. Vor einigen Jahren begann der Magier, seine Methoden zu ändern. Statt sich durch seinen Instinkt leiten zu lassen, versucht er, durch Recherche einen Informationsvorsprung zu gewinnen. SAC rekrutiert vor allem Menschen, die sich mit Technologie oder Medizin auskennen und gute Kontakte in die Branche haben – Leute wie den jetzt angeklagten Mathew Martoma.

Leserkommentare
    • Mari o
    • 13. Januar 2013 2:24 Uhr

    evtl Karten an der Abendkasse
    http://www.schauspiel-stu...

    Verbalinjurien daaf man ja nicht,bringt ja auch nichts.
    aber wieso soll man noch wählen gehen

  1. Also ist der liebe Warren wohl ein Verbrecher... ;-)

    • TDU
    • 13. Januar 2013 13:58 Uhr

    Hätte sich ohne Insider Informationen was geändert? Nur die Höhe der Profite. Die Prorität des Geldes über das nachhaltige operative Geschäft war hergestellt in den 1980iger mit Firmenauslagerungen und Ändernung von Bilanzregeln in den USA und Ende der 1990iger bei uns.

    Sie wurden gewählt und werden wieder gewählt, solange die Mehrheit gut davon lebt. Ob der Mann Milliarden oder Millionen hat. Kein cent Stundenlohn wird deswegen erhöht und kein cent mehr geht ins Soziale, solange die Konstruktion "Geld bringt das meiste Geld" erlaubt und verankert ist. Man siehts an England. Industrie weg, Finanzmarkt ist Top und ein bisschen Dienstleistung. Hierzulande doch auch gerne gesehen

  2. oder nannte man solche Strukturführer früher Paten....
    übrigens sind Renditen, da wird vom Ertrag vor Steuern und Zinsen geredet? auch bei Unternehmen keine Seltenheit...jedoch meistens schnell wieder versteckt....

    • Xdenker
    • 13. Januar 2013 17:26 Uhr

    Die meisten Leute wissen gar nicht, was das ist. Zudem gibt es sehr verschiedenartige Renditen, die man nicht miteinander vergleichen kann.

    Z.B. die Rendite von einzelnen Investitionen/Kapitalanlagen (der abgezinste Einzahlungs-Auszahlungssaldo über die Nutzungs- bzw. Haltungsdauer der Investition bzw. Anlage in Relation zum Kapitaleinsatz), oder die Unternehmensrendite (Unternehmensgewinn vor oder nach Steuern bzw. Zinsen und Steuern bzw. Zinsen, Steuern und diversen Abschreibungen in Relation zum Gesamt- oder Eigenkapital eines Unternehmens).

    Bei der Unternehmensrendite kommt es also entscheidend darauf an, ob es sich beim Gewinn um die "Earnings", die "Earnings before interest and taxes (EBIT)" oder die "Earnings before interest, taxes, depreciation & amortisation (EBITDA)" und beim Kapital um das Gesamt- oder Eigenkapital handelt. All das muss man wissen, um nicht Birnen mit Äpfeln zu vergleichen, denn die Unterschiede sind erheblich!

    Hinzu kommt die Besonderheit der Finanzbranche im Vergleich zu den realwirtschaftlichen Branchen, über einen außerordentlich hohen Fremdkapitalanteil ("Hebel") von 80% bis über 90% des Gesamtkapitals (und spiegelbildlich über einen entsprechend geringen EK-Anteil) zu verfügen. Das führt auch bei der sehr geringen Gesamtkapitalrendite (Gesamtwirtschaftlichkeit) des Finanzsektors zu hohen EK-Renditen.

    Die hohe Rendite des Fonds beruht im wesentlichen auf Wertzuwächsen der Papiere bzw. der Differenz zwischen Ein- und Verkaufspreisen.

  3. wer Geld vermehrt, ohne eine Leistung zu bringen, hat in der Regel ein mindestens unmoralisches, oftmals sogar illegales, Geschäftsmodell.

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