Stilkolumne : Der Übergrößenwahn

Intellektuell, romantisch, männlich: Den Oversized-Look kann eine Frau auf ganz unterschiedliche Weise tragen. Mittlerweile hat der Look auch seine Drolligkeit abgelegt.
Ganz groß ist jetzt ganz groß. Mantel von Céline für 2700 Euro © Peter Langer

In den achtziger Jahren schockierten japanische Modeschöpfer wie Comme des Garçons und Issey Miyake mit Entwürfen, die den Körper umhüllten, ohne seine Form sichtbar werden zu lassen. Die Designer präsentierten minimalistischen Oversized-Stil in monochromen Farben und scherten sich nicht um modische Gepflogenheiten. Vielmehr ging es ihnen darum, mit ihren Entwürfen das Verhältnis von Körper und Gesellschaft infrage zu stellen.

Auch jetzt sieht man wieder Kleidungsstücke, die viel größer sind, als sie eigentlich sein müssten: Es gibt Oversized Sweater bei Balenciaga, Oversized Blazer bei Dries van Noten und Oversized-Mäntel bei Jil Sander. Auch Comme des Garçons präsentierte wieder Mode, die den Körper mit einer neuen Form überdeckt. Doch dieses Mal sah der Avantgardestil von Rei Kawakubo verhältnismäßig alt aus. Denn Oversized ist längst nicht mehr intellektuell, sondern reizvoll.

Es begann vor einigen Jahren mit dem Boyfriend-Look. Spätestens als Katie Holmes in riesigen Jeans vor die Öffentlichkeit trat, war der Trend nicht mehr zu übersehen. Der Boyfriend-Look hat etwas Romantisches, greift er doch ein Motiv der ganz, ganz frischen Liebe auf: Man bedient sich aus dem Kleiderschrank des Liebsten, trägt ein Hemd oder einen viel zu großen Pullover von ihm. Damit hat man den Freund nicht nur symbolisch bei sich, sondern erzählt auch jedem: Ich bin nicht allein, und mein Freund ist ein starker Kerl – guck mal, ich falle fast aus seinem Pullover heraus.

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Der neue Oversized-Look hat diese Drolligkeit abgelegt. Bei Jil Sander sind die tiefen Ärmel der übergroßen Kleidungsstücke so aufwendig geschneidert, dass sie trotzdem perfekt an der Trägerin sitzen. Die Groß-Garderoben verweisen nicht mehr auf den abwesenden Boyfriend, der in all diese Klamotten eigentlich hineingehört – sie übertragen die männlichen Eigenschaften auf die Frau. Die Trägerin eines Céline-Mantels nimmt einfach mehr Raum ein – so wie es die Damen in der Barockzeit mit ihren übergroßen Röcken getan haben.

Und der Oversized-Mantel hat einen weiteren Vorteil: Je größer das Kleidungsstück ist, desto größer der Effekt, wenn man ihn auszieht: Man wirkt ohne das zusätzliche Volumen überraschend zierlich.

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

Und die Uhrenwerbung nervt noch mehr

... vor allem wenn ein ganzes Magazin nur Beiträgen über Luxusuhren geopfert wird. - Natürlich interessiert viele Leser Stil und Mode, aber ich finde auch, dass hier deutlich zu raumgreifend und häufig einseitig berichtet wird. Bei Uhren meinetwegen die Technik zeigen, aber keine Marken beweihräuchern. Im Falle Mode fände ich es auch besser, wenn generelle Trends statt spezieller Designerstücke gezeigt würden. Wenn jemand gerade etwas richtig Neues erfunden hat, ist es natürlich schwer, den einseitigen Eindruck zu vermeiden, aber ich finde, der Versuch muss in meinen Augen mindestens sein und das schafft die Zeit leider nicht immer. Bitte nicht glauben, dass das nicht auffällt, so dumm sind die Leser hier nicht!